16. IX. 14

Vom französischen Kriegsschauplatz werden nur „Teilerfolge“ gemeldet, „die schwere unentschiedene Schlacht steht noch.“ 1 — Eine oesterreichische amtliche Meldung verlautbart, daß die Serben wieder aus der Monarchie vertrieben wurden. 2

*

Verzweiflungsbrief von Sophie, die nach Dorna-Watra geflüchtet ist. Zwar ist dem Briefe zu entnehmen, daß mein Schwager über ein gewisses Ersparnis verfügt, doch indessen hat ihm das Einkommen selbst der vielen Jahre doch sicher noch nicht ermöglicht größerer Beträge zurückzulegen. Es kann sich nur um eine Ggeringfügiges Summe handeln, dessren Verlust vielleicht weniger das Elternpaar, als die Kinder gefährdet. Ich gab unverzüglich Antwort u. den Rat, daß sie ohne vorherige Anfrage nach Kautzen fahren möge. Bedauerlicherweise entnehme ich dem Brief der Schwester, daß sie sich telegraphisch an Mošio gewendete u. auch diesmal ohne Antwort von ihm geblieben. Eine Schurkerei ohnegleichen, die umso verdam[m]enswerter, {708} als ich von Dr. Moses Schenker erfuhr, daß sich Mosio eigens Zeit nahm, um ausführlich für das Gratulationsschreiben aus Anlaß der Dekorierung zu danken. Das angeblich Psychopathische enthüllt sich darnach bestimmt blos als Vorsicht eines geriebenen [illeg]  Krämers; ein Briefwechsel oder sonstiger Verkehr mit Mutter, Schwester oder gar mit mir, legt ihm , wie er glaubt, offenbar die Besorgnis nahe, je mit Geld was beispringen zu müssen. Und so spart er den als Ausrede viel vorgeschobenen „Zeitmangel“ lieber dafür auf, desto aufmerksamer wider Wohlhabende wie eben Dr. Moses Schenker zu bleiben.

*

Brief von Frl. Elias, der mir schon an sich die Zusicherung gibt, daß sie ihre Stundenzahl beibehält. Da sich der Brief mit dem meinen gekreuzt hat, so gab ich bezüglich meiner Schwester Antwort.

*

DerObserver“ bringt eine Notiz aus Roseggers „Heimgarten“ über die „IX. 3 aus der Feder des Kapellmeisters Paumgartner. Mit einigen Geleitworten übersende ich eben diese Notiz an Weisse.

*

Karte von Artur mit Einladung ins Café Museum, die ich im Prinzip zusagend, doch auch gleich mit dem Vorbehalt einer eventuellen Verhinderung beantworte.

*

Brief an Fr. Colbert noch ergänzt u. abgeschickt. 4

*

Nach Tisch ins Café Siller, wo wir Fl. u. Fr. Hauser treffen. Ich übergebe Fl. ein Telegramm an die Schwester, um sie mindestens auf den moralischen Trost nicht allzu lange warten zu lassen. Im Telegramm wiederhole ich den Rat nach Kautzen zu gehen.

*

Eine in der Mittagszeitung publizierte, angeblich amtliche, Mitteilung aus Peking spricht von einem „Aufruhr in Indien“ u. einer damit im Zusammenhang stehenden teuer erkauften Hilfe seitens Japans. 5 Die Mitteilung hat mich in freudigste Erregung versetzt, die aber sehr bald umschlug, als ich dieselbe Mitteilung in den Abendblättern leider vermißte. Besonders peinlich war es mir in den „M. N. N. [“] zu lesen, daß der Zweibund sich nunmehr bewußt wird, daß er ganz allein die furchtbare Aufgabe auszutragen habe, sich {709} u. Europas Kultur vor völligem Niedergang zu beschützen. Es wiederholt sich am deutschen Genie das schon vom Einzelgenie her bekannte Schicksal, der Menschheit ihr Bestes schenken zu wollen müssen, ohne aber darin von ihr gefördert zu werden. Das Genie muß eben nicht nur so stark sein, nicht nur daß es überhaupt schenken zu können kann, sondern es noch außerdem noch umsoviel stärker, als nötig ist es durchzusetzen, daß es schenken das Geschenk aufzwingen kann.

