15. IX. 14

Der schon dem Termin nach so schlau angelegte BriefOJ 9/30, [5] von Fr. Colbert mahnt mich zur Vorsicht u. ich schreibe nun selbst an Breisach u. Frl. Elias, um je früher desto besser vollen Ueberblick über die Saison zu gewinnen. In der Antwort an Frau C. aber nehme ich die sicher originelle Haltung ein, mich vorläufig zwar nur für 2 Stunden des Monats honorieren zu lassen, sie aber für den Rest zu belasten, bis eine gelegenere Zeit ihr die Begleichung ermöglicht. Vielleicht ist dieser Vorschlag einer jener masurischen Sümpfe, der mir die Gegnerin gefangen ausliefert.

*

Morgenblätter berichten vom energischen Sieg Hindenburgs über die ganze russische Armee in Ost-Preussen. — Die Abendblätter ergänzen die Mitteilung durch die von der Besetzung eines ganzen Gouvernements. 1 Und wieder ein bedeutsamer Akt von Bethman-Holweg: Eine kräftige Erwiderung an das englische Krämergesindel auf dessen mit echtem Krämerhirndreck gedünkgten Phrasen; außerordentlich imponierend u. wirkungsvoll, weil überzeugend, klingt die letzte Wendung, daß England selbst „die Sache der Freiheit der europäischen Völker u. Staaten dem deutschen Schwert zur Wahrung übertragen [hat].“ 2 Dieer im Gefüge des Citates citierten Satzes so pompöse u. bildhafte Aufrichtung aufgerichtete des Schwertbegriffes wird nicht verfehlen, auch bei primitiven Völkern das denkbar größte Aufsehen hervorzurufen. Das Wort „Schwert“ spricht nicht nur, sondern handelt auch gewissermaßen. Diese Enuntiation setzt in sehr glücklicher Weise die früheren fort u. sämtliche tragen dazu bei, jene Klarheit in die betrogene Welt zu bringen, wie sie der Wahrheit einzig u. allein eigen ist. Gelingt es, daß die Wahrheit dann Früchte trägt, so wird es – vielleicht zum erstenmal – der Triumph eines Ethikers sein, der über politische u. diplomatische Gesellschaftsspiele siegen wird.

*

Reklamation am Postamt wegen meines nach Frankfurt abgeschickten AufsatzesOJ 21/2, [1].

*

Wendungen aus dem Brief an Frau Colbert: 3 „Disziplin der Kultur …“ wieder die Kriegspatronessen citiert u. folgende Sätze: „In Wien weiß man ja noch nichts davon, daß auch Kultur so gut Disciplin braucht, wie die Armee, Fabrik, Schule oder Geschäft. Hätte es eine ge- {707} geben, würden wir dann das abscheuliche Schauspiel erleben, dessen Zeugen wir sind? Was ist es, das ihrem Gatten immer wieder die Feder in die Hand drückt wider die Reichsten, d. i. die Schmutzigsten in die Hand drückt? Mangel an Disciplin der Kultur ist es, an die man hier noch nicht glaubt. „Alles für die Armee“ schrieen in Friedenszeiten unsere inländischen Engländer (Krämerpack) u. nun würden sie heute gerne über eine 3fache große verfügen, wenn es nur ginge. Es gab u. gibt in Wien anderes als „Interessen“ der Krämer, Agrarier, u. s. w., aber selbst im Kriege findet kein Ausgleich statt. … Sie begreifen, wie sehr ich – u. immer betone ich die Studien voran – auf strengste Disciplin halten muß, als einzigen Weg zur inneren Disciplin, die sie in den Werken unserer Meister, die Meister der Disciplin waren, antreffen. … Glauben Sie mir, eine Sekunde draußen, oder, was dasselbe, drüber stehen, ist ersprießlich auch für das Wirken selbst. Eine Stunde Brahms, Beethoven zeigt auf, wofür man in den nächsten Stunden wirbt unter Armen für Arme. Es kommt ja kein geschlitztes Kleid, kein Luxus in Frage wo Brahms u. Beethoven vor Sie treten. Unsere großen Geister reimen sich auf Elend so gut als wie auf Reichtum, auch auf Krieg so gut als wie auf Frieden. ….“

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© Transcription Marko Deisinger.

September 15, 1914.

The letterOJ 9/30, [5] that Mrs. Colbert crafted so cleverly, merely judging by the deadline she gave me, warns me to be on my guard; and I now write myself to Breisach and Miss Elias in order to gain a complete view of the teaching season, the sooner the better. In my reply to Mrs. Colbert, however, I take a certainly original position, by saying that I will for the time being request payment for only two lessons per month and burden her with the rest only when a more opportune time makes the payment possible. Perhaps this suggestion is one of those Masurian bogs which will deliver me from my opponent, who has been caught in it.

