[January 22, 1935:]

{3967} Bis zum 4. I. 35 gehen die eigenhändigen Notizen (dieses letzte Blatt Violin geschenkt). An diesem Tag trifft ein schlechter Befund ein 3.1%, wir rufen den Arzt. Er führt ihn auf den Schluck Sekt zurück, mit dem wir (schon vor 10h!) das neue Jahr begrüßt hatten. Wünscht nach einigen Tagen eine Analyse. Der geliebte Mann ist sehr schwach, unterrichtet aber mit dem Aufbot seiner letzten Kraft. An einen Ausgang ist nicht zu denken, trotz Lufthunger, – der Durst wird quälend, die Flüssigkeits[-]Zufuhr in Hinblick auf die Schwellung der Füße gedrosselt. Donnerstag den 10. I. sammeln wir wieder u. lassen Freitag, noch vor dem Einlagen des Befundes den Arzt kommen, wollen das Ergebnis der Analyse nachrufen. Er gibt an Stelle der früheren Medikamente etwas Neues, Tropfen, „Coramin“ 2 u. Zäpfchen, weil sich beim Frühstück ein Brechreiz eingestellt hatte. Im Vorzimmer macht er mir die Mitteilung, daß das Herz nicht gut sei. Nachmittag ist der Befund noch nicht da. Die Vormittagsstunde war abgesagt, auch die Nachmittagsstunde am Vortag (Elias) – Karl Rothberger hatte Donnerstag von ½12–¾1h die letzte Stunde – etwas geröteter Rachen, meint der Arzt, das Sprechen strengt sehr an! — Die Nacht von Freitag auf Samstag – bei offener Verbindungstür war nicht schlecht, ich erfrage teleph. den Befund: 3.6% u. melde ihn dem Arzt; er erscheint u. schlägt für den Abend ein Consilium mit dem Zuckerdirektor, Dr. Halberstam vor. Wahrscheinlich wird jetzt Insulin notwendig, die Zuckertoleranz des Organismus ist zuende!! Der Geliebte ißt mittags bei Tisch, wenig Appetit. Um 7h die Aerzte. Dr. H. untersucht, sie ziehen sich zurück, rufen mich dann u. machen mir die Mitteilung, daß sich die ersten Insulin-Versuche nur im Sanatorium vornehmen lassen, es schreckt mich nicht sehr u. auch mein Heinelein ist {3968} für diese Kur. Noch in Gegenwart der Aerzte, um ¼9h bestelle ich einen Kranken-Transportwagen für Sonntag früh ½9h. Die Aerzte gehen, ich bringe den Geliebten zur Ruhe u. packe dann das Nötigste ein. Vormitternacht reiche ich zweimal die Urinflasche, dann schlafen wir beide. Ich stehe um ½7h auf, mache mich rasch fertig u. gehe dann ins Arbeitszimmer. Nach der morgenüblichen Begrüßung fragt mein theueres Heinelein: „Und was geschieht jetzt mit mir?“ Ich quäle ihn nicht mit Toilettenmachen, das kann im Sanatorium geschehen, gebe ihm warme Handschuhe, eine Strickweste, einen Shawl um den Hals, dann den Schlafrock u. auf den Kopf das seidene Mützchen u. darüber die schwarze Hauskappe. Als ich den Winterrock an Stelle einer Decke vorschlage, meint der Geliebte: „Ja, vielleicht kann ich dort einmal in den Garten gehen.“ Die Träger kommen, alles geht sehr schnell – unterwegs schlummert der Teuere u. während ich den Transport bezahle ist er auch schon zu Bett gebracht. Bald erscheint ein Arzt – Dr. Urban? – u. nimmt eine Blutprobe (später sagt mir Dir. H. daß sie das Vierfache der normalen Blutzuckermenge ergeben haben). Gewicht bei der Aufnahme: 63 kg! – als Gott ihn mir schenkte: 99 kg! Aus einer leichten Benommenheit spricht der Kranke: „Ich will nur wissen, wie das mit der Saar 3 ausgegangen ist.[“] – Insulin-Injektion. Dir. H.: „Ich werde Ihnen später zeigen, wie Sie es machen sollen.