25. April 1931 Schön, 12°.

— Von Halberstam (K.): werde also Mittwoch kommen. — Von Oppel (Br.): dankt für die Mozart-Karte; 1 berichtet über die Aufführung der Klavier-Violin-Variationen, bittet über Anfrage um einige empfehlende Worte nach Breslau; werde Furtwängler eine Suite vorspielen. Leipzig sei teurer als Kiel, was ihn zwinge, den Lebensstandard zu verengen. — v. Hob. bringt um 3h zwei Karten zur Zuckermayer-Premiere. — Nach der Jause: wir bestellen beim Fotografen 16 Abzüge u. bezahlen für die Aufnahmen 40 S. — An die U.-E. (Br.): die Urlinie-Tafeln der Tonwille-Hefte sind auf den Text angewiesen, die Urlinie-Tafeln, die ich jetzt meine, brauchen keinen Text; für jene empfiehlt sich die Propaganda durch den Hauptkatalog, die umso näher liegt, als die dreibändige aAusgabe auf dem Titelblatt schon die U.-E. als Verlag führt. — Premiere „Der Hauptmann von Köpenick“. 2 Herr u. Frau Deutsch u. v. H. kommen in der Pause zu uns. D. entschuldigt seine Dummheit, was mich wieder mit ihm aussöhnt. v. H. teilt mit, daß er Dienstag doch zur Stunde kommt! Zum Stück: Die Wirklichkeit war in diesem Falle poetischer als jede poetische Darstellung zu sein vermöchte. Sie brachte einen genialen Einzelfall, nichts Typisches. Für die Genialität eines Einfalls aber gibt es keine Erklärung, deshalb auch keine Form, im Grunde nicht einmal eine Filmmöglichkeit, 3 nur einfachen Bericht darüber. Der untypische Schuster steht einem typischen Militär gegenüber, das ist keine wirkliche Be- {3611} ziehung, nicht einmal ein wirklicher Gegensatz, daran krankt das Stück zumeist. Unecht ist übrigens des Dichters Stellung zu dem Gerechtigkeitsproblem in der Angelegenheit des Schusters: er darf den Konflikt nicht so darstellen, daß die leidigen Intelligenzler daraus die ihnen willkommene aber sehr unangebrachte Prolongation des Einzelfalles bis zur Ausrottung des Militarismus fordern. Will er das? Der Dichter würde diese Fragen bestimmt verneinen, u. doch sind die Bilder meist aufreizend antimilitaristisch. Dem Dichter muß gegenwärtig sein, daß der Militarismus als Zusammenfassung von niederem u. niedrigstem Volkstum nur auf unbedingtemr Disziplin beruhen kann. Von diesen Fehlern abgesehen muß dem Dichter zugestanden werden, daß er eine beträchtliche deutende Kraft an der Hauptfigur bewährt hat; schade, daß ihm die Vergeblichkeit eines solchen Versuches nicht bewußt war. Thaller trug trotz seiner 75 Jahren die Rolle außerordentlich kräftig vor. Sehr schön meinte Lie-Liechen: den Schuster Voigt hat sicher Thaller besser als Werner Krauß gespielt, den Hauptmann spielt Krauß vielleicht besser. Der Anblick des Premieren-Publikums hat auf mich aufreizend gewirkt. Meine mehr durch die Kunst- als durch die Wirtschaftskrise bedrängte materielle Lage, so wie die Gefährdung meiner Arbeiten kam mir betrübend zum Bewußtsein: Da saßen Menschen, die das Geld mühelos verdienen mit Waren, die vom Tag für den Tag für den Tag [sic] sind, die in aller Menschen Hände gehen usw. – dann richtete ich mich noch während der Vorstellung auf u. ergab mich in das Schicksal eines für die Welt zu tiefsinnigen Wahrheitsbringen, 4 bis mich im Bett der Gegensatz so mürbe machte machte [sic], daß ich die Nacht durchwachte. — Nach dem Theater im Café Aspang. —{3612}

© Transcription Marko Deisinger.

April 25, 1931, fair weather 12°.