*

The morning newspapers report on Hindenburg's energetic victory over the entire Russian army in East Prussia. — The evening papers supplement the communication with one about the occupation of an entire government. 1 And another significant act by Bethman-Holweg: a powerful reply to the English shopkeeper riff-raff concerning their verbal expressions covered in genuine shopkeeper-brain manure; his last words are extremely imposing and effective, because they are convincing: that England itself has "transferred the matter of freedom for the European peoples and states to protection under the German sword." 2 The idea of the sword, so grandly and vividly presented in the context of the sentence quoted, will not fail to attract the greatest imaginable attention, even among primitive peoples. The word "sword" does not only speak, but also to some extent takes action. This pronouncement continues the previous ones in a highly satisfactory manner; and all of them contribute to bringing to the deceived world the clarity that uniquely and singly belongs to truth. If the truth succeeds in bearing fruit, then – perhaps for the first time – it will be the triumph of an ethicist that will be victorious over political and diplomatic party games.

*

Complaint at the post office regarding the articleOJ 21/2, [1] sent to Frankfurt.

*

Turns of phrase from my letter to Mrs. Colbert: 3 "discipline of culture …" again cited in opposition to the patronesses of war, and the following sentences: "In Vienna one still has no idea that culture, too, needs discipline as much as an army, a factory, a school, or a business. If this existed, {707} would we then be experiencing the hideous spectacle to which we are witnesses? What is it that, time and again, presses her husband to take up his pen against the richest, that is, the most greedy? It is a lack of discipline in culture, which they do not yet accept. "Everything for the army," cried our native English (the pack of tradesmen) in times of peace; and now they would today gladly have one three times the size, if only it were possible. There was, and is, in Vienna other things besides the "interests" of the tradesmen, agrarians, etc.; but even in the war there is no balance. … You understand how much I – and I always emphasize your studies above all – must insist on the strictest discipline, as the only path to the inner discipline that can lead to the works of our masters, who were masters of discipline. … Believe me, to stand outside – or, what amounts to the same thing, to stand above, is beneficial for the effect itself. An hour of Brahms or Beethoven will reveal that for which one is promoting among the poor, for the poor, in the hours that follow. There is no question of a ball gown or some other luxury item when Brahms and Beethoven appear before you. Our greatest spirits can rhyme with sorrow as much as with wealth, and also with war as well as with peace. …"

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© Translation William Drabkin.

15. IX. 14

Der schon dem Termin nach so schlau angelegte BriefOJ 9/30, [5] von Fr. Colbert mahnt mich zur Vorsicht u. ich schreibe nun selbst an Breisach u. Frl. Elias, um je früher desto besser vollen Ueberblick über die Saison zu gewinnen. In der Antwort an Frau C. aber nehme ich die sicher originelle Haltung ein, mich vorläufig zwar nur für 2 Stunden des Monats honorieren zu lassen, sie aber für den Rest zu belasten, bis eine gelegenere Zeit ihr die Begleichung ermöglicht. Vielleicht ist dieser Vorschlag einer jener masurischen Sümpfe, der mir die Gegnerin gefangen ausliefert.

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Morgenblätter berichten vom energischen Sieg Hindenburgs über die ganze russische Armee in Ost-Preussen. — Die Abendblätter ergänzen die Mitteilung durch die von der Besetzung eines ganzen Gouvernements. 1 Und wieder ein bedeutsamer Akt von Bethman-Holweg: Eine kräftige Erwiderung an das englische Krämergesindel auf dessen mit echtem Krämerhirndreck gedünkgten Phrasen; außerordentlich imponierend u. wirkungsvoll, weil überzeugend, klingt die letzte Wendung, daß England selbst „die Sache der Freiheit der europäischen Völker u. Staaten dem deutschen Schwert zur Wahrung übertragen [hat].“ 2 Dieer im Gefüge des Citates citierten Satzes so pompöse u. bildhafte Aufrichtung aufgerichtete des Schwertbegriffes wird nicht verfehlen, auch bei primitiven Völkern das denkbar größte Aufsehen hervorzurufen. Das Wort „Schwert“ spricht nicht nur, sondern handelt auch gewissermaßen. Diese Enuntiation setzt in sehr glücklicher Weise die früheren fort u. sämtliche tragen dazu bei, jene Klarheit in die betrogene Welt zu bringen, wie sie der Wahrheit einzig u. allein eigen ist. Gelingt es, daß die Wahrheit dann Früchte trägt, so wird es – vielleicht zum erstenmal – der Triumph eines Ethikers sein, der über politische u. diplomatische Gesellschaftsspiele siegen wird.

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Reklamation am Postamt wegen meines nach Frankfurt abgeschickten AufsatzesOJ 21/2, [1].