“ Violin zu Besuch – um 8h hatte ich ihn umdirigirt, er wollte in die Keilgasse kommen. Ich benutze seine Anwesenheit um die vergessene Zahnprothese, Wein u. die geliebten Preiselbeeren zu holen. Speisezettel wird gemacht, trotz Injektion kein Appetit, mühsames Essen, quälender Durst, größere Flüssigkeitszufuhr erlaubt, ja erwünscht. Um ½6h Violin – ich gehe etwas essen, bin bald zurück, der Theuere hatte mehrmals nach mir ge- {3969} fragt. Große Unruhe, die Decke wird nicht geduldet, ich gebe dem Geliebten eine Hose u. Socken an die eiskalten Füße. Kleide mich aus u. sitze am Rande meines Divanbettes. Vielleicht hat mich Schlaf übermannt – plötzlich höre ich: „Lie-Liechen, Licht[“] – ich springe auf u. eile ans Bett – links kann ich keinen Puls fühlen, rechts dann einen ganz dünnen, ich läute, die Schwester kommt u. meint, der ist ja gar nicht so schlecht u. geht weg. So denke ich mir, nun geht sie u. läßt uns hilflos zurück – aber bald kommt sie mit Dr. H zurück. Ich höre „Kampfer“ – o, wie schrecklich – aber auch das war vor 4 Jahren schon einmal da, u. Gott hatte weitergeholfen. Auch Coffein wird injizirt u. ich sollte kein Medikament mehr geben. Da der Arme aber keinen Schlaf findet, gebe ich dennoch ein Artrial, 4 das er leider zerbeißt u. nun einen quälenden, bitteren Geschmack im Munde hat. Aus einer leichten Benommenheit höre ich ihn dann sagen „… aus . .“ 5 was denn, aus, sage ich, wir werden noch miteinander tanzen – u. mit einer ärgerlichen Geste, weil ich nicht verstanden habe, setzt er fort: „… aus, . . aus der Matthäuspassion ist mir etwas eingefallen . .“ das waren die letzten Worte meines Heißgeliebten. Dir. H. kommt, schüttelt den Kopf u. fragt, ob er den Hausarzt rufen soll. Freilich, schnell, – mir wird bange, ich fühle das Bedürfnis nach einem Freund – bitte, Violin soll kommen, sie rufen ihn von der Portierloge aus – der Arzt ist sehr schnell zur Stelle, sie geben eine Injektion. Dir. H. fragt, ob er noch jemand rufen soll – ja, schnell, ein Dozent Herz erscheint, der Kranke begrüßt ihn u. ein Lächeln der Zuversicht, hilfesuchend, leuchtet auf – eine Kochsalz-Injektion in die Vene an der rechten Armbeuge. Indessen bemerke ich zu meinem {3970} Entsetzen, daß der rechte linke Unterarm u. die Hand ganz weiß u. kalt geworden ist. Die Schwester reibt sie mit Franzbranntwein, ich versuche dann durch fortgesetztes Reiben die Hand zu erwärmen u. bilde mir auch ein, daß es gelingt. Die Aerzte gehen, Dir. H. sitzt rechts, ich stehe links, der Kranke legt die Hände gefaltet ineinander, die rechte warme, rote u. die gelähmte, weiße, kalte, dreht den Kopf etwas zu mir hin, ich sehe plötzlich das Weiße im Auge u. höre ein Röcheln, Herr Doktor, schreie ich, er erschrickt, legt den Finger auf den Mund zum Zeichen, daß ich den erhabenen Augenblick nicht entweihen möge – noch zweimal röchelt der Geliebte – dann hat der Große, Edle seine Seele ausgehaucht! Ohne Schmerz, ohne Kampf – u. nun lag er da wie der verkörperte Frieden! Violin u. Frau waren um wenige Minuten zu spät gekommen! Diese 3970 Blätter waren nie für die Öffentlichkeit bestimmt, nur für uns als Gedächtniskrücke – wenn auch vieles darin enthalten ist, was interessant, belehrend u. aufklärend ist. Die Spanne Zeit, die zu leben mir noch bestimmt ist, werde ich nur dem Werke widmen – was sonst in mir u. um mich herum noch vorgehen mag ist – ohne ihn! – nicht wert, festgehalten zu werden, u. so schließe ich ab mit dem zuversichtlichen Gedanken: Es kann die Spur von unsern Erdentagen nicht in Aeonen untergeh’n —


Wien, den 22. Januar 1935

© Transcription Marko Deisinger.

[January 22, 1935:]

{3967} The notes in Schenker’s hand go up to January 4, 1935. (This last page was given as a present to Violin.) On this day, a bad result arrives: 3.1%; we telephone the doctor. He attributes it to a sip of sparkling wine, with which we had greeted the New Year (already before 10 o’clock!). He would like an analysis after a few days. My dear husband is very weak, but teaches by summoning his last ounce of strength. To make an exit is inconceivable, in spite of shortness of breath – his thirst pains him, the intake of liquids [must be] curbed in view of the swelling in his feet. On Thursday, January 10, we collect a sample; and on Friday we call the doctor even before the results have arrived; we will telephone th