— From Halberstam (postcard): okay, he will come on Wednesday. — From Oppel (letter): thanks for the Mozart card; 1 he reports about the performance of his Variations for piano and violin, asks for a few words of recommendation for Breslau, if requested; he will play a Suite to Furtwängler. Leipzig is more expensive than Kiel, which compels him to constrict his standard of living. — At 3 o’clock, Hoboken brings two tickets for the Zuckermayer premiere. — After teatime, we order 16 prints at the photographers, and pay 40 shillings for the photographs. — To UE (letter): the Urlinie graphs in Der Tonwille are dependent on the text; the Urlinie graphs that I am now referring to do not require a text. For the former, the best advertisement is in the main catalogue, which is all the more obvious since the three-volume edition now gives UE as the name of the publisher on the title-page. — Premiere of The Captain of Köpenick. 2 Mr. and Mrs. Deutsch and Hoboken find us during the intermission. Deutsch apologizes for his ignorance, which reconciles me with him again. Hoboken informs me that he will come to his lesson on Tuesday after all! Regarding the play: in this case, the reality was more poetic than any poetic representation would have been capable of being. It brought an ingenious, one-of-a-kind case, not something typical. For the ingenuity of an idea, however, there is no explanation, and therefore no form – basically not even the possibility of form, 3 merely to give a simple report about it. The atypical shoemaker is contrasted with a typical military officer; that is not a real relationship, {3611} still less a true opposition – it is this feature from which the play suffers. Moreover, the playwright’s attitude towards the problem of justice, as concerns the shoemaker, is artificial: he ought not portray the conflict in such a way that the tiresome intellectuals demand the prolongation of the individual case, which they welcome although it is very misguided, to the point of the extinction of militarism. Does he wish to do so? The playwright would certainly deny this, and yet the scenes are for the most part provocatively antimilitaristic. The playwright must be aware that militarism, as a pooling of the lower and lowest levels of society, can function only on the basis of unconditional discipline. These shortcomings aside, it must be conceded that the playwright has created a considerable illuminating force in the principal character; it is a pity that he was not conscious of the futility of such an experiment. Thaller performed the role with extraordinary strength, in spite of his 75 years. Lie-Liechen expressed it very aptly: the shoemaker Voigt was certainly played better by Thaller than by Werner Krauß; perhaps Krauss plays the captain better. The sight of the audience at the premiere agitated me. My material situation, threatened more by the artistic than by the financial crisis as well as the threat to my works, was sorrowfully brought to consciousness: people sat there who earn money effortlessly with products that are made on the day for the day, and which go into everyone’s hands, etc. Then I sat upright, even as the performance continued, and surrendered myself to the fate of a bringer of truths 4 that are too profound for the world, until the opposite wore me down in bed to such an extent that I was awake throughout the night. — After the theater, at the Café Aspang. —{3612}

© Translation William Drabkin.

25. April 1931 Schön, 12°.

— Von Halberstam (K.): werde also Mittwoch kommen. — Von Oppel (Br.): dankt für die Mozart-Karte; 1 berichtet über die Aufführung der Klavier-Violin-Variationen, bittet über Anfrage um einige empfehlende Worte nach Breslau; werde Furtwängler eine Suite vorspielen. Leipzig sei teurer als Kiel, was ihn zwinge, den Lebensstandard zu verengen. — v. Hob. bringt um 3h zwei Karten zur Zuckermayer-Premiere. — Nach der Jause: wir bestellen beim Fotografen 16 Abzüge u. bezahlen für die Aufnahmen 40 S. — An die U.-E. (Br.): die Urlinie-Tafeln der Tonwille-Hefte sind auf den Text angewiesen, die Urlinie-Tafeln, die ich jetzt meine, brauchen keinen Text; für jene empfiehlt sich die Propaganda durch den Hauptkatalog, die umso näher liegt, als die dreibändige aAusgabe auf dem Titelblatt schon die U.-E. als Verlag führt. — Premiere „Der Hauptmann von Köpenick“. 2 Herr u. Frau Deutsch u. v. H. kommen in der Pause zu uns. D. entschuldigt seine Dummheit, was mich wieder mit ihm aussöhnt. v. H. teilt mit, daß er Dienstag doch zur Stunde kommt! Zum Stück: Die Wirklichkeit war in diesem Falle poetischer als jede poetische Darstellung zu sein vermöchte. Sie brachte einen genialen Einzelfall, nichts Typisches. Für die Genialität eines Einfalls aber gibt es keine Erklärung, deshalb auch keine Form, im Grunde nicht einmal eine Filmmöglichkeit, 3 nur einfachen Bericht darüber. Der untypische Schuster steht einem typischen Militär gegenüber, das ist keine wirkliche Be- {3611} ziehung, nicht einmal ein wirklicher Gegensatz, daran krankt das Stück zumeist. Unecht ist übrigens des Dichters Stellung zu dem Gerechtigkeitsproblem in der Angelegenheit des Schusters: er darf den Konflikt nicht so darstellen, daß die leidigen Intelligenzler daraus die ihnen willkommene aber sehr unangebrachte Prolongation des Einzelfalles bis zur Ausrottung des Militarismus fordern. Will er das? Der Dichter würde diese Fragen bestimmt verneinen, u. doch sind die Bilder meist aufreizend antimilitaristisch. Dem Dichter muß gegenwärtig sein, daß der Militarismus als Zusammenfassung von niederem u. niedrigstem Volkstum nur auf unbedingtemr Disziplin beruhen kann. Von diesen Fehlern abgesehen muß dem Dichter zugestanden werden, daß er eine beträchtliche deutende Kraft an der Hauptfigur bewährt hat; schade, daß ihm die Vergeblichkeit eines solchen Versuches nicht bewußt war. Thaller trug trotz seiner 75 Jahren die Rolle außerordentlich kräftig vor. Sehr schön meinte Lie-Liechen: den Schuster Voigt hat sicher Thaller besser als Werner Krauß gespielt, den Hauptmann spielt Krauß vielleicht besser. Der Anblick des Premieren-Publikums hat auf mich aufreizend gewirkt. Meine mehr durch die Kunst- als durch die Wirtschaftskrise bedrängte materielle Lage, so wie die Gefährdung meiner Arbeiten kam mir betrübend zum Bewußtsein: Da saßen Menschen, die das Geld mühelos verdienen mit Waren, die vom Tag für den Tag für den Tag [sic] sind, die in aller Menschen Hände gehen usw. – dann richtete ich mich noch während der Vorstellung auf u. ergab mich in das Schicksal eines für die Welt zu tiefsinnigen Wahrheitsbringen, 4 bis mich im Bett der Gegensatz so mürbe machte machte [sic], daß ich die Nacht durchwachte. — Nach dem Theater im Café Aspang. —{3612}

