11. Aug. 13

Wir standen stehen um ½4h auf u. naehmen in Lie-Liechens Zimmer den Thee ein. Um ¼6 fährt der bestellte Wagen vor, erweist sich aber als zu klein, da er meinen Korb nicht aufnehmen kann: so wenig hatte der verschmitzte Italiener meine wiederholte Mahnung berücksichtigt, daß wir schweres Gepäck führen. ! So mußte der Kutscher nach Fondo wieder zurück u. einen größeren Wagen bringen. Endlich konnte das Gepäck aufgeladen werden u. wir fuahren um 7h fort. Ich athme auf, der italienischen Gesellschaft entronnen zu sein, die auch die Freuden des Sommers träge mißbraucht, weder weite Spaziergänge macht, noch auch den Körper den allzu noch so heißen Sonnenstrahlen nicht preiszugeben wagt.

*

Die Straße vom Mendelpaß nach Bozen macht uns unendliche Freude! Die vielen Kehren im Walde, der nun auch Laubholz aufnimmt, das ungeheuere aber unendlich zart gehügelte Rebengelände, die vielen Schlösser am Abhang der Mendelwand u. des Gandkofels, wie auch in der Talsohle selbst, reißen uns immer wieder hin als Denkmäler von Geschlechtern, die ihren Aristokratismus u. die Abgeschlossenheit von der übrigen Welt durch solche Bauten auszudrücken das Glück hatten. Und immer wieder wirkt dabei bestimmend mit, daß sich die Geschlechter auf die Natur beriefen, deren hervorragendste Punkte sie benützten, um ihren eigenen hervorragenden Charakter zu unterstreichen! – Am nachhaltigsten wirkt aber der Eindruck Anblick der Weiler u. Städtchen, besonders Eppan’s: Häuser reihen sich in deutscher Art organisch geschlossen an u. alles strebt an, eine Einheit, nicht eine Vielheit auszudrücken. Das Ueberetscherland würde wohl ein eingehenderes Studium verdienen.

*

Wir langen in Bozen um ¾10h an u. machen noch einige Besorgungen. Zu Tisch essen gehen wir um 12h u. lassen uns die vorzügliche Küche Greif’s gut schmecken. — Etwas nach 1h treten wir die Weiterreise an. In diesem Au- {398} genblick macht uns der italienische Kutscher die Mitteilung, daß er unser schweres Gepäck einem anderen Kutscher übergeben habe, der, nach Cortina heimreisend, leer fährt u. ihm gegen Entgelt von wenigen Kronen die schwere Last aus „Collegialität“ abnimmt. Noch ahnen wir nichts mehr u. deuten das Mitgefühl blosß dahin, daß der Kutscher, des Weges nicht ganz sicher, sich einem erfahreneren Collegen anvertraut habe. — Wir brechen nun auf; . bBald aber, nicht weit von Kardaun, zeigen sich die Pferde störrig u. zu schwach. Nun erst begreifen wir den italienischen Unternehmer in seiner völligen Verschmitztheit u. Untüchtigkeit: Der kleine Wagen sollte von den schmächtigen Pferden gezogen werden, die stärkeren Schimmel läßt er sich zuhause, u. selbst dann, als ein großer Wagen aus der Remise geholt werden mußte, beharrt er noch immer bei den kleinen Pferden, die weder dem großen Wagen, noch dem schweren Gepäck entsprechen. In seiner Verschmitztheit sieht er nur den Geld- Gewinn u. vor lauter Freude darüber gibt er sich dem Wahn hin, daß wohl auch der kleine Wagen u. die kleinen Pferde ihn heimbringen können. — Uns bleibt nichts übrig, als auf offener Straße auf den andern Wagen zu übersiedeln, u. Gott zu danken dafür, daß dieses Abenteuer so glimpflich abgelaufen , u. Wir setzen nun die Reise fort. In Welschnofen spüren wir zum erstenmal ausgeprägte Höhenluft u. staunen nicht wenig über die vielen Neubauten, die inzwischen entstanden sind. — Das Karersee-Hotel, an dem wir vorüberfahren, macht auch in seiner neuen Fassung den günstigsten Eindruck u. der Anblick der Rosengartengruppe erfreut uns aufs tiefste u. dankbarste, so daß wir nicht umhin können, diesen Ort der Dolomiten als den landschaftlich am höchst stehenden zu preisen! Je näher wir dem Paß selbst kommen, wird uns immer deutlicher bewußt, daß wir vor 3 Jahren die Natur hier nicht allein deshalb liebgewonnen haben, weil wir sie mit den Augen unserer gegenseitigen Liebe gesehen, sondern aus dem Grunde ihrer herrlichen Vorzüge, die wir heute nicht min- {399} der lebhaft wie damals empfinden. Die Bestätigung der ersten Eindrücke macht uns innerlich beglückt, da wir uns bewußt werden, uns um unsertwillen, die Natur um ihretwillen lieben zu können! Glücklicherweise hat den ganzen Tag über der liebe Jehova die Wolken zerteilt u. uns so die Reise angenehm gestaltet. — Als wir vor dem Hotel anlangen, erleben wir die Freude, daß der Gastwirt u. Frau uns willkommen heißen, so daß uns jede Sorge um etwaige üble Folgen des Prozesses genommen werden! — Seltsamerweise fügt es der Zufall, daß wir im Augenblick, da wir in die Dependance eintreten, einen Herrn Kaufmann samt Familie treffen, einen aus Berlin, den wir im vorigen Jahre in Paneveggio kennen lernten u. der in bemerkenswerter Weise sich auch geistig hochgespannten Interessen hingibt!

