29. X. 1914

Abends bei Floriz, der sich alles dessen selbst schuldig macht, was er der Frau Pollak vorwarf: ein völlig unzureichendes Essen, das umso peinlicher wirkt, als die Stimmung im übrigen ebenfalls unerfreulich war. Es ist für mich ausgemacht, daß die Kargheit des Essens allen anwesenden Personen eine deprimirtende Wirkung machte, daß gerade aber nur die Gastgeber selbst von dem Zusammenhang nichts begreifen u. daher an Stelle der einen Ursache sicher unhaltbare andere annehmen. – Es ist ja richtig, daß in der Epoche großer Einzelindividuen wie Nationen auch bei Armut, bezw. primitivem Wohlstand eine glorreiche Entfaltung geistiger Kräfte vor sich geht; doch trifft das nur für die Jugendzeit der Individuen wie der Nationen zu, so daß, je vorgeschrittener sie im Alter sind, die Abnützung an die Umgebung durch Zufuhr von fördernden Elementen palralysirt paralysiert werden muß. Das ist nicht etwa so zu verstehen, als würde der Gebende erst einer Anregung bedürfen, um fortgeben zu können, sondern nur so, daß der Empfangende auch seinerseits irgendwie bedacht sein muß, dem Gebenden das Geben überhaupt möglich zu machen. Schließlich kann einer, der auf zahllose geistige Anregungen hin dennoch versagt, also sozusagen tot ist, nicht gut mehr eine weitere Aufnahmsstation vorstellen (werden doch z. B. auf dem Friedhof keine Konzerte abgehalten!). Ist nun aber einmal das Verlöschen der Aufnahmsstation erfolgt, so ist schon jedes noch so äußerliche Bindemittel als Auffrischung des Gebenden willkommen. – Wenn ich, um auf den Fall Florizens zurückzukommen, mich in seiner Gesellschaft nicht weiter mitteilen kann, weil ihm jegliches Interesse für Geistiges abhanden gekommen, so könnte zumindest ein gutes Essen in seiner Art ein neues Bindemittel werden, dessen Fehlen umgekehrt zu einer noch tieferen Entfremdung führen muß. – Bei Fl. auch Artur Pollak angetroffen, der, gleichviel ob er nun wirklich unbefangen oder nur unbefangen tut, mich dringend um ein Rendezvous im Caféhaus bittet.

*

© Transcription Marko Deisinger.

October 29, 1914.

In the evening with Floriz, who makes himself responsible for that of which he accuses Mrs. Pollak: a totally insufficient dinner, which had an all the more painful effect as the atmosphere was, moreover, equally disagreeable. I took it for granted that the parsimoniousness of the meal had a depressing effect on all persons present, but that precisely the hosts themselves understand nothing of that connection and therefore assume a different, surely untenable cause in its place. It is true that, in the age of great individuals, and of nations, a glorious development of intellectual powers takes place even in poverty, or the most primitive form of well-being; but this applies only to the youthful period of individuals or nations: the more advanced they are in maturity, the more wear-and-tear on their environment must be halted, through the influx of supportive elements. That is not to the giver first needs a stimulus in order to continue to be able to give, but only that one should consider the point of view of the recipient, to make it possible for the giver to give in the first place. Ultimately someone who fails even after countless spiritual impulses, i.e. someone who is in effect dead, is no longer able to imagine a further state of intake. (Thus, for example, no concerts are given in cemeteries!) Once, however, the extinguishing of the state of intake has taken place, then every binding agent, even the most external, will be welcome, as refreshment from the giver. – Returning to Floriz's case, if I no longer have faith in his company because he has lost all interest in intellectual things, then at least a good meal can be a new means of binding us; its absence, on the contrary, must lead to yet further alienation. – At Floriz's I also meet Artur Pollak, who, although he is truly at ease (or merely pretends to be at ease), urgently asks me to meet him at a coffee house.

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© Translation William Drabkin.

