20. XI. 14

Zweite Rate der Erwerbsteuer beglichen. — Antwort an Karpath; im Prinzip ablehnend u. nur sozusagen ausnahmsweise die Aushängebogen aus op. 110 ad libitum zur Verfügung gestellt. Die Arroganz, mit der der genannte Schmierer Tags vorher im „N. W. Tgbl.“ in bezug auf Rich. Strauß erklärt hat, daß er noch lange nicht erkannt sei, gab mir die willkommene Veranlassung, ihm eine moralische Maulschelle zu versetzen, indem ich erklärte, daß dann noch weniger unsere großen Meister erkannt wurden, was ja eben der letzte Grund davon ist, daß ich am liebsten im eigenen Wirkungskreise die Beweise hiefür erbringe u. nicht dort, wo eventuell ein unwürdiger Nachbar das nächste Blatt bekritzelt, u. s. w.

*

Baronin Bach erscheint um zu fragen, ob sie den von mir empfohlenen Professor de Conne trotz Gerüchten u. Disciplinaruntersuchungen als Lehrer behalten dürfe. Bei dieser Gelegenheit macht sie Mitteilung davon, daß de Conne ihren Töchtern u. deren Mitschülerinnen größere Geldkosten Schulden halber verursacht habe. So erweist sich also, daß man für niedrige Zwecke allezeit fremdes Geld haben kann, wenn man nur eben die richtige Dosis selbstverständlicher Frechheit besitzt. Kein Zweifel, daß sowohl Mutter als Töchter auch schon den kleinsten Betrag verweigert hätten, wenn es sich um eine würdigere Sache als Begleichung von Kartenspielschulden gehandelt hätte.

*

Brünauer erlegt den noch schuldigen Rest pro Oktober über meine schriftliche Mahnung; er stellt sich beleidigt u. meint – freilich erst nachdem die Zahlung erzwungen worden – daß er ja absolut nicht vergessen hatte u. nicht vergessen hätte. – In einem Gespräch {778} über die gegenwärtige Situation macht auch er den Deutschen Vorwürfe wegen ihres Betragens in der Welt, das, wie er meint, ausschließlich Ursache des Mangels an Sympathie für die Deutschen bildet. Er gerät also mit dieser Auffassung in das Fahrwasser aller Gegner Deutschlands u. ich empfinde es daher in diesem Augenblicke als besonders tragisch, daß ich beim besten Willen mich nicht sofort vernehmen lassen kann, um unter Anführung von schlagenden Beweisen den wahren Sachverhalt darzustellen, u. dieser ist, daß dem Ueberragenden das Merkmal des Ueberragens so sehr schon an sich verübelt wird, daß ihn [sic] vor den Inferioren keinerlei Bescheidenheit, keinerlei Demut nützen kann. Der Deutsche wird eben allezeit schuften müssen, um die Welt zwangsweise dazu zu bringen, seine Geschenke an Wissenschaft u. Kunst entgegenzunehmen. Wären nicht die Deutschen, würden denn Italiener u. Franzosen sich des Wertes ihrer eigenen Kunstdenkmäler überhaupt bewußt geworden sein? Deutschland wird so lange die Welt besteht die schwere Mission haben zu schaffen, zu schenken u. Undank von jenen zu ernten, die von Lastern triefen, wie sie minderwertigere, minderbegabte Nationen notwendigerweise aufweisen. Läge es an mir, so würde ich der deutschen Nation den Rat geben, den Engländern an Arroganz, den Franzosen an Eitelkeit zu übertrumpfen, d. h. eine solche Fülle von Selbstbewußtsein zu entwickeln, als nur irgend möglich ist, u. die Welt mit stärkster Faust zu Dank zu erziehen u. zu zwingen. Deutschland, das augenblicklich sich anschickt, die Nemesis an England, Frankreich u. Russland zu vollziehen, hat das Recht, der Welt diese Nemesis auch in Worten zu erklären u. zu sagen, daß über kurz oder lang es allen Großmäulern , u. Gecken, allen Nichts-als-Krämern u. Plünderern genau so ergehen werde wie den Engländern, Franzosen u. Russen, daß somit diese Vorbilder durchaus nicht nachahmungswürdig sind, die Menschheit also zu lernen habe, den Dank dorthin zu tragen, woher sie Nutzen u. Segen erhält. Nur eine solche Sprache wäre Deutschlands würdig! Schließlich benimmt sich das Einzel-Genie im Konflikt mit der Welt doch auch nicht anders, es betont sich bis zum letzten Athemzug, straft die Welt, freilich auch unter Geschenken.

*

© Transcription Marko Deisinger.

November 20, 1914.

Second installment of income tax paid. —Reply to Karpath; in principle, saying no, and only the pre-publication sheets for Op. 110 placed ad libitum at his disposal as an exception, so to speak. The arrogance with which the said scribbler explained the previous day in the Neues Wiener Tagblatt with regard to Richard Strauß, that to a great extent he has still gone unrecognized, gave me the welcome opportunity to give him a moral slap in the face by explaining that, in that case, our great masters have been recognized even less – which is actually the ultimate reason why I give proof of that in my own sphere of activity, and not where an unworthy bystander will scribble against it on the next page, etc.

