29. Wolkenlos!

— Um ½9h nach Eben ohne Kl. jun., der inzwischen, wie es heißt, an einer Vergiftung erkrankt ist. Dort geben wir Ansichtskarten auf an Vrieslander, Floriz,, an Frau Dahms, sämtliche mit den Unterschriften aller versehen, nehmen auf einer Bank vor dem Bahnhof das Nüsse u. Obst-Frühstück ein u. fahren mit dem gemischten Zug um 11h zurück. Auf dem Wiesenweg zwischen Altenmarkt u. Schloss wird mir Gelegenheit geboten, Inhalt u. Anordnung des 2. Bandes genau darzulegen, was dem ganz besonderen Interesse Beider [sic] begegnet. Lie-Liechen mahnt inzwischen zur {49} Rast, da sie meine Anstrengung wahrnimmt u. apostrophirt sogar Weisse mit den Worten: . . oder sind Sie ein Egoist? was aber auf ihn nur wenig Eindruck zu machen scheint; namentlich den Epilog wünscht er so gerne schon jetzt kennen zu lernen, was aber einfach schon daran scheitert, daß ich ihn nicht beigepackt habe. Noch vor Tische ein wenig am Klavier, unter anderem Mozart, Adur-Sonate; nach Tisch lese ich ein Feuilleton aus der „N. Fr. Pr.“ : Heimat Südtirol 1 vor, das namentlich Lie-Liechen u. mich als unmittelbar Betroffene fast zu Tränen rührt. Weisse wird um ½5h zum Zug begleitet. Nun mit Dahms allein. Er rückt sofort mit dem Anliegen heraus, das ihm so viele Jahre am Herzen lag; er schildert den Unterricht bei Vrieslander, welchen Stoff er bis jetzt hinter sich hat u. ersucht mich um Hilfe für das nachfolgende Jahr. Auch seiner Familienverhältnisse, seiner Scheidung von der ersten Frau u. dem freien Zusammenleben mit der zweiten erwähnt er; . Ich ergreife nun das Wort, um ihm einen weiten Studienplan abzustecken, der geeignet wäre, ihn noch über ein Jahr hinaus zu beschäftigen. Zwar müsse er, meinte ich, den strengen Satz noch ohne Ausblicke in den freien genießen, da Vrieslander selbst für diese Methode von mir zu wenig ausgerüstet worden, doch könne dieser Mangel später nachgeholt werden. Umso dringender verweise ich ihn auf die Generalbaßlehre sowohl des Vaters 2 als des Sohnes Bach, 3 erkläre ihm die Grund-Unterschiede beider Methoden u. meine, daß er namentlich an E. Bachs Generalbaßbuch das Organ für jene unsagbar feine Goldwage [sic] der Stimmführung sich anzueignen habe, die wohl keinen Musiker fehlen dürfte. Schließlich mache ich ihn darauf aufmerksam, daß er sehr viel auch zu lesen u. zu hören habe, schon nur um sich selbst zu Fragestellungen anzuregen, was ihn dann umso empfänglicher {50} machen werde für die Antworten, die er von anderen bekommt. Wir sprechen bei dieser Gelegenheit viel von Vrieslanders angeblichen Pessimismus, von Resignation, von der Berechtigung des Talentes u. Halbtalentes u. ich werde nicht müde immer wieder zu betonen, daß Vr. aus meinen Lehren falsche Schlüsse ziehe, wenn er insbesondere aus der Predigt des Genies entnehmen zu müssen glaubt, daß nun außer einem Genie niemand sonst das Recht habe, zu komponieren. Ich stelle das Mißverständnis richtig u. betone wiederholt, daß ich bloß schlechtes Schreiben, Unehrlichkeit aus der Kunst gebannt wissen möchte, im übrigen aber auch das Talent gerne gelten lasse, wenn es sich des Abstands vom Genie nur bewußt ist, denn darauf muß es der Menschheit im Ganzen u. jedem Einzelnen wohl sehr wesentlich ankommen.

© Transcription Marko Deisinger.

