22. XI. 13

Nachmittag erscheint statt des jungen Kolischer wieder, also zum drittenmal Frau K. mit dem Erzieher des Sohnes. Ich empfehle ihnen Prof. Jakob Fischer.

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Brief an Hertzka mit beiliegenden [sic] BriefOC B/176 v. Kopfermann u. einem Menzel-Brief. 1

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Abends bei Frau Deutsch; anwesend Herr Fritz Mendel, dessen Frau u. Otto Erich Deutsch. – Ergötzlich war ihr Jammer über Mangel an Gedächtnis: sie merke sich nichts von all dem, was sie lese, sagte sie! Eigentlich wiederholt sie das seit Jahren, obwohl ich ihr die Gründe dieser Erscheinung deutlich u. oft genug vor Augen geführt habe. Freilich, die Enthüllung des letzten Grundes macht persönliche Schwierigkeiten, denn wie sollte man der maßlos gierigen Frau klar machen, daß die Gier, aus aAllem nicht nur Kapital, sondern in diesem Falle auch Zinsen zu schlagen, für das Gedächtnis keinen Grund abgeben könne, da dieses zwar eine Bank der Gedanken vorstellt, die aber doch anders organisiert ist, als eine Geldbank. Ohne auf wenige Themen eingestellt u. konzentriert zu sein, verwechselt sie ihr vorübergehendes Interesse mit einem organischen, so sehr wünscht sie auch bei nur vorübergehendem Interesse am Nutzen demjenigen gleichzukommen, der an in derselben Materie ein organisches Interesse aufbot. Statt nun die Unmöglichkeit solchen Zinsengenusses einzusehen, übt sie sich in aAuszügen, um gleichsam die Zinsen im Strumpf festzuhalten. – Des weiteren bewegte sich das Gespräch auch um das Thema, daß im wahren Genie Mensch u. Künstler sich die Wa[a]ge halten, daß in seinen künstlerischen Produktionen die ethischen Kräfte mitwirken, wie auch umgekehrt; über das Vorbildliche des Genies in bezug auf die Kunst, alle Situationen als besondere Aaufzufassen, u. voneinander zu unterscheiden u. die jeweilig gegebene gemäß der ihr innewohnenden Natur auszutragen. Die Menschheit aber leidet eben darunter, daß sie einer solchen Kunst nicht fähig ist. Es empfehle sich daher das Studium der Ausführungen {474} in den genialen Werken, um daraus die ausschlaggebende Kunst zu lernen. In ihrer Art übertreffen die Künstler-Genies sogar die Religionsstifter, großen Philosophen, Moralisten, Politiker, die zwar in schönen Worten u. Gedanken schöne Ziele der Menschheit vorstecken, niemals aber auch, – um pianistisch zu sprechen – den Fingersatz dazu geben, d. h. niemals auch die Ausführung lehren. Wie hätte z. B. Christus den zur Ausführung seiner Hauptvorschrift nötigen Fingersatz auch nur geben können! – Eine Lanze für Karl Kraus gebrochen u. mehreres aus seinem letzten Hefte vorgelesen.

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© Transcription Marko Deisinger.

November 22, 1913.

In the afternoon, instead of the Kolischer boy, Mrs. K. appears again, thus for the third time, with her son's tutor. I recommend Prof. Jakob Fischer to them.

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Letter to Hertzka with Kopfermann's letterOC B/176 enclosed, and a letter from Menzel. 1

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In the evening at Mrs. Deutsch's; present were Mr. Fritz Mendel, his wife, and Otto Erich Deutsch. – Her wailing about memory loss was amusing: she does not remember anything that she has read, she says! In fact, she has been repeating this for years, even though I have explained the reasons for this manifestation clearly and often enough. Admittedly, the revelation of the ultimate reason creates personal difficulties; for how can we make it clear to this boundlessly greedy woman that her greed in making not only capital, but in this case also dividends from everything, cannot leave any room for memory since this represents a bank of ideas which is, however, organized differently from a money bank. Without being focused and concentrated on a few themes, she confuses her fleeting interest with an organic one, as much as she wishes to be of use with her merely fleeting interest – as useful as someone who offered an organic interest in the same material. Instead of now recognizing the impossibility of enjoying such dividends, she dispenses in small quantities, so as to keep her dividends in her stockings. – In addition, the conversation moved around the theme that in the true genius, person and artist are kept in balance, that in his artistic production the ethical forces are at play, and vice versa; concerning that which is exemplary about genius in relation to the art of differentiating all situations as special cases, to be distinguished from one another, and to deliver that which is given in each instance in relation to the nature that resides in it. Humanity, however, suffers from the very fact of being incapable of such art. It would therefore be advisable to study that which is delivered {474} in the works of genius, in order to learn what is crucial about them. In their own way, the artist-geniuses tower over even the founders of religions, great philosophers, moralists, and politicians who, to be sure, set up fine goals for humanity in fine words and thoughts, but who never – if I may speak in terms of piano playing – also provide the fingering for it, that is, they never also teach how to achieve them. How would, for example, Christ have even been able to give the necessary fingering for the execution of his principal commandment! – The cudgels taken up for Karl Kraus, several extracts read from his most recent volume.

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© Translation William Drabkin.

22. XI. 13

Nachmittag erscheint statt des jungen Kolischer wieder, also zum drittenmal Frau K. mit dem Erzieher des Sohnes. Ich empfehle ihnen Prof. Jakob Fischer.