*

© Transcription Marko Deisinger.

August 11, 1913.

We get up at 3:30 and have tea in Lie-Liechen's room. At 5:15 the coach we ordered arrives but proves too small, being unable to accommodate my basket: so little had the Italian rogue taken notice of my repeated reminder that we were travelling with heavy luggage! And so the coachman had to ride back to Fondo and bring a larger vehicle. Finally, the luggage could be loaded, and we depart at 7 o'clock. I breathe a sigh of relief for having escaped Italian society, which also lethargically misuses the joys of summer, neither taking long walks nor daring even to yield their bodies to the sun's rays, which are still so hot.

*

The road from the Mendel Pass to Bolzano gives us infinite pleasure! The many turns in the forest, which now include deciduous trees; the immense but infinitely sweetly rolling vineyards; the many castles on the cliff of the Mendel wall and the Gantkofel, and also on the valley floor itself: these things captivate us time and again as monuments to generations who had the good fortune of expressing their aristocratism and seclusion from the rest of the world by such edifices. And time and again a decisive role is played by these generations appealing to nature, whose most striking features they used in order to underscore their own splendid character! – The most lasting impressions were, however, the sight of the villages and towns, especially Eppan: houses were arranged in the German style, in an organically self-contained manner, and everything strives to express a unity, not a multiplicity. The Upper Etsch region would surely merit a closer study.

*

We arrive in Bolzano at 9:45 and do a few errands. We eat go to lunch at 12 o'clock and enjoy the excellent cuisine at the Greif. — A little after 1 o'clock, we continue our journey. At this {398} moment, the Italian coachman informs us that he has transferred our heavy luggage to another coachman who, as he is on his way home to Cortina, is travelling empty and has taken the heavy burden for the payment of a few Kronen out of "collegiality." We suspect nothing more as yet, and merely indicate our sympathy for the coachman who, being not entirely sure of the way, has put his faith in a more experienced colleague. — We now depart. But soon, not far from Kardaun, the horses become stubborn and too weak. It is only now that we understand the Italian entrepreneur in his utter roguishness and incompetency: the small wagon should be drawn by the slender horses, the stronger grays he leaves at home; and even when a larger wagon must be fetched from the coach house, he perseveres with the horses that are too small either for the large wagon or for the heavy luggage. In his roguishness he sees only his financial gain; and with great joy about this he deludes himself into imagining that perhaps even the small wagon and the small horses can bring him home. — We have no choice but to transfer to the other wagon in broad daylight, and to thank God that in this adventure we will get off so lightly. and We now continue our journey. In Welschnofen we sense distinctive mountain air for the first time and are not a little bit astonished by the many new buildings that have been erected in the meantime. — The Karersee Hotel, which we pass by, also makes the most favorable impression in its new configuration; and the sight of the Rosengarten group cheers us most profoundly and gratefully, so that we cannot but extol this place in the Dolomites as the most splendid scenically! The closer we come to the pass itself, the more clearly we become conscious that we did not fall in love three years ago with the natural surroundings here merely because we beheld it in the eyes of our reciprocal love, but on account of its magnificent advantages, which we sense today no less than we did at that time. {399} The confirmation of our first impressions makes us inwardly delighted, as we realize that we can love each other for our own sake, and Nature for its own sake! Happily, the dear Jehovah parted the clouds for the entire day, and made the trip such an agreeable one for us. — As we arrived at the hotel, we experienced the delight of being welcomed by the hotel owner and his wife, so that all concern about possible consequences of the [divorce] proceedings were overcome! — Strangely it turned out that, at the moment we entered the hotel annex, we met a Mr. Kaufmann and his family from Berlin, whose acquaintance we had made the previous year in Paneveggio, and who, in a remarkable way, is himself also devoted to intellectually challenging interests!

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© Translation William Drabkin.

11. Aug. 13

Wir standen stehen um ½4h auf u. naehmen in Lie-Liechens Zimmer den Thee ein. Um ¼6 fährt der bestellte Wagen vor, erweist sich aber als zu klein, da er meinen Korb nicht aufnehmen kann: so wenig hatte der verschmitzte Italiener meine wiederholte Mahnung berücksichtigt, daß wir schweres Gepäck führen. ! So mußte der Kutscher nach Fondo wieder zurück u. einen größeren Wagen bringen. Endlich konnte das Gepäck aufgeladen werden u. wir fuahren um 7h fort. Ich athme auf, der italienischen Gesellschaft entronnen zu sein, die auch die Freuden des Sommers träge mißbraucht, weder weite Spaziergänge macht, noch auch den Körper den allzu noch so heißen Sonnenstrahlen nicht preiszugeben wagt.

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Die Straße vom Mendelpaß nach Bozen macht uns unendliche Freude! Die vielen Kehren im Walde, der nun auch Laubholz aufnimmt, das ungeheuere aber unendlich zart gehügelte Rebengelände, die vielen Schlösser am Abhang der Mendelwand u. des Gandkofels, wie auch in der Talsohle selbