3. IX. 14

Die Blätter geben die Möglichkeit der Besetzung von Lemberg zu, diese Tatsache zugleich aber für einen unvermeidlichen u. belanglosen Wechselfall aus. 1 Möge es nur so sein, denn denkbar wäre es immerhin, daß unser siegreicher linker Flügel auch das russische Centrum sehr bedrohen u. in diesem Sinne zum endgiltigen Siege führen kann! 2

Die deutsche Armee hat indessen den Sedan-Tag 3 wieder mit einem glänzenden Sieg zu zwischen Verdun u. Reims gefeiert u. nun dürfte es wohl nicht mehr lange dauern, bis Paris belagert ist. — England wird immer mehr von Bewunderung der deutschen Armee affiziert.

*

Erster Besuch bei Mama, die Gott sei Dank sehr gut aussieht u. noch immer genug frische Empfänglichkeit hat, um allen Erzählungen folgen zu können. Erfreulich ist es, daß sowohl Wilhelm als auch Mozio ihre Beiträge im selben Ausmaß fortsetzen.

*

[in HS's hand:] „Mobilmachung als Kunstwerk“ Titel eines Aufsatzes von Herbert Jhering im Berl. Tagebl. vom 1. oder 2. IX. 4 Schöner, Tlustiger Titel u. ebenso schöne Ausführung.

*

Endlich verrät ein Telegramm des Kriegsberichtserstatters, daß in Ost-Galizien ausgedehnte russophile Spionage entdeckt wurde, die großen Schaden stiftete. 5 Von den Süd-Slaven weiß man ähnliche L landesverräterische Umtriebe schon länger. So einfach es an sich ist, solche Spionage zu verurteilen, so muß müßte sie der Staatsmann von einem höheren Standpunkt aus be immerhin begreiflich finden. Man darf ja nicht vergessen, daß das nationale Prinzip um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ja als Dogma, obendrein als staatsbildendes Dogma kreiert u. gefordert wurde. Auf der Basis des nationalen Prinzips erfolgt ja die Einigung {680} Deutschlands u. Italiens. Endlich erreichte die große Woge der neuen Idee auch die Slaven u. es charakterisiert die Trägheit der letzteren zur genüge [sic], wenn sie erst nach so vielen Jahrzehnten sich das Prinzip in ihrer Weise zurechtzulegen suchen. Aber da tritt eben der Unterschied zwischen Genie u. Talent hervor: Während Bismarck im Namen des Nationalitätenprinzips die Einigung Deutschlands durchführte, dennoch dabei aus noch höheren Gründen die Deutschen Oesterreichs ausschaltete, unternimmt es der russische Trottel, die Einigung selbst über völlig national-fremde oder sogar widerstrebende Staaten hinweg zu forçieren. Mit anderen Worten: Das Genie zog aus einer gegebenen Situation eine Kompromißlösung zwischen dem Prinzip der Nationalität u. dem des Staates u. ließ somit neben dem geeinten Deutschland zugleich den Staat Oesterreich gelten. Aus dieser Lösung entnimmt man, daß, so sehr nationale Einheit Basis eines Staates sein kann, zuweilen auch noch andere Momente als blos das der Nationalität für die Staatsidee bestimmend sein können. In der Tat wird gerade heute der höhere Wert jener Staatsidee proklamirt, derie mindestens nicht ausschließlich auf eine nationale Einheit bezug nimmt. Man kann also sagen, daß Bismarck’s Schöpfung beide Ideen zugleich ausspricht u. jeder gibt, was ihr gehört. Doch der Russe wendet die Nationalitäten-Idee nur schematisch an u. vermag als bloßes Talent der besonderen Situation der Balkan-Staaten keine besondere Rechnung zu tragen. Dieser Fehler der panslavistischen Politik ist es eben, der sich augenblicklich an Rußland so schwer rächt u. der Welt zugleich die Augen darüber öffnet, daß die Staaten-Idee noch zwingendere Gründe in sich trage, als blos nationale. „Wenn zwei dasselbe tun, ist es doch nicht dasselbe,“ zumal wenn der Eine ein Genie, der Andere ein Talent, bezw. ein Halbtalent ist.