Würde sich die Mitteilung bezüglich des Aufstandes in Indien bewahrheiten, so könnte man darin wohl die gerechte Vergeltung der englischen Schande erblicken. Wäre die Zeit doch nur so weit, daß man von einer vollständigen Niederwerfung Frankreichs sprechen könnte; man könnte dürfte dann sorgenloser dem Gedanken nachgehen, wie ewige Naturgesetze sich in Englands Schicksal ausdrücken. Englands Niedergang wäre der deutliche Beweis dafür, daß eine Nation, bezw. ein Staat lediglich auf Krämerei gestellt zur völligen Entartung sämtlicher sozialer Triebe u. Zustände führen muß, alle produktiven Triebe ertöten, nur den Größenwahn billigster Art erzeugen muß. Was der Beruf eines Krämers ist, drückt England auf eine sozusagen klassische Art aus u. gerade an dem klassischen Typus würde man dessen Minderwertigkeit begreifen u. auch Schlüsse auf die Gefahren ziehen müssen, die der Krämer für Staat u. Welt seit Ewigkeiten in sich birgt.

*

Karte von Brünauer aus Tutzing, die, wie die Enuntiationen unserer Neutralen, zwar noch nichts Böses ahnen läßt, aber auch nichts Erfreuliches bestimmt zusagt.

*

Auch beten [sic] ist wie Liebe, Freundschaft u. die Kunst eine Kunst; daher kann am besten beten wieder nur derjenige beten, der auch am besten arbeitet.

*

Es scheint, daß Englands Schwierigkeiten zumindest in Egypten auf Wahrheit beruhen. 6 Wäre dem so, käme das einem von vornherein gewonnenen deutschen Siege gleich. Dann wäre aber auch für Frankreich u. Rußland der günstige Moment da, mit Deutschland auf eigene Faust Frieden zu schließen, um den Ekel Asiens, Japan, mit gemeinsamen Kräften in seinem beginnenden Siegeslauf aufzuhalten. Oder sollte auch in der Politik eine Analogie der wiederwärtigen [sic] Praxis aus dem Rechtsleben walten, wornach die Durchschnittsmenschen (worunter auch Richter des ober- {710} sten Gerichtshofes zu verstehen sind) sich nun einmal keinen Prozess ohne weitläufigsten Instanzenzug denken können? Als wäre der Instanzenzug eine organische Notwendigkeit auch schon des 1. Verfahrens , wird bekanntlich in diesem letzterem meist mit Hinblick auf den Instanzenzug judifiziert. Die Ueberflüssigkeit einesr solchen Verfahrens Berufung kann sich eben kein Anwalt u. kein Richter vorstellen; ihr dDurchschnittsgehirn faßt nicht, daß unter Umständen eine Nicht-Berufung mehr moralischern, also zugleich auch mehr materiellen Gewinn haben kann. Was sollte aber auf den französischen Schlachtfeldern der Instanzenzug bedeuten? Warum nicht lieber gleich Frieden schließen, um aus der kleineren Gefahr herauszutreten [illeg]u. einer größeren zu begegnen?

*

Die bisherigen oesterreichischen Siege sind in ihrer moralischen Wirkung nicht hoch genug einzuschätzen. Das Zurückweichen vor einer Uebermacht hat lange nicht die deprimierende Wirkung einer verlorenen Schlacht, in der das Heer geschlagen wurde. Es ist in solchen Fällen auch beim Zurückweichen der Sieg ein psychischer Fond, der später unter allen Umständen Zinsen tragen muß. 7

*

Jüdische Redensarten (nach Lie-Lies Mama): „Erbsen an die Wand werfen“, angewendet auf vergeblichen Aufwand an Belehrung oder Ueberredung; „sich ein Guckfenster in die Zukunft machen“, womit der Rat gegeben wird, einem Uebeltäter nicht sofort zu vergelten, sondern es lieber der Zukunft (also dem Schicksal) das Strafgericht zu vollziehen zu überlassen u. dabei selbst nur den Zuschauer zu machen.

