Herzlichsten 1 Dank für Eueren l. Brief u. Beilage. 2 Zwar sagt mein Lieliechen, daß „Mumus“ 3 eine echte Kinderkrankheit ist, aber schließlich macht auch sie Eltern u. Großeltern sorgende Pflege u. Überwachung. Im Großen u. Ganzen geht es den Menschen von Seiten der Natur ohnehin sehr gut u. leicht, u. lange nicht sind es Krankheiten körperlicher Art, die ihr Leben verbittern u. vernichten, als vielmehr die seelischen Eigenschaften, die die schweren Lebenskämpfe mit sich bringen. Um nun an uns selbst zu denken, wie wenig eigentlich haben wir Alle – Gott sei Dank – mit wirklichen Krankheiten zugebracht u. wie viel dagegen haben wir an den Nebenmenschen gelitten! Hoffentlich ist die Krankheit der Kinder bald zu Ende, u. zu wünschen wäre nur, daß sie, älter geworden, auch an die Menschen nicht mehr leiden, als heute am Mums.

Die Beilage, die Ihr sendet, nötigt mich also schon jetzt schriftlich die Gedanke zu äußern, die ich bei Gelegenheit unseres Besuches bei Euch u. in Waidhofen mündlich mit Euch beraten wollte. Ich muß ein wenig ausholen, denn die Sache ist außerordentlich wichtig. Also: Nach all die Äußerungen, die ich von Euch beiden öfter ver- {2} nommen, sowie auch nach den durch dich, l. Dodi, indirekt in Erfahrung gebrachten Äußerungen des l. Tonschl zu urteilen, wollt Ihr doch früher oder später Kautzen verlassen. Nichts kann ich so sehr begreifen als dieses, wegen Euerer selbst, wegen der Kinder, u. wenn ich immer wieder wünsche, Ihr mächtet Euch doch einmal entschließen, auf 1–2 Monate nach Tirol zu gehen, so wäre mir freilich für Euch noch lieber, wenn Ihr nicht blos 1–2 Monate, sondern schon eben für immer Kautzen verlassen könntet, um nach einer wärmeren Gegend zu ziehen.

Müßte das aber eintreten, daß Ihr Kautzen verlasset – u. das wißt Ihr ja besser, als wir hier, u. vielleicht heute sogar ganz bestimmt? –, so wäre es mir schmerzlich, unsere liebe Mutter dort in Waidhofen ganz verlassen zu wissen, wo wir doch glücklich sein müßten, mindestens ein Grab in unserer Nähe zu haben. Geltet dies beileibe nicht für eine Weichheit, u. urteilt erst, bis ich zu Ende bin: Ich habe den Entschluß gefaßt, Erkundigungen hier einzuziehen darüber, wie viel Geld es kosten müsste, wenn ich die Mutter nach Wien überführen liesse, um auch für mich selbst, wie für mein Lieliechen, das schon so viel Jahre nur in jeder Hinsicht vorbildlich tapfer, für 10 Menschen rastlos arbeitend, zur Seite steht, Grabstellen neben ihr zu erwerben. Höchstwahrscheinlich würde ja die Wiener Kultusgemeinde mir nach meinem Ableben ein „Ehrengrab“ widmen, aber wir liegen {3} lieber an der Seite der Mutter, als daß ich ein Geschenk von einer Stadt annähme, in der ich zu viel Bitternisse, Hindernisse, Schmutz, Betrug mein Lebenlang zu erdulden hatte, u. in der mir – in einem anderen Sinn – wirklich nichts geschenkt wurde. Möglich ist es ja auch, daß mir die Kultusgemeinde schon jetzt Entgegenkommen erweist, in materieller Hinsicht nämlich, u. eben dies will ich durch eine Schülerin, deren Vater in der Kultusgemeinde beamtet ist, erforschen lassen. Habe ich genauere Gelddaten, so würde ich sie Euch sofort mitteilen u. Eueren Rath unterbreiten.