Wie sollte man aber von russischen, bezw. ruthenischen Bauern verlangen, das kaum Gehörte u. Erlernte über Nacht wieder aufzugeben u. zu vergessen?! Während die Weltgeschichte gerade die höhere Staatenidee erhebt, kann der russische Bauer nicht gleichen Schritt mit ihr halten. Gerade im Begriffe gewesen, das Nationalitätenprinzip zum 1. Mal anzuwenden, soll er über Nacht eine noch darüber höher stehende Staaten-Idee erfassen u. betätigen. Dieses ist wohl der letzte Grund der unangenehmen Erfahrungen, die Oesterreich-Ungarn leider in seinen Grenzgebieten macht. In weiteren 50 Jahren mag vielleicht einmal auch der russische Bauer die Staatsidee begreifen, aber nicht früher! {681}

© Transcription Marko Deisinger.

September 3, 1914.

The newspapers admit the possibility of the occupation of Lemberg, but at the same time as an unavoidable and inconsequential chance occurrence. 1 Let us hope so, for it would be nonetheless imaginable that our victorious left flank threatens the Russian center and, in this way, can lead to an ultimate victory! 2

In the meantime, the German army has celebrated Sedan Day 3 with another splendid victory between Verdun and Reims; and it will probably not be much longer before Paris is besieged. — England is ever more affected by admiration for the German army.

*

First visit to Mama who, thank God, looks very well and still is responsive enough to be able to follow all stories. It is gratifying that not only Mozio but also Wilhelm are able to continue their contributions at the same level.

*

[in HS's hand:] ""Mobilization as an Artwork"," title of an article by Herbert Ihering in the Berliner Tageblatt from September 1 or 2. 5 Nice amusing title, and equally attractive realization.

*

Finally a telegram from the war correspondent reveals that extensive Russian-friendly espionage was discovered in East Galicia, which caused much damage. 5 Similar traitorous machinations by the Slavs in southern regions have already been known about for some time. As simple as it may be to condemn it, the statesman must find such espionage understandable from a higher point of view. One must certainly not forget that the national principle was created and promoted around the middle of the previous century as dogma, and moreover as a dogma of state formation. It was on the basis of the national principle that the unification of Germany and of Italy took place. {680} The great swell of the new idea finally reached the Slavs, too; and it is sufficiently characteristic of the latter's indolence that they are seeking to pursue the principle in their own way only after so many decades. But here the difference between genius and talent comes to the fore: Bismarck achieved the unification of Germany in the name of the nationality principle but nonetheless, for higher reasons, uncoupled the Germans of Austria; the Russian fools are themselves undertaking a forced unification above and beyond nationally alien or even reluctant states. In other words: the genius drew from a given situation a compromise solution between the principle of nationality and that of the state, and thus accepted the state of Austria alongside a unified Germany. From this solution one learns that, as much as national unity can be the basis of a state, from time to time other factors besides merely that of nationality can be determinants. In fact, precisely today one proclaims the higher value of that idea of statehood that at least does not take into consideration a national unity. One can therefore say that Bismarck’s creation expresses both ideas simultaneously and gives to each that which belongs to it. But the Russians are applying the idea of nationality too schematically, and are unable, as a mere talent, to take into account the special situation of the Balkan states. This error of pan-Slavic politics is the very thing that at the moment is avenging itself in Russia so severely, and at the same time is opening the eyes of the world to the fact that there are more compelling reasons for the idea of statehood than mere nationalistic ones. "If two are doing the same thing, it is still not the same"; all the more so when one is a genius, the other a talent or merely a half-talent.

But how should one demand of the Russian or Ruthenian peasants that what they have barely heard or learned must now be given up and forgotten overnight?! While the history of the world raises up precisely the higher idea of statehood, the Russian peasant cannot keep step with it. Just when he is at the point of applying the principle of nationality for the first time, should he comprehend and put into practice an idea of statehood of higher standing? This is probably the ultimate reason for the disagreeable experiences that Austria-Hungary is experiencing in its border territories. In a further 50 years, even the Russian peasant may for once understand the concept of state – but not sooner!

*

{681}

© Translation William Drabkin.

3. IX. 14

Die Blätter geben die Möglichkeit der Besetzung von Lemberg zu, diese Tatsache zugleich aber für einen unvermeidlichen u. belanglosen Wechselfall aus. 1 Möge es nur so sein, denn denkbar wäre es immerhin, daß unser siegreicher linker Flügel auch das russische Centrum sehr bedrohen u. in diesem Sinne zum endgiltigen Siege führen kann! 2

Die deutsche Armee hat indessen den Sedan-Tag 3 wieder mit einem glänzenden Sieg zu zwischen Verdun u. Reims gefeiert u. nun dürfte es wohl nicht mehr lange dauern, bis Paris belagert ist. — England wird immer mehr von Bewunderung der deutschen Armee affiziert.

