27. VIII. 14

Die N. Fr. Pr. gibt die Antwort Gerhard Hauptmanns an Maeterlink wieder. 1 Ich finde die Antwort matt; viel drastischer, wenn auch nicht allgemein überzeugender, wäre gewesen zu antworten, : daß wenn da Maeterlink – woran ja niemand zweifeln darf – sicher seine ganze innere eigene Kultur zur Erzeugung seiner Werke aufgeboten hat, so ist daraus begreift {669} nur ersichtlich man, mit wie wenig Kultur er sie im Grunde zustande gebracht hat, wenn er nicht einmal noch so viel Kultur übrig hatte, die deutschen Genies als solche zu erkennen u. die Deutschen einfach „Barbaren“ zu schimpfen. Der Schluß ist zwingend, daß Herr Maeterlink, was ich ja immer behauptete, mit geringen Mitteln nur geringe Wirkungen auslöst. Daß sie ihm selbst u. einer in der eigenen Kultur noch unbewanderten deutschen Schichte genügt haben, kann als Gegenbeweis nicht gelten.

*

Es verlautet, daß auch die unsere Hoftheater französische, englische u. russische Autoren aus dem Spielplan ausschließen. 2 So hat erst der krieg die Deutschen dahin gebracht, wo Franzosen, Engländer u. Russen längst gestanden. Diese letzteren Nationen , weit an Bildung u. Fähigkeit zurückstehend, hatben teils aus Eitelkeit, teils aus Unfähigkeit sich keine Mühe gegeben, die Erzeugnisse deutschen Geistes bei sich zu pflegen. Hoffentlich trifft es Deutschland, den jetzt eingeschlagenen Kurs auch noch weiterhin zu steuern.

*

Eine dDritte Karte an Mama , urgierende, da zwei unbeantwortet geblieben sind.

*

In den letzten Tagen wurde ein Wort des engl. Handelsminister viel zitiert, der den Weltkrieg einfach nur als „günstige Conjunktur[“] bezeichnet hat. England's Wesen ist in diesem Worte eingeschlossen. — Eine andere engl. Wendung: „Wie eine Dogge wird England die Beute nicht loslassen, bis sie sie zerfleischt hat.“ 3 Von der Drohung wird hoffentlich nur das Gleichnis England's als einer Dogge übrigbleiben. Wie ganz anders klingen dagegen die Worte, die in Deutschland in den Mund genommen werden. Von den Kaisern u. ihren Telegrammen bis zum letzten Soldaten welche Noblesse; selbst noch in den Kriegswitzen deutscher u. englischer Soldaten dürfte man vergebens Selbstcharakteristiken finden, wie sie in den oben zitierten englischen Wendungen enthalten sind.

*

{670} Das Wort eines Kommandierenden nach einem Siege sei aufbewahrt: „Die befohlene Linie ist erreicht.“ 4

*

Abendblätter bringen endlich eine offiziöse Bestätigung einer wirklichen u. dauernden Neutralität Italien (s. Beilage!). 5 Es ist ja klar, daß, je weniger Oesterreich u. Deutschland an Erwerbungen in Nord-Afrika interessiert sind, Italien destomehr Chançen hat, diese Teile, wie einst das römische Imperium, an sich zu reissen, sobald Frankreichs u. England's Macht endgiltig gebrochen ist. Erweist ferner der gegenwärtige Weltkrieg – wenigstens bis heute – die Ueberlegenheit des Zweibundes, so tut Italien wirklich das Klügste, sich an die Stärkeren zu halten, denn wer weiß nicht, daß der Bund mit einem Stärkeren immer vorteilhafter als der mit einem Schwächeren ist!

*

In Paris soll ein neues Ministerium offenbar zur Verteidigung der [illeg]republikanischen Regierungsform gebildet worden sein. Von vornherein soll dem zu erwartenden Ausbruch einer Wut des französischen Volkes dadurch vorgebeugt werden, daß Männer von Ansehen sich an die Spitze der Regierung stellen u. die bisherige Regierungsform aufrecht erhalten. 6

*

© Transcription Marko Deisinger.

August 27, 1914.

The Neue freie Presse reproduces Gerhard Hauptmann's response to Maeterlinck. 1 I find the response feeble; it would have been more drastic, if not also more generally convincing, to reply as follows: Since Maeterlinck – on this there cannot be any doubt whatsoever – for sure summoned all his own culture for the production of his work, then one can understand {669} with how little culture he basically brought them into being if he did not still have so much culture that he was able to recognize German genius for what it was and simply and insultingly called them "barbarians." The conclusion is convincing: that Mr. Maeterlinck, as I have always maintained, had only limited means to achieve limited effects. That they were sufficient for himself, and for a level of German society as yet inexperienced in its own culture, cannot be used as a counter-argument.