Mozio's Geld liegt nun einmal schon da u. er selbst gestand uns, daß es keine Rolle bei ihm spielt. Warum sollte er nicht für meine u. Lieliechen's Grabstelle zahlen, wenn wir im Leben von ihm sicher nichts verlangen werden, u. wenn er, wie ich kürzlich hörte, fremden Leuten so freundlich u. hilfsbereit auch mit Geld entgegenkommt? Aber ich will ja Mozio wirklich nicht strafen, wenn ich ihn für die Grabstellen zahlen ließe. Mir schwebt ein schönerer Gedanke vor: ich frage mich, sind wir denn verlaufte Zigeuner, Stromer oder ähnliche Nomaden, daß wir uns nicht gönnen sollten, wollten u. müßten, was tausende von Bürgern aus Liebe zu ihrer Familie tun? Haben die Söhne es glücklich so weit gebracht, sob liegt ja keine Ursache vor, daß wir uns des Namens schämen u. ihn verstecken. Wenn Barone u. {4} u. [sic] reiche Händler sich Mausolien u. Grüfte bauen, warum sollten wir auf uns so wenig halten? Nun, zwei Brüder sind nunmehr durch Religion von der Mutter getraut, umsomehr würde es mir obliegen, neben ihr zu ruhen, u. mit meinem Namen, der mehr ist, als der jener Barone u. Händler, für unsere Eltern zu zeugen. Weiß ich es ganz bestimmt, daß nach Jahrhunderten, nach Jahrtausenden meine Werke wie die eines Aristoteles gelesen u. studiert werden, da sie in Sachen der Musik die letzte Wahrheit zum erstenmal u. für alle Zeiten ausgesprochen haben –, daß ich davon nichts habe bei Lebzeiten, gehört auf ein anderes Blatt –, warum sollte ich es versäumen, mir im Tode die Ehre zu erweisen, neben der Mutter zu ruhen, statt u. schon dadurch gegen Wien u. Österreich einen öffentlichen Protest zu erheben?

Doch wie gesagt, wohl will ich sehen, ob es überhaupt mit den vorrätigen Mitteln abzuführen ist. Und auch für den Fall, daß Ihr in Kautzen bleibet, würde ich darauf verzichten in denkbarer Erinnerung dessen, daß Ihr die letzten 3 Jahre ihres Lebens in schwerer Obhut hattet. Das ist selbstverständlich, daß Ihr die Mutter dann selbst in Eurer Nähe haben sollt.

Nun aber genug davon vorläufig u. endlich zu etwas, das durch den Krieg leider aktuell geworden ist, nämlich {5} zu deiner so lieben Einladung, l. Dodi, für den Fall, daß es uns hier schief zu geben drohte. Wir danken Euch herzlich für Euere l. Gesinnung, – es tut wohl, zu wissen, daß wir im schlimmsten Falle einen Unterschlupf finden, der uns vor dem Letzten bewahrt –, wollen doch aber hoffen, daß wir, wie die Juden sagen, „in Freuden“ zu Euch kommen, u. nicht gejagt von den in aller Welt verrufenen Wiener Wucherer. Und heute gar ist ja nicht einmal der Wucher das Abschleulichste an der Stadt, sondern die Gesinnung wider Deutschland. Wüßte ich nicht, daß die Regierung selbst, u. allen voran der Kaiser (aber auch die Minister) ehrlich, mit Dank u. Begeisterung zu Deutschland stehen, müßte man sich vor Eckel erbrechen, wenn man die Wiener, Reich u. Arm unterschiedslos, Abgeordnete wie Strassenkehrer, Deutschland beschimpfen hört. 3 Jahre treibt es hier die ArbtArbeiter-Zeitung“, auch das „N. W. Journal wie wenn sie bestochen wäre[n], – jeder Slave, Pole, Czeche, Ungar, Rumäne, Serbe spricht für seine Nation, ja für Eroberungen(!), nur die Deutschen in Wien beschimpfen ihre Nation: Deutschland soll zu Kreuz kriechen, das u. jenes hergeben, nur damit der stinkfaule Österreicher, der Triest u. Lemberg schon in der Tasche hat, endlich sein „Bier u. Wein“, sei[n] Ordnung hat. Jetzt machen die Hunde Streiks u. helfen den {6} Feinden. Wir hätten Frieden schon seit 2, 3 Jahren gehabt, wenn nicht das Verhalten der Presse u. Bevölkerung bei uns, gegen die selbst ein Kaiser nichts ausrichten kann. Dazu das Hinüberlaufen von 350.000 Czechen, das Verrat Ungarns in Nahrungssachen, die ungeheueren Vorräte in Wien, die meiner Ansicht nach für 4–5 Jahre Krieg langen würden, der dadurch am armen Volk begangene Betrug – das Alles hat den Krieg verlängert. Die Feinde haben von Anfang an auf Österreich spekuliert u. auf die Sozialdemokraten in Deutschland. Die letzeren haben zwar genug Verbrechen an der Nation begangen, aber schließlich sind sie gescheiter geworden, nur die österr. Bevölkerung stänkert noch herum u. verlängert den Krieg. Unsere schandvolle Presse!

