[letterhead:]
MUSIKSAMMLUNG DER NATIONALBIBLIOTHEK WIEN
ARCHIV FÜR PHOTOGRAMME MUSIKER MEISTERHANDSCHRIFTEN
WIDMUNG A. van HOBOKEN [—] WIEN, I. AUGUSTSTINERBASTEI 6
AUFRUF

Die Werke der Meister der Tonkunst sind uns heute in der Hauptsache nur bekannt nach den Ausgaben, die von ihnen im Umlauf sind. Diese Ausgaben sind aber meistens von anderen bearbeitet und entsprechen in mehrfacher Hinsicht nicht mehr getreu dem Original.

Während es in anderen Kunstgattungen, beispielsweise in der Literatur, ausgeschlossen scheint, die Werke anders zu verlegen, als die Dichter selbst sie geschaffen haben, fühlt sich in der Musik ein jeder berufen, in den großen Werken der Meister die nach seiner Ansicht notwendigen Änderungen anzubringen und sie in dieser veränderten Form der Öffentlichkeit zu übergeben. Das Publikum bemerkt nicht, und kann auch nicht bemerken, was für Entstellungen es sind, womit man es hier zu tun hat; wo ihm aber die Gelegenheit gegeben wird, ihrer gewahr zu werden, da bekennt es sich lieber zur Fassung des Herausgebers als zu der des Komponisten. Sogar wenn ein lebender Komponist das Wort dagegen erhebt, nimmt es eher an, er übertreibe, als daß es die Richtigkeit seiner Worte prüfte.

Man stelle sich jedoch einmal Folgendes vor: ein Verleger gibt ein Bändchen Gedichte von Goethe heraus, die ein anerkannter moderner Dichter dahin bearbeitet hat, daß er z. B. die Interpunktionszeichen willkürlich ändert, die Zeilenordnung anders einteilt, alle Hauptbuchstaben entfernt, einige Artikel streicht und dergleichen mehr, mit der Begründung, daß die Gedichte in dieser Form unserem modernen Zeitempfinden besser entsprächen, und daß Goethe, hätte er nur den Herausgeber persönlich gekannt, sicherlich auch seiner Ansicht gewesen wäre. Ist es anzunehmen, daß irgend jemand solcherart „herausgegebene“ Gedichte als solche von Goethe stammend anerekennen wird?

Aber in der Musik nimmt man ohne weiteres eine Ausgabe von J. S. Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ als authentisch an, in welcher der Herausgeber einige Fugen des zweiten Teiles an entsprechende Stellen des ersten gesetzt hat und umgekehrt, angeblich aus „technischen“ oder „ästhetischen“ Gründen und weil Bach „sich bei der Anordnung anscheinend lediglich durch die Tonalität bestimmen ließ“, wobei jener noch ein Urteil fällt über das „ausgesprochene Mißverhältnis“ der Bachschen Anordnung. Oder es werden in Ausgaben der Sonaten von Haydn, Mozart und Beethoven willkürlich Phrasierungsbögen 1 und neue dynamische Bezeichnungen eingefügt, ja es kommt sogar vor, daß fremde Noten und individuell empfundene Tempibezeichnungen wie bei Chopin und Scarlatti 2 mit dem ausdrücklichen Vermerk: „Wie ich es spiele“ hinzugefügt wurden; von Balken- und Taktstrichänderungen, gelegentlicher Halbierung oder Verdoppelung des ursprünglichen Taktwertes („aus optischen Gründen“) ganz zu schweigen.

Fürwahr, es bestünde die Gefahr, daß man, auf diesem Wege fortschreitend, eines Tages die ursprüngliche Gestalt eines Musikstückes gar nicht mehr zu erkennen vermöchte, wenn nicht zuletzt irgendwo das Autograph des Meisters über das Werk den richtigen Aufschluß gäbe. Man macht aber immer wieder die Erfahrung, daß die Herausgeber das Autograph nicht sonderlich beachten. Dies liegt nur zum Teil daran, daß es meistens nur eine Handschrift eines Werkes gibt und diese sich dann etwa an einem Orte befindet, wo sie vielleicht nicht allen zugänglich wäre. Die Hauptursache ist vielmehr, daß man das Autograph nicht ernst genug nimmt und von der Bedeutung desselben nicht überzeugt ist. Es {2} ist mir z. B. bekannt, daß Herausgeber der Gesamtausgabe eines Meisters bei der Revision die Einsichtnahme in die vorhandenen Autographen als „überflüssig“ abgelehnt haben, und noch in jüngster Zeit äußerte ein angesehener Fachmann in einer großen Zeitung die Ansicht, die Handschriften Beethovens hätten als solche nur einen „Sammlerwert“.

Allerdings, wenn man die Betonung in diesem Wort auf die letzte Silbe legt, verkörpert ein Autograph tatsächlich einen derartigen Wert, daß nur Sammler, bezw. öffentliche Sammlungen, es noch erstehen können. Und das ist gut so, weil dadurch die Gewähr besteht, daß das Stück geschont wird und der Nachwelt noch lange erhalten bleibt. Auch wird es meistens dort der Öffentlichkeit zugänglich sein, obgleich das noch lange nicht genügt, um die Kenntnis desselben auch weiteren Kreisen zu vermitteln.

Da aber die Handschrift für das richtige Studium der Meisterwerke die beste, ja die einzige Quelle darstellt, ist es notwendig, mittels photographischer Wiedergabe des Originals die möglichst weite Verbreitung desselben zu fördern! Zugleich bietet die photographische Aufnahme noch den Vorteil daß, falls doch allmählich durch die Zeit oder andere Ereignisse 3 ein Autograph verloren gehen sollte, das Abbild immer wieder Gelegenheit gibt, des Meisters Intentionen zu erforschen. Das Original kann auch besser geschont werden, sobald ein getreues Abbild davon vorhanden ist.

Zu diesem Zwecke habe ich mich entschlossen, ein Archiv anzulegen, in welchem die photographischen Aufnahmen der wichtigsten Handschriften unserer musikalischen Großmeister aufbewahrt werdensollen, wo sie besichtigt werden können und wo auf Wunsch Abzüge derselben angefertigt werden, um sie Interessenten zur Verfügung zu stellen. Dieses Archiv habe ich der Nationalbibliothek in Wien gewidmet, und durch die Annahme meiner Widmung wurde ich in die Lage versetzt, mit Hilfe des Weltrufes dieses Institutes meine Arbeit unter den denkbar günstigsten Umständen beginnen zu können.

Das Archiv wird durch ein Kuratorium verwaltet werden, welches aus drei Mitgliedern besteht.

