26. VIII. 19 Nebel, Wolken.

— Hole morgens 7h Weisse ab; eine der ersten Fragen war, ob Dahms schon abgereist sei; zugleich gesteht er, daß er damit gerechnet habe, Dahms sei schon abgereist. Erste Einführung in die Landschaft: im Ennstal über die Wiesen zur Wäscherin u. dann auf dem Rückwege durch Radstadt, wo ich alles Sehenswerte gezeigt habe. Der Tag bringt auch uns selbst ein neues Bild: einen Pferdemarkt; in allen Gassen werden Pferde vorgeführt, hinter der Stadt sehen wir auf zwei Plätzen die Tiere eingepfercht, auf einem Muttertiere mit ihren Füllen, auf dem andern Füllen allein. Auch hier ein Reiten, Feilschen usw. das Bild ist jedenfalls farbenkräftig u. namentlich {46} wegen der jungen Tiere sehr anziehend. Auf der Hochstraße nachhause. — Weisse wünscht mein Urteil über Ibsen zu hören. Ich stelle ihn als Meister seines Faches dar, dem allemal die Ausführung aus der Hand kommt, wie er sie gedacht hat, was das Kennzeichen eines Meisters ist. In Hinsicht der Stoffwahl sei gegenüber den deutschen Klassiker ein auffallender Unterschied: was diese gleichsam unter den Tisch werfen, weil davon ausführlich zu sprechen ihnen wohl als überflüssig erscheinen mochte, was sie höchstens also mit ein paar Sätzen oder Verszeilen abtun, in denen die Lösung der Frage enthalten ist, wird Ibsen zum ex offo 1 -Gegenstand des Dramas. Die Schuld – zeigt u. lehrt er – liege meistens in einem zunächst ganz unscheinbaren, von niemand beachteten Ereignis, gleichsam einem Pünktchen des Lebenslaufs, u. es ist offenbar keine seine Meinung, daß keine Besserung im Schicksal zu erwarten sei, bevor die Menschen ihre Wege nicht auch in solchen Augenblicke[n] behüten. Um das Bild des neuen Testamentes zu berühren: Letzte Augenblicke werden so zu ersten, wie man es im Nachhinein, leider zu spät für die Betroffenen, zu sehen Gelegenheit hat. Unsere Meister dagegen haben das Einzelschicksal in einen weitern [sic] Horizont gestellt, schon äußerlich bedeutendere Ereignisse als Hebel wirken lassen usw. — Ein wenig gespielt; es vergeht aber geraume Zeit, bis ich mich von der Gewohnheit freimache, vom Spiel weg zu sprechen oder mitzusingen. — Vom Holzhändler Baumann Absage, bezw. Aufforderung, anfangs September wieder anzufragen. — Von Dahms (Br.) 2 : werde am 27. d. morgens 7h ankommen. — Nachmittags nach Altenmarkt u. ein wenig ins Zauchtal hineingeblickt. {47} — Nach dem Abendessen ein paar der schönsten Kapitel aus Samuelis 3 vorgelesen; Weisse liest einiges aus dem West-ostlichen [sic] Divan 4 vor.

© Transcription Marko Deisinger.

August 26, 1919 Fog, clouds.

— Pick up Weisse at 7:00 in the morning; one of the first questions was whether Dahms has already departed; he immediately admits that he had counted on Dahms already having departed. Initial introduction to the surroundings: in the Enns Valley across the fields to the washerwoman and then through Radstadt on the way home, where I point out everything worth seeing. The day also brings us a new sight: a horse market; horses are shown in every street, behind the city we see the animals penned in two corrals, one for dams with their foals, and another with foals alone. Riding and bartering here, too, the sight is in any case colorful and {46} quite appealing on account of the young animals. Home along the high road. — Weisse wishes to hear my judgment of Ibsen. I portray him as a master of his trade who always executes his works the way he intended, which is the trademark of a master. With regard to the choice of material, there is a noticeable difference vis-à-vis classic German authors: what the latter quickly discard because it may appear superfluous, what they handle in at most a few sentences or lines of verse containing the solution to the question, is in Ibsen ex offo 1 the material of the drama. In most cases, the fault – he illustrates and teaches – lies in an at first seemingly unimportant event of which no one takes notice, like a minor point in a curriculum vitae, and it is apparently no his opinion, that no improvement in fate can be expected until people pay attention to their paths at such moments as well. To conjure up an image from the New Testament: thus shall the last moment be the first, as one has the chance to see in retrospect, unfortunately too late for those affected. Our masters, on the contrary, have placed individual fate on a broad horizon, allowing outwardly more significant events to play a role as levers, etc. — Played a little, but some time passes before I free myself from the habit of speaking or singing along while playing. — Cancellation from wood dealer Baumann, or, rather, request that we ask again the beginning of September. — From Dahms (letter): will arrive on August 27 at 7:00 in the morning. 2 — In the afternoon to Altenmarkt and looked into Zauch Valley a little. {47} — After dinner, read aloud a few of the most beautiful chapters from Samuel; 3 Weisse reads aloud parts of the West-Eastern Divan 4 .

© Translation Scott Witmer.

