28. XII. 14

Die ersten 4 Bände der Propyläen-Ausgabe werden per Dienstmann mit Brief u. gegen Bestätigung des Empfanges zurückgegeben u. damit die letzte Spur des Schmutzes im Hause vertilgt. 1

*

[illeg]Floriz erscheint im Caféhaus u. gleich nach ihm Dr. Landau. Nach Gesprächen, die sich meist um aktuelle Situationsfragen drehten u. den vollen Nachweis erbrachten, daß niemand Bestimmtes weiß, bat ich Dr. Landau in meine Wohnung. Dort zeigte ich ihm in Gegenwart Lie-Liechens sowohl die bereits getane als die noch zu geschehende Arbeit. Damit wollte ich speziell diesem Jugendgenossen einen eventuellen Vorwurf von Lügenhaftigkeit meinerseits entwinden; es lag mir daran, daß er mit eigenen Augen sehe, wie wahr meine Antwort an ihn gewesen. So wenig ausschlaggebend seine Meinungen u. Mitteilungen sein mögen, so wäre es im Mißverhältnis gestanden, wenn ich aus übertriebenem Stolz eine so leicht sich darbietende Gelegenheit der Klarstellung versäumt hätte. Schließlich diene ich meinem Stolz noch mehr, wenn ich denjenigen, der sich mit einem Verdacht an mich heranwagt, dazu zwinge, den Verdacht aufzugeben. Im Verdacht wäre doch eine in Wahrheit gar nicht motivierte Ueberhebung des Collegen implizite enthalten; nun ist diese Ueberhebung unmöglich geworden, wodurch meine Ehre desto größer erscheint.

*

Fr. Colbert erscheint zur Stunde, während Herr Zuckerkandl noch fehlte. So hat denn gera- {826} de die Frau, die mit einer Geste, wie sie nur die schmutzigste Gesinnung hervorbringt, im ersten Brief eine Schenkung von 40 Kr. monatlich an mich bis Februar pompös angekündigt hatte, gerade diese Frau, sage ich, hat nicht nur alle Stunden eingehalten, sondern auch die Pflichten des Unterrichts auf sich genommen u. z. B. Frl. Kahn um eine Schülerin gebracht!

*

Abends erscheinen im Caféhaus, wie immer unverfroren spät, Artur Pollak u. sein jüngerer Bruder. Ich selbst gab mir nicht die geringste Mühe, dem Gespräch Themen oder Wendungen zuzuführen, da ich mich knapp vorher über eine Meldung der Zeitung betreffs [illeg]Abtretung von der Insel Sachalin an die Japaner ungebührlich stark erregt hatte 2 , u. war daher froh, als die Zeit des Auseinandergehens kam. Wieder streifte Artur mit keinem Wort eine etwaige Einladung u. da ward es selbstverständlich eine beschlossene Sache, auf ein weiteres Beisammensein nicht mehr zu reflektieren. Die Form werde ich von der Situation abhängig machen u. wahrscheinlich vorziehen, ein Wiedersehen einfach zu hintertreiben, als in einem langwierigen Schreiben einer Familie, die alle Laster des Egoismus in Tugenden der Korrektheit umdichtet, diese Einbildung zu entwinden, was gänzlich unerreichbar ist. Wer ein so Minimales an Menschlichkeit leistet wie diese paar Leute, muß begreiflicherweise auf dieses Minimum stolz sein u. es wäre töricht zu erwarten, daß sie auch das Minimum als Irrtum oder Unkorrektheit selbst preisgeben. Sie stehlen nicht, sie rauben u. plündern nicht u. das genügt ihnen, um sich auch Altruismus einzubilden. So lange ich aber nicht einen [illeg]Diebstahlsakt nachweisen [,] würde wird es mir nie gelingen, ihnen begreiflich zu machen, daß sie keinen Altruismus haben.