*

It has been reported that our court theaters are excluding works by French, English and Russian authors from their repertory. 2 And so it is only the war that has brought the Germans to the point where the French, English and Russians have long stood. These nations, lagging far behind in education and ability have – partly from vanity, partly from inability – made no effort to cultivate the products of German intellect. It is hoped that Germany will now steer further along the course that it has now taken.

*

Third urgent postcard to Mama, as two have gone unanswered.

*

In recent days, a remark made by the English minister for trade was much quoted, according to which the world war was designated simply as a "favorable business activity." The essence of England is contained in this expression. — Another English expression: "Like a mastiff, England will not leave its quarry alone until it has torn all the flesh from it." 3 From this threat all that will remain, one hopes, is the image of England as a mastiff. How very differently, on the other hand, are the words that the German put into their mouths. From the emperors and their telegrams until the last soldier, what nobility; even in the wartime jokes of German and English soldiers, one looks in vain for self-characterization of the sort contained in the above-quoted English expressions.

*

{670} May these words of a commander, following a victory, be preserved: "The line to which we were commanded has been reached." 4

*

Evening papers finally bring a semi-official confirmation of a real and lasting Italian neutrality (see the supplement!). 5 It is indeed clear that the less Austria and Germany are interested in acquisitions in north Africa, the greater are Italy's chances of taking these parts for themselves, as the Roman Empire once did, as soon as France's and England's might is finally broken. The present world war further demonstrates – at least until now – the superiority of the Dual Alliance, and so the smartest thing that Italy could really do would be to stick with the stronger powers; for who does not know that the alliance with a stronger power is always more advantageous than one with a weaker one!

*

In Paris, a new ministry, apparently for the defense of the republican form of government, has been established. The expected breakout of anger among the French people is to be forestalled at the outset by men of esteem being placed at the head of government and maintaining the present governmental reform. 6

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© Translation William Drabkin.

27. VIII. 14

Die N. Fr. Pr. gibt die Antwort Gerhard Hauptmanns an Maeterlink wieder. 1 Ich finde die Antwort matt; viel drastischer, wenn auch nicht allgemein überzeugender, wäre gewesen zu antworten, : daß wenn da Maeterlink – woran ja niemand zweifeln darf – sicher seine ganze innere eigene Kultur zur Erzeugung seiner Werke aufgeboten hat, so ist daraus begreift {669} nur ersichtlich man, mit wie wenig Kultur er sie im Grunde zustande gebracht hat, wenn er nicht einmal noch so viel Kultur übrig hatte, die deutschen Genies als solche zu erkennen u. die Deutschen einfach „Barbaren“ zu schimpfen. Der Schluß ist zwingend, daß Herr Maeterlink, was ich ja immer behauptete, mit geringen Mitteln nur geringe Wirkungen auslöst. Daß sie ihm selbst u. einer in der eigenen Kultur noch unbewanderten deutschen Schichte genügt haben, kann als Gegenbeweis nicht gelten.

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Es verlautet, daß auch die unsere Hoftheater französische, englische u. russische Autoren aus dem Spielplan ausschließen. 2 So hat erst der krieg die Deutschen dahin gebracht, wo Franzosen, Engländer u. Russen längst gestanden. Diese letzteren Nationen , weit an Bildung u. Fähigkeit zurückstehend, hatben teils aus Eitelkeit, teils aus Unfähigkeit sich keine Mühe gegeben, die Erzeugnisse deutschen Geistes bei sich zu pflegen. Hoffentlich trifft es Deutschland, den jetzt eingeschlagenen Kurs auch noch weiterhin zu steuern.

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Eine dDritte Karte an Mama , urgierende, da zwei unbeantwortet geblieben sind.

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In den letzten Tagen wurde ein Wort des engl. Handelsminister viel zitiert, der den Weltkrieg einfach nur als „günstige Conjunktur[“] bezeichnet hat. England's Wesen ist in diesem Worte eingeschlossen. — Eine andere engl. Wendung: „Wie eine Dogge wird England die Beute nicht loslassen, bis sie sie zerfleischt hat.“ 3 Von der Drohung wird hoffentlich nur das Gleichnis England's als einer Dogge übrigbleiben. Wie ganz anders klingen dagegen die Worte, die in Deutschland in den Mund genommen werden. Von den Kaisern u. ihren Telegrammen bis zum letzten Soldaten welche Noblesse; selbst noch in den Kriegswitzen deutscher u. englischer Soldaten dürfte man vergebens Selbstcharakteristiken finden, wie sie in den oben zitierten englischen Wendungen enthalten sind.