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Erster Besuch bei Mama, die Gott sei Dank sehr gut aussieht u. noch immer genug frische Empfänglichkeit hat, um allen Erzählungen folgen zu können. Erfreulich ist es, daß sowohl Wilhelm als auch Mozio ihre Beiträge im selben Ausmaß fortsetzen.

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[in HS's hand:] „Mobilmachung als Kunstwerk“ Titel eines Aufsatzes von Herbert Jhering im Berl. Tagebl. vom 1. oder 2. IX. 4 Schöner, Tlustiger Titel u. ebenso schöne Ausführung.

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Endlich verrät ein Telegramm des Kriegsberichtserstatters, daß in Ost-Galizien ausgedehnte russophile Spionage entdeckt wurde, die großen Schaden stiftete. 5 Von den Süd-Slaven weiß man ähnliche L landesverräterische Umtriebe schon länger. So einfach es an sich ist, solche Spionage zu verurteilen, so muß müßte sie der Staatsmann von einem höheren Standpunkt aus be immerhin begreiflich finden. Man darf ja nicht vergessen, daß das nationale Prinzip um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ja als Dogma, obendrein als staatsbildendes Dogma kreiert u. gefordert wurde. Auf der Basis des nationalen Prinzips erfolgt ja die Einigung {680} Deutschlands u. Italiens. Endlich erreichte die große Woge der neuen Idee auch die Slaven u. es charakterisiert die Trägheit der letzteren zur genüge [sic], wenn sie erst nach so vielen Jahrzehnten sich das Prinzip in ihrer Weise zurechtzulegen suchen. Aber da tritt eben der Unterschied zwischen Genie u. Talent hervor: Während Bismarck im Namen des Nationalitätenprinzips die Einigung Deutschlands durchführte, dennoch dabei aus noch höheren Gründen die Deutschen Oesterreichs ausschaltete, unternimmt es der russische Trottel, die Einigung selbst über völlig national-fremde oder sogar widerstrebende Staaten hinweg zu forçieren. Mit anderen Worten: Das Genie zog aus einer gegebenen Situation eine Kompromißlösung zwischen dem Prinzip der Nationalität u. dem des Staates u. ließ somit neben dem geeinten Deutschland zugleich den Staat Oesterreich gelten. Aus dieser Lösung entnimmt man, daß, so sehr nationale Einheit Basis eines Staates sein kann, zuweilen auch noch andere Momente als blos das der Nationalität für die Staatsidee bestimmend sein können. In der Tat wird gerade heute der höhere Wert jener Staatsidee proklamirt, derie mindestens nicht ausschließlich auf eine nationale Einheit bezug nimmt. Man kann also sagen, daß Bismarck’s Schöpfung beide Ideen zugleich ausspricht u. jeder gibt, was ihr gehört. Doch der Russe wendet die Nationalitäten-Idee nur schematisch an u. vermag als bloßes Talent der besonderen Situation der Balkan-Staaten keine besondere Rechnung zu tragen. Dieser Fehler der panslavistischen Politik ist es eben, der sich augenblicklich an Rußland so schwer rächt u. der Welt zugleich die Augen darüber öffnet, daß die Staaten-Idee noch zwingendere Gründe in sich trage, als blos nationale. „Wenn zwei dasselbe tun, ist es doch nicht dasselbe,“ zumal wenn der Eine ein Genie, der Andere ein Talent, bezw. ein Halbtalent ist.

Wie sollte man aber von russischen, bezw. ruthenischen Bauern verlangen, das kaum Gehörte u. Erlernte über Nacht wieder aufzugeben u. zu vergessen?! Während die Weltgeschichte gerade die höhere Staatenidee erhebt, kann der russische Bauer nicht gleichen Schritt mit ihr halten. Gerade im Begriffe gewesen, das Nationalitätenprinzip zum 1. Mal anzuwenden, soll er über Nacht eine noch darüber höher stehende Staaten-Idee erfassen u. betätigen. Dieses ist wohl der letzte Grund der unangenehmen Erfahrungen, die Oesterreich-Ungarn leider in seinen Grenzgebieten macht. In weiteren 50 Jahren mag vielleicht einmal auch der russische Bauer die Staatsidee begreifen, aber nicht früher! {681}

© Transcription Marko Deisinger.

September 3, 1914.

