1. Dezember 1914

Karte von Sophie mit Nachricht über Mamas Befinden u. andere sie betreffende Umstände.

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Da Breisach abgesagt hat, gewinnen wir Gelegenheit zu einem Spaziergang, den wir zu einer Besorgung in der Stadt benützen.

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Einleitung zu op. 111 nun endlich energisch in Angriff genommen.

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Hindenburg wird zum General-Feldmarschall ernannt u. auch von unserem Kaiser durch Verleihung eines Regimentes ausgezeichnet. Sein Generalstabschef Ludendorff erfährt ebenfalls ganz besondere Ehren u. Auszeichnungen. 1

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{790} Eine Zuschrift im „N. W. Abendbl.“ zerstört die Legende von der Sauberkeit der Engländer. 2 Der Verfasser weist auf die Fassade hin, hinter der doch nur Schmutz u. Unordnung stecken. Es ist denn doch erstaunlich, wie leicht Täuschungen größten Stils in der Welt entstehen u. sich verbreiten. Man stößt auf einen reichen Engländer, der eben als reicher Mann selbstverständlich aller Vorteile moderner Hygiene sich erfreut u. flugs zieht man just aus dem reichen Mann die Windigkeit der Schlüsse u. übersieht das Bild des gesamten Engländertums ab! Man läßt sich durch den Reichtum des betreffenden Mannes derart imponieren, daß man die Windigkeit der Schlüße ganz übersieht u. besonders die Tatsache, daß ja in allen Ländern der Reiche allemal seinen Körper besser als der Arme pflegt. Und nun beginnt gegenüber dem auf so unsolider Basis von Konklusionen das Geschäft des peinlichsten Sich-selbst-heruntersetzens vor einem Trugbild. Immer wieder sieht man durch den reichen Engländer hindurch [illeg]ein reinens hygienisches England, dem gegenüber man unlogischerweise das Bild unsauberer inländischer Armut aufstellt. Die Unlogik liegt auf der Hand: Ebensowenig als man Wasser u. Meter addieren kann, ebensowenig läßt sich der Reiche mit dem Armen in Hinsicht der Lebensbequemlichkeit vergleichen. Daher ist es falsch, das medium k comparationis in der Hygiene allein zu finden, ohne zu bedenken, daß man in dem einen Falle von einem Reichen, im anderen aber von einem Armen spricht. Wie vieler Jahrhunderte hat es bedurft, bis eine solche Zuschrift das Licht der Welt erblickte; ja wäre das aber auch nur der Anfang! Indessen befürchte ich, daß die ungeübte Denkungsart der Menschheit die Wahrheit in diesem Punkte niemals wird ganz aufkommen lassen können. Mir fällt z. B. hierbei des weiteren ein, um wie viel verworrener sich noch die Vorstellungen bezüglich der Hygiene bei den Juden abspielen. Wahrhaftig, die Juden hatten viele Verteidiger u. Lobredner u. in der Not erwuchsen ihnen viele Streiter, u. dennoch fand keiner von ihnen meines Wissens Worte der Verteidigung der Reinlichkeit der Juden. Ein einfacher Gedankenprozess erwieß [sic] sich auch schon diesen Streitern als zu schwierig. Wieder einmal passierte ihnen der Lapsus, die armen Juden etwa mit reichen Deutschen, zu Franzosen, Engländern oder Russen zu vergleichen u. bei dem Vergleich die Un-Hygiene der Juden als ein allgemeines Laster zu konstatieren. Der Fehler ist auch in die- {791} sem Falle derselbe, wie im ersten: Der reiche Jude lebt genau so hygienisch u. sauber wie der reiche Engländer, aber, was ja zur Verteidigung der Juden ganz besonders hervorgehoben zu werden verdient, auch die ärmsten Juden sind reinlicher als die ärmsten Bauern deutscher, polnischer oder russischer Herkunft. Und nur dadurch allein wäre der Trieb zur Reinlichkeit aufs drastischeste als eine allgemeine Anlage erwiesen!

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Karte von Sophie.

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© Transcription Marko Deisinger.

December 1, 1914.

Postcard from Sophie with news about our mother's health and other matters concerning her.

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As Breisach has cancelled, we gain the opportunity to go for a walk, which we use to run an errand in the city.

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Introduction to Op. 111 now finally taken up in earnest.

