13. Wolkenlos.

— Von Sophie, Julian u. Friedl (Ansichtsk.): Julians Abschied vor Antritt des Militärdienstes. — An die Brockensammlung 1 für jüdische Arme: drei Hüte u. ein Paar Schuhe abzuholen. — Ueberprüfe auf dem Aspangbahnhof noch einmal die Angaben des Fahrplanes u. finde sie bestätigt. — Am Vorwort. — Von Bamberger (Br. aus Wien vom 2. IX. über Galtür heute eingetroffen!): ist auf einer finnischen Tourneé, bittet um drei Stunden, kommt anfangs November; – stellt Honorarerhöhung frei, denkt auch an eine Kapellmeisterstelle in Helsingfors. — Um 11h das Mittagessen, dann Marie zur Tante geschickt u. zur Bahn; bis Waidhofen 101.600 Kronen. — 2 Wir reisen bequem, lesend, quälend ist nur die Hitze. Gleich nach der Ankunft gehen wir zum Friedhof, finden aber das Tor verschlossen; Lie-Liechen hat den glücklichen Einfall, im gegenüberliegenden christlichen Friedhof eine alte Frau nach dem Schlüs- {2567} sel zu fragen; der Zufall will es, daß der gesuchte Schlüssel in der Hand ihres Mannes ist, der anstelle des Herrn Stark Blumen zu gießen hatte, u. so gelingt es uns, den Friedhof zu betreten. Der Grabstein ist einfach, aber würdig; da schon die Marmortafel u. die Gravierung das Orthodoxe überschreiten, so hat Lie-Liechen Recht, daß sie noch eine Einfassung u. Epheuschmuck wünscht. Beklemmend war mir das Gefühl, daß die arme Mutter, die nach des Vaters Tode solange so lange unsern Zusammenhalt bedeutete, weit ab von den Kindern wie unzugänglich ruht! Hat ihr das Schicksal in den allerletzten Jahren übel genug mitgespielt, so hätte es gerechterweise ihr eine Ruhestätte gönnen sollen, die ihren Lebensinhalt wie symbolisch hätte fortsetzen können. Der Bruder in Lemberg, der Vater in Podhayce, die ältere Schwester unbekannt [illeg]u. nun die Mutter hier – ein zu bitteres Auseinander, das im letzten Grunde vielleicht durch die Not der Familie verursacht worden ist. Die Familienglieder gingen, wohin sie die Not trieb, materielle oder geistige, u. so kam das ganze Haus in ein Durcheinander. — An Wilhelm, Sophie, u. Mozio Grüße – auch wir bewahren eine Ansichtskarte zur Erinnerung an den ersten Besuch. Auf dem Rückwege erkundigen wir uns beim Gärtner, der uns auch den Namen desjenigen nennt, der die Einfassung macht, doch wollen wir diese Frage bis zum Frühling vertagen. Inzwischen starke Wolkenansammlung, Donnerrollen, starke Blitze, kein Regen. Nun erst bei Tiefenböck die Jause genommen u. bald darauf auch das Abendessen. Werden von Herrn Hauser (u. Bruder) erkannt, begrüssen uns, sie zeigen sich über Wilhelms Verhältnisse unterrichtet; das Gespräch ist nur kurz. Auf der Heimreise geraten wir in eine etwas sonderbare Gesellschaft von kaufhungrigen, wuchernden Auslandfrauen. Unter ihnen ein junger Mann, dessen Beruf nicht zu entziffern ist, dessen Maul aber alle Gegenstände der Welt durcheinanderwirft durcheinander wirft, ohne eine Spur {2568} von eigentlicher Bildung, von wirklicher Fühlung u. doch, wie es scheint, von Ort zu Ort herumgeworfen. Den Damen ein „unterhaltender“ Mensch, bringt er es fertig den Eindruck fertig: „Schnell ist die Zeit vergangen, nicht wahr?“ — Wir treffen pünktlich in Wien ein, aber die in Aussicht gestellte Rundlinie ließ noch eine halbe Stunde auf sich warten; endlich, um 1h, zuhause.

© Transcription Marko Deisinger.

13 Cloudless.

— From Sophie, Julian and Friedl (picture postcard): Julian's farewell before entering the military service. — To the Second Hand Collection 1 for the Jewish poor: three hats and a pair of shoes to be picked up. — Once again check the times listed in the schedule at the Aspang Train Station and see them confirmed. — Worked on Foreword. — From Bamberger (letter from Vienna from September 2 via Galtür arrived today!): is on a Finnish tour, asks for three lessons, is coming the beginning of November; – approves of fee increase, is also thinking about a musical director position in Helsingfors. — Lunch at 11:00, then Marie is sent to [her] aunt and then to the train; to Waidhofen 101,600 Kronen. — 2 We travel comfortably, reading, only the heat is torturous. As soon as we arrive, we go to the cemetery, but we find the gate closed; Lie-Liechen has the bright idea of asking an elderly woman in the Christian cemetery about the key; {2567} as coincidence would have it, the key we are looking for is in her husband's hand, and he is watering the flowers in Mr. Stark's stead, and thus we succeed in entering the cemetery. The gravestone is simple, but dignified; since the marble slab and the engraving break with orthodoxy, Lie-Liechen is right in wishing for a frame and ivy decoration. It made me uneasy to feel that my poor mother, who was the one to hold us together for so long after the death of my father, lies far from us children, as if unreachable! Fate played a bad enough role in the very last years, so it would have been fair if it had granted her a resting place where the purpose of her life could have continued as if symbolically. My brother in Lemberg, my father in Podhayce, my eldest sister unknown, [illeg]and now my mother here – a too-bitter separation, that perhaps ultimately was caused by the family's plight. The members of the family went where their plight led them, materially or spiritually, and thus the entire house fell into disarray. — Greetings to Wilhelm, Sophie, and Mozio – we also keep a picture postcard in remembrance of our first visit. On the way back, we ask the gardener, who also tells us the name of the person who makes frames, but we want to hold off on this question until the spring. In the meantime, heavy clouds collect, the thunder rolls, fierce lightening, no rain. Only now do we have afternoon coffee at Tiefenböck's and dinner as well soon thereafter. We are recognized by Mr. Hauser (and his brother), they greet us and prove to be informed about Wilhelm's situation; the conversation is only short. On the trip home, we find ourselves in a somewhat strange group of purchase-hungry, profiteering foreign women. A young man is among them, whose profession is not discernable, but whose tongue mixes up all the objects of the world without a trace {2568} of actual education, of true contact, and yet, it would seem, thrown about from place to place. As an "conversational" person for the ladies, he succeeds in creating the impression: "Time has passed quickly, hasn't it?" — We arrive on time in Vienna, but we had to wait a half hour for the circle line we were aiming for; finally, at 1:00, home.

© Translation Scott Witmer.

13. Wolkenlos.

— Von Sophie, Julian u. Friedl (Ansichtsk.): Julians Abschied vor Antritt des Militärdienstes. — An die Brockensammlung 1 für jüdische Arme: drei Hüte u. ein Paar Schuhe abzuholen. — Ueberprüfe auf dem Aspangbahnhof noch einmal die Angaben des Fahrplanes u. finde sie bestätigt. — Am Vorwort. — Von Bamberger (Br. aus Wien vom 2. IX. über Galtür heute eingetroffen!): ist auf einer finnischen Tourneé, bittet um drei Stunden, kommt anfangs November; – stellt Honorarerhöhung frei, denkt auch an eine Kapellmeisterstelle in Helsingfors. — Um 11h das Mittagessen, dann Marie zur Tante geschickt u. zur Bahn; bis Waidhofen 101.600 Kronen. — 2 Wir reisen bequem, lesend, quälend ist nur die Hitze. Gleich nach der Ankunft gehen wir zum Friedhof, finden aber das Tor verschlossen; Lie-Liechen hat den glücklichen Einfall, im gegenüberliegenden christlichen Friedhof eine alte Frau nach dem Schlüs- {2567} sel zu fragen; der Zufall will es, daß der gesuchte Schlüssel in der Hand ihres Mannes ist, der anstelle des Herrn Stark Blumen zu gießen hatte, u. so gelingt es uns, den Friedhof zu betreten. Der Grabstein ist einfach, aber würdig; da schon die Marmortafel u. die Gravierung das Orthodoxe überschreiten, so hat Lie-Liechen Recht, daß sie noch eine Einfassung u. Epheuschmuck wünscht. Beklemmend war mir das Gefühl, daß die arme Mutter, die nach des Vaters Tode solange so lange unsern Zusammenhalt bedeutete, weit ab von den Kindern wie unzugänglich ruht! Hat ihr das Schicksal in den allerletzten Jahren übel genug mitgespielt, so hätte es gerechterweise ihr eine Ruhestätte gönnen sollen, die ihren Lebensinhalt wie symbolisch hätte fortsetzen können. Der Bruder in Lemberg, der Vater in Podhayce, die ältere Schwester unbekannt [illeg]u. nun die Mutter hier – ein zu bitteres Auseinander, das im letzten Grunde vielleicht durch die Not der Familie verursacht worden ist. Die Familienglieder gingen, wohin sie die Not trieb, materielle oder geistige, u. so kam das ganze Haus in ein Durcheinander. — An Wilhelm, Sophie, u. Mozio Grüße – auch wir bewahren eine Ansichtskarte zur Erinnerung an den ersten Besuch. Auf dem Rückwege erkundigen wir uns beim Gärtner, der uns auch den Namen desjenigen nennt, der die Einfassung macht, doch wollen wir diese Frage bis zum Frühling vertagen. Inzwischen starke Wolkenansammlung, Donnerrollen, starke Blitze, kein Regen. Nun erst bei Tiefenböck die Jause genommen u. bald darauf auch das Abendessen. Werden von Herrn Hauser (u. Bruder) erkannt, begrüssen uns, sie zeigen sich über Wilhelms Verhältnisse unterrichtet; das Gespräch ist nur kurz. Auf der Heimreise geraten wir in eine etwas sonderbare Gesellschaft von kaufhungrigen, wuchernden Auslandfrauen. Unter ihnen ein junger Mann, dessen Beruf nicht zu entziffern ist, dessen Maul aber alle Gegenstände der Welt durcheinanderwirft durcheinander wirft, ohne eine Spur {2568} von eigentlicher Bildung, von wirklicher Fühlung u. doch, wie es scheint, von Ort zu Ort herumgeworfen. Den Damen ein „unterhaltender“ Mensch, bringt er es fertig den Eindruck fertig: „Schnell ist die Zeit vergangen, nicht wahr?“ — Wir treffen pünktlich in Wien ein, aber die in Aussicht gestellte Rundlinie ließ noch eine halbe Stunde auf sich warten; endlich, um 1h, zuhause.