Ich schätze mich glücklich, Herrn Dr. Heinrich Schenker (Wien) bereit gefunden zu haben, einen Sitz in diesem Kuratorium einzunehmen und damit dem Archiv seine unschätzbaren Kenntnisse und Erfahrungen auf diesem Gebiete zu Verfügung zu stellen. Ist doch er es gewesen, der in Wort und Schrift stets wieder die Bedeutung der Autographen betont hat, der immer dafür eingetreten ist, sie photographieren zu lassen und sie allein der Herausgabe von Meisterwerken der Musik zugrunde zu legen; und war es, der in seiner Erläuterungsausgabe der letzten fünf Sonaten Beethovens hiervon das beste Zeugnis in Tat und Gesinung abgelegt hat. Unter seinen Auspicien ist auch der Plan, den ich hier auseinandersetze, allmählich in mir gereift und zur Tat geworden.

Ein weiteres Mitglied des Kuratoriums beizustellen, hat sich de Generaldirektion der Nationalbibliothek Wien vorbehalten. Sie entsendet Herrn Dr. Robert Haas, den verdienstvollen Leiter ihrer Musiksammlung, Privatdozenten 4 an der Universität Wien. Seine gründlichen Kenntnisse und sein hervorragender Ruf in der Musikgelehrtenwelt werden dem Archive sehr zugute kommen.

Den Vorsitz des Kuratoriums werde ich einnehmen.

Das Kuratorium entscheidet über die Wahl der Stücke, die aufgenommen werden sollen. Einstweilen wird diese Wahl beschränkt bleiben auf die wichtigsten Werke von J. S. Bach, Händel, J. Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert und Chopin, sowie von Dom. Scarlatti, C. Ph. E. Bach, Brahms und vielleicht auch noch von Fr. Couperin. Ob auch zeitgenössische Abschriften und Erstausgaben aufgenommen werden sollen, ob ferner die Wahl noch auf andere Komponisten ausgedehnt und ob das Archiv dazu übergeben wird, Ausgaben auf Grund seiner Bestände selbst zu veranlassen, muß außer von der Entscheidung des Kuratoriums, wesentlich von den zur Verfügung stehenden Mitteln abhängen. Zunächst stelle ich allein diese bei.


Wien, im November 1927
[signed:] A. van Hoboken
[second part of document, aimed mainly at private collectors and dealers; no letterhead or subheading]

{3} Das Archiv für Photogramme musikalischer Meisterhandschriften an der Musiksammlung der Nationalbibliothek Wien hat den Zweck, photographische Aufnahmen von Handschriften bedeutender Meisterwerke der Tonkunst zu vereinigen. Es wird diese Aufnahmen womöglich nach dem photostatsichen Verfahren, das allerorts geübt wird, in der Originalgröße anfertigen lassen und die so gewonnenen Negative aufbewahren. Diese geben das Notenbild in weißer Schrift auf schwarzem Grunde wieder, aber nicht im Spiegelsinn, sondern manuscriptgetreu. Sie können in den Amtsräumen des Archivs in der Musiksammlung der Nationalbibliothek Wien, I. Augustinerbastei Nr. 6 (Albrechtsrampe), während der Amtsstunden (Werktags von 9 bis 15 Uhr) besichtigt werden. Sie werden grundsätzlich nicht verschickt, doch wird das Archiv auf Wunsch nach demselben Verfahren Positive anfertigen und sie Interessenten gegen einfache Vergütung der Herstellungs- und Versandkosten zukommen lassen. Das photostatische Verfahren gibt Gewähr für deutliche Wiedergabe zu verhältnismäßig niederen Preisen, sodaß die Abzüge für alle, die sich aus beruflichen oder aus anderen Gründen in die Handschriften der Meister vertiefen wollen, erschwinglich sein werden.

An alle öffentlichen und privaten Sammlungen, persönlichen Besitzer von Handschriften und an alle Antiquariate richten wir hiermit die ergebene Bitte, uns bei unserem Streben behilflich zu sein, indem sie uns die Zustimmung zur Aufnahme der in ihrem Besitz befindlichen Stücke geben. Sie werden besonders gebeten, um der Sache willen, Handschriften, die sie veräußern müssen, vorher dem Archiv zugänglich zu machen, beziehungsweise auf seine Kosten (nach vorheriger Verständigung) aufnehmen zu lassen. Auch unbekannte oder unveröffentliche Handschrifte bitten wir, für das Archiv in Abzügen zu retten, bevor sie wieder ins Ungewisse dahinschwinden. Dabei kann ein Vorbehalt der Veröffentlichung sowie der Vervielfältigung und der Verbreitung im Faksimile-Verfahren gemacht werden oder in besonders heiklen Fällen die Aufnahme vorläufig in Händen des letzten Besitzers des Autographs bleiben. Es geht hier um nichts weniger als um die Erhaltung unserer Tonkunst, da nur die Kenntnis der Handschrift die Fehler zu berichtigen vermag, die sich in die Ausgaben eingeschlichen haben. Besonders den Privatbesitzern und Händlern gegenüber sei hier noch betont, daß unserer Ansicht nach die photographische Wiedergabe einer Handschrift den Wert derselben nicht nur nicht beeinträchtigt, sonder daß vielmehr, wenn die Bedeutung einer Handschrift in weiteren Kreisen erkannt wird, diese im Werte steigen wird. Auch können die Besitzer, die aus irgendwelchen Gründen ihren Namen nicht genannt wissen wollen, stets auf unsere Diskretion rechnen. Andererseits sind wir bereit, auf Wunsch die Namen der Besitzer auf allen Abzügen ihrer Stücke zu verewigen, da der Besitz kostbarer Handschirften doch sehr ehrenvoll ist.

Wir haben uns, wenn für die Aufnahme nichts anderes vereinbart wird, vorgenommen, den Besitzern als Vergütung für die Zustimmung nicht nur einen positiven Abzug ihrer Handschrift zu überlassen, sondern auch noch den Abzug irgend eines anderen Werkes aus unseren Beständen von ähnlichen Umfang nach ihrer Wahl. Auch diejenigen, die uns eine von uns gesuchte Handschrift zur Aufnahme vermitteln, wollen wir gerne mit einem Abzug des betreffednen Werkes belohnen, falls nichts anderes vereinbart wird. Anregungen für unsere Sache werden, von welcher Seite immer, stets willkommen sein, und wir bitten Zuschriften nur an obenstehende Adresse zu richten.