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Wendungen aus dem Brief an Frau Colbert: 3 „Disziplin der Kultur …“ wieder die Kriegspatronessen citiert u. folgende Sätze: „In Wien weiß man ja noch nichts davon, daß auch Kultur so gut Disciplin braucht, wie die Armee, Fabrik, Schule oder Geschäft. Hätte es eine ge- {707} geben, würden wir dann das abscheuliche Schauspiel erleben, dessen Zeugen wir sind? Was ist es, das ihrem Gatten immer wieder die Feder in die Hand drückt wider die Reichsten, d. i. die Schmutzigsten in die Hand drückt? Mangel an Disciplin der Kultur ist es, an die man hier noch nicht glaubt. „Alles für die Armee“ schrieen in Friedenszeiten unsere inländischen Engländer (Krämerpack) u. nun würden sie heute gerne über eine 3fache große verfügen, wenn es nur ginge. Es gab u. gibt in Wien anderes als „Interessen“ der Krämer, Agrarier, u. s. w., aber selbst im Kriege findet kein Ausgleich statt. … Sie begreifen, wie sehr ich – u. immer betone ich die Studien voran – auf strengste Disciplin halten muß, als einzigen Weg zur inneren Disciplin, die sie in den Werken unserer Meister, die Meister der Disciplin waren, antreffen. … Glauben Sie mir, eine Sekunde draußen, oder, was dasselbe, drüber stehen, ist ersprießlich auch für das Wirken selbst. Eine Stunde Brahms, Beethoven zeigt auf, wofür man in den nächsten Stunden wirbt unter Armen für Arme. Es kommt ja kein geschlitztes Kleid, kein Luxus in Frage wo Brahms u. Beethoven vor Sie treten. Unsere großen Geister reimen sich auf Elend so gut als wie auf Reichtum, auch auf Krieg so gut als wie auf Frieden. ….“

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© Transcription Marko Deisinger.

September 15, 1914.

The letterOJ 9/30, [5] that Mrs. Colbert crafted so cleverly, merely judging by the deadline she gave me, warns me to be on my guard; and I now write myself to Breisach and Miss Elias in order to gain a complete view of the teaching season, the sooner the better. In my reply to Mrs. Colbert, however, I take a certainly original position, by saying that I will for the time being request payment for only two lessons per month and burden her with the rest only when a more opportune time makes the payment possible. Perhaps this suggestion is one of those Masurian bogs which will deliver me from my opponent, who has been caught in it.

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The morning newspapers report on Hindenburg's energetic victory over the entire Russian army in East Prussia. — The evening papers supplement the communication with one about the occupation of an entire government. 1 And another significant act by Bethman-Holweg: a powerful reply to the English shopkeeper riff-raff concerning their verbal expressions covered in genuine shopkeeper-brain manure; his last words are extremely imposing and effective, because they are convincing: that England itself has "transferred the matter of freedom for the European peoples and states to protection under the German sword." 2 The idea of the sword, so grandly and vividly presented in the context of the sentence quoted, will not fail to attract the greatest imaginable attention, even among primitive peoples. The word "sword" does not only speak, but also to some extent takes action. This pronouncement continues the previous ones in a highly satisfactory manner; and all of them contribute to bringing to the deceived world the clarity that uniquely and singly belongs to truth. If the truth succeeds in bearing fruit, then – perhaps for the first time – it will be the triumph of an ethicist that will be victorious over political and diplomatic party games.

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Complaint at the post office regarding the articleOJ 21/2, [1] sent to Frankfurt.

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Turns of phrase from my letter to Mrs. Colbert: 3 "discipline of culture …" again cited in opposition to the patronesses of war, and the following sentences: "In Vienna one still has no idea that culture, too, needs discipline as much as an army, a factory, a school, or a business. If this existed, {707} would we then be experiencing the hideous spectacle to which we are witnesses? What is it that, time and again, presses her husband to take up his pen against the richest, that is, the most greedy? It is a lack of discipline in culture, which they do not yet accept. "Everything for the army," cried our native English (the pack of tradesmen) in times of peace; and now they would today gladly have one three times the size, if only it were possible. There was, and is, in Vienna other things besides the "interests" of the tradesmen, agrarians, etc.; but even in the war there is no balance. … You understand how much I – and I always emphasize your studies above all – must insist on the strictest discipline, as the only path to the inner discipline that can lead to the works of our masters, who were masters of discipline. … Believe me, to stand outside – or, what amounts to the same thing, to stand above, is beneficial for the effect itself. An hour of Brahms or Beethoven will reveal that for which one is promoting among the poor, for the poor, in the hours that follow. There is no question of a ball gown or some other luxury item when Brahms and Beethoven appear before you. Our greatest spirits can rhyme with sorrow as much as with wealth, and also with war as well as with peace. …"

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 "Große Niederlage der Russen in Ostpreußen. Vernichtung der russischen Ersten Armee.," Neue Freie Presse, No. 17981, September 15, 1914, evening edition, pp. 1–2.

2 "Bethmann Hollweg gegen die Heuchelei der englischen Regierung," Neue Freie Presse, No. 17981, September 15, 1914, evening edition, p. 2.

3 Schenker is responding to a letter from Toni Colbert, dated September 13, 1914OJ 9/30, [5]. Schenker’s response is not known to survive.