27. XI. 14

Immer deutlicher wird es – zumal deutsche Blätter es eben immer eindringlicher bestätigen – daß Oesterreich dem deutschen Staate mit vollem Bewußtsein einen großen Dienst im Kampfe gegen Rußland erweist, u. zw. mit Hintansetzung eigener Vorteile, die dann freilich letzten Endes auf dem Umwege über einen Sieg Deutschlands doch wieder nur Oesterreichs eigene Vorteile sind. Das Opfer Oesterreichs besteht darin, daß es mit stärkster Kraft die schlesische Grenze Deutschlands deckt, so daß Deutschland sozusagen vor der moralischen Demütigung bewahrt bleibt, die Russen auf eigenem Gebiet zu sehen. Was dem kleineren u. im großen Weltkrieg auch minder in die Wagschale [sic] fallenden Staate wie Oesterreich-Ungarn noch keinen wesentlichen Schaden zufügt, wenn ein Teil seines Kronlandes okkupiert wird, fiele ungleich schwerer in die Wagschale, wenn es Deutschland zustieße. Daher geht alles Sinnen u. Trachten der verbündeten Armeen darauf aus, zunächst Deutschland den moralischen Schaden zu ersparen, was in der Folge auch Oesterreich nützen muß. Vielleicht hängt auch damit zusammen, daß größere Kräfte in Serbien mobil gemacht wurden, um dort einen großen entscheidenden Erfolg herbeizuführen. Denn wurde einmal Galizien vorübergehend preisgegeben, so kam es dann nicht mehr auf 2–300.000 Mann an, die mit nachhaltigerer Wirkung in Serbien verwendet werden konnten. 1

*

Wenn die Russen in Galizien Propaganda für russisches Wesen in Religion, Wort u. Schrift machen, womit sie offenbar die Einbildung betätigen, als würde sie ihrer Kultur Raum gewinnen, so macht das auf mich beiläufig denselben Eindruck, wie wenn Flöhe, die in einen menschlichen Organismus eindringen, dafür die Ausrede benützen würden, als wollten sie die Floh-Kultur in den Menschen hineintragen. Wer doch alles von Kultur schwätzt!

*

Viel wird in diesen Tagen vom Sparen am Unterricht gesprochen u. leider noch mehr wirklich am Unterricht gespart. Daß sich aber am Unterricht sparen läßt, hat eine bestimmte einfache Ursache, die in den Folgen aber von ebenso großem Verhängnis begleitet ist, wie das Eindringen {787} eines Cholera-Bazillus in den menschlichen Körper. Der einfache Prozess ist nämlich folgender: Derjenige, der am Unterricht spart, begibt sich trotzdem er dies tut noch lange nicht aller Vorteile, die ein anderer genießt, der am Unterricht nicht spart; denn während letzterer den Unterricht betreibt u. Kenntnisse vermehrt, um zum Bewußtsein eigener Intelligenz u. der damit verbundenen Vorteile zu gelangen, macht es der erstere einfacher, indem er sich die Intelligenz von vornherein zuschreibt ohne an ihr zu arbeiten; . Und da gegen eine solche Behauptung oder Anmaßung eine Widerrede gesellschaftlich nicht gestattet ist, u. zw. bei Strafe einer Ehrenbeleidigung nicht gestattet ist, so ist klar, daß sich jederman[n], also auch derjenige, der am Unterricht spart, ohneweiters auch weiterhin als unterrichtet bezeichnen darf, so daß er auch die gesellschaftlichen Vorteile dieser Behauptung einheimsen d kann, ohne Geld für wirkliche Ausbildung ausgegeben zu haben. Quod erat demonstrandum.

*

Anfrage von Fanny u. Zusicherung des Lohnes für die Wartezeit.

*

Fl. zu Tisch, um sich nach den Begebenheiten zu erkundigen u. auf dem Wege zur Stunde bei Thorsch. — Mittelmann mit Anfrage von Karpath, welche Stellen abgedruckt werden sollen.

*

© Transcription Marko Deisinger.

November 27, 1914.