*

Nemo propheta in patria sua 3 – gilt, doch freilich in sehr veränderter, leider freiwillig veränderter Weise, auch von den Reichen: Zuhause zeigen sie sich nicht gerne reich u. tragen daher ihre Reichtümer lieber ins Ausland, wo sie um ihres Geldes willen auf billigeste Weise Ehre u. Ansehen zugebilligt erhalten. Täten sie dasselbe zuhause, so würden sie zu Ehren auch hier gelangen, aber sie fürchten, ihr Reichtum könnte zu viele Nutznießer anziehen u. daher gehen sie lieber ins Ausland, wo sie die weil fremd – die Verteilung ihrer Ausgaben selbst ganz in der Hand haben!

*

{827}

© Transcription Marko Deisinger.

28. XII. 14

The first four volumes of the Propyläen edition are returned via a servant, with a letter, and with request for confirmation of receipt; thereby the last trace of greed has been removed from the house. 1

*

Floriz appears in the coffee house, and Dr. Landau follows immediately. After discussions that revolved mainly around matters concerning the present situation and yielded a complete proof that no one knew anything for sure, I invited Dr. Landau to my apartment. There I showed him, in Lie-Liechen's presence, not only the work already done but that which was still necessary. With this I wanted, in particular, to disabuse this friend from my youth of a possible accusation of mendacity on my part; it was necessary for him to see with his own eyes how true my answer to him had been. As indecisive his opinions and communications may have been, it would have been misunderstood had I, out of exaggerated pride, missed the opportunity of explaining things, which was so easy. In the end, I serve my pride still better if I force those who hold me in suspicion about something to give up their suspicion. My colleague's suspicion was of course not motivated by any implicit presumptuousness, as a result of which my honor appears all the greater.

*

Mrs. Colbert appears for her lesson, while Mr. Zuckerkandl was still absent. {826} So this lady who in her first letter had pompously announced to me a gift of 40 Kronen per month until February, with a gesture to which only the greediest sentiment can give rise, this very lady, I say, not only came to all of her lessons but also took upon herself the duties of teaching and, for instance, to cut Miss Kahn from her pupils!

*

In the evening Artur Pollak and his younger brother appear at the coffee house, unapologetically late as usual. I myself did not make the least effort to suggest themes or expressions for the discussion, as I had just previously become unduly over-agitated as a result of a newspaper report of the vacating of the island of Sakhalin to the Japanese, 2 and was thus glad when the time of our parting arrived. Again Artur said nothing at all about a possible invitation; and thus it was self-evidently a decided matter not to reflect any more upon a subsequent get-together. I shall make my action independent of the situation and probably choose simply to thwart a reunion than to write a protracted letter ridding a family of the illusion that it is recasting all vices of egoism into virtues of correctness, something which is utterly unachievable. Anyone who achieves such a minimal amount of humanity, like these few people, must understandably be proud of this minimum; and it would be foolish to expect them to give up even this minimum as an error or incorrectness. They do not steal, they do not rob or plunder; and that is sufficient for them to imagine themselves as altruistic. But so long as I cannot prove an act of thievery, I shall never succeed in making them understand that they have no altruism.

*

Nemo propheta in patria sua 3 – true, but in very diverse – unfortunately, voluntarily diverse – ways, even for the rich. At home they do not like to display their wealth, and so they prefer to carry their wealth into foreign countries where, for sake of their money, they preserve the honor and respect accorded to them in the cheapest way. Were they to do the same at home, they would also find honor also here; but they fear that their wealth would attract too many beneficiaries, and so they prefer to go abroad where, being foreign, they have complete control over the distribution of their expenditures!

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{827}

© Translation William Drabkin.