© Transcription Marko Deisinger.

April 25, 1931, fair weather 12°.

— From Halberstam (postcard): okay, he will come on Wednesday. — From Oppel (letter): thanks for the Mozart card; 1 he reports about the performance of his Variations for piano and violin, asks for a few words of recommendation for Breslau, if requested; he will play a Suite to Furtwängler. Leipzig is more expensive than Kiel, which compels him to constrict his standard of living. — At 3 o’clock, Hoboken brings two tickets for the Zuckermayer premiere. — After teatime, we order 16 prints at the photographers, and pay 40 shillings for the photographs. — To UE (letter): the Urlinie graphs in Der Tonwille are dependent on the text; the Urlinie graphs that I am now referring to do not require a text. For the former, the best advertisement is in the main catalogue, which is all the more obvious since the three-volume edition now gives UE as the name of the publisher on the title-page. — Premiere of The Captain of Köpenick. 2 Mr. and Mrs. Deutsch and Hoboken find us during the intermission. Deutsch apologizes for his ignorance, which reconciles me with him again. Hoboken informs me that he will come to his lesson on Tuesday after all! Regarding the play: in this case, the reality was more poetic than any poetic representation would have been capable of being. It brought an ingenious, one-of-a-kind case, not something typical. For the ingenuity of an idea, however, there is no explanation, and therefore no form – basically not even the possibility of form, 3 merely to give a simple report about it. The atypical shoemaker is contrasted with a typical military officer; that is not a real relationship, {3611} still less a true opposition – it is this feature from which the play suffers. Moreover, the playwright’s attitude towards the problem of justice, as concerns the shoemaker, is artificial: he ought not portray the conflict in such a way that the tiresome intellectuals demand the prolongation of the individual case, which they welcome although it is very misguided, to the point of the extinction of militarism. Does he wish to do so? The playwright would certainly deny this, and yet the scenes are for the most part provocatively antimilitaristic. The playwright must be aware that militarism, as a pooling of the lower and lowest levels of society, can function only on the basis of unconditional discipline. These shortcomings aside, it must be conceded that the playwright has created a considerable illuminating force in the principal character; it is a pity that he was not conscious of the futility of such an experiment. Thaller performed the role with extraordinary strength, in spite of his 75 years. Lie-Liechen expressed it very aptly: the shoemaker Voigt was certainly played better by Thaller than by Werner Krauß; perhaps Krauss plays the captain better. The sight of the audience at the premiere agitated me. My material situation, threatened more by the artistic than by the financial crisis as well as the threat to my works, was sorrowfully brought to consciousness: people sat there who earn money effortlessly with products that are made on the day for the day, and which go into everyone’s hands, etc. Then I sat upright, even as the performance continued, and surrendered myself to the fate of a bringer of truths 4 that are too profound for the world, until the opposite wore me down in bed to such an extent that I was awake throughout the night. — After the theater, at the Café Aspang. —{3612}

© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 One of the cards that Schenker had prepared by the printers Jahoda & Siegel. On it is printed an extract from a letter from Mozart, which Schenker reproduced and commented on in an article "Ein verschollener Brief von Mozart und das Geheimnis seines Schaffens," Der Kunstwart 44 (July 1931), pp. 660–66.

2 Carl Zuckmayer’s tragicomedy is based on an event that actually took place in 1906, when a shoemaker from East Prussia named Friedrich Wilhelm Voigt disguised himself as an army captain and, in command of a troupe of gullible soldiers, overran the city hall of Köpenick, near Berlin, arrested the mayor, and robbed the city treasury.

3 "Filmmöglichkeit" in the text, but "Formmöglichkeit" would suit the sense of Schenker’s argument better.

4 "Wahrheitsbringen" in the text, which is grammatically incorrect; "Wahrheitsbringers" would suit Schenker’s meaning.