It is becoming ever clearer, all the more so as German newspapers confirm it with ever greater emphasis, that Austria is fully conscious of performing a great service to the German state against Russia, and indeed by setting aside its own advantages, which then of course ultimately, in a roundabout way via a German victory, will again become Austria's own advantages. Austria's sacrifice consists of defending Germany's border with Silesia with the greatest strength, so that Germany is protected, so to speak, from the moral indignity of seeing Russians on its own territory. That which results in no significant damage to a smaller state like Austria-Hungary, which also falls lightly into the balance pan in the great world war, if a part of its crown lands are occupied, would fall considerably more heavily if this were to happen to Germany. For this reason, all contemplation and action of the joint military forces must be primarily directed a sparing Germany moral damage, something which will as a consequence be of use to Austria. That probably explains why greater forces have been mobilized in Serbia, in order to lead to a great, decisive success. For if Galicia were temporarily abandoned, then it would no longer amount to two to three hundred thousand men who could be deployed in Serbia with more long-term effect. 1

*

When the Russians make propaganda for Russian values in religion, speech and writing in Galicia, by which they are evidently perpetuating the illusion that they could gain space for their culture, that makes more or less the same impression on me as fleas penetrating a human organism to make use of the pretense that they wished to introduce flea-culture into a person. How much babbling there is about culture!

*

Much is said these days about making savings in tuition; and unfortunately, even more savings are made in tuition. That economies are made in tuition, however, has a quite simple cause, but one which as a consequence is accompanied by just as great a calamity as the penetration {787} of a cholera bacillus in the human body The simple process is, namely, as follows: he who economizes on tuition does not by a long shot forgo all the advantages that someone enjoys who does not economize on tuition; for while the latter pursues is tuition and increases his skills in order to become conscious of his own intelligence and thus gain the advantages associated with it, the former takes the simpler path of attributing intelligence to himself at the outset, without working at it. And since a reply to such an assertion or presumption is socially not permitted, and indeed on punishment of loss of honor, it is clear that anyone, including one who economizes on tuition, may furthermore be regarded as taught, so that he may also can reap the social advantages of this assertion without having to spend any money for a true education. Quod erat demonstrandum.

*

Question from Fanny, and confirmation of payment for the period of waiting.

*

Floriz for lunch, to enquire about the events on the way to his lesson at the Thorsches. — Mittelmann, with a question from Karpath, as to which passages should be printed.

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© Translation William Drabkin.

27. XI. 14

Immer deutlicher wird es – zumal deutsche Blätter es eben immer eindringlicher bestätigen – daß Oesterreich dem deutschen Staate mit vollem Bewußtsein einen großen Dienst im Kampfe gegen Rußland erweist, u. zw. mit Hintansetzung eigener Vorteile, die dann freilich letzten Endes auf dem Umwege über einen Sieg Deutschlands doch wieder nur Oesterreichs eigene Vorteile sind. Das Opfer Oesterreichs besteht darin, daß es mit stärkster Kraft die schlesische Grenze Deutschlands deckt, so daß Deutschland sozusagen vor der moralischen Demütigung bewahrt bleibt, die Russen auf eigenem Gebiet zu sehen. Was dem kleineren u. im großen Weltkrieg auch minder in die Wagschale [sic] fallenden Staate wie Oesterreich-Ungarn noch keinen wesentlichen Schaden zufügt, wenn ein Teil seines Kronlandes okkupiert wird, fiele ungleich schwerer in die Wagschale, wenn es Deutschland zustieße. Daher geht alles Sinnen u. Trachten der verbündeten Armeen darauf aus, zunächst Deutschland den moralischen Schaden zu ersparen, was in der Folge auch Oesterreich nützen muß. Vielleicht hängt auch damit zusammen, daß größere Kräfte in Serbien mobil gemacht wurden, um dort einen großen entscheidenden Erfolg herbeizuführen. Denn wurde einmal Galizien vorübergehend preisgegeben, so kam es dann nicht mehr auf 2–300.000 Mann an, die mit nachhaltigerer Wirkung in Serbien verwendet werden konnten. 1

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Wenn die Russen in Galizien Propaganda für russisches Wesen in Religion, Wort u. Schrift machen, womit sie offenbar die Einbildung betätigen, als würde sie ihrer Kultur Raum gewinnen, so macht das auf mich beiläufig denselben Eindruck, wie wenn Flöhe, die in einen menschlichen Organismus eindringen, dafür die Ausrede benützen würden, als wollten sie die Floh-Kultur in den Menschen hineintragen. Wer doch alles von Kultur schwätzt!