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Brief an Hertzka mit beiliegenden [sic] BriefOC B/176 v. Kopfermann u. einem Menzel-Brief. 1

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Abends bei Frau Deutsch; anwesend Herr Fritz Mendel, dessen Frau u. Otto Erich Deutsch. – Ergötzlich war ihr Jammer über Mangel an Gedächtnis: sie merke sich nichts von all dem, was sie lese, sagte sie! Eigentlich wiederholt sie das seit Jahren, obwohl ich ihr die Gründe dieser Erscheinung deutlich u. oft genug vor Augen geführt habe. Freilich, die Enthüllung des letzten Grundes macht persönliche Schwierigkeiten, denn wie sollte man der maßlos gierigen Frau klar machen, daß die Gier, aus aAllem nicht nur Kapital, sondern in diesem Falle auch Zinsen zu schlagen, für das Gedächtnis keinen Grund abgeben könne, da dieses zwar eine Bank der Gedanken vorstellt, die aber doch anders organisiert ist, als eine Geldbank. Ohne auf wenige Themen eingestellt u. konzentriert zu sein, verwechselt sie ihr vorübergehendes Interesse mit einem organischen, so sehr wünscht sie auch bei nur vorübergehendem Interesse am Nutzen demjenigen gleichzukommen, der an in derselben Materie ein organisches Interesse aufbot. Statt nun die Unmöglichkeit solchen Zinsengenusses einzusehen, übt sie sich in aAuszügen, um gleichsam die Zinsen im Strumpf festzuhalten. – Des weiteren bewegte sich das Gespräch auch um das Thema, daß im wahren Genie Mensch u. Künstler sich die Wa[a]ge halten, daß in seinen künstlerischen Produktionen die ethischen Kräfte mitwirken, wie auch umgekehrt; über das Vorbildliche des Genies in bezug auf die Kunst, alle Situationen als besondere Aaufzufassen, u. voneinander zu unterscheiden u. die jeweilig gegebene gemäß der ihr innewohnenden Natur auszutragen. Die Menschheit aber leidet eben darunter, daß sie einer solchen Kunst nicht fähig ist. Es empfehle sich daher das Studium der Ausführungen {474} in den genialen Werken, um daraus die ausschlaggebende Kunst zu lernen. In ihrer Art übertreffen die Künstler-Genies sogar die Religionsstifter, großen Philosophen, Moralisten, Politiker, die zwar in schönen Worten u. Gedanken schöne Ziele der Menschheit vorstecken, niemals aber auch, – um pianistisch zu sprechen – den Fingersatz dazu geben, d. h. niemals auch die Ausführung lehren. Wie hätte z. B. Christus den zur Ausführung seiner Hauptvorschrift nötigen Fingersatz auch nur geben können! – Eine Lanze für Karl Kraus gebrochen u. mehreres aus seinem letzten Hefte vorgelesen.

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© Transcription Marko Deisinger.

November 22, 1913.

In the afternoon, instead of the Kolischer boy, Mrs. K. appears again, thus for the third time, with her son's tutor. I recommend Prof. Jakob Fischer to them.

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Letter to Hertzka with Kopfermann's letterOC B/176 enclosed, and a letter from Menzel. 1

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In the evening at Mrs. Deutsch's; present were Mr. Fritz Mendel, his wife, and Otto Erich Deutsch. – Her wailing about memory loss was amusing: she does not remember anything that she has read, she says! In fact, she has been repeating this for years, even though I have explained the reasons for this manifestation clearly and often enough. Admittedly, the revelation of the ultimate reason creates personal difficulties; for how can we make it clear to this boundlessly greedy woman that her greed in making not only capital, but in this case also dividends from everything, cannot leave any room for memory since this represents a bank of ideas which is, however, organized differently from a money bank. Without being focused and concentrated on a few themes, she confuses her fleeting interest with an organic one, as much as she wishes to be of use with her merely fleeting interest – as useful as someone who offered an organic interest in the same material. Instead of now recognizing the impossibility of enjoying such dividends, she dispenses in small quantities, so as to keep her dividends in her stockings. – In addition, the conversation moved around the theme that in the true genius, person and artist are kept in balance, that in his artistic production the ethical forces are at play, and vice versa; concerning that which is exemplary about genius in relation to the art of differentiating all situations as special cases, to be distinguished from one another, and to deliver that which is given in each instance in relation to the nature that resides in it. Humanity, however, suffers from the very fact of being incapable of such art. It would therefore be advisable to study that which is delivered {474} in the works of genius, in order to learn what is crucial about them. In their own way, the artist-geniuses tower over even the founders of religions, great philosophers, moralists, and politicians who, to be sure, set up fine goals for humanity in fine words and thoughts, but who never – if I may speak in terms of piano playing – also provide the fingering for it, that is, they never also teach how to achieve them. How would, for example, Christ have even been able to give the necessary fingering for the execution of his principal commandment! – The cudgels taken up for Karl Kraus, several extracts read from his most recent volume.

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 Presumably one of the letters in the article "Ungedruckte Briefe Adolf Menzels," which was published in the Neues Wiener Journal, No. 7208, November 18, 1913, 21st year, p. 4; a clipping is preserved in Schenker's Nachlass (OC Scores/30).