28. XII. 14

Die ersten 4 Bände der Propyläen-Ausgabe werden per Dienstmann mit Brief u. gegen Bestätigung des Empfanges zurückgegeben u. damit die letzte Spur des Schmutzes im Hause vertilgt. 1

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[illeg]Floriz erscheint im Caféhaus u. gleich nach ihm Dr. Landau. Nach Gesprächen, die sich meist um aktuelle Situationsfragen drehten u. den vollen Nachweis erbrachten, daß niemand Bestimmtes weiß, bat ich Dr. Landau in meine Wohnung. Dort zeigte ich ihm in Gegenwart Lie-Liechens sowohl die bereits getane als die noch zu geschehende Arbeit. Damit wollte ich speziell diesem Jugendgenossen einen eventuellen Vorwurf von Lügenhaftigkeit meinerseits entwinden; es lag mir daran, daß er mit eigenen Augen sehe, wie wahr meine Antwort an ihn gewesen. So wenig ausschlaggebend seine Meinungen u. Mitteilungen sein mögen, so wäre es im Mißverhältnis gestanden, wenn ich aus übertriebenem Stolz eine so leicht sich darbietende Gelegenheit der Klarstellung versäumt hätte. Schließlich diene ich meinem Stolz noch mehr, wenn ich denjenigen, der sich mit einem Verdacht an mich heranwagt, dazu zwinge, den Verdacht aufzugeben. Im Verdacht wäre doch eine in Wahrheit gar nicht motivierte Ueberhebung des Collegen implizite enthalten; nun ist diese Ueberhebung unmöglich geworden, wodurch meine Ehre desto größer erscheint.

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Fr. Colbert erscheint zur Stunde, während Herr Zuckerkandl noch fehlte. So hat denn gera- {826} de die Frau, die mit einer Geste, wie sie nur die schmutzigste Gesinnung hervorbringt, im ersten Brief eine Schenkung von 40 Kr. monatlich an mich bis Februar pompös angekündigt hatte, gerade diese Frau, sage ich, hat nicht nur alle Stunden eingehalten, sondern auch die Pflichten des Unterrichts auf sich genommen u. z. B. Frl. Kahn um eine Schülerin gebracht!

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Abends erscheinen im Caféhaus, wie immer unverfroren spät, Artur Pollak u. sein jüngerer Bruder. Ich selbst gab mir nicht die geringste Mühe, dem Gespräch Themen oder Wendungen zuzuführen, da ich mich knapp vorher über eine Meldung der Zeitung betreffs [illeg]Abtretung von der Insel Sachalin an die Japaner ungebührlich stark erregt hatte 2 , u. war daher froh, als die Zeit des Auseinandergehens kam. Wieder streifte Artur mit keinem Wort eine etwaige Einladung u. da ward es selbstverständlich eine beschlossene Sache, auf ein weiteres Beisammensein nicht mehr zu reflektieren. Die Form werde ich von der Situation abhängig machen u. wahrscheinlich vorziehen, ein Wiedersehen einfach zu hintertreiben, als in einem langwierigen Schreiben einer Familie, die alle Laster des Egoismus in Tugenden der Korrektheit umdichtet, diese Einbildung zu entwinden, was gänzlich unerreichbar ist. Wer ein so Minimales an Menschlichkeit leistet wie diese paar Leute, muß begreiflicherweise auf dieses Minimum stolz sein u. es wäre töricht zu erwarten, daß sie auch das Minimum als Irrtum oder Unkorrektheit selbst preisgeben. Sie stehlen nicht, sie rauben u. plündern nicht u. das genügt ihnen, um sich auch Altruismus einzubilden. So lange ich aber nicht einen [illeg]Diebstahlsakt nachweisen [,] würde wird es mir nie gelingen, ihnen begreiflich zu machen, daß sie keinen Altruismus haben.

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Nemo propheta in patria sua 3 – gilt, doch freilich in sehr veränderter, leider freiwillig veränderter Weise, auch von den Reichen: Zuhause zeigen sie sich nicht gerne reich u. tragen daher ihre Reichtümer lieber ins Ausland, wo sie um ihres Geldes willen auf billigeste Weise Ehre u. Ansehen zugebilligt erhalten. Täten sie dasselbe zuhause, so würden sie zu Ehren auch hier gelangen, aber sie fürchten, ihr Reichtum könnte zu viele Nutznießer anziehen u. daher gehen sie lieber ins Ausland, wo sie die weil fremd – die Verteilung ihrer Ausgaben selbst ganz in der Hand haben!