*

© Transcription Marko Deisinger.

September 16, 1914.

From the French war zone, only "partial successes" are reported; "the difficult, undecided battle, is still unresolved." 1 — An official Austrian communication proclaims that the Serbs were again banished from the monarchy. 2

*

Despairing letter from Sophie, who has fled to Dornavátra. From the letter one can indeed deduce that my brother-in-law is making use of a certain amount of savings; however, his income itself over many years surely did not enable him to put large sums aside. It can only be a case of a modest sum, whose loss will probably imperil the grown-up parents less than their children. I replied immediately with the advice, that they might travel to Kautzen without making prior inquiries. Regrettably, I infer from my sister's letter that she appealed to Mošio in a telegram and this time, too, received no reply from him. A villainy without equal, which is all the more damnable {708} since I heard from Dr. Moses Schenker that Mosio specially took the time to express his gratitude at length for the letter of congratulation on the occasion of his decoration. His apparent psychopathic quality is, accordingly, revealed merely as the caution of a shrewd businessman; an exchange of letters or some other communication with our mother, with our sister, or even with me apparently suggests to him the need in every instance to help out financially. And thus he saves up the "lack of time," so often presented as an excuse, in order to remain all the more on the alert against such well-to-do people as Dr. Moses Schenker.

*

Letter from Miss Elias, which already gives me the assurance that the number of lessons she will take remains the same. As her letter crossed with mine, I told her about my sister in my reply.

*

"Observer" publishes a notice from Rosegger's Heimgarten on the Ninth Symphony , 3 from the pen of the conductor Paumgartner. With a few accompanying words, I send this very notice to Weisse.

*

Postcard from Artur, with invitation to the Café Museum, which I agree to in principle in my reply, but also at the same time with the proviso that I might possibly be unable to come.

*

Letter to Mrs. Colbert further expanded and sent off. 4

*

After lunch, to the Café Siller, where we meet Floriz and Mrs. Hauser. I give Floriz a telegram to my sister so that at least she will not have to wait so very long for moral comfort. In the telegram, I repeat my advice to go to Kautzen.

*

An apparently official communication from Peking, published in the midday newspaper, speaks of an "uprising in India" and, in connection with it, of help from the Japanese for which a high price was paid. 5 The communication put me in the most joyfully excited mood, which very quickly changed when I, unfortunately, missed the same communication in the evening papers. It was particularly painful for me to read in the Münchner Neueste Nachrichten that the Dual Alliance is henceforth conscious that it alone must fulfil the formidable task of protecting itself and European culture {709} from total collapse. The familiar fate of the individual genius, who must give to humanity his best without being assisted by it for his service, is repeated with respect to German genius. The genius must not only be strong enough to be able at all to give, but in addition must be so much stronger as is necessary to ensure that it is able to impose that which it gives.

If the communication regarding the rebellion in India were to prove true, then one could surely perceive therein the just revenge on English infamy. If only the time had progressed so far that one could speak of a total defeat of France; one would then be able, with less worry, to pursue the thought that eternal laws of nature express themselves in England's fate. England's demise would be the clear proof of the fact that a nation or state based purely on trade must lead to the complete degeneration of all social instincts and conditions, kill off all productive drives, and produce only the megalomania of the cheapest sort. That which is the profession of a tradesman is something that England expresses in a classical way, so to speak; and precisely on this classic type one would have to understand its inferiority and draw conclusions about the dangers for the state and the world that the tradesman has embodied since time immemorial.

*

Postcard from Brünauer in Tutzing which, like the pronouncements of our neutral people, does not yet bode ill, to be sure, but also confirms nothing definitely gratifying.

*

Prayer, too, like love and friendship, is an art; thus only the one who also works best is gain capable of praying best.