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Hindenburg is decorated as a general field marshal by our Emperor through the conferral of a regiment. His chief of general staff Ludendorff likewise receives quite special honors and distinctions. 1

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{790} A letter published in the evening edition of the Neues Wiener Tagblatt debunks the myth of the uprightness of the English. 2 The author points to the façade behind which are found only greed and disorder. It is thus astonishing how easily such large-scale deceptions can arise and gain a foothold in the world. One comes across a wealthy Englishman who, as a wealthy man, can verily delight in all the advantages of modern hygiene; and immediately one can derive just from the wealthy man the total image of Englishness! One allows oneself to be impressed by the wealth of the man in question to such an extent that one overlooks the dubiousness of the inferences, and especially the fact that indeed in all lands a rich man grooms himself better than a poor one. And now, in the face of such a flimsy basis of conclusions, begins the business of the most painful self-deprecation in the face of an illusion. Time and again one looks straight through a wealthy Englishman and sees a clean, hygienic England, compared to which one illogically offers the image of unclean native poverty. The illogicality is obvious: as little as one can compare apples and oranges, so little can the rich be compared to the poor one in terms of life's comforts. For this reason, it is wrong to look for the medium of comparison in Hygiene alone, without considering that one is speaking of a rich man in the one case, but of a poor man in the other. How many centuries has it been necessary until such an ascription was seen by the world; and indeed, if that were only the beginning. Nonetheless I fear that the unschooled reasoning of mankind will never allow the truth in this matter to see the light of day. In this respect, it occurs to me further: how much more confused are the notions concerning hygiene among the Jews played out. To be sure, the Jews had many defenders and proponents; and in times of adversity there arose many champions of their cause; and yet, as far as I am aware, none of them found words in defense of the cleanliness of the Jews. A simple thought process proved too difficult even for these champions. Once again, they made the slip of comparing the poor Jews with, say, the rich Germans, French, English, or Russians and, with this comparison, of establishing the unhygienic nature of the Jews as a general vice. The mistake is the same in this case {791} as it was in the former: the wealthy Jew lives just as hygienically and cleanly as the wealthy Englishman; but what deserves special emphasis in defense of the Jews is the fact that even the poorest Jews are cleaner than the poorest peasants of German, Polish or Russian origin. And only in this way would the drive towards cleanliness be proven in the most obvious way as a general predisposition!

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Postcard from Sophie.

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© Translation William Drabkin.

1. Dezember 1914

Karte von Sophie mit Nachricht über Mamas Befinden u. andere sie betreffende Umstände.

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Da Breisach abgesagt hat, gewinnen wir Gelegenheit zu einem Spaziergang, den wir zu einer Besorgung in der Stadt benützen.

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Einleitung zu op. 111 nun endlich energisch in Angriff genommen.

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Hindenburg wird zum General-Feldmarschall ernannt u. auch von unserem Kaiser durch Verleihung eines Regimentes ausgezeichnet. Sein Generalstabschef Ludendorff erfährt ebenfalls ganz besondere Ehren u. Auszeichnungen. 1

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{790} Eine Zuschrift im „N. W. Abendbl.“ zerstört die Legende von der Sauberkeit der Engländer. 2 Der Verfasser weist auf die Fassade hin, hinter der doch nur Schmutz u. Unordnung stecken. Es ist denn doch erstaunlich, wie leicht Täuschungen größten Stils in der Welt entstehen u. sich verbreiten. Man stößt auf einen reichen Engländer, der eben als reicher Mann selbstverständlich aller Vorteile moderner Hygiene sich erfreut u. flugs zieht man just aus dem reichen Mann die Windigkeit der Schlüsse u. übersieht das Bild des gesamten Engländertums ab! Man läßt sich durch den Reichtum des betreffenden Mannes derart imponieren, daß man die Windigkeit der Schlüße ganz übersieht u. besonders die Tatsache, daß ja in allen Ländern der Reiche allemal seinen Körper besser als der Arme pflegt. Und nun beginnt gegenüber dem auf so unsolider Basis von Konklusionen das Geschäft des peinlichsten Sich-selbst-heruntersetzens vor einem Trugbild. Immer wieder sieht man durch den reichen Engländer hindurch [illeg]ein reinens hygienisches England, dem gegenüber man unlogischerweise das Bild unsauberer inländischer Armut aufstellt. Die Unlogik liegt auf der Hand: Ebensowenig als man Wasser u. Meter addieren kann, ebensowenig läßt sich der Reiche mit dem Armen in Hinsicht der Lebensbequemlichkeit vergleichen. Daher ist es falsch, das medium k comparationis in der Hygiene allein zu finden, ohne zu bedenken, daß man in dem einen Falle von einem Reichen, im anderen aber von einem Armen spricht. Wie vieler Jahrhunderte hat es bedurft, bis eine solche Zuschrift das Licht der Welt erblickte; ja wäre das aber auch nur der Anfang! Indessen befürchte ich, daß die ungeübte Denkungsart der Menschheit die Wahrheit in diesem Punkte niemals wird ganz aufkommen lassen können. Mir fällt z. B. hierbei des weiteren ein, um wie viel verworrener sich noch die Vorstellungen bezüglich der Hygiene bei den Juden abspielen. Wahrhaftig, die Juden hatten viele Verteidiger u. Lobredner u. in der Not erwuchsen ihnen viele Streiter, u. dennoch fand keiner von ihnen meines Wissens Worte der Verteidigung der Reinlichkeit der Juden. Ein einfacher Gedankenprozess erwieß [sic] sich auch schon diesen Streitern als zu schwierig. Wieder einmal passierte ihnen der Lapsus, die armen Juden etwa mit reichen Deutschen, zu Franzosen, Engländern oder Russen zu vergleichen u. bei dem Vergleich die Un-Hygiene der Juden als ein allgemeines Laster zu konstatieren. Der Fehler ist auch in die- {791} sem Falle derselbe, wie im ersten: Der reiche Jude lebt genau so hygienisch u. sauber wie der reiche Engländer, aber, was ja zur Verteidigung der Juden ganz besonders hervorgehoben zu werden verdient, auch die ärmsten Juden sind reinlicher als die ärmsten Bauern deutscher, polnischer oder russischer Herkunft. Und nur dadurch allein wäre der Trieb zur Reinlichkeit aufs drastischeste als eine allgemeine Anlage erwiesen!