Für den Anfang haben wir folgende Werke in Aussicht genommen:

[arranged in two columns]
  • J. S. Bach:
  • Kantate "Du Friedensfürst, Herr Jesu Christ"
  • Solo-Sonaten für die Violine
  • Das Wohltemperierte Klavier, erster und zweiter Teil
  • Händel:
  • Orgelkonzerte
  • Klaviersuiten, erster Teil (soweit erhalten)
  • J. Haydn:
  • Eine Symphonie
  • 6 Streichquartette
  • 3 Klaviersonaten
  • Capriccio für Klavier
  • Mozart:
  • Die Zauberflöte
  • Symphonie in g-moll (Köch.-Verz. 550)
  • Klavierkonzert in A-dur (Köch-Verz. 488)
{4}
  • Beethoven:*)
  • Violinkonzert op. 61
  • Streichquartett in f-moll op. 95
  • Klaviersonate op. 109
  • Schubert:
  • Sonate in a-moll, bekannt als op. 164
  • 12 Deutsche samt Koda (zum Teil gedruckt in den letzten Walzern op.127; zum Teil ungedruckt
  • Die Winterreise, Liederzyklus
  • Chopin:
  • Scherzo b-moll op. 31 5
  • Ballade a-moll op. 38
  • Scherzo E-dur op. 39 6
  • Nocturne f-moll op. 55, Nr. 1
  • Mazurka H-dur, op. 63, Nr. 1
  • Walzer in cis-moll op. 64, Nr. 2
  • Berceuse op. 57

Alles vorbehaltlich der Zustimmung der Besitzer.

Zuletzt möchten wir noch an alle Musikstudierende und Musikbefließene [sic] appellieren, einen möglichst regen Gebrauch von dem Archiv zu machen. Sie alle, die sich mit dieser erhabenen Kunst beschäftigen, mögen davon überzeugt sein, daß die Handschriften unserer Großmeistern die erschöpfendste Quelle sind für ein gründliches Studium dieser so schwierigen Materie und daß das Respektieren ihrer autoritativen Bedeutung gegenüber allen im Umlauf befindlichen Fassungen die einzige Handhabe dafür bietet, die Kunst der Meister aus dem anarchischen Chaos zu befreien, in dem sie sich heute befindet. Es ist der höhere Zweck des Archivs, Ihnen hierbei behilflich zu sein.


[signed:] Das Kuratorium:

[signed:] A. van Hoboken
[signed:] Dr. Heinrich Schenker
[signed:] Dr. Robert Haas [note in margin] *) Für die Aufnahmen der Handschriften Beethovens haben wir uns, um doppelte Arbeit zu vermeiden, mit dem Beethoven-Archiv in Bonn ins Einvernehmen gesetzt, wo bereits zu Anfang dieses Jahres ein ähnliches Vorhaben, wie wir es unterbreiten, angekündigt wurde, allerdings nur mit Beschränkung auf Beethoven.

© Transcription William Drabkin, 2005

[letterhead:]
MUSIC COLLECTION OF THE NATIONAL LIBRARY, VIENNA
ARCHIVE OF PHOTOGRAPHIC REPRODUCTIONS OF MANUSCRIPTS OF MUSICAL MASTERS:
GIFT OF A. van HOBOKEN [—] VIENNA I, AUGUSTINERBASTEI 6
APPEAL

The works of the masters of music are known to us primarily only in the editions of them that are currently available. These editions have, however, for the most part been revised by others, and no longer correspond to the original in many respects.

While it would appear inconceivable in other art forms, for example in literature, to publish works differently from what the poet himself created, in music everyone feels that it is his mission to introduce major changes into the great works of the masters, in accordance with his perspective, and to transmit them in this revised form to the public. The public does not observe – it cannot even observe – what sort of distortions these are, what one has to confront here; when they have the opportunity to be aware of them, they would rather profess their faith in the editor's version, not the composer's. Even when a living composer raises his voice against this practice, they would rather assume that the composer is exaggerating than test the accuracy of his words.

Let us, however, consider the following situation. A publisher brings out a small volume of Goethe's poems into which a well-known modern author has introduced revisions, for instance, by arbitrarily changing the punctuation marks or dividing the lines differently, on the grounds that the poems would, in this form, correspond better to the way in which they are felt in modern times and that Goethe, if only he had known the editor personally, would certainly have shared his opinion. Can it be assumed that anyone would recognize the poems that had been "edited" in this way to have originated with Goethe?

In music, however, one readily accepts as authentic an edition of Bach's Well-tempered Clavier in which the editor has placed several fugues from Book 2 in the correspondening place in Book 1, and vice versa, apparently for "technical" or "aesthetic" reasons and because Bach, when he ordered the constituent pieces, appears to have been guided simply by their tonalities; in so doing, the editor pronounces judgment on the "clear misjudgment" of Bach's ordering. Elsewhere, in editions of the sonatas of Haydn, Mozart, and Beethoven, phrasing slurs 1 and new dynamic markings are arbitrarily added; indeed, one even finds foreign notes and individually perceived tempo markings added, for instance, to Chopin und Scarlatti 2 with the explicit remark "as I play it," to say nothing whatever about changes to the beaming of notes, or the rebarring of the music through, say, the halving or doubling of the original note values "for optical reasons."

Indeed, the danger would arise that, if one were to continue along this path, the original form of a musical work would one day no longer be recognizable if the master's autograph did not ultimately provide the correct information. One experiences time and again, however, that editors do not pay particular attention to the autograph. This can only partly explained by the fact that there is usually only one manuscript for a work, and that it is found, say, in a place where it is not accessible to all. The principal underlying reason is, rather, that we do not take the autograph seriously enough and are not convinced of its significance. {2} I know, for example, that the editors of the collected works of one master rejected the study of the available autographs as "superfluous"; and that most recently even a respected expert expressed the view, in a major newspaper, that the manuscripts of Beethoven were, as documents of that sort, only "of value to collectors."

To be sure, if one one places the emphasis on the second word of the preceding phrase, an autograph indeed represents such a great value that only collectors or public collections can still afford them. And that is a good thing, since it offers a guarantee that the piece will be protected and preserved for posterity for a long time. In addition, it will usually be accessible to the public there, although that is not nearly sufficient for knowledge of it to be transmitted to wider circles.

Since, however, the manuscript represents for the study of masterworks the best, indeed the only, source, it is important to promote its widest possible dissemination, by means of photographic reproduction of the original! At the same time, photographic reproduction offers the further advantage that, in the event that an autograph should disappear, either gradually over the course of time or as a result of some other event, 3 the reproduction would always give us another opportunity to discover the master's intention. The original can also be better protected if a faithful reproduction of it is available.

For these purposes, I have decided to start an archive in which photographic reproductions of the most important manuscripts of our greatest masters will be preserved, where they can be inspected, and where, if desired, copies of the same can be prepared, in order that they may be made available to those who are interested. This Archive I have dedicated to the National Library in Vienna; and through the acceptence of my gift I have been placed in the position, with the aid of the worldwide reputation of this institute, to begin my work under the most favorable circumstances imaginable.

The Archive will be governed by a Board of Trustees comprising three members.