*

It appears that England's difficulties are based on truth at least with respect to Egypt. 6 If that were true, it would amount to the same thing as a German victory won at the outset. But then the circumstances would be favorable for France and Russia to make peace with Germany, in order to use its collective powers to check the ogre of Asia, Japan, in its incipient string of victories. Or should politics also be governed by analogy with the world of law, with its unsavory practice according to which ordinary people (by which judges are in the highest courts of law are also included) {710} cannot contemplate taking action without a far-reaching proper course of action? As if the appeals process were an organic necessity even at the first trial. The superfluity of an appeal is something that no attorney, no judge can imagine; their mediocre brains cannot contemplate that under some circumstances a non-appeal can have more moral, and thus at the same time more material, gain. But on a French battlefield, what would an appeals process consist of? Why not rather conclude a peace treaty immediately, in order to get out of a smaller difficulty and encounter a greater one?

*

The Austrian victories up to now cannot be appreciated too highly in their moral effect. The retreat before a superior power has by no means the depressing effect of a battle in which the army is defeated. Even in retreat, there is victory in the form of a psychological gain, which in all events brings benefits. 7

*

Jewish sayings (taken from Lie-Lie's mother): "To throw peas on the wall," applied to a futile effort to instruct or persuade; "to make oneself a spy-window into the future," by which the advice is given not to punish an evil-doer immediately but rather leave it to the future (i.e. to fate) to act as criminal court, and thus act oneself only as a spectator.

*

© Translation William Drabkin.

16. IX. 14

Vom französischen Kriegsschauplatz werden nur „Teilerfolge“ gemeldet, „die schwere unentschiedene Schlacht steht noch.“ 1 — Eine oesterreichische amtliche Meldung verlautbart, daß die Serben wieder aus der Monarchie vertrieben wurden. 2

*

Verzweiflungsbrief von Sophie, die nach Dorna-Watra geflüchtet ist. Zwar ist dem Briefe zu entnehmen, daß mein Schwager über ein gewisses Ersparnis verfügt, doch indessen hat ihm das Einkommen selbst der vielen Jahre doch sicher noch nicht ermöglicht größerer Beträge zurückzulegen. Es kann sich nur um eine Ggeringfügiges Summe handeln, dessren Verlust vielleicht weniger das Elternpaar, als die Kinder gefährdet. Ich gab unverzüglich Antwort u. den Rat, daß sie ohne vorherige Anfrage nach Kautzen fahren möge. Bedauerlicherweise entnehme ich dem Brief der Schwester, daß sie sich telegraphisch an Mošio gewendete u. auch diesmal ohne Antwort von ihm geblieben. Eine Schurkerei ohnegleichen, die umso verdam[m]enswerter, {708} als ich von Dr. Moses Schenker erfuhr, daß sich Mosio eigens Zeit nahm, um ausführlich für das Gratulationsschreiben aus Anlaß der Dekorierung zu danken. Das angeblich Psychopathische enthüllt sich darnach bestimmt blos als Vorsicht eines geriebenen [illeg]  Krämers; ein Briefwechsel oder sonstiger Verkehr mit Mutter, Schwester oder gar mit mir, legt ihm , wie er glaubt, offenbar die Besorgnis nahe, je mit Geld was beispringen zu müssen. Und so spart er den als Ausrede viel vorgeschobenen „Zeitmangel“ lieber dafür auf, desto aufmerksamer wider Wohlhabende wie eben Dr. Moses Schenker zu bleiben.

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Brief von Frl. Elias, der mir schon an sich die Zusicherung gibt, daß sie ihre Stundenzahl beibehält. Da sich der Brief mit dem meinen gekreuzt hat, so gab ich bezüglich meiner Schwester Antwort.

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DerObserver“ bringt eine Notiz aus Roseggers „Heimgarten“ über die „IX. 3 aus der Feder des Kapellmeisters Paumgartner. Mit einigen Geleitworten übersende ich eben diese Notiz an Weisse.

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Karte von Artur mit Einladung ins Café Museum, die ich im Prinzip zusagend, doch auch gleich mit dem Vorbehalt einer eventuellen Verhinderung beantworte.