The newspapers admit the possibility of the occupation of Lemberg, but at the same time as an unavoidable and inconsequential chance occurrence. 1 Let us hope so, for it would be nonetheless imaginable that our victorious left flank threatens the Russian center and, in this way, can lead to an ultimate victory! 2

In the meantime, the German army has celebrated Sedan Day 3 with another splendid victory between Verdun and Reims; and it will probably not be much longer before Paris is besieged. — England is ever more affected by admiration for the German army.

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First visit to Mama who, thank God, looks very well and still is responsive enough to be able to follow all stories. It is gratifying that not only Mozio but also Wilhelm are able to continue their contributions at the same level.

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[in HS's hand:] ""Mobilization as an Artwork"," title of an article by Herbert Ihering in the Berliner Tageblatt from September 1 or 2. 5 Nice amusing title, and equally attractive realization.

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Finally a telegram from the war correspondent reveals that extensive Russian-friendly espionage was discovered in East Galicia, which caused much damage. 5 Similar traitorous machinations by the Slavs in southern regions have already been known about for some time. As simple as it may be to condemn it, the statesman must find such espionage understandable from a higher point of view. One must certainly not forget that the national principle was created and promoted around the middle of the previous century as dogma, and moreover as a dogma of state formation. It was on the basis of the national principle that the unification of Germany and of Italy took place. {680} The great swell of the new idea finally reached the Slavs, too; and it is sufficiently characteristic of the latter's indolence that they are seeking to pursue the principle in their own way only after so many decades. But here the difference between genius and talent comes to the fore: Bismarck achieved the unification of Germany in the name of the nationality principle but nonetheless, for higher reasons, uncoupled the Germans of Austria; the Russian fools are themselves undertaking a forced unification above and beyond nationally alien or even reluctant states. In other words: the genius drew from a given situation a compromise solution between the principle of nationality and that of the state, and thus accepted the state of Austria alongside a unified Germany. From this solution one learns that, as much as national unity can be the basis of a state, from time to time other factors besides merely that of nationality can be determinants. In fact, precisely today one proclaims the higher value of that idea of statehood that at least does not take into consideration a national unity. One can therefore say that Bismarck’s creation expresses both ideas simultaneously and gives to each that which belongs to it. But the Russians are applying the idea of nationality too schematically, and are unable, as a mere talent, to take into account the special situation of the Balkan states. This error of pan-Slavic politics is the very thing that at the moment is avenging itself in Russia so severely, and at the same time is opening the eyes of the world to the fact that there are more compelling reasons for the idea of statehood than mere nationalistic ones. "If two are doing the same thing, it is still not the same"; all the more so when one is a genius, the other a talent or merely a half-talent.

But how should one demand of the Russian or Ruthenian peasants that what they have barely heard or learned must now be given up and forgotten overnight?! While the history of the world raises up precisely the higher idea of statehood, the Russian peasant cannot keep step with it. Just when he is at the point of applying the principle of nationality for the first time, should he comprehend and put into practice an idea of statehood of higher standing? This is probably the ultimate reason for the disagreeable experiences that Austria-Hungary is experiencing in its border territories. In a further 50 years, even the Russian peasant may for once understand the concept of state – but not sooner!

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 For example "Fortdauer der Schlacht bei Lemberg. Die Verteidigung von Lemberg unter schwierigen Verhältnissen," Neue Freie Presse, No. 17969, September 3, 1914, evening edition, p. 1.

2 This entry refers to the Battle of Galicia (August 23 to September 11, 1914), a larger series of battles between Russia and Austria-Hungary during the early stages of World War I. The Austro-Hungarian armies were initially successful (Battles of Kraśnik and Komarów), but finally defeated (Battles of Gnila Lipa and Rawa) and forced out of Galicia, while the Russians captured Lemberg and, for approximately nine months, ruled Eastern Galicia.

3 Sedantag: semi-official memorial holiday in the German Empire, celebrated on the second day of September to commemorate the victory in the Battle of Sedan in 1870 during the Franco-Prussian War. At this battle, which also made the unification of Germany possible, the French emperor Napoleon III was taken prisoner with 100,000 of his soldiers.

4 Herbert Jhering, "Die Mobilmachung als Kunstwerk," Berliner Tageblatt, No. 442, 42nd year, September 1, 1914, morning edition, p. [2].

5 Roda Roda, "Die Spionage von galizischen Russophilen für die russischen Truppen," Neue Freie Presse, No. 17969, September 3, 1914, evening edition, p. 2.