I count myself fortunate to have found Dr. Heinrich Schenker (Vienna) prepared to take a seat on this Board, and therefore to place his priceless knowledge and experience in this field at the disposal of the Archive. For it has been he who has continued to stress the significance of autographs, who has always spoken up for their being photographed and used exclusively as the basis of editions of masterworks of music, and who has set down the best example of this, in both word and deed, in his Erläuterungsausgabe of the last five sonatas of Beethoven. It was under his auspices, too, that the plan that I am setting out here gradually became clear to me and materialized.

A second place on the Board has been reserved by the general administration of the National Library in Vienna. It is appointing Dr. Robert Haas, the esteemed director of its music collection, private lecturer 4 at the University of Vienna. His thorough knowledge and commanding reputation in the world of music scholarship will be of great advantage to the Archive.

The chairmanship of the Board will be taken by me.

The Board will decide on the choice of pieces that will be included in the collection. For the present, this choice will remain restricted to the most important works of J. S. Bach, Handel, Joseph Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert and Chopin, as well as Domenico Scarlatti, Carl Philipp Emanuel Bach, Brahms, and perhaps also François Couperin. Whether contemporary copies and first editions should also be included, whether the choice should at some point be extended to other composers, and whether the Archive will itself be entrusted with the preparation of editions based on its holdings, these matters depend not only on the decisions of the Board but also, and in great part, on the availability of funding – which, in the first instance, I alone shall provide.


Vienna, November 1927
[signed:] A. van Hoboken
[second part of document, aimed mainly at private collectors and dealers; no letterhead or subheading]

{3} The Archive for Photographic Reproductions of the Manuscripts of Musical Masterpieces, in the Music Collection of the National Library of Vienna, has the task of bringing together photographic reproductions of manuscripts of significant masterworks of music. It will have these reproductions made wherever possible in original size by the widely available photostatic process, and preserve the negatives that are created in this way. These transmit the notation in white on a black background: not in mirror image, but faithful to the manuscript. They can be examined in the the official rooms of the Archive in the music collection of the National Library, Vienna I, Augustinerbastei 6 (Albrechtsrampe) during office hours (weekdays from 9 am to 3 pm). As a matter of principle, they will not be sent out, but the Archive will, on request, prepare positive prints using the same process and making them available to interested parties against the simply reimbursement of production and posting costs. The photostatic process ensures a clear reproduction at low prices so that affordable copies can be made for all who wish to deepen their understanding of the manuscripts of the masters, for professional or other reasons.

To all public and private collections, private owners of manuscripts, and antiquarian dealers: we hereby direct our humblest appeal to help us in our efforts, insofar as they will give their agreement to make reproductions of the items in their possession. They are especially requested, for the sake of this enterprise, to make manuscripts that must be sold available in advance to the Archive, that is to have them reproduced at its expense (by prior agreement). We also request that copies of unknown or unpublished manuscripts be saved for the Archive, before they disappear again into the unknown. In this way, a reservation for publication or multiple reproduction and dissemination in facsimile editions can be made; in particularly delicate situations, the reproductions can remain in the hands of the last owner of the autograph. It is a matter of nothing less than the preservation of our musical art, as only a knowledge of the manuscript is capable of correcting the mistakes that have crept into the editions. In particular we stress further to private owners and dealers that, in our opinion, the photographic reproduction of a manuscript will not only not reduce its value; on the contrary, if the significance of a manuscript is recognized in wider circles, it will increase in value. In addition, owners who for whatever reasons wish to remain anonymous may always count upon our discretion. Alternatively, we are prepared, on request, to perpetuate the names of owners on all copies of the items in their possession, as the ownership of valuable manuscripts is indeed very honorable.

We have planned, in the absence of any other agreement, to give the owners not only a positive copy of their manuscript but in addition a copy of any other work in our collection of similar size, according to their choosing. Those, too, who make available one of the manuscripts we are seeking will gladly be rewarded with a copy of that work, unless we have come to some other arrangement. Proposals for our enterprise, in whatever form they take, are always welcome, and we request that letters be directed to the address given above.

To begin with, we have considered including the following works

[arranged in two columns]
  • J. S. Bach:
  • Cantata [No. 143,] "Du Friedensfürst, Herr Jesu Christ"
  • the sonatas [and partitas] for unaccompanied violin
  • Well-tempered Clavier, Books 1 and 2
  • Handel:
  • Organ concertos
  • keyboard suites, Book 1 (as many as survive)
  • J. Haydn:
  • one symphony
  • six string quartets
  • three piano sonatas
  • Capriccio for piano
  • Mozart:
  • The Magic Flute
  • Symphony in G minor (K.550)
  • Piano Concerto in A major (K. 488)
{4}
  • Beethoven:*)
  • Violin Concerto, Op. 61
  • String Quartet in F minor, Op. 95
  • Piano Sonata, Op. 109
  • Schubert:
  • Sonata in A minor, known as Op. 164
  • Twelve German Dances, with Coda (some published with the last waltzes, Op. 127, some unpublished)
  • song cycle The Winter's Journey
  • Chopin:
  • Scherzo in B flat minor, Op. 31 5
  • Ballade in A minor, Op. 38
  • Scherzo in E major, Op. 39 6
  • 
Nocturne in F minor, Op. 55, No. 1
  • Mazurka in B major, Op. 63, No. 1
  • Waltz in C# minor, Op. 64, No. 2
  • Berceuse, Op. 57

(All subject to the agreement of the owners.)

Finally, we should also like to call upon all students of music and music lovers to use the Archive as actively as possible. You who are concerned with this noble art may all be convinced that the manuscripts of our great masters are the most inexhaustible source for a fundamental study of this material, which is so difficult; and that the respect given to their authoritative meaning, compared to all other versions currently in circulation, offers the only means of freeing the art of the masters from the anarchic chaos in which it finds itself today. It is the higher purpose of the Archive to offer you our help in this respect.


[signed:] The Board of Directors:

[signed:] A. van Hoboken
[signed:] Dr. Heinrich Schenker
[signed:] Dr. Robert Haas [note in margin] *) With regard to the reproduction of Beethoven's manuscripts, to avoid duplicative work we have come to an agreement with the Beethoven-Archiv in Bonn, where a project similar to the one that we putting forward was announced at the beginning of the year, albeit restricted to Beethoven.

© Translation William Drabkin, 2011

[letterhead:]
MUSIKSAMMLUNG DER NATIONALBIBLIOTHEK WIEN
ARCHIV FÜR PHOTOGRAMME MUSIKER MEISTERHANDSCHRIFTEN
WIDMUNG A. van HOBOKEN [—] WIEN, I. AUGUSTSTINERBASTEI 6
AUFRUF

Die Werke der Meister der Tonkunst sind uns heute in der Hauptsache nur bekannt nach den Ausgaben, die von ihnen im Umlauf sind. Diese Ausgaben sind aber meistens von anderen bearbeitet und entsprechen in mehrfacher Hinsicht nicht mehr getreu dem Original.