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Brief an Fr. Colbert noch ergänzt u. abgeschickt. 4

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Nach Tisch ins Café Siller, wo wir Fl. u. Fr. Hauser treffen. Ich übergebe Fl. ein Telegramm an die Schwester, um sie mindestens auf den moralischen Trost nicht allzu lange warten zu lassen. Im Telegramm wiederhole ich den Rat nach Kautzen zu gehen.

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Eine in der Mittagszeitung publizierte, angeblich amtliche, Mitteilung aus Peking spricht von einem „Aufruhr in Indien“ u. einer damit im Zusammenhang stehenden teuer erkauften Hilfe seitens Japans. 5 Die Mitteilung hat mich in freudigste Erregung versetzt, die aber sehr bald umschlug, als ich dieselbe Mitteilung in den Abendblättern leider vermißte. Besonders peinlich war es mir in den „M. N. N. [“] zu lesen, daß der Zweibund sich nunmehr bewußt wird, daß er ganz allein die furchtbare Aufgabe auszutragen habe, sich {709} u. Europas Kultur vor völligem Niedergang zu beschützen. Es wiederholt sich am deutschen Genie das schon vom Einzelgenie her bekannte Schicksal, der Menschheit ihr Bestes schenken zu wollen müssen, ohne aber darin von ihr gefördert zu werden. Das Genie muß eben nicht nur so stark sein, nicht nur daß es überhaupt schenken zu können kann, sondern es noch außerdem noch umsoviel stärker, als nötig ist es durchzusetzen, daß es schenken das Geschenk aufzwingen kann.

Würde sich die Mitteilung bezüglich des Aufstandes in Indien bewahrheiten, so könnte man darin wohl die gerechte Vergeltung der englischen Schande erblicken. Wäre die Zeit doch nur so weit, daß man von einer vollständigen Niederwerfung Frankreichs sprechen könnte; man könnte dürfte dann sorgenloser dem Gedanken nachgehen, wie ewige Naturgesetze sich in Englands Schicksal ausdrücken. Englands Niedergang wäre der deutliche Beweis dafür, daß eine Nation, bezw. ein Staat lediglich auf Krämerei gestellt zur völligen Entartung sämtlicher sozialer Triebe u. Zustände führen muß, alle produktiven Triebe ertöten, nur den Größenwahn billigster Art erzeugen muß. Was der Beruf eines Krämers ist, drückt England auf eine sozusagen klassische Art aus u. gerade an dem klassischen Typus würde man dessen Minderwertigkeit begreifen u. auch Schlüsse auf die Gefahren ziehen müssen, die der Krämer für Staat u. Welt seit Ewigkeiten in sich birgt.

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Karte von Brünauer aus Tutzing, die, wie die Enuntiationen unserer Neutralen, zwar noch nichts Böses ahnen läßt, aber auch nichts Erfreuliches bestimmt zusagt.

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Auch beten [sic] ist wie Liebe, Freundschaft u. die Kunst eine Kunst; daher kann am besten beten wieder nur derjenige beten, der auch am besten arbeitet.

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Es scheint, daß Englands Schwierigkeiten zumindest in Egypten auf Wahrheit beruhen. 6 Wäre dem so, käme das einem von vornherein gewonnenen deutschen Siege gleich. Dann wäre aber auch für Frankreich u. Rußland der günstige Moment da, mit Deutschland auf eigene Faust Frieden zu schließen, um den Ekel Asiens, Japan, mit gemeinsamen Kräften in seinem beginnenden Siegeslauf aufzuhalten. Oder sollte auch in der Politik eine Analogie der wiederwärtigen [sic] Praxis aus dem Rechtsleben walten, wornach die Durchschnittsmenschen (worunter auch Richter des ober- {710} sten Gerichtshofes zu verstehen sind) sich nun einmal keinen Prozess ohne weitläufigsten Instanzenzug denken können? Als wäre der Instanzenzug eine organische Notwendigkeit auch schon des 1. Verfahrens , wird bekanntlich in diesem letzterem meist mit Hinblick auf den Instanzenzug judifiziert. Die Ueberflüssigkeit einesr solchen Verfahrens Berufung kann sich eben kein Anwalt u. kein Richter vorstellen; ihr dDurchschnittsgehirn faßt nicht, daß unter Umständen eine Nicht-Berufung mehr moralischern, also zugleich auch mehr materiellen Gewinn haben kann. Was sollte aber auf den französischen Schlachtfeldern der Instanzenzug bedeuten? Warum nicht lieber gleich Frieden schließen, um aus der kleineren Gefahr herauszutreten [illeg]u. einer größeren zu begegnen?