29. X. 1914

Abends bei Floriz, der sich alles dessen selbst schuldig macht, was er der Frau Pollak vorwarf: ein völlig unzureichendes Essen, das umso peinlicher wirkt, als die Stimmung im übrigen ebenfalls unerfreulich war. Es ist für mich ausgemacht, daß die Kargheit des Essens allen anwesenden Personen eine deprimirtende Wirkung machte, daß gerade aber nur die Gastgeber selbst von dem Zusammenhang nichts begreifen u. daher an Stelle der einen Ursache sicher unhaltbare andere annehmen. – Es ist ja richtig, daß in der Epoche großer Einzelindividuen wie Nationen auch bei Armut, bezw. primitivem Wohlstand eine glorreiche Entfaltung geistiger Kräfte vor sich geht; doch trifft das nur für die Jugendzeit der Individuen wie der Nationen zu, so daß, je vorgeschrittener sie im Alter sind, die Abnützung an die Umgebung durch Zufuhr von fördernden Elementen palralysirt paralysiert werden muß. Das ist nicht etwa so zu verstehen, als würde der Gebende erst einer Anregung bedürfen, um fortgeben zu können, sondern nur so, daß der Empfangende auch seinerseits irgendwie bedacht sein muß, dem Gebenden das Geben überhaupt möglich zu machen. Schließlich kann einer, der auf zahllose geistige Anregungen hin dennoch versagt, also sozusagen tot ist, nicht gut mehr eine weitere Aufnahmsstation vorstellen (werden doch z. B. auf dem Friedhof keine Konzerte abgehalten!). Ist nun aber einmal das Verlöschen der Aufnahmsstation erfolgt, so ist schon jedes noch so äußerliche Bindemittel als Auffrischung des Gebenden willkommen. – Wenn ich, um auf den Fall Florizens zurückzukommen, mich in seiner Gesellschaft nicht weiter mitteilen kann, weil ihm jegliches Interesse für Geistiges abhanden gekommen, so könnte zumindest ein gutes Essen in seiner Art ein neues Bindemittel werden, dessen Fehlen umgekehrt zu einer noch tieferen Entfremdung führen muß. – Bei Fl. auch Artur Pollak angetroffen, der, gleichviel ob er nun wirklich unbefangen oder nur unbefangen tut, mich dringend um ein Rendezvous im Caféhaus bittet.

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© Transcription Marko Deisinger.

October 29, 1914.

In the evening with Floriz, who makes himself responsible for that of which he accuses Mrs. Pollak: a totally insufficient dinner, which had an all the more painful effect as the atmosphere was, moreover, equally disagreeable. I took it for granted that the parsimoniousness of the meal had a depressing effect on all persons present, but that precisely the hosts themselves understand nothing of that connection and therefore assume a different, surely untenable cause in its place. It is true that, in the age of great individuals, and of nations, a glorious development of intellectual powers takes place even in poverty, or the most primitive form of well-being; but this applies only to the youthful period of individuals or nations: the more advanced they are in maturity, the more wear-and-tear on their environment must be halted, through the influx of supportive elements. That is not to the giver first needs a stimulus in order to continue to be able to give, but only that one should consider the point of view of the recipient, to make it possible for the giver to give in the first place. Ultimately someone who fails even after countless spiritual impulses, i.e. someone who is in effect dead, is no longer able to imagine a further state of intake. (Thus, for example, no concerts are given in cemeteries!) Once, however, the extinguishing of the state of intake has taken place, then every binding agent, even the most external, will be welcome, as refreshment from the giver. – Returning to Floriz's case, if I no longer have faith in his company because he has lost all interest in intellectual things, then at least a good meal can be a new means of binding us; its absence, on the contrary, must lead to yet further alienation. – At Floriz's I also meet Artur Pollak, who, although he is truly at ease (or merely pretends to be at ease), urgently asks me to meet him at a coffee house.

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© Translation William Drabkin.