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{670} Das Wort eines Kommandierenden nach einem Siege sei aufbewahrt: „Die befohlene Linie ist erreicht.“ 4

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Abendblätter bringen endlich eine offiziöse Bestätigung einer wirklichen u. dauernden Neutralität Italien (s. Beilage!). 5 Es ist ja klar, daß, je weniger Oesterreich u. Deutschland an Erwerbungen in Nord-Afrika interessiert sind, Italien destomehr Chançen hat, diese Teile, wie einst das römische Imperium, an sich zu reissen, sobald Frankreichs u. England's Macht endgiltig gebrochen ist. Erweist ferner der gegenwärtige Weltkrieg – wenigstens bis heute – die Ueberlegenheit des Zweibundes, so tut Italien wirklich das Klügste, sich an die Stärkeren zu halten, denn wer weiß nicht, daß der Bund mit einem Stärkeren immer vorteilhafter als der mit einem Schwächeren ist!

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In Paris soll ein neues Ministerium offenbar zur Verteidigung der [illeg]republikanischen Regierungsform gebildet worden sein. Von vornherein soll dem zu erwartenden Ausbruch einer Wut des französischen Volkes dadurch vorgebeugt werden, daß Männer von Ansehen sich an die Spitze der Regierung stellen u. die bisherige Regierungsform aufrecht erhalten. 6

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© Transcription Marko Deisinger.

August 27, 1914.

The Neue freie Presse reproduces Gerhard Hauptmann's response to Maeterlinck. 1 I find the response feeble; it would have been more drastic, if not also more generally convincing, to reply as follows: Since Maeterlinck – on this there cannot be any doubt whatsoever – for sure summoned all his own culture for the production of his work, then one can understand {669} with how little culture he basically brought them into being if he did not still have so much culture that he was able to recognize German genius for what it was and simply and insultingly called them "barbarians." The conclusion is convincing: that Mr. Maeterlinck, as I have always maintained, had only limited means to achieve limited effects. That they were sufficient for himself, and for a level of German society as yet inexperienced in its own culture, cannot be used as a counter-argument.

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It has been reported that our court theaters are excluding works by French, English and Russian authors from their repertory. 2 And so it is only the war that has brought the Germans to the point where the French, English and Russians have long stood. These nations, lagging far behind in education and ability have – partly from vanity, partly from inability – made no effort to cultivate the products of German intellect. It is hoped that Germany will now steer further along the course that it has now taken.

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Third urgent postcard to Mama, as two have gone unanswered.

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In recent days, a remark made by the English minister for trade was much quoted, according to which the world war was designated simply as a "favorable business activity." The essence of England is contained in this expression. — Another English expression: "Like a mastiff, England will not leave its quarry alone until it has torn all the flesh from it." 3 From this threat all that will remain, one hopes, is the image of England as a mastiff. How very differently, on the other hand, are the words that the German put into their mouths. From the emperors and their telegrams until the last soldier, what nobility; even in the wartime jokes of German and English soldiers, one looks in vain for self-characterization of the sort contained in the above-quoted English expressions.

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{670} May these words of a commander, following a victory, be preserved: "The line to which we were commanded has been reached." 4

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Evening papers finally bring a semi-official confirmation of a real and lasting Italian neutrality (see the supplement!). 5 It is indeed clear that the less Austria and Germany are interested in acquisitions in north Africa, the greater are Italy's chances of taking these parts for themselves, as the Roman Empire once did, as soon as France's and England's might is finally broken. The present world war further demonstrates – at least until now – the superiority of the Dual Alliance, and so the smartest thing that Italy could really do would be to stick with the stronger powers; for who does not know that the alliance with a stronger power is always more advantageous than one with a weaker one!

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In Paris, a new ministry, apparently for the defense of the republican form of government, has been established. The expected breakout of anger among the French people is to be forestalled at the outset by men of esteem being placed at the head of government and maintaining the present governmental reform. 6

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 "Gerhart Hauptmann für die Gerechtigkeit des Krieges," Neue Freie Presse, No. 17962, August 27, 1914, morning edition, p. 6.

2 "Die Eröffnung der Hoftheater," Deutsches Volksblatt, No. 9211, 26th year, August 27, 1914, noon edition, p. 4.

3 See "Die englische Dogge," Die Neue Zeitung, No. 235, 7th year, August 27, 1914, p. 4.

4 This quotation is found in many newspapers, for instance: "Die strategische Bedeutung der bisherigen deutschen Siege," Neue Freie Presse, No. 17959, August 24, 1914, evening edition, p. 2; "Die Bedeutung der deutschen Siege," Neues Wiener Tagblatt, No. 234, August 25, 1914, 48th year, p. 2; "Siegreicher Vormarsch der deutschen Westarmeen," Neues Wiener Journal, No. 7482, August 25, 1914, 22nd year, p. 1.

5 This supplement has not survived.

6 See "Sturz des französische Ministeriums," Deutsches Volksblatt, No. 9211, 26th year, August 27, 1914, noon edition, p.1; "Das neue französische Ministerium," Neues Wiener Tagblatt, No. 236, 48th year, August 27, 1914, evening edition, p. 1.