*

Baroness Bach appears, in order to ask me whether she may retain the services of Professor de Conne, whom I recommended, as a teacher, in spite of rumors and disciplinary investigations. On this occasion, she informs me that de Conne has caused her daughters and their fellow pupils a lot of debt. Thus it turns out that one always can have other people's money if one merely possesses the right dose of self-evident insolence. Without doubt, both mother and daughters would have refused to pay the smallest sum if it concerned a more dignified matter than the paying-off of debts from card-playing.

*

In response to my written reminder, Brünauer pays the rest of the money he owes me for October; he makes out to be offended and says – after the payment was exacted, of course – that he absolutely had not forgotten, and would have not forgotten. – In a conversation about the {778} present situation, he too expresses criticisms about the Germans with regard to their behavior in the world which, as he says, is the sole cause for the lack of sympathy for the Germans. With this viewpoint, he enters the channel of all of Germany's opponents; and thus at this moment I find it particularly tragic that, with the best will in the world, I am unable to present with telling arguments the true state of affairs: which is that, to those in a superior position, the characteristic of superiority has already become so resented that no modesty, no humility can be of any use whatever. The German will indeed forever have to struggle to force the world to accept his gifts to science and art. If the German's weren't, would the Italians and French have even become conscious of the value of their own artistic monuments? So long as the world exists, Germany will have the difficult mission of creating, giving, and earning the ingratitude of those who are dripping with vices, as the less worthy, less able nations exhibit them. If it were up to me, I would advise the German nation to overtrump the English in arrogance and the French in vanity, i.e. to develop such an abundance of self-consciousness as is somehow possible and, with the strongest fist, to teach and force the world to thank it. Germany, which at the present moment sets about fulfilling its role as the nemesis of England, France, and Russia, has the right to explain in words this nemesis to the world and to say that sooner or later things will end up for all loudmouths and fools, all nothing-but-peddlers and nothing-but-plunderers, as they will for the English, the French and the Russians; and since these models are utterly unworthy of being imitated, humanity must learn to bear its gratitude from where it receives benefit and blessing. Only such a language would be worthy of Germany! Ultimately, the individual genius in conflict with the world also behaves no differently: he asserts himself until his last breath, punishing the world even while bearing gifts.

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© Translation William Drabkin.

20. XI. 14

Zweite Rate der Erwerbsteuer beglichen. — Antwort an Karpath; im Prinzip ablehnend u. nur sozusagen ausnahmsweise die Aushängebogen aus op. 110 ad libitum zur Verfügung gestellt. Die Arroganz, mit der der genannte Schmierer Tags vorher im „N. W. Tgbl.“ in bezug auf Rich. Strauß erklärt hat, daß er noch lange nicht erkannt sei, gab mir die willkommene Veranlassung, ihm eine moralische Maulschelle zu versetzen, indem ich erklärte, daß dann noch weniger unsere großen Meister erkannt wurden, was ja eben der letzte Grund davon ist, daß ich am liebsten im eigenen Wirkungskreise die Beweise hiefür erbringe u. nicht dort, wo eventuell ein unwürdiger Nachbar das nächste Blatt bekritzelt, u. s. w.

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Baronin Bach erscheint um zu fragen, ob sie den von mir empfohlenen Professor de Conne trotz Gerüchten u. Disciplinaruntersuchungen als Lehrer behalten dürfe. Bei dieser Gelegenheit macht sie Mitteilung davon, daß de Conne ihren Töchtern u. deren Mitschülerinnen größere Geldkosten Schulden halber verursacht habe. So erweist sich also, daß man für niedrige Zwecke allezeit fremdes Geld haben kann, wenn man nur eben die richtige Dosis selbstverständlicher Frechheit besitzt. Kein Zweifel, daß sowohl Mutter als Töchter auch schon den kleinsten Betrag verweigert hätten, wenn es sich um eine würdigere Sache als Begleichung von Kartenspielschulden gehandelt hätte.