29 Cloudless!

— At 8:30 to Eben without Klammerth, Jr., who in the meanwhile, it is reported, is suffering from [food] poisoning. There we mail picture postcards to Vrieslander, Floriz,, to Dahms, all complete with the signatures of all [four], eat a breakfast of nuts and fruit on a bench in front of the train station and then take the mixed-class train at 11:00 back. Along the field path between Altenmarkt and the castle, I am given the opportunity to describe in detail the content and structure of volume 2, which was met with very special interest by both. Aware of my exertion, Lie-Liechen advises me now and again to {49} rest, and even apostrophizes Weisse, saying: . . or are you an egoist? which, however, appeared to have little effect on him; in particular, he very much wishes to become acquainted with the epilogue right away, which fails quite simply because I did not bring it along. Even before lunch at the piano a little, Mozart's Sonata in A major and others, after lunch I read aloud a feuilleton from the Neue Freie Presse : "Homeland South Tyrol," 1 which nearly brings Lie-Liechen and me to tears, since we are directly affected. Weisse is accompanied to the train at 4:30. Now alone with Dahms. He immediately brings up the issue that has been weighing on his heart for so many years; he describes the lessons with Vrieslander, what material he has covered so far, and asks me for help for the upcoming year. He also mentions his family situation, his divorce from his first wife and living together freely with his second; . I then break in to outline a broad plan of study suitable to occupy him for over a year. I remarked that although he has to enjoy species counterpoint without setting his sights on free [composition], since Vrieslander himself has been inadequately prepared for this method by me, this deficiency can be overcome later. I only all the more urgently recommend the study of thoroughbass of Bach, father 2 as well as son 3 , explain the fundamental differences between the two methods, and tell him that he must study especially C. P. E. Bach's book on thoroughbass to acquire the organ for that unspeakably fine sense of voice leading, which no musician should lack. Finally, I bring to his attention that there is also a lot he has to read and listen to, alone to stimulate questions in his own mind, which will make him all the more open {50} to the answers, that he receives from others. We take opportunity to talk a lot about Vrieslander's supposed pessimism, about resignation, about the right of talent and half-talent, and I do not tire of repeatedly emphasizing, that Vrieslander draws incorrect conclusions from my teaching when he believes he should understand especially from the genius sermon that no one other than a genius has the right to compose. I clear up the misunderstanding and again emphasize that I only wish to see poor composition [and] dishonesty banned from art, and incidentally also gladly honor talent when it is aware of its distance from genius, since this is very crucial for mankind as a whole as well as for every individual.

© Translation Scott Witmer.

29. Wolkenlos!

— Um ½9h nach Eben ohne Kl. jun., der inzwischen, wie es heißt, an einer Vergiftung erkrankt ist. Dort geben wir Ansichtskarten auf an Vrieslander, Floriz,, an Frau Dahms, sämtliche mit den Unterschriften aller versehen, nehmen auf einer Bank vor dem Bahnhof das Nüsse u. Obst-Frühstück ein u. fahren mit dem gemischten Zug um 11h zurück. Auf dem Wiesenweg zwischen Altenmarkt u. Schloss wird mir Gelegenheit geboten, Inhalt u. Anordnung des 2. Bandes genau darzulegen, was dem ganz besonderen Interesse Beider [sic] begegnet. Lie-Liechen mahnt inzwischen zur {49} Rast, da sie meine Anstrengung wahrnimmt u. apostrophirt sogar Weisse mit den Worten: . . oder sind Sie ein Egoist? was aber auf ihn nur wenig Eindruck zu machen scheint; namentlich den Epilog wünscht er so gerne schon jetzt kennen zu lernen, was aber einfach schon daran scheitert, daß ich ihn nicht beigepackt habe. Noch vor Tische ein wenig am Klavier, unter anderem Mozart, Adur-Sonate; nach Tisch lese ich ein Feuilleton aus der „N. Fr. Pr.“ : Heimat Südtirol 1 vor, das namentlich Lie-Liechen u. mich als unmittelbar Betroffene fast zu Tränen rührt. Weisse wird um ½5h zum Zug begleitet. Nun mit Dahms allein. Er rückt sofort mit dem Anliegen heraus, das ihm so viele Jahre am Herzen lag; er schildert den Unterricht bei Vrieslander, welchen Stoff er bis jetzt hinter sich hat u. ersucht mich um Hilfe für das nachfolgende Jahr. Auch seiner Familienverhältnisse, seiner Scheidung von der ersten Frau u. dem freien Zusammenleben mit der zweiten erwähnt er; . Ich ergreife nun das Wort, um ihm einen weiten Studienplan abzustecken, der geeignet wäre, ihn noch über ein Jahr hinaus zu beschäftigen. Zwar müsse er, meinte ich, den strengen Satz noch ohne Ausblicke in den freien genießen, da Vrieslander selbst für diese Methode von mir zu wenig ausgerüstet worden, doch könne dieser Mangel später nachgeholt werden. Umso dringender verweise ich ihn auf die Generalbaßlehre sowohl des Vaters 2 als des Sohnes Bach, 3 erkläre ihm die Grund-Unterschiede beider Methoden u. meine, daß er namentlich an E. Bachs Generalbaßbuch das Organ für jene unsagbar feine Goldwage [sic] der Stimmführung sich anzueignen habe, die wohl keinen Musiker fehlen dürfte. Schließlich mache ich ihn darauf aufmerksam, daß er sehr viel auch zu lesen u. zu hören habe, schon nur um sich selbst zu Fragestellungen anzuregen, was ihn dann umso empfänglicher {50} machen werde für die Antworten, die er von anderen bekommt. Wir sprechen bei dieser Gelegenheit viel von Vrieslanders angeblichen Pessimismus, von Resignation, von der Berechtigung des Talentes u. Halbtalentes u. ich werde nicht müde immer wieder zu betonen, daß Vr. aus meinen Lehren falsche Schlüsse ziehe, wenn er insbesondere aus der Predigt des Genies entnehmen zu müssen glaubt, daß nun außer einem Genie niemand sonst das Recht habe, zu komponieren. Ich stelle das Mißverständnis richtig u. betone wiederholt, daß ich bloß schlechtes Schreiben, Unehrlichkeit aus der Kunst gebannt wissen möchte, im übrigen aber auch das Talent gerne gelten lasse, wenn es sich des Abstands vom Genie nur bewußt ist, denn darauf muß es der Menschheit im Ganzen u. jedem Einzelnen wohl sehr wesentlich ankommen.