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Die bisherigen oesterreichischen Siege sind in ihrer moralischen Wirkung nicht hoch genug einzuschätzen. Das Zurückweichen vor einer Uebermacht hat lange nicht die deprimierende Wirkung einer verlorenen Schlacht, in der das Heer geschlagen wurde. Es ist in solchen Fällen auch beim Zurückweichen der Sieg ein psychischer Fond, der später unter allen Umständen Zinsen tragen muß. 7

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Jüdische Redensarten (nach Lie-Lies Mama): „Erbsen an die Wand werfen“, angewendet auf vergeblichen Aufwand an Belehrung oder Ueberredung; „sich ein Guckfenster in die Zukunft machen“, womit der Rat gegeben wird, einem Uebeltäter nicht sofort zu vergelten, sondern es lieber der Zukunft (also dem Schicksal) das Strafgericht zu vollziehen zu überlassen u. dabei selbst nur den Zuschauer zu machen.

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© Transcription Marko Deisinger.

September 16, 1914.

From the French war zone, only "partial successes" are reported; "the difficult, undecided battle, is still unresolved." 1 — An official Austrian communication proclaims that the Serbs were again banished from the monarchy. 2

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Despairing letter from Sophie, who has fled to Dornavátra. From the letter one can indeed deduce that my brother-in-law is making use of a certain amount of savings; however, his income itself over many years surely did not enable him to put large sums aside. It can only be a case of a modest sum, whose loss will probably imperil the grown-up parents less than their children. I replied immediately with the advice, that they might travel to Kautzen without making prior inquiries. Regrettably, I infer from my sister's letter that she appealed to Mošio in a telegram and this time, too, received no reply from him. A villainy without equal, which is all the more damnable {708} since I heard from Dr. Moses Schenker that Mosio specially took the time to express his gratitude at length for the letter of congratulation on the occasion of his decoration. His apparent psychopathic quality is, accordingly, revealed merely as the caution of a shrewd businessman; an exchange of letters or some other communication with our mother, with our sister, or even with me apparently suggests to him the need in every instance to help out financially. And thus he saves up the "lack of time," so often presented as an excuse, in order to remain all the more on the alert against such well-to-do people as Dr. Moses Schenker.

*

Letter from Miss Elias, which already gives me the assurance that the number of lessons she will take remains the same. As her letter crossed with mine, I told her about my sister in my reply.

*

"Observer" publishes a notice from Rosegger's Heimgarten on the Ninth Symphony , 3 from the pen of the conductor Paumgartner. With a few accompanying words, I send this very notice to Weisse.

*

Postcard from Artur, with invitation to the Café Museum, which I agree to in principle in my reply, but also at the same time with the proviso that I might possibly be unable to come.

*

Letter to Mrs. Colbert further expanded and sent off. 4

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After lunch, to the Café Siller, where we meet Floriz and Mrs. Hauser. I give Floriz a telegram to my sister so that at least she will not have to wait so very long for moral comfort. In the telegram, I repeat my advice to go to Kautzen.

*

An apparently official communication from Peking, published in the midday newspaper, speaks of an "uprising in India" and, in connection with it, of help from the Japanese for which a high price was paid. 5 The communication put me in the most joyfully excited mood, which very quickly changed when I, unfortunately, missed the same communication in the evening papers. It was particularly painful for me to read in the Münchner Neueste Nachrichten that the Dual Alliance is henceforth conscious that it alone must fulfil the formidable task of protecting itself and European culture {709} from total collapse. The familiar fate of the individual genius, who must give to humanity his best without being assisted by it for his service, is repeated with respect to German genius. The genius must not only be strong enough to be able at all to give, but in addition must be so much stronger as is necessary to ensure that it is able to impose that which it gives.