Während es in anderen Kunstgattungen, beispielsweise in der Literatur, ausgeschlossen scheint, die Werke anders zu verlegen, als die Dichter selbst sie geschaffen haben, fühlt sich in der Musik ein jeder berufen, in den großen Werken der Meister die nach seiner Ansicht notwendigen Änderungen anzubringen und sie in dieser veränderten Form der Öffentlichkeit zu übergeben. Das Publikum bemerkt nicht, und kann auch nicht bemerken, was für Entstellungen es sind, womit man es hier zu tun hat; wo ihm aber die Gelegenheit gegeben wird, ihrer gewahr zu werden, da bekennt es sich lieber zur Fassung des Herausgebers als zu der des Komponisten. Sogar wenn ein lebender Komponist das Wort dagegen erhebt, nimmt es eher an, er übertreibe, als daß es die Richtigkeit seiner Worte prüfte.

Man stelle sich jedoch einmal Folgendes vor: ein Verleger gibt ein Bändchen Gedichte von Goethe heraus, die ein anerkannter moderner Dichter dahin bearbeitet hat, daß er z. B. die Interpunktionszeichen willkürlich ändert, die Zeilenordnung anders einteilt, alle Hauptbuchstaben entfernt, einige Artikel streicht und dergleichen mehr, mit der Begründung, daß die Gedichte in dieser Form unserem modernen Zeitempfinden besser entsprächen, und daß Goethe, hätte er nur den Herausgeber persönlich gekannt, sicherlich auch seiner Ansicht gewesen wäre. Ist es anzunehmen, daß irgend jemand solcherart „herausgegebene“ Gedichte als solche von Goethe stammend anerekennen wird?

Aber in der Musik nimmt man ohne weiteres eine Ausgabe von J. S. Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ als authentisch an, in welcher der Herausgeber einige Fugen des zweiten Teiles an entsprechende Stellen des ersten gesetzt hat und umgekehrt, angeblich aus „technischen“ oder „ästhetischen“ Gründen und weil Bach „sich bei der Anordnung anscheinend lediglich durch die Tonalität bestimmen ließ“, wobei jener noch ein Urteil fällt über das „ausgesprochene Mißverhältnis“ der Bachschen Anordnung. Oder es werden in Ausgaben der Sonaten von Haydn, Mozart und Beethoven willkürlich Phrasierungsbögen 1 und neue dynamische Bezeichnungen eingefügt, ja es kommt sogar vor, daß fremde Noten und individuell empfundene Tempibezeichnungen wie bei Chopin und Scarlatti 2 mit dem ausdrücklichen Vermerk: „Wie ich es spiele“ hinzugefügt wurden; von Balken- und Taktstrichänderungen, gelegentlicher Halbierung oder Verdoppelung des ursprünglichen Taktwertes („aus optischen Gründen“) ganz zu schweigen.

Fürwahr, es bestünde die Gefahr, daß man, auf diesem Wege fortschreitend, eines Tages die ursprüngliche Gestalt eines Musikstückes gar nicht mehr zu erkennen vermöchte, wenn nicht zuletzt irgendwo das Autograph des Meisters über das Werk den richtigen Aufschluß gäbe. Man macht aber immer wieder die Erfahrung, daß die Herausgeber das Autograph nicht sonderlich beachten. Dies liegt nur zum Teil daran, daß es meistens nur eine Handschrift eines Werkes gibt und diese sich dann etwa an einem Orte befindet, wo sie vielleicht nicht allen zugänglich wäre. Die Hauptursache ist vielmehr, daß man das Autograph nicht ernst genug nimmt und von der Bedeutung desselben nicht überzeugt ist. Es {2} ist mir z. B. bekannt, daß Herausgeber der Gesamtausgabe eines Meisters bei der Revision die Einsichtnahme in die vorhandenen Autographen als „überflüssig“ abgelehnt haben, und noch in jüngster Zeit äußerte ein angesehener Fachmann in einer großen Zeitung die Ansicht, die Handschriften Beethovens hätten als solche nur einen „Sammlerwert“.

Allerdings, wenn man die Betonung in diesem Wort auf die letzte Silbe legt, verkörpert ein Autograph tatsächlich einen derartigen Wert, daß nur Sammler, bezw. öffentliche Sammlungen, es noch erstehen können. Und das ist gut so, weil dadurch die Gewähr besteht, daß das Stück geschont wird und der Nachwelt noch lange erhalten bleibt. Auch wird es meistens dort der Öffentlichkeit zugänglich sein, obgleich das noch lange nicht genügt, um die Kenntnis desselben auch weiteren Kreisen zu vermitteln.

Da aber die Handschrift für das richtige Studium der Meisterwerke die beste, ja die einzige Quelle darstellt, ist es notwendig, mittels photographischer Wiedergabe des Originals die möglichst weite Verbreitung desselben zu fördern! Zugleich bietet die photographische Aufnahme noch den Vorteil daß, falls doch allmählich durch die Zeit oder andere Ereignisse 3 ein Autograph verloren gehen sollte, das Abbild immer wieder Gelegenheit gibt, des Meisters Intentionen zu erforschen. Das Original kann auch besser geschont werden, sobald ein getreues Abbild davon vorhanden ist.

Zu diesem Zwecke habe ich mich entschlossen, ein Archiv anzulegen, in welchem die photographischen Aufnahmen der wichtigsten Handschriften unserer musikalischen Großmeister aufbewahrt werdensollen, wo sie besichtigt werden können und wo auf Wunsch Abzüge derselben angefertigt werden, um sie Interessenten zur Verfügung zu stellen. Dieses Archiv habe ich der Nationalbibliothek in Wien gewidmet, und durch die Annahme meiner Widmung wurde ich in die Lage versetzt, mit Hilfe des Weltrufes dieses Institutes meine Arbeit unter den denkbar günstigsten Umständen beginnen zu können.

Das Archiv wird durch ein Kuratorium verwaltet werden, welches aus drei Mitgliedern besteht.

Ich schätze mich glücklich, Herrn Dr. Heinrich Schenker (Wien) bereit gefunden zu haben, einen Sitz in diesem Kuratorium einzunehmen und damit dem Archiv seine unschätzbaren Kenntnisse und Erfahrungen auf diesem Gebiete zu Verfügung zu stellen. Ist doch er es gewesen, der in Wort und Schrift stets wieder die Bedeutung der Autographen betont hat, der immer dafür eingetreten ist, sie photographieren zu lassen und sie allein der Herausgabe von Meisterwerken der Musik zugrunde zu legen; und war es, der in seiner Erläuterungsausgabe der letzten fünf Sonaten Beethovens hiervon das beste Zeugnis in Tat und Gesinung abgelegt hat. Unter seinen Auspicien ist auch der Plan, den ich hier auseinandersetze, allmählich in mir gereift und zur Tat geworden.