26. VIII. 19 Nebel, Wolken.

— Hole morgens 7h Weisse ab; eine der ersten Fragen war, ob Dahms schon abgereist sei; zugleich gesteht er, daß er damit gerechnet habe, Dahms sei schon abgereist. Erste Einführung in die Landschaft: im Ennstal über die Wiesen zur Wäscherin u. dann auf dem Rückwege durch Radstadt, wo ich alles Sehenswerte gezeigt habe. Der Tag bringt auch uns selbst ein neues Bild: einen Pferdemarkt; in allen Gassen werden Pferde vorgeführt, hinter der Stadt sehen wir auf zwei Plätzen die Tiere eingepfercht, auf einem Muttertiere mit ihren Füllen, auf dem andern Füllen allein. Auch hier ein Reiten, Feilschen usw. das Bild ist jedenfalls farbenkräftig u. namentlich {46} wegen der jungen Tiere sehr anziehend. Auf der Hochstraße nachhause. — Weisse wünscht mein Urteil über Ibsen zu hören. Ich stelle ihn als Meister seines Faches dar, dem allemal die Ausführung aus der Hand kommt, wie er sie gedacht hat, was das Kennzeichen eines Meisters ist. In Hinsicht der Stoffwahl sei gegenüber den deutschen Klassiker ein auffallender Unterschied: was diese gleichsam unter den Tisch werfen, weil davon ausführlich zu sprechen ihnen wohl als überflüssig erscheinen mochte, was sie höchstens also mit ein paar Sätzen oder Verszeilen abtun, in denen die Lösung der Frage enthalten ist, wird Ibsen zum ex offo 1 -Gegenstand des Dramas. Die Schuld – zeigt u. lehrt er – liege meistens in einem zunächst ganz unscheinbaren, von niemand beachteten Ereignis, gleichsam einem Pünktchen des Lebenslaufs, u. es ist offenbar keine seine Meinung, daß keine Besserung im Schicksal zu erwarten sei, bevor die Menschen ihre Wege nicht auch in solchen Augenblicke[n] behüten. Um das Bild des neuen Testamentes zu berühren: Letzte Augenblicke werden so zu ersten, wie man es im Nachhinein, leider zu spät für die Betroffenen, zu sehen Gelegenheit hat. Unsere Meister dagegen haben das Einzelschicksal in einen weitern [sic] Horizont gestellt, schon äußerlich bedeutendere Ereignisse als Hebel wirken lassen usw. — Ein wenig gespielt; es vergeht aber geraume Zeit, bis ich mich von der Gewohnheit freimache, vom Spiel weg zu sprechen oder mitzusingen. — Vom Holzhändler Baumann Absage, bezw. Aufforderung, anfangs September wieder anzufragen. — Von Dahms (Br.) 2 : werde am 27. d. morgens 7h ankommen. — Nachmittags nach Altenmarkt u. ein wenig ins Zauchtal hineingeblickt. {47} — Nach dem Abendessen ein paar der schönsten Kapitel aus Samuelis 3 vorgelesen; Weisse liest einiges aus dem West-ostlichen [sic] Divan 4 vor.

© Transcription Marko Deisinger.

August 26, 1919 Fog, clouds.

— Pick up Weisse at 7:00 in the morning; one of the first questions was whether Dahms has already departed; he immediately admits that he had counted on Dahms already having departed. Initial introduction to the surroundings: in the Enns Valley across the fields to the washerwoman and then through Radstadt on the way home, where I point out everything worth seeing. The day also brings us a new sight: a horse market; horses are shown in every street, behind the city we see the animals penned in two corrals, one for dams with their foals, and another with foals alone. Riding and bartering here, too, the sight is in any case colorful and {46} quite appealing on account of the young animals. Home along the high road. — Weisse wishes to hear my judgment of Ibsen. I portray him as a master of his trade who always executes his works the way he intended, which is the trademark of a master. With regard to the choice of material, there is a noticeable difference vis-à-vis classic German authors: what the latter quickly discard because it may appear superfluous, what they handle in at most a few sentences or lines of verse containing the solution to the question, is in Ibsen ex offo 1 the material of the drama. In most cases, the fault – he illustrates and teaches – lies in an at first seemingly unimportant event of which no one takes notice, like a minor point in a curriculum vitae, and it is apparently no his opinion, that no improvement in fate can be expected until people pay attention to their paths at such moments as well. To conjure up an image from the New Testament: thus shall the last moment be the first, as one has the chance to see in retrospect, unfortunately too late for those affected. Our masters, on the contrary, have placed individual fate on a broad horizon, allowing outwardly more significant events to play a role as levers, etc. — Played a little, but some time passes before I free myself from the habit of speaking or singing along while playing. — Cancellation from wood dealer Baumann, or, rather, request that we ask again the beginning of September. — From Dahms (letter): will arrive on August 27 at 7:00 in the morning. 2 — In the afternoon to Altenmarkt and looked into Zauch Valley a little. {47} — After dinner, read aloud a few of the most beautiful chapters from Samuel; 3 Weisse reads aloud parts of the West-Eastern Divan 4 .

© Translation Scott Witmer.

Footnotes

1 ex offo: officially.

2 = OJ 10/1, [40], August 23, 1919.

3 "The First and Second Books of Samuel" from the Old Testament.

4 Johann Wolfgang von Goethe, West-östlicher Divan (West-Eastern Divan) (Stuttgart: Cotta, 1819).