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Brünauer erlegt den noch schuldigen Rest pro Oktober über meine schriftliche Mahnung; er stellt sich beleidigt u. meint – freilich erst nachdem die Zahlung erzwungen worden – daß er ja absolut nicht vergessen hatte u. nicht vergessen hätte. – In einem Gespräch {778} über die gegenwärtige Situation macht auch er den Deutschen Vorwürfe wegen ihres Betragens in der Welt, das, wie er meint, ausschließlich Ursache des Mangels an Sympathie für die Deutschen bildet. Er gerät also mit dieser Auffassung in das Fahrwasser aller Gegner Deutschlands u. ich empfinde es daher in diesem Augenblicke als besonders tragisch, daß ich beim besten Willen mich nicht sofort vernehmen lassen kann, um unter Anführung von schlagenden Beweisen den wahren Sachverhalt darzustellen, u. dieser ist, daß dem Ueberragenden das Merkmal des Ueberragens so sehr schon an sich verübelt wird, daß ihn [sic] vor den Inferioren keinerlei Bescheidenheit, keinerlei Demut nützen kann. Der Deutsche wird eben allezeit schuften müssen, um die Welt zwangsweise dazu zu bringen, seine Geschenke an Wissenschaft u. Kunst entgegenzunehmen. Wären nicht die Deutschen, würden denn Italiener u. Franzosen sich des Wertes ihrer eigenen Kunstdenkmäler überhaupt bewußt geworden sein? Deutschland wird so lange die Welt besteht die schwere Mission haben zu schaffen, zu schenken u. Undank von jenen zu ernten, die von Lastern triefen, wie sie minderwertigere, minderbegabte Nationen notwendigerweise aufweisen. Läge es an mir, so würde ich der deutschen Nation den Rat geben, den Engländern an Arroganz, den Franzosen an Eitelkeit zu übertrumpfen, d. h. eine solche Fülle von Selbstbewußtsein zu entwickeln, als nur irgend möglich ist, u. die Welt mit stärkster Faust zu Dank zu erziehen u. zu zwingen. Deutschland, das augenblicklich sich anschickt, die Nemesis an England, Frankreich u. Russland zu vollziehen, hat das Recht, der Welt diese Nemesis auch in Worten zu erklären u. zu sagen, daß über kurz oder lang es allen Großmäulern , u. Gecken, allen Nichts-als-Krämern u. Plünderern genau so ergehen werde wie den Engländern, Franzosen u. Russen, daß somit diese Vorbilder durchaus nicht nachahmungswürdig sind, die Menschheit also zu lernen habe, den Dank dorthin zu tragen, woher sie Nutzen u. Segen erhält. Nur eine solche Sprache wäre Deutschlands würdig! Schließlich benimmt sich das Einzel-Genie im Konflikt mit der Welt doch auch nicht anders, es betont sich bis zum letzten Athemzug, straft die Welt, freilich auch unter Geschenken.

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© Transcription Marko Deisinger.

November 20, 1914.

Second installment of income tax paid. —Reply to Karpath; in principle, saying no, and only the pre-publication sheets for Op. 110 placed ad libitum at his disposal as an exception, so to speak. The arrogance with which the said scribbler explained the previous day in the Neues Wiener Tagblatt with regard to Richard Strauß, that to a great extent he has still gone unrecognized, gave me the welcome opportunity to give him a moral slap in the face by explaining that, in that case, our great masters have been recognized even less – which is actually the ultimate reason why I give proof of that in my own sphere of activity, and not where an unworthy bystander will scribble against it on the next page, etc.

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Baroness Bach appears, in order to ask me whether she may retain the services of Professor de Conne, whom I recommended, as a teacher, in spite of rumors and disciplinary investigations. On this occasion, she informs me that de Conne has caused her daughters and their fellow pupils a lot of debt. Thus it turns out that one always can have other people's money if one merely possesses the right dose of self-evident insolence. Without doubt, both mother and daughters would have refused to pay the smallest sum if it concerned a more dignified matter than the paying-off of debts from card-playing.

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In response to my written reminder, Brünauer pays the rest of the money he owes me for October; he makes out to be offended and says – after the payment was exacted, of course – that he absolutely had not forgotten, and would have not forgotten. – In a conversation about the {778} present situation, he too expresses criticisms about the Germans with regard to their behavior in the world which, as he says, is the sole cause for the lack of sympathy for the Germans. With this viewpoint, he enters the channel of all of Germany's opponents; and thus at this moment I find it particularly tragic that, with the best will in the world, I am unable to present with telling arguments the true state of affairs: which is that, to those in a superior position, the characteristic of superiority has already become so resented that no modesty, no humility can be of any use whatever. The German will indeed forever have to struggle to force the world to accept his gifts to science and art. If the German's weren't, would the Italians and French have even become conscious of the value of their own artistic monuments? So long as the world exists, Germany will have the difficult mission of creating, giving, and earning the ingratitude of those who are dripping with vices, as the less worthy, less able nations exhibit them. If it were up to me, I would advise the German nation to overtrump the English in arrogance and the French in vanity, i.e. to develop such an abundance of self-consciousness as is somehow possible and, with the strongest fist, to teach and force the world to thank it. Germany, which at the present moment sets about fulfilling its role as the nemesis of England, France, and Russia, has the right to explain in words this nemesis to the world and to say that sooner or later things will end up for all loudmouths and fools, all nothing-but-peddlers and nothing-but-plunderers, as they will for the English, the French and the Russians; and since these models are utterly unworthy of being imitated, humanity must learn to bear its gratitude from where it receives benefit and blessing. Only such a language would be worthy of Germany! Ultimately, the individual genius in conflict with the world also behaves no differently: he asserts himself until his last breath, punishing the world even while bearing gifts.

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© Translation William Drabkin.