Wir danken also für Eure Liebe u. Eure Sorge, hoffen aber, wie gesagt, daß wir es Euch nicht werden anzutun brauchen. Gott bewahre es uns Alle vor solcher Zeiten! Nun aber wirklich genug – gearbeitet muß ja auch noch werden. (Ich hoffe bald Näheres aus der Kultusgemeinde zu hören.)


Viele Grüße u. Küsse Euch allen,
Allen Euer
[signed:] Heinrich

Da nur mein theurer Heinrich alles, aber buchstäblich alles weggeschrieben hat, will ich nur noch meine besten Wünsche für eine baldige völlige Genesung der lieben Kinder hinzufügen – nebenbei bemerkt kann ich mir sie krank gar nicht vorstellen –


u. herzlichste Grüße u. Küsse an Euch Alle
Euere
[signed:] Lie-Lie 24. I. 18

© Transcription Ian Bent, 2010

My dear Wilhelm ,

Most 1 heartfelt thanks for your lovely letter and its enclosure. 2 My Lieliechen says that "mumps" 3 is a true childhood disease, but it ultimately also makes a lot of arduous nursing and vigilance for the parents and grandparents. In general, things are very good and easy for people, at any rate from the point of view of nature, and it has long not been childish ailments of the physical sort that exacerbate or destroy their life, but rather the mental characteristics, which bring life's severe struggles with them. As far as we are concened, just think how little – thank God – we have all actually been afflicted by real illnesses, and how greatly we have suffered from our fellow-beings. Let us hope that the children's illness will soon be over; we can only wish that when they grow up they may not suffer from people any more than they are suffering from mumps today.

The enclosure that you have sent compels me now to express in writing an idea about which I wanted to consult with you in person on the occasion of our visiting you and in Waidhofen. I must step back a little, for it is a matter of extraordinary importance. So here goes: To judge from all the things I have often heard you both say, {2} as well as the remarks that I have gathered indirectly as coming from little Tonschl through you, dear Dodi, you were wanting sooner or later to get away from Kautzen. Nothing could be easier than this for me to understand, for your own sakes and the sake of the children, and if I persist in hoping that you will one day resolve to go to the Tyrolfor a month or two, then it would, I must admit, please me even more for your sakes if you could get away from Kautzen not just for a month or two but permanently, and move to a warmer region.

But should it become imperative that you leave Kautzen – and you know that better than we do here, and perhaps are today wholly decided? – then it would distress me to know that our dear mother were foresaken there in Waidhofen, where we would have to be fortunate at least to have one grave in our vicinity. Do not for a moment think this a weakness, and do not judge what I am saying before I finish. I have made up my mind to investigate here how much it would cost if I were to transfer our mother to Vienna, as well as to purchase burial plots close to her for myself and for my Lieliechen, who has stood by my side for so many years with such exemplary courage in this one respect alone, ceaselessly doing enough work for ten people. Most probably, the Jewish Religious Community in Vienna would dedicate an "honor grave" to me after my death, but we would prefer to lie {3} at our mother's side, rather than accepting a gift from a city in which I have had to endure far too much bitterness, obstruction, sordidness, and betrayal all my life, and in which, in another sense, nothing has ever be granted me. It is quite possible, too, that the Jewish Religious Community would already by now be willing to extend the courtesy to me, specifically in monetary terms, and I will arrange for this to be looked into via a female pupil of mine whose father is an official in that Community. Should I receive more details of the costs involved, I would pass them on to you immediately and seek your advice.