© Transcription Marko Deisinger.

29 Cloudless!

— At 8:30 to Eben without Klammerth, Jr., who in the meanwhile, it is reported, is suffering from [food] poisoning. There we mail picture postcards to Vrieslander, Floriz,, to Dahms, all complete with the signatures of all [four], eat a breakfast of nuts and fruit on a bench in front of the train station and then take the mixed-class train at 11:00 back. Along the field path between Altenmarkt and the castle, I am given the opportunity to describe in detail the content and structure of volume 2, which was met with very special interest by both. Aware of my exertion, Lie-Liechen advises me now and again to {49} rest, and even apostrophizes Weisse, saying: . . or are you an egoist? which, however, appeared to have little effect on him; in particular, he very much wishes to become acquainted with the epilogue right away, which fails quite simply because I did not bring it along. Even before lunch at the piano a little, Mozart's Sonata in A major and others, after lunch I read aloud a feuilleton from the Neue Freie Presse : "Homeland South Tyrol," 1 which nearly brings Lie-Liechen and me to tears, since we are directly affected. Weisse is accompanied to the train at 4:30. Now alone with Dahms. He immediately brings up the issue that has been weighing on his heart for so many years; he describes the lessons with Vrieslander, what material he has covered so far, and asks me for help for the upcoming year. He also mentions his family situation, his divorce from his first wife and living together freely with his second; . I then break in to outline a broad plan of study suitable to occupy him for over a year. I remarked that although he has to enjoy species counterpoint without setting his sights on free [composition], since Vrieslander himself has been inadequately prepared for this method by me, this deficiency can be overcome later. I only all the more urgently recommend the study of thoroughbass of Bach, father 2 as well as son 3 , explain the fundamental differences between the two methods, and tell him that he must study especially C. P. E. Bach's book on thoroughbass to acquire the organ for that unspeakably fine sense of voice leading, which no musician should lack. Finally, I bring to his attention that there is also a lot he has to read and listen to, alone to stimulate questions in his own mind, which will make him all the more open {50} to the answers, that he receives from others. We take opportunity to talk a lot about Vrieslander's supposed pessimism, about resignation, about the right of talent and half-talent, and I do not tire of repeatedly emphasizing, that Vrieslander draws incorrect conclusions from my teaching when he believes he should understand especially from the genius sermon that no one other than a genius has the right to compose. I clear up the misunderstanding and again emphasize that I only wish to see poor composition [and] dishonesty banned from art, and incidentally also gladly honor talent when it is aware of its distance from genius, since this is very crucial for mankind as a whole as well as for every individual.

© Translation Scott Witmer.

Footnotes

1 Albert Trentini, "Heimat in Südtirol," in: Neue Freie Presse , No. 19756, August 25, 1919, afternoon edition, pp. 1–3.

2 J. S. Bach, Vorschriften und Grundsätze zum vierstimmigen Spielen des General-Bass oder Accompagnement für seine Scholaren in der Music (1738).

3 C. P. E. Bach, Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen (Pt I: Berlin 1753, Pt II: Berlin 1762).