26. XII. 14

Ganz früh zu Mama mit Lie-Liechen. Geldgeschenk für Frau Klumak; Opernglas für Frieda. — Brief an Weisse mit Dank für Weihnachtsgeschenk; daraus: Die wahren Vorteile u. Nachteile liegen außerhalb der normalen Sehweite der Durchschnittsmenschen. Es müßten erst Brillen für das geistige Auge geschaffen werden, damit nicht immer nur derjenige Vorteil als solcher empfunden werde, der unmittelbar mit den Händen zu greifen ist. Jemehr Je mehr ich weiß, daß solche Brillen der Menschheit im allgemeinen zu beschaffen zu den Utopien gehört, umso mehr freut es mich im einzelnen Falle das richtige Augenglas besorgt zu haben. Brief als Feldpostbrief bezeichnet, aus den Schützengräben der Arbeit.

*

Einladung an Dr. Landau ins Caféhaus für Montag. — Brief an Fr. D., worin ich Mitteilung mache, daß ich gleichzeitig die empfangenen 4 Bände 1 der Buchhandlung zurückstelle. Und damit ist die Insulte [sic] der schmutzigen Frau, die überdies auf einer Zudringlichkeit beruht, energisch zurückgewiesen!

*

Im Spenden-Verzeichnis der „ N. Fr. Pr. “ findet sich Fr. Jenny Mautner mit einer Spende von 1000 Kronen ein unter dem Vermerk: „nach der Lektüre des Feuilletons von Hans Müller.“ 2 (Tags vorher hatte dieser Autor um milde Gaben besonders „für die im Kriege Eerblindeten Soldaten“ geworben mit Beschwörungsmitteln, die im Mittelalter oder sagen wir bei den Fakiren besser am Platze wären!) 3 Daraus folgt, daß Fr. M., obgleich sie erwiesenermaßen im Besitze von so überflüssigem Gelde war, gleichwohl nichts aus der Hand geben wollte, spontan gegeben hätte. eErst durch des Dichters Leier mußte also Die [recte die] Bestie gezähmt werden u. unwillkürlich denkt man an Orpheus, der durch seinen Gesang die Tiere anlockte u. beschwichtigte.

*

© Transcription Marko Deisinger.

December 26, 1914.

Very early to Mama's with Lie-Liechen. Present of money for Mrs. Klumak; opera glasses for Frieda. — Letter to Weisse with thanks for his Christmas present. Extract from the letter: the true advantages and disadvantages lie outside the ordinary person's range of vision. One would first have to make glasses for the intellectual eye, so that an advantage that can be grasped with the hands is not the only perceived advantage. The more I know that such glasses of humanity in general belong to the utopias, the more I take pleasure in having provided the correct eyeglass in an individual case. My letter designated as "field post letter," written from the trenches of work.

*

Invitation to Dr. Landau for Monday, at the coffee house. — Letter to Mrs. Deutsch, in which I inform her that I am immediately returning the four volumes 1 I received to the bookshop. And thus the insult of this greedy women, which moreover is based on an intrusive action, is energetically rebuffed!

*

In the list of donors in the Neue freie Presse , one finds the name of Mrs. Jenny Mautner with a donation of 1,000 Kronen beside the remark: "after reading Hans Müller's feuilleton." 2 (The previous day this author appealed for modest contributions, especially "for the soldiers blinded in the war," with incantations that would have been more appropriate in the Middle Ages or, let us say, among the fakirs!) 3 From this it follows that Mrs. Mautner, although evidently in possession of so much extra money, nonetheless would not have given anything from her hand spontaneously. Only by the poet's lyre could the beast be tamed; and one automatically thinks of Orpheus, whose singing allured and assuaged the animals.

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© Translation William Drabkin.

26. XII. 14

Ganz früh zu Mama mit Lie-Liechen. Geldgeschenk für Frau Klumak; Opernglas für Frieda. — Brief an Weisse mit Dank für Weihnachtsgeschenk; daraus: Die wahren Vorteile u. Nachteile liegen außerhalb der normalen Sehweite der Durchschnittsmenschen. Es müßten erst Brillen für das geistige Auge geschaffen werden, damit nicht immer nur derjenige Vorteil als solcher empfunden werde, der unmittelbar mit den Händen zu greifen ist. Jemehr Je mehr ich weiß, daß solche Brillen der Menschheit im allgemeinen zu beschaffen zu den Utopien gehört, umso mehr freut es mich im einzelnen Falle das richtige Augenglas besorgt zu haben. Brief als Feldpostbrief bezeichnet, aus den Schützengräben der Arbeit.

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Einladung an Dr. Landau ins Caféhaus für Montag. — Brief an Fr. D., worin ich Mitteilung mache, daß ich gleichzeitig die empfangenen 4 Bände 1 der Buchhandlung zurückstelle. Und damit ist die Insulte [sic] der schmutzigen Frau, die überdies auf einer Zudringlichkeit beruht, energisch zurückgewiesen!

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Im Spenden-Verzeichnis der „ N. Fr. Pr. “ findet sich Fr. Jenny Mautner mit einer Spende von 1000 Kronen ein unter dem Vermerk: „nach der Lektüre des Feuilletons von Hans Müller.“ 2 (Tags vorher hatte dieser Autor um milde Gaben besonders „für die im Kriege Eerblindeten Soldaten“ geworben mit Beschwörungsmitteln, die im Mittelalter oder sagen wir bei den Fakiren besser am Platze wären!) 3 Daraus folgt, daß Fr. M., obgleich sie erwiesenermaßen im Besitze von so überflüssigem Gelde war, gleichwohl nichts aus der Hand geben wollte, spontan gegeben hätte. eErst durch des Dichters Leier mußte also Die [recte die] Bestie gezähmt werden u. unwillkürlich denkt man an Orpheus, der durch seinen Gesang die Tiere anlockte u. beschwichtigte.

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© Transcription Marko Deisinger.

December 26, 1914.

Very early to Mama's with Lie-Liechen. Present of money for Mrs. Klumak; opera glasses for Frieda. — Letter to Weisse with thanks for his Christmas present. Extract from the letter: the true advantages and disadvantages lie outside the ordinary person's range of vision. One would first have to make glasses for the intellectual eye, so that an advantage that can be grasped with the hands is not the only perceived advantage. The more I know that such glasses of humanity in general belong to the utopias, the more I take pleasure in having provided the correct eyeglass in an individual case. My letter designated as "field post letter," written from the trenches of work.

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Invitation to Dr. Landau for Monday, at the coffee house. — Letter to Mrs. Deutsch, in which I inform her that I am immediately returning the four volumes 1 I received to the bookshop. And thus the insult of this greedy women, which moreover is based on an intrusive action, is energetically rebuffed!

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In the list of donors in the Neue freie Presse , one finds the name of Mrs. Jenny Mautner with a donation of 1,000 Kronen beside the remark: "after reading Hans Müller's feuilleton." 2 (The previous day this author appealed for modest contributions, especially "for the soldiers blinded in the war," with incantations that would have been more appropriate in the Middle Ages or, let us say, among the fakirs!) 3 From this it follows that Mrs. Mautner, although evidently in possession of so much extra money, nonetheless would not have given anything from her hand spontaneously. Only by the poet's lyre could the beast be tamed; and one automatically thinks of Orpheus, whose singing allured and assuaged the animals.

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 Four volumes of the Propyläen edition of Goethe's collected works (Munich: G. Müller, 1909–), which Schenker received as a Christmas present from Sofie Deutsch (see diary entries for December 19, 21 and 24, 1914).

2 "Sammlung der „Neuen Freien Presse“ für im Felde erblindete Angehörige des Heeres," Neue Freie Presse, No. 18082, December 25, 1914, morning edition, p. 14.

3 Hans Müller, "Neue Wallfahrt nach Kevlaar," Neue Freie Presse, No. 18081, December 24, 1914, morning edition, pp. 1–4.