Mozio's money is at hand, and he himself admitted to us that it is no object to him. Why should not he pay for a burial plot for Lieliechen and me, seeing that we will certainly make no demands on him during our lifetimes, and seeing that he, as I recently heard, accommodates people unknown to him in so friendly and helpful a way with money? However, I will really not be punishing Mozio in letting him pay for burial plots. I have thought of a nicer idea: I ask myself, are we then wandering gypsies, vagabonds or similar nomads, that we should not, do not want to, and must not grant ourselves what thousands of citizens do out of love for their families? If her sons have done so well for themselves, then there is no reason why we should feel ashamed of our name and hide it away. If barons and {4} rich merchants build themselves mausolea and tombs, why should we have so little regard for ourselves? Now, since two brothers are henceforth bound together through religion, by their mother, all the more would it be incumbent upon me to be laid to rest next to her, and bear witness to our parents with my name, which is greater than those of the said barons and merchants. I know for sure that my works will be read and studied, like those of Aristotle, centuries, millenia from now, since they have uttered the ultimate truth in musical matters for the first time and for all time – the fact that I have gained nothing from it during my lifetime is the subject for another screed. Why should I neglect to do myself the honor in death of lying next to my mother, and in so doing raise a protest against Vienna and Austria?

Thus, as I was saying, I will certainly see whether there is any possibility of the transfer [being achieved] by available means. And in the event of your remaining in Kautzen, I would relinquish the plan in recognition of the fact that you had arduous custody of her for the last three years of her life. It goes without saying that you should then have our mother in your vicinity.

But enough of all that for the time being, and finally to something that has sadly become a reality through the war, namely {5} to your very kind invitation, dear Dodi, in the event that things were to become too threatening for us here. We thank you most cordially for your kind thought – it is good to know that in the worst eventuality we have a refuge in which we would find protection from extremis. However, we hope that, as the Jews say, we can come to you "in peace," and not hounded by the Viennese usurers, notorious as they are throughout the whole world. And today it is not the usury that is the most deplorable thing in the city, but the ill-feeling toward Germany. If I did not know that the government itself, and above all the Emperor (but also his ministers) stand honorably, with gratitude toward, and in enthusiastic support of Germany, then one can only feel utter loathing when one hears the Viennese, rich and poor alike, members of parliament as much as street-cleaners, heaping abuse on Germany. For three years, the Arbeiter-Zeitung and the Neues Wiener Journal have behaved as if corrupted, – every Slav, Pole, Czech, Hungarian, Rumanian, and Serb sticks up for his own nation, indeed for conquests! Only the Germans in Vienna heap abuse on their nation: Germany should eat umble pie, should part with this and that, only the bone-idle Austrian, who already has Triest and Lemberg in his pocket, ultimately has his "beer and wine," his orderly world. Now the dirty dogs are holding strikes and helping our {6} enemies. We would have had peace two or three years ago if it were not for the behavior of the press and population among us, in the face of which not even an Emperor can accomplish anything. Add to that 350,000 Czechs crossing the border, Hungary's betrayal over food supplies, the immense stocks that we have in Vienna, which would in my judgment have lasted four or five years, the betrayal perpetrated through that on the poor people – all of that has lengthened the war. Our enemies have speculated right from the beginning on Austria, and on the social democrats in Germany. The latter have admittedly committed enough crimes against the nation, but they have finally become cleverer; only the Austrian populace stirs up trouble everywhere and protracts the war. Our shameful press!

So we thank you for your love and concern, but we hope, as I have said, not to have to take you up on it. God save us all from such times! But now, really, enough – work must get done, too. (I hope to hear something soon from the Religious Community.)


Greetings and kisses to you all,
to all of you, your,
[signed:] Heinrich

Since my dear Heinrich has covered everything – literally everything – I will just add my best wishes for a complete recovery for the dear children. I must say, I simply cannot picture them being ill –


and cordial greetings and kisses to you all,
Your
[signed:] Lie-Lie January 24, 1918

© Translation Ian Bent, 2010

Herzlichsten 1 Dank für Eueren l. Brief u. Beilage. 2 Zwar sagt mein Lieliechen, daß „Mumus“ 3 eine echte Kinderkrankheit ist, aber schließlich macht auch sie Eltern u. Großeltern sorgende Pflege u. Überwachung. Im Großen u. Ganzen geht es den Menschen von Seiten der Natur ohnehin sehr gut u. leicht, u. lange nicht sind es Krankheiten körperlicher Art, die ihr Leben verbittern u. vernichten, als vielmehr die seelischen Eigenschaften, die die schweren Lebenskämpfe mit sich bringen. Um nun an uns selbst zu denken, wie wenig eigentlich haben wir Alle – Gott sei Dank – mit wirklichen Krankheiten zugebracht u. wie viel dagegen haben wir an den Nebenmenschen gelitten! Hoffentlich ist die Krankheit der Kinder bald zu Ende, u. zu wünschen wäre nur, daß sie, älter geworden, auch an die Menschen nicht mehr leiden, als heute am Mums.