© Transcription Marko Deisinger.

13 Cloudless.

— From Sophie, Julian and Friedl (picture postcard): Julian's farewell before entering the military service. — To the Second Hand Collection 1 for the Jewish poor: three hats and a pair of shoes to be picked up. — Once again check the times listed in the schedule at the Aspang Train Station and see them confirmed. — Worked on Foreword. — From Bamberger (letter from Vienna from September 2 via Galtür arrived today!): is on a Finnish tour, asks for three lessons, is coming the beginning of November; – approves of fee increase, is also thinking about a musical director position in Helsingfors. — Lunch at 11:00, then Marie is sent to [her] aunt and then to the train; to Waidhofen 101,600 Kronen. — 2 We travel comfortably, reading, only the heat is torturous. As soon as we arrive, we go to the cemetery, but we find the gate closed; Lie-Liechen has the bright idea of asking an elderly woman in the Christian cemetery about the key; {2567} as coincidence would have it, the key we are looking for is in her husband's hand, and he is watering the flowers in Mr. Stark's stead, and thus we succeed in entering the cemetery. The gravestone is simple, but dignified; since the marble slab and the engraving break with orthodoxy, Lie-Liechen is right in wishing for a frame and ivy decoration. It made me uneasy to feel that my poor mother, who was the one to hold us together for so long after the death of my father, lies far from us children, as if unreachable! Fate played a bad enough role in the very last years, so it would have been fair if it had granted her a resting place where the purpose of her life could have continued as if symbolically. My brother in Lemberg, my father in Podhayce, my eldest sister unknown, [illeg]and now my mother here – a too-bitter separation, that perhaps ultimately was caused by the family's plight. The members of the family went where their plight led them, materially or spiritually, and thus the entire house fell into disarray. — Greetings to Wilhelm, Sophie, and Mozio – we also keep a picture postcard in remembrance of our first visit. On the way back, we ask the gardener, who also tells us the name of the person who makes frames, but we want to hold off on this question until the spring. In the meantime, heavy clouds collect, the thunder rolls, fierce lightening, no rain. Only now do we have afternoon coffee at Tiefenböck's and dinner as well soon thereafter. We are recognized by Mr. Hauser (and his brother), they greet us and prove to be informed about Wilhelm's situation; the conversation is only short. On the trip home, we find ourselves in a somewhat strange group of purchase-hungry, profiteering foreign women. A young man is among them, whose profession is not discernable, but whose tongue mixes up all the objects of the world without a trace {2568} of actual education, of true contact, and yet, it would seem, thrown about from place to place. As an "conversational" person for the ladies, he succeeds in creating the impression: "Time has passed quickly, hasn't it?" — We arrive on time in Vienna, but we had to wait a half hour for the circle line we were aiming for; finally, at 1:00, home.

© Translation Scott Witmer.

Footnotes

1 "Brockensammlung": an organization that collects and refurbishes no longer needed second-hand furnishings, household goods and clothing and gives them to non-profit institutions and the needy.

2 Jeanette inserts emdash, then continues writing without paragraph break.