If the communication regarding the rebellion in India were to prove true, then one could surely perceive therein the just revenge on English infamy. If only the time had progressed so far that one could speak of a total defeat of France; one would then be able, with less worry, to pursue the thought that eternal laws of nature express themselves in England's fate. England's demise would be the clear proof of the fact that a nation or state based purely on trade must lead to the complete degeneration of all social instincts and conditions, kill off all productive drives, and produce only the megalomania of the cheapest sort. That which is the profession of a tradesman is something that England expresses in a classical way, so to speak; and precisely on this classic type one would have to understand its inferiority and draw conclusions about the dangers for the state and the world that the tradesman has embodied since time immemorial.

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Postcard from Brünauer in Tutzing which, like the pronouncements of our neutral people, does not yet bode ill, to be sure, but also confirms nothing definitely gratifying.

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Prayer, too, like love and friendship, is an art; thus only the one who also works best is gain capable of praying best.

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It appears that England's difficulties are based on truth at least with respect to Egypt. 6 If that were true, it would amount to the same thing as a German victory won at the outset. But then the circumstances would be favorable for France and Russia to make peace with Germany, in order to use its collective powers to check the ogre of Asia, Japan, in its incipient string of victories. Or should politics also be governed by analogy with the world of law, with its unsavory practice according to which ordinary people (by which judges are in the highest courts of law are also included) {710} cannot contemplate taking action without a far-reaching proper course of action? As if the appeals process were an organic necessity even at the first trial. The superfluity of an appeal is something that no attorney, no judge can imagine; their mediocre brains cannot contemplate that under some circumstances a non-appeal can have more moral, and thus at the same time more material, gain. But on a French battlefield, what would an appeals process consist of? Why not rather conclude a peace treaty immediately, in order to get out of a smaller difficulty and encounter a greater one?

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The Austrian victories up to now cannot be appreciated too highly in their moral effect. The retreat before a superior power has by no means the depressing effect of a battle in which the army is defeated. Even in retreat, there is victory in the form of a psychological gain, which in all events brings benefits. 7

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Jewish sayings (taken from Lie-Lie's mother): "To throw peas on the wall," applied to a futile effort to instruct or persuade; "to make oneself a spy-window into the future," by which the advice is given not to punish an evil-doer immediately but rather leave it to the future (i.e. to fate) to act as criminal court, and thus act oneself only as a spectator.

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 "Die Schlacht geht weiter. Deutsche Teilerfolge. – Ausdehnung der Schlachtlinie bis Verdun," Berliner Tageblatt, No. 470, 42nd year, September 16, 1914, morning edition, p. [1].

2 "Zurückwerfen der Serben über die Save. Syrmien und der Banat vom Feinde vollständig frei," Neue Freie Presse, No. 17982, September 16, 1914, morning edition, p. 2.

3 Bernhard Paumgartner, "Heinrich Schenker: Beethovens IX. Symphonie," Heimgarten, September 1914; a clipping of which is preserved in Schenker's scrapbook (OC 2/p.

4 The letter is not known to survive, apart from the passages Schenker quotes in a diary entry for September 15, 1914.

5 "Die Gärung in Indien. Japanische Truppen zur Unterdrückung der revolutionären Bewegung?," Neues Wiener Journal, No. 7504, September 16, 1914, 22nd year, p. 3. "Der Aufstand in Indien," Neues Wiener Tagblatt, No. 256, September 16, 1914, 48th year, p. 4.

6 "Ernste Lage in Kairo," Neue Freie Presse, No. 17982, September 16, 1914, morning edition, p. 5. "Die Jungägypter gegen England," Neues Wiener Tagblatt, No. 256, September 16, 1914, 48th year, p. 4. "Die Straßenunruhen in Kairo," Berliner Tageblatt, No. 471, 42nd year, September 16, 1914, evening edition, p. [2].

7 Schenker is referring to the retreat of the Austrian military forces from the Russians after the Battle of Galicia (August 23 to September 11, 1914), in which Austria was initially successful but ultimately defeated.