Die Beilage, die Ihr sendet, nötigt mich also schon jetzt schriftlich die Gedanke zu äußern, die ich bei Gelegenheit unseres Besuches bei Euch u. in Waidhofen mündlich mit Euch beraten wollte. Ich muß ein wenig ausholen, denn die Sache ist außerordentlich wichtig. Also: Nach all die Äußerungen, die ich von Euch beiden öfter ver- {2} nommen, sowie auch nach den durch dich, l. Dodi, indirekt in Erfahrung gebrachten Äußerungen des l. Tonschl zu urteilen, wollt Ihr doch früher oder später Kautzen verlassen. Nichts kann ich so sehr begreifen als dieses, wegen Euerer selbst, wegen der Kinder, u. wenn ich immer wieder wünsche, Ihr mächtet Euch doch einmal entschließen, auf 1–2 Monate nach Tirol zu gehen, so wäre mir freilich für Euch noch lieber, wenn Ihr nicht blos 1–2 Monate, sondern schon eben für immer Kautzen verlassen könntet, um nach einer wärmeren Gegend zu ziehen.

Müßte das aber eintreten, daß Ihr Kautzen verlasset – u. das wißt Ihr ja besser, als wir hier, u. vielleicht heute sogar ganz bestimmt? –, so wäre es mir schmerzlich, unsere liebe Mutter dort in Waidhofen ganz verlassen zu wissen, wo wir doch glücklich sein müßten, mindestens ein Grab in unserer Nähe zu haben. Geltet dies beileibe nicht für eine Weichheit, u. urteilt erst, bis ich zu Ende bin: Ich habe den Entschluß gefaßt, Erkundigungen hier einzuziehen darüber, wie viel Geld es kosten müsste, wenn ich die Mutter nach Wien überführen liesse, um auch für mich selbst, wie für mein Lieliechen, das schon so viel Jahre nur in jeder Hinsicht vorbildlich tapfer, für 10 Menschen rastlos arbeitend, zur Seite steht, Grabstellen neben ihr zu erwerben. Höchstwahrscheinlich würde ja die Wiener Kultusgemeinde mir nach meinem Ableben ein „Ehrengrab“ widmen, aber wir liegen {3} lieber an der Seite der Mutter, als daß ich ein Geschenk von einer Stadt annähme, in der ich zu viel Bitternisse, Hindernisse, Schmutz, Betrug mein Lebenlang zu erdulden hatte, u. in der mir – in einem anderen Sinn – wirklich nichts geschenkt wurde. Möglich ist es ja auch, daß mir die Kultusgemeinde schon jetzt Entgegenkommen erweist, in materieller Hinsicht nämlich, u. eben dies will ich durch eine Schülerin, deren Vater in der Kultusgemeinde beamtet ist, erforschen lassen. Habe ich genauere Gelddaten, so würde ich sie Euch sofort mitteilen u. Eueren Rath unterbreiten.