Ein weiteres Mitglied des Kuratoriums beizustellen, hat sich de Generaldirektion der Nationalbibliothek Wien vorbehalten. Sie entsendet Herrn Dr. Robert Haas, den verdienstvollen Leiter ihrer Musiksammlung, Privatdozenten 4 an der Universität Wien. Seine gründlichen Kenntnisse und sein hervorragender Ruf in der Musikgelehrtenwelt werden dem Archive sehr zugute kommen.

Den Vorsitz des Kuratoriums werde ich einnehmen.

Das Kuratorium entscheidet über die Wahl der Stücke, die aufgenommen werden sollen. Einstweilen wird diese Wahl beschränkt bleiben auf die wichtigsten Werke von J. S. Bach, Händel, J. Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert und Chopin, sowie von Dom. Scarlatti, C. Ph. E. Bach, Brahms und vielleicht auch noch von Fr. Couperin. Ob auch zeitgenössische Abschriften und Erstausgaben aufgenommen werden sollen, ob ferner die Wahl noch auf andere Komponisten ausgedehnt und ob das Archiv dazu übergeben wird, Ausgaben auf Grund seiner Bestände selbst zu veranlassen, muß außer von der Entscheidung des Kuratoriums, wesentlich von den zur Verfügung stehenden Mitteln abhängen. Zunächst stelle ich allein diese bei.


Wien, im November 1927
[signed:] A. van Hoboken
[second part of document, aimed mainly at private collectors and dealers; no letterhead or subheading]

{3} Das Archiv für Photogramme musikalischer Meisterhandschriften an der Musiksammlung der Nationalbibliothek Wien hat den Zweck, photographische Aufnahmen von Handschriften bedeutender Meisterwerke der Tonkunst zu vereinigen. Es wird diese Aufnahmen womöglich nach dem photostatsichen Verfahren, das allerorts geübt wird, in der Originalgröße anfertigen lassen und die so gewonnenen Negative aufbewahren. Diese geben das Notenbild in weißer Schrift auf schwarzem Grunde wieder, aber nicht im Spiegelsinn, sondern manuscriptgetreu. Sie können in den Amtsräumen des Archivs in der Musiksammlung der Nationalbibliothek Wien, I. Augustinerbastei Nr. 6 (Albrechtsrampe), während der Amtsstunden (Werktags von 9 bis 15 Uhr) besichtigt werden. Sie werden grundsätzlich nicht verschickt, doch wird das Archiv auf Wunsch nach demselben Verfahren Positive anfertigen und sie Interessenten gegen einfache Vergütung der Herstellungs- und Versandkosten zukommen lassen. Das photostatische Verfahren gibt Gewähr für deutliche Wiedergabe zu verhältnismäßig niederen Preisen, sodaß die Abzüge für alle, die sich aus beruflichen oder aus anderen Gründen in die Handschriften der Meister vertiefen wollen, erschwinglich sein werden.

An alle öffentlichen und privaten Sammlungen, persönlichen Besitzer von Handschriften und an alle Antiquariate richten wir hiermit die ergebene Bitte, uns bei unserem Streben behilflich zu sein, indem sie uns die Zustimmung zur Aufnahme der in ihrem Besitz befindlichen Stücke geben. Sie werden besonders gebeten, um der Sache willen, Handschriften, die sie veräußern müssen, vorher dem Archiv zugänglich zu machen, beziehungsweise auf seine Kosten (nach vorheriger Verständigung) aufnehmen zu lassen. Auch unbekannte oder unveröffentliche Handschrifte bitten wir, für das Archiv in Abzügen zu retten, bevor sie wieder ins Ungewisse dahinschwinden. Dabei kann ein Vorbehalt der Veröffentlichung sowie der Vervielfältigung und der Verbreitung im Faksimile-Verfahren gemacht werden oder in besonders heiklen Fällen die Aufnahme vorläufig in Händen des letzten Besitzers des Autographs bleiben. Es geht hier um nichts weniger als um die Erhaltung unserer Tonkunst, da nur die Kenntnis der Handschrift die Fehler zu berichtigen vermag, die sich in die Ausgaben eingeschlichen haben. Besonders den Privatbesitzern und Händlern gegenüber sei hier noch betont, daß unserer Ansicht nach die photographische Wiedergabe einer Handschrift den Wert derselben nicht nur nicht beeinträchtigt, sonder daß vielmehr, wenn die Bedeutung einer Handschrift in weiteren Kreisen erkannt wird, diese im Werte steigen wird. Auch können die Besitzer, die aus irgendwelchen Gründen ihren Namen nicht genannt wissen wollen, stets auf unsere Diskretion rechnen. Andererseits sind wir bereit, auf Wunsch die Namen der Besitzer auf allen Abzügen ihrer Stücke zu verewigen, da der Besitz kostbarer Handschirften doch sehr ehrenvoll ist.

Wir haben uns, wenn für die Aufnahme nichts anderes vereinbart wird, vorgenommen, den Besitzern als Vergütung für die Zustimmung nicht nur einen positiven Abzug ihrer Handschrift zu überlassen, sondern auch noch den Abzug irgend eines anderen Werkes aus unseren Beständen von ähnlichen Umfang nach ihrer Wahl. Auch diejenigen, die uns eine von uns gesuchte Handschrift zur Aufnahme vermitteln, wollen wir gerne mit einem Abzug des betreffednen Werkes belohnen, falls nichts anderes vereinbart wird. Anregungen für unsere Sache werden, von welcher Seite immer, stets willkommen sein, und wir bitten Zuschriften nur an obenstehende Adresse zu richten.

Für den Anfang haben wir folgende Werke in Aussicht genommen:

[arranged in two columns]
  • J. S. Bach:
  • Kantate "Du Friedensfürst, Herr Jesu Christ"
  • Solo-Sonaten für die Violine
  • Das Wohltemperierte Klavier, erster und zweiter Teil
  • Händel:
  • Orgelkonzerte
  • Klaviersuiten, erster Teil (soweit erhalten)
  • J. Haydn:
  • Eine Symphonie
  • 6 Streichquartette
  • 3 Klaviersonaten
  • Capriccio für Klavier
  • Mozart:
  • Die Zauberflöte
  • Symphonie in g-moll (Köch.-Verz. 550)
  • Klavierkonzert in A-dur (Köch-Verz. 488)
{4}
  • Beethoven:*)
  • Violinkonzert op. 61
  • Streichquartett in f-moll op. 95
  • Klaviersonate op. 109
  • Schubert:
  • Sonate in a-moll, bekannt als op. 164
  • 12 Deutsche samt Koda (zum Teil gedruckt in den letzten Walzern op.127; zum Teil ungedruckt
  • Die Winterreise, Liederzyklus
  • Chopin:
  • Scherzo b-moll op. 31 5
  • Ballade a-moll op. 38
  • Scherzo E-dur op. 39 6
  • Nocturne f-moll op. 55, Nr. 1
  • Mazurka H-dur, op. 63, Nr. 1
  • Walzer in cis-moll op. 64, Nr. 2
  • Berceuse op. 57

Alles vorbehaltlich der Zustimmung der Besitzer.