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© Transcription Marko Deisinger.

28. XII. 14

The first four volumes of the Propyläen edition are returned via a servant, with a letter, and with request for confirmation of receipt; thereby the last trace of greed has been removed from the house. 1

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Floriz appears in the coffee house, and Dr. Landau follows immediately. After discussions that revolved mainly around matters concerning the present situation and yielded a complete proof that no one knew anything for sure, I invited Dr. Landau to my apartment. There I showed him, in Lie-Liechen's presence, not only the work already done but that which was still necessary. With this I wanted, in particular, to disabuse this friend from my youth of a possible accusation of mendacity on my part; it was necessary for him to see with his own eyes how true my answer to him had been. As indecisive his opinions and communications may have been, it would have been misunderstood had I, out of exaggerated pride, missed the opportunity of explaining things, which was so easy. In the end, I serve my pride still better if I force those who hold me in suspicion about something to give up their suspicion. My colleague's suspicion was of course not motivated by any implicit presumptuousness, as a result of which my honor appears all the greater.

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Mrs. Colbert appears for her lesson, while Mr. Zuckerkandl was still absent. {826} So this lady who in her first letter had pompously announced to me a gift of 40 Kronen per month until February, with a gesture to which only the greediest sentiment can give rise, this very lady, I say, not only came to all of her lessons but also took upon herself the duties of teaching and, for instance, to cut Miss Kahn from her pupils!

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In the evening Artur Pollak and his younger brother appear at the coffee house, unapologetically late as usual. I myself did not make the least effort to suggest themes or expressions for the discussion, as I had just previously become unduly over-agitated as a result of a newspaper report of the vacating of the island of Sakhalin to the Japanese, 2 and was thus glad when the time of our parting arrived. Again Artur said nothing at all about a possible invitation; and thus it was self-evidently a decided matter not to reflect any more upon a subsequent get-together. I shall make my action independent of the situation and probably choose simply to thwart a reunion than to write a protracted letter ridding a family of the illusion that it is recasting all vices of egoism into virtues of correctness, something which is utterly unachievable. Anyone who achieves such a minimal amount of humanity, like these few people, must understandably be proud of this minimum; and it would be foolish to expect them to give up even this minimum as an error or incorrectness. They do not steal, they do not rob or plunder; and that is sufficient for them to imagine themselves as altruistic. But so long as I cannot prove an act of thievery, I shall never succeed in making them understand that they have no altruism.

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Nemo propheta in patria sua 3 – true, but in very diverse – unfortunately, voluntarily diverse – ways, even for the rich. At home they do not like to display their wealth, and so they prefer to carry their wealth into foreign countries where, for sake of their money, they preserve the honor and respect accorded to them in the cheapest way. Were they to do the same at home, they would also find honor also here; but they fear that their wealth would attract too many beneficiaries, and so they prefer to go abroad where, being foreign, they have complete control over the distribution of their expenditures!

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 This entry refers to the four volumes of the Propyläen edition of Goethe's collected works (Munich: G. Müller, 1909–), which Schenker received as a Christmas present from Sofie Deutsch (see diary entries for December 19, 21 and 26, 1914). The greed (Schmutz) refers to the Mrs. Deutsch's decision to present Schenker with only a small part of the multi-volume edition.

2 "Vom russischen Kriegsschauplatze. Rußland verkauft sich," Pilsner Tagblatt, No. 348, 15th year, December 27, 1914, p. 2. "Japanische Kanonen für Rußland," Grazer Mittags-Zeitung, No. 113, 1st year, December 28, 1914, p. [3].

3 An abbreviation of a famous line from the Bible (Luke 4:24): Nemo propheta acceptus est in patria sua ("no prophet is accepted in his own country").