Mozio's Geld liegt nun einmal schon da u. er selbst gestand uns, daß es keine Rolle bei ihm spielt. Warum sollte er nicht für meine u. Lieliechen's Grabstelle zahlen, wenn wir im Leben von ihm sicher nichts verlangen werden, u. wenn er, wie ich kürzlich hörte, fremden Leuten so freundlich u. hilfsbereit auch mit Geld entgegenkommt? Aber ich will ja Mozio wirklich nicht strafen, wenn ich ihn für die Grabstellen zahlen ließe. Mir schwebt ein schönerer Gedanke vor: ich frage mich, sind wir denn verlaufte Zigeuner, Stromer oder ähnliche Nomaden, daß wir uns nicht gönnen sollten, wollten u. müßten, was tausende von Bürgern aus Liebe zu ihrer Familie tun? Haben die Söhne es glücklich so weit gebracht, sob liegt ja keine Ursache vor, daß wir uns des Namens schämen u. ihn verstecken. Wenn Barone u. {4} u. [sic] reiche Händler sich Mausolien u. Grüfte bauen, warum sollten wir auf uns so wenig halten? Nun, zwei Brüder sind nunmehr durch Religion von der Mutter getraut, umsomehr würde es mir obliegen, neben ihr zu ruhen, u. mit meinem Namen, der mehr ist, als der jener Barone u. Händler, für unsere Eltern zu zeugen. Weiß ich es ganz bestimmt, daß nach Jahrhunderten, nach Jahrtausenden meine Werke wie die eines Aristoteles gelesen u. studiert werden, da sie in Sachen der Musik die letzte Wahrheit zum erstenmal u. für alle Zeiten ausgesprochen haben –, daß ich davon nichts habe bei Lebzeiten, gehört auf ein anderes Blatt –, warum sollte ich es versäumen, mir im Tode die Ehre zu erweisen, neben der Mutter zu ruhen, statt u. schon dadurch gegen Wien u. Österreich einen öffentlichen Protest zu erheben?

Doch wie gesagt, wohl will ich sehen, ob es überhaupt mit den vorrätigen Mitteln abzuführen ist. Und auch für den Fall, daß Ihr in Kautzen bleibet, würde ich darauf verzichten in denkbarer Erinnerung dessen, daß Ihr die letzten 3 Jahre ihres Lebens in schwerer Obhut hattet. Das ist selbstverständlich, daß Ihr die Mutter dann selbst in Eurer Nähe haben sollt.

Nun aber genug davon vorläufig u. endlich zu etwas, das durch den Krieg leider aktuell geworden ist, nämlich {5} zu deiner so lieben Einladung, l. Dodi, für den Fall, daß es uns hier schief zu geben drohte. Wir danken Euch herzlich für Euere l. Gesinnung, – es tut wohl, zu wissen, daß wir im schlimmsten Falle einen Unterschlupf finden, der uns vor dem Letzten bewahrt –, wollen doch aber hoffen, daß wir, wie die Juden sagen, „in Freuden“ zu Euch kommen, u. nicht gejagt von den in aller Welt verrufenen Wiener Wucherer. Und heute gar ist ja nicht einmal der Wucher das Abschleulichste an der Stadt, sondern die Gesinnung wider Deutschland. Wüßte ich nicht, daß die Regierung selbst, u. allen voran der Kaiser (aber auch die Minister) ehrlich, mit Dank u. Begeisterung zu Deutschland stehen, müßte man sich vor Eckel erbrechen, wenn man die Wiener, Reich u. Arm unterschiedslos, Abgeordnete wie Strassenkehrer, Deutschland beschimpfen hört. 3 Jahre treibt es hier die ArbtArbeiter-Zeitung“, auch das „N. W. Journal wie wenn sie bestochen wäre[n], – jeder Slave, Pole, Czeche, Ungar, Rumäne, Serbe spricht für seine Nation, ja für Eroberungen(!), nur die Deutschen in Wien beschimpfen ihre Nation: Deutschland soll zu Kreuz kriechen, das u. jenes hergeben, nur damit der stinkfaule Österreicher, der Triest u. Lemberg schon in der Tasche hat, endlich sein „Bier u. Wein“, sei[n] Ordnung hat. Jetzt machen die Hunde Streiks u. helfen den {6} Feinden. Wir hätten Frieden schon seit 2, 3 Jahren gehabt, wenn nicht das Verhalten der Presse u. Bevölkerung bei uns, gegen die selbst ein Kaiser nichts ausrichten kann. Dazu das Hinüberlaufen von 350.000 Czechen, das Verrat Ungarns in Nahrungssachen, die ungeheueren Vorräte in Wien, die meiner Ansicht nach für 4–5 Jahre Krieg langen würden, der dadurch am armen Volk begangene Betrug – das Alles hat den Krieg verlängert. Die Feinde haben von Anfang an auf Österreich spekuliert u. auf die Sozialdemokraten in Deutschland. Die letzeren haben zwar genug Verbrechen an der Nation begangen, aber schließlich sind sie gescheiter geworden, nur die österr. Bevölkerung stänkert noch herum u. verlängert den Krieg. Unsere schandvolle Presse!