Zuletzt möchten wir noch an alle Musikstudierende und Musikbefließene [sic] appellieren, einen möglichst regen Gebrauch von dem Archiv zu machen. Sie alle, die sich mit dieser erhabenen Kunst beschäftigen, mögen davon überzeugt sein, daß die Handschriften unserer Großmeistern die erschöpfendste Quelle sind für ein gründliches Studium dieser so schwierigen Materie und daß das Respektieren ihrer autoritativen Bedeutung gegenüber allen im Umlauf befindlichen Fassungen die einzige Handhabe dafür bietet, die Kunst der Meister aus dem anarchischen Chaos zu befreien, in dem sie sich heute befindet. Es ist der höhere Zweck des Archivs, Ihnen hierbei behilflich zu sein.


[signed:] Das Kuratorium:

[signed:] A. van Hoboken
[signed:] Dr. Heinrich Schenker
[signed:] Dr. Robert Haas [note in margin] *) Für die Aufnahmen der Handschriften Beethovens haben wir uns, um doppelte Arbeit zu vermeiden, mit dem Beethoven-Archiv in Bonn ins Einvernehmen gesetzt, wo bereits zu Anfang dieses Jahres ein ähnliches Vorhaben, wie wir es unterbreiten, angekündigt wurde, allerdings nur mit Beschränkung auf Beethoven.

© Transcription William Drabkin, 2005

[letterhead:]
MUSIC COLLECTION OF THE NATIONAL LIBRARY, VIENNA
ARCHIVE OF PHOTOGRAPHIC REPRODUCTIONS OF MANUSCRIPTS OF MUSICAL MASTERS:
GIFT OF A. van HOBOKEN [—] VIENNA I, AUGUSTINERBASTEI 6
APPEAL

The works of the masters of music are known to us primarily only in the editions of them that are currently available. These editions have, however, for the most part been revised by others, and no longer correspond to the original in many respects.

While it would appear inconceivable in other art forms, for example in literature, to publish works differently from what the poet himself created, in music everyone feels that it is his mission to introduce major changes into the great works of the masters, in accordance with his perspective, and to transmit them in this revised form to the public. The public does not observe – it cannot even observe – what sort of distortions these are, what one has to confront here; when they have the opportunity to be aware of them, they would rather profess their faith in the editor's version, not the composer's. Even when a living composer raises his voice against this practice, they would rather assume that the composer is exaggerating than test the accuracy of his words.

Let us, however, consider the following situation. A publisher brings out a small volume of Goethe's poems into which a well-known modern author has introduced revisions, for instance, by arbitrarily changing the punctuation marks or dividing the lines differently, on the grounds that the poems would, in this form, correspond better to the way in which they are felt in modern times and that Goethe, if only he had known the editor personally, would certainly have shared his opinion. Can it be assumed that anyone would recognize the poems that had been "edited" in this way to have originated with Goethe?

In music, however, one readily accepts as authentic an edition of Bach's Well-tempered Clavier in which the editor has placed several fugues from Book 2 in the correspondening place in Book 1, and vice versa, apparently for "technical" or "aesthetic" reasons and because Bach, when he ordered the constituent pieces, appears to have been guided simply by their tonalities; in so doing, the editor pronounces judgment on the "clear misjudgment" of Bach's ordering. Elsewhere, in editions of the sonatas of Haydn, Mozart, and Beethoven, phrasing slurs 1 and new dynamic markings are arbitrarily added; indeed, one even finds foreign notes and individually perceived tempo markings added, for instance, to Chopin und Scarlatti 2 with the explicit remark "as I play it," to say nothing whatever about changes to the beaming of notes, or the rebarring of the music through, say, the halving or doubling of the original note values "for optical reasons."

Indeed, the danger would arise that, if one were to continue along this path, the original form of a musical work would one day no longer be recognizable if the master's autograph did not ultimately provide the correct information. One experiences time and again, however, that editors do not pay particular attention to the autograph. This can only partly explained by the fact that there is usually only one manuscript for a work, and that it is found, say, in a place where it is not accessible to all. The principal underlying reason is, rather, that we do not take the autograph seriously enough and are not convinced of its significance. {2} I know, for example, that the editors of the collected works of one master rejected the study of the available autographs as "superfluous"; and that most recently even a respected expert expressed the view, in a major newspaper, that the manuscripts of Beethoven were, as documents of that sort, only "of value to collectors."

To be sure, if one one places the emphasis on the second word of the preceding phrase, an autograph indeed represents such a great value that only collectors or public collections can still afford them. And that is a good thing, since it offers a guarantee that the piece will be protected and preserved for posterity for a long time. In addition, it will usually be accessible to the public there, although that is not nearly sufficient for knowledge of it to be transmitted to wider circles.

Since, however, the manuscript represents for the study of masterworks the best, indeed the only, source, it is important to promote its widest possible dissemination, by means of photographic reproduction of the original! At the same time, photographic reproduction offers the further advantage that, in the event that an autograph should disappear, either gradually over the course of time or as a result of some other event, 3 the reproduction would always give us another opportunity to discover the master's intention. The original can also be better protected if a faithful reproduction of it is available.

For these purposes, I have decided to start an archive in which photographic reproductions of the most important manuscripts of our greatest masters will be preserved, where they can be inspected, and where, if desired, copies of the same can be prepared, in order that they may be made available to those who are interested. This Archive I have dedicated to the National Library in Vienna; and through the acceptence of my gift I have been placed in the position, with the aid of the worldwide reputation of this institute, to begin my work under the most favorable circumstances imaginable.

The Archive will be governed by a Board of Trustees comprising three members.

I count myself fortunate to have found Dr. Heinrich Schenker (Vienna) prepared to take a seat on this Board, and therefore to place his priceless knowledge and experience in this field at the disposal of the Archive. For it has been he who has continued to stress the significance of autographs, who has always spoken up for their being photographed and used exclusively as the basis of editions of masterworks of music, and who has set down the best example of this, in both word and deed, in his Erläuterungsausgabe of the last five sonatas of Beethoven. It was under his auspices, too, that the plan that I am setting out here gradually became clear to me and materialized.

A second place on the Board has been reserved by the general administration of the National Library in Vienna. It is appointing Dr. Robert Haas, the esteemed director of its music collection, private lecturer 4 at the University of Vienna. His thorough knowledge and commanding reputation in the world of music scholarship will be of great advantage to the Archive.