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Viel wird in diesen Tagen vom Sparen am Unterricht gesprochen u. leider noch mehr wirklich am Unterricht gespart. Daß sich aber am Unterricht sparen läßt, hat eine bestimmte einfache Ursache, die in den Folgen aber von ebenso großem Verhängnis begleitet ist, wie das Eindringen {787} eines Cholera-Bazillus in den menschlichen Körper. Der einfache Prozess ist nämlich folgender: Derjenige, der am Unterricht spart, begibt sich trotzdem er dies tut noch lange nicht aller Vorteile, die ein anderer genießt, der am Unterricht nicht spart; denn während letzterer den Unterricht betreibt u. Kenntnisse vermehrt, um zum Bewußtsein eigener Intelligenz u. der damit verbundenen Vorteile zu gelangen, macht es der erstere einfacher, indem er sich die Intelligenz von vornherein zuschreibt ohne an ihr zu arbeiten; . Und da gegen eine solche Behauptung oder Anmaßung eine Widerrede gesellschaftlich nicht gestattet ist, u. zw. bei Strafe einer Ehrenbeleidigung nicht gestattet ist, so ist klar, daß sich jederman[n], also auch derjenige, der am Unterricht spart, ohneweiters auch weiterhin als unterrichtet bezeichnen darf, so daß er auch die gesellschaftlichen Vorteile dieser Behauptung einheimsen d kann, ohne Geld für wirkliche Ausbildung ausgegeben zu haben. Quod erat demonstrandum.

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Anfrage von Fanny u. Zusicherung des Lohnes für die Wartezeit.

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Fl. zu Tisch, um sich nach den Begebenheiten zu erkundigen u. auf dem Wege zur Stunde bei Thorsch. — Mittelmann mit Anfrage von Karpath, welche Stellen abgedruckt werden sollen.

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© Transcription Marko Deisinger.

November 27, 1914.

It is becoming ever clearer, all the more so as German newspapers confirm it with ever greater emphasis, that Austria is fully conscious of performing a great service to the German state against Russia, and indeed by setting aside its own advantages, which then of course ultimately, in a roundabout way via a German victory, will again become Austria's own advantages. Austria's sacrifice consists of defending Germany's border with Silesia with the greatest strength, so that Germany is protected, so to speak, from the moral indignity of seeing Russians on its own territory. That which results in no significant damage to a smaller state like Austria-Hungary, which also falls lightly into the balance pan in the great world war, if a part of its crown lands are occupied, would fall considerably more heavily if this were to happen to Germany. For this reason, all contemplation and action of the joint military forces must be primarily directed a sparing Germany moral damage, something which will as a consequence be of use to Austria. That probably explains why greater forces have been mobilized in Serbia, in order to lead to a great, decisive success. For if Galicia were temporarily abandoned, then it would no longer amount to two to three hundred thousand men who could be deployed in Serbia with more long-term effect. 1

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When the Russians make propaganda for Russian values in religion, speech and writing in Galicia, by which they are evidently perpetuating the illusion that they could gain space for their culture, that makes more or less the same impression on me as fleas penetrating a human organism to make use of the pretense that they wished to introduce flea-culture into a person. How much babbling there is about culture!

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Much is said these days about making savings in tuition; and unfortunately, even more savings are made in tuition. That economies are made in tuition, however, has a quite simple cause, but one which as a consequence is accompanied by just as great a calamity as the penetration {787} of a cholera bacillus in the human body The simple process is, namely, as follows: he who economizes on tuition does not by a long shot forgo all the advantages that someone enjoys who does not economize on tuition; for while the latter pursues is tuition and increases his skills in order to become conscious of his own intelligence and thus gain the advantages associated with it, the former takes the simpler path of attributing intelligence to himself at the outset, without working at it. And since a reply to such an assertion or presumption is socially not permitted, and indeed on punishment of loss of honor, it is clear that anyone, including one who economizes on tuition, may furthermore be regarded as taught, so that he may also can reap the social advantages of this assertion without having to spend any money for a true education. Quod erat demonstrandum.

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Question from Fanny, and confirmation of payment for the period of waiting.

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Floriz for lunch, to enquire about the events on the way to his lesson at the Thorsches. — Mittelmann, with a question from Karpath, as to which passages should be printed.

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 Schenker is here glossing over Austria-Hungary's unfavorable military position. The major part of Galicia was not sacrificed for tactical reasons, but rather had to be abandoned after several defeats at the hands of the Russians. The retreat was not intended in the sense of a peasant sacrifice but was rather forced by the Russians.