Wir danken also für Eure Liebe u. Eure Sorge, hoffen aber, wie gesagt, daß wir es Euch nicht werden anzutun brauchen. Gott bewahre es uns Alle vor solcher Zeiten! Nun aber wirklich genug – gearbeitet muß ja auch noch werden. (Ich hoffe bald Näheres aus der Kultusgemeinde zu hören.)


Viele Grüße u. Küsse Euch allen,
Allen Euer
[signed:] Heinrich

Da nur mein theurer Heinrich alles, aber buchstäblich alles weggeschrieben hat, will ich nur noch meine besten Wünsche für eine baldige völlige Genesung der lieben Kinder hinzufügen – nebenbei bemerkt kann ich mir sie krank gar nicht vorstellen –


u. herzlichste Grüße u. Küsse an Euch Alle
Euere
[signed:] Lie-Lie 24. I. 18

© Transcription Ian Bent, 2010

My dear Wilhelm ,

Most 1 heartfelt thanks for your lovely letter and its enclosure. 2 My Lieliechen says that "mumps" 3 is a true childhood disease, but it ultimately also makes a lot of arduous nursing and vigilance for the parents and grandparents. In general, things are very good and easy for people, at any rate from the point of view of nature, and it has long not been childish ailments of the physical sort that exacerbate or destroy their life, but rather the mental characteristics, which bring life's severe struggles with them. As far as we are concened, just think how little – thank God – we have all actually been afflicted by real illnesses, and how greatly we have suffered from our fellow-beings. Let us hope that the children's illness will soon be over; we can only wish that when they grow up they may not suffer from people any more than they are suffering from mumps today.

The enclosure that you have sent compels me now to express in writing an idea about which I wanted to consult with you in person on the occasion of our visiting you and in Waidhofen. I must step back a little, for it is a matter of extraordinary importance. So here goes: To judge from all the things I have often heard you both say, {2} as well as the remarks that I have gathered indirectly as coming from little Tonschl through you, dear Dodi, you were wanting sooner or later to get away from Kautzen. Nothing could be easier than this for me to understand, for your own sakes and the sake of the children, and if I persist in hoping that you will one day resolve to go to the Tyrolfor a month or two, then it would, I must admit, please me even more for your sakes if you could get away from Kautzen not just for a month or two but permanently, and move to a warmer region.

But should it become imperative that you leave Kautzen – and you know that better than we do here, and perhaps are today wholly decided? – then it would distress me to know that our dear mother were foresaken there in Waidhofen, where we would have to be fortunate at least to have one grave in our vicinity. Do not for a moment think this a weakness, and do not judge what I am saying before I finish. I have made up my mind to investigate here how much it would cost if I were to transfer our mother to Vienna, as well as to purchase burial plots close to her for myself and for my Lieliechen, who has stood by my side for so many years with such exemplary courage in this one respect alone, ceaselessly doing enough work for ten people. Most probably, the Jewish Religious Community in Vienna would dedicate an "honor grave" to me after my death, but we would prefer to lie {3} at our mother's side, rather than accepting a gift from a city in which I have had to endure far too much bitterness, obstruction, sordidness, and betrayal all my life, and in which, in another sense, nothing has ever be granted me. It is quite possible, too, that the Jewish Religious Community would already by now be willing to extend the courtesy to me, specifically in monetary terms, and I will arrange for this to be looked into via a female pupil of mine whose father is an official in that Community. Should I receive more details of the costs involved, I would pass them on to you immediately and seek your advice.

Mozio's money is at hand, and he himself admitted to us that it is no object to him. Why should not he pay for a burial plot for Lieliechen and me, seeing that we will certainly make no demands on him during our lifetimes, and seeing that he, as I recently heard, accommodates people unknown to him in so friendly and helpful a way with money? However, I will really not be punishing Mozio in letting him pay for burial plots. I have thought of a nicer idea: I ask myself, are we then wandering gypsies, vagabonds or similar nomads, that we should not, do not want to, and must not grant ourselves what thousands of citizens do out of love for their families? If her sons have done so well for themselves, then there is no reason why we should feel ashamed of our name and hide it away. If barons and {4} rich merchants build themselves mausolea and tombs, why should we have so little regard for ourselves? Now, since two brothers are henceforth bound together through religion, by their mother, all the more would it be incumbent upon me to be laid to rest next to her, and bear witness to our parents with my name, which is greater than those of the said barons and merchants. I know for sure that my works will be read and studied, like those of Aristotle, centuries, millenia from now, since they have uttered the ultimate truth in musical matters for the first time and for all time – the fact that I have gained nothing from it during my lifetime is the subject for another screed. Why should I neglect to do myself the honor in death of lying next to my mother, and in so doing raise a protest against Vienna and Austria?