The chairmanship of the Board will be taken by me.

The Board will decide on the choice of pieces that will be included in the collection. For the present, this choice will remain restricted to the most important works of J. S. Bach, Handel, Joseph Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert and Chopin, as well as Domenico Scarlatti, Carl Philipp Emanuel Bach, Brahms, and perhaps also François Couperin. Whether contemporary copies and first editions should also be included, whether the choice should at some point be extended to other composers, and whether the Archive will itself be entrusted with the preparation of editions based on its holdings, these matters depend not only on the decisions of the Board but also, and in great part, on the availability of funding – which, in the first instance, I alone shall provide.


Vienna, November 1927
[signed:] A. van Hoboken
[second part of document, aimed mainly at private collectors and dealers; no letterhead or subheading]

{3} The Archive for Photographic Reproductions of the Manuscripts of Musical Masterpieces, in the Music Collection of the National Library of Vienna, has the task of bringing together photographic reproductions of manuscripts of significant masterworks of music. It will have these reproductions made wherever possible in original size by the widely available photostatic process, and preserve the negatives that are created in this way. These transmit the notation in white on a black background: not in mirror image, but faithful to the manuscript. They can be examined in the the official rooms of the Archive in the music collection of the National Library, Vienna I, Augustinerbastei 6 (Albrechtsrampe) during office hours (weekdays from 9 am to 3 pm). As a matter of principle, they will not be sent out, but the Archive will, on request, prepare positive prints using the same process and making them available to interested parties against the simply reimbursement of production and posting costs. The photostatic process ensures a clear reproduction at low prices so that affordable copies can be made for all who wish to deepen their understanding of the manuscripts of the masters, for professional or other reasons.

To all public and private collections, private owners of manuscripts, and antiquarian dealers: we hereby direct our humblest appeal to help us in our efforts, insofar as they will give their agreement to make reproductions of the items in their possession. They are especially requested, for the sake of this enterprise, to make manuscripts that must be sold available in advance to the Archive, that is to have them reproduced at its expense (by prior agreement). We also request that copies of unknown or unpublished manuscripts be saved for the Archive, before they disappear again into the unknown. In this way, a reservation for publication or multiple reproduction and dissemination in facsimile editions can be made; in particularly delicate situations, the reproductions can remain in the hands of the last owner of the autograph. It is a matter of nothing less than the preservation of our musical art, as only a knowledge of the manuscript is capable of correcting the mistakes that have crept into the editions. In particular we stress further to private owners and dealers that, in our opinion, the photographic reproduction of a manuscript will not only not reduce its value; on the contrary, if the significance of a manuscript is recognized in wider circles, it will increase in value. In addition, owners who for whatever reasons wish to remain anonymous may always count upon our discretion. Alternatively, we are prepared, on request, to perpetuate the names of owners on all copies of the items in their possession, as the ownership of valuable manuscripts is indeed very honorable.

We have planned, in the absence of any other agreement, to give the owners not only a positive copy of their manuscript but in addition a copy of any other work in our collection of similar size, according to their choosing. Those, too, who make available one of the manuscripts we are seeking will gladly be rewarded with a copy of that work, unless we have come to some other arrangement. Proposals for our enterprise, in whatever form they take, are always welcome, and we request that letters be directed to the address given above.

To begin with, we have considered including the following works

[arranged in two columns]
  • J. S. Bach:
  • Cantata [No. 143,] "Du Friedensfürst, Herr Jesu Christ"
  • the sonatas [and partitas] for unaccompanied violin
  • Well-tempered Clavier, Books 1 and 2
  • Handel:
  • Organ concertos
  • keyboard suites, Book 1 (as many as survive)
  • J. Haydn:
  • one symphony
  • six string quartets
  • three piano sonatas
  • Capriccio for piano
  • Mozart:
  • The Magic Flute
  • Symphony in G minor (K.550)
  • Piano Concerto in A major (K. 488)
{4}
  • Beethoven:*)
  • Violin Concerto, Op. 61
  • String Quartet in F minor, Op. 95
  • Piano Sonata, Op. 109
  • Schubert:
  • Sonata in A minor, known as Op. 164
  • Twelve German Dances, with Coda (some published with the last waltzes, Op. 127, some unpublished)
  • song cycle The Winter's Journey
  • Chopin:
  • Scherzo in B flat minor, Op. 31 5
  • Ballade in A minor, Op. 38
  • Scherzo in E major, Op. 39 6
  • 
Nocturne in F minor, Op. 55, No. 1
  • Mazurka in B major, Op. 63, No. 1
  • Waltz in C# minor, Op. 64, No. 2
  • Berceuse, Op. 57

(All subject to the agreement of the owners.)

Finally, we should also like to call upon all students of music and music lovers to use the Archive as actively as possible. You who are concerned with this noble art may all be convinced that the manuscripts of our great masters are the most inexhaustible source for a fundamental study of this material, which is so difficult; and that the respect given to their authoritative meaning, compared to all other versions currently in circulation, offers the only means of freeing the art of the masters from the anarchic chaos in which it finds itself today. It is the higher purpose of the Archive to offer you our help in this respect.


[signed:] The Board of Directors:

[signed:] A. van Hoboken
[signed:] Dr. Heinrich Schenker
[signed:] Dr. Robert Haas [note in margin] *) With regard to the reproduction of Beethoven's manuscripts, to avoid duplicative work we have come to an agreement with the Beethoven-Archiv in Bonn, where a project similar to the one that we putting forward was announced at the beginning of the year, albeit restricted to Beethoven.

© Translation William Drabkin, 2011

Footnotes

1 Hoboken is probably thinking here of Schenker’s “Weg mit dem Phrasierungsbogen,” a general diatribe against arbitrary editorial interference, recently published in Das Meisterwerk in der Musik, vol. 1 (1925).

2 In “Die Kunst zu hören,” published in Der Tonwille, issue 3 (1922), Schenker had exposed examples of wilful textual alterations to a Scarlatti sonata (made by Hans von Bülow) and a Chopin polonaise (made by Karl Klindworth).

3 Hoboken probably means the gradual deterioration of an old manuscript over time, as well as its loss through a specific action (e.g. by sale, theft, or giving away).

4 Privatdozent: in Germany and Austria, a lecturer who is not an official member of the university teaching staff.

5 Within a few years of Hoboken’s Appeal, Schenker was himself vigorously insisting that Schenker’s Second Scherzo was in the key of D flat major (in which it ends), not in B flat minor (in which it begins). See Der freie Satz, fig. 13, and the list of pieces projected for a second series of Urlinie-Tafeln.

6 Either the key or the opus number is incorrect: Chopin’s Scherzo Op. 39 is in C# minor; the E major Scherzo is Op. 54. (The confusion may have resulted from the two works having the same initial key signature, four sharps.)