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Karte von Sophie.

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© Transcription Marko Deisinger.

December 1, 1914.

Postcard from Sophie with news about our mother's health and other matters concerning her.

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As Breisach has cancelled, we gain the opportunity to go for a walk, which we use to run an errand in the city.

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Introduction to Op. 111 now finally taken up in earnest.

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Hindenburg is decorated as a general field marshal by our Emperor through the conferral of a regiment. His chief of general staff Ludendorff likewise receives quite special honors and distinctions. 1

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{790} A letter published in the evening edition of the Neues Wiener Tagblatt debunks the myth of the uprightness of the English. 2 The author points to the façade behind which are found only greed and disorder. It is thus astonishing how easily such large-scale deceptions can arise and gain a foothold in the world. One comes across a wealthy Englishman who, as a wealthy man, can verily delight in all the advantages of modern hygiene; and immediately one can derive just from the wealthy man the total image of Englishness! One allows oneself to be impressed by the wealth of the man in question to such an extent that one overlooks the dubiousness of the inferences, and especially the fact that indeed in all lands a rich man grooms himself better than a poor one. And now, in the face of such a flimsy basis of conclusions, begins the business of the most painful self-deprecation in the face of an illusion. Time and again one looks straight through a wealthy Englishman and sees a clean, hygienic England, compared to which one illogically offers the image of unclean native poverty. The illogicality is obvious: as little as one can compare apples and oranges, so little can the rich be compared to the poor one in terms of life's comforts. For this reason, it is wrong to look for the medium of comparison in Hygiene alone, without considering that one is speaking of a rich man in the one case, but of a poor man in the other. How many centuries has it been necessary until such an ascription was seen by the world; and indeed, if that were only the beginning. Nonetheless I fear that the unschooled reasoning of mankind will never allow the truth in this matter to see the light of day. In this respect, it occurs to me further: how much more confused are the notions concerning hygiene among the Jews played out. To be sure, the Jews had many defenders and proponents; and in times of adversity there arose many champions of their cause; and yet, as far as I am aware, none of them found words in defense of the cleanliness of the Jews. A simple thought process proved too difficult even for these champions. Once again, they made the slip of comparing the poor Jews with, say, the rich Germans, French, English, or Russians and, with this comparison, of establishing the unhygienic nature of the Jews as a general vice. The mistake is the same in this case {791} as it was in the former: the wealthy Jew lives just as hygienically and cleanly as the wealthy Englishman; but what deserves special emphasis in defense of the Jews is the fact that even the poorest Jews are cleaner than the poorest peasants of German, Polish or Russian origin. And only in this way would the drive towards cleanliness be proven in the most obvious way as a general predisposition!

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Postcard from Sophie.

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 "Glückwünsche des Kaisers Franz Josef an Hindenburg und Ludendorff. Bemerkenswerte Depeschen des Kaisers an die beiden Feldherren und Ernennung des Feldmarschalls v. Hindenburg zum Regimentsinhaber," Neue Freie Presse, No. 18058, December 1, 1914, evening edition, p. 1.

2 "Die Sucht nach dem Vorhemd. Zur Charakteristik des heutigen England," Neues Wiener Tagblatt, No. 332, December 1, 1914, 48th year, evening edition, pp. 3–4.