Thus, as I was saying, I will certainly see whether there is any possibility of the transfer [being achieved] by available means. And in the event of your remaining in Kautzen, I would relinquish the plan in recognition of the fact that you had arduous custody of her for the last three years of her life. It goes without saying that you should then have our mother in your vicinity.

But enough of all that for the time being, and finally to something that has sadly become a reality through the war, namely {5} to your very kind invitation, dear Dodi, in the event that things were to become too threatening for us here. We thank you most cordially for your kind thought – it is good to know that in the worst eventuality we have a refuge in which we would find protection from extremis. However, we hope that, as the Jews say, we can come to you "in peace," and not hounded by the Viennese usurers, notorious as they are throughout the whole world. And today it is not the usury that is the most deplorable thing in the city, but the ill-feeling toward Germany. If I did not know that the government itself, and above all the Emperor (but also his ministers) stand honorably, with gratitude toward, and in enthusiastic support of Germany, then one can only feel utter loathing when one hears the Viennese, rich and poor alike, members of parliament as much as street-cleaners, heaping abuse on Germany. For three years, the Arbeiter-Zeitung and the Neues Wiener Journal have behaved as if corrupted, – every Slav, Pole, Czech, Hungarian, Rumanian, and Serb sticks up for his own nation, indeed for conquests! Only the Germans in Vienna heap abuse on their nation: Germany should eat umble pie, should part with this and that, only the bone-idle Austrian, who already has Triest and Lemberg in his pocket, ultimately has his "beer and wine," his orderly world. Now the dirty dogs are holding strikes and helping our {6} enemies. We would have had peace two or three years ago if it were not for the behavior of the press and population among us, in the face of which not even an Emperor can accomplish anything. Add to that 350,000 Czechs crossing the border, Hungary's betrayal over food supplies, the immense stocks that we have in Vienna, which would in my judgment have lasted four or five years, the betrayal perpetrated through that on the poor people – all of that has lengthened the war. Our enemies have speculated right from the beginning on Austria, and on the social democrats in Germany. The latter have admittedly committed enough crimes against the nation, but they have finally become cleverer; only the Austrian populace stirs up trouble everywhere and protracts the war. Our shameful press!

So we thank you for your love and concern, but we hope, as I have said, not to have to take you up on it. God save us all from such times! But now, really, enough – work must get done, too. (I hope to hear something soon from the Religious Community.)


Greetings and kisses to you all,
to all of you, your,
[signed:] Heinrich

Since my dear Heinrich has covered everything – literally everything – I will just add my best wishes for a complete recovery for the dear children. I must say, I simply cannot picture them being ill –


and cordial greetings and kisses to you all,
Your
[signed:] Lie-Lie January 24, 1918

© Translation Ian Bent, 2010

Footnotes

1 Writing of this letter is not recorded in Schenker's diary.

2 The letter is not known to survive, but its receipt is recorded in Schenker's diary at OJ 2/0, p. 830, January 19, 1918: "Von Wilhelm u. Dodi (Br.): einige Mitteilungen über Kadischsagen in Marienbad usw.; beiliegend ein Offert eines Steinmetzmeisters. Dodi ladet uns ein, für alle den Fall, daß die Verhältnisse in Wien schließlich unerträglich würden; teilt von der Erkrankung der Kinder mit." ("From Wilhelm and Dodi (letter): some information about the saying of the kaddish in Marienbad, etc.; enclosed, a tender from a master stonemason. Dodi invites us in the event that conditions in Vienna become unbearable; reports the children’s illness.").

3 Mums: i.e. Ger: Mumps (mumps).

Commentary

Format
6p letter, oblong format, holograph message and signature, postscript in hand of Jeanette Kornfeld
Provenance
Wilhelm Schenker (document date-1938?)—Jeanette Schenker (1938?-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
In the public domain
License
This document is deemed to be in the public domain as of January 1, 2006. Any claim to intellectual rights should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2007-06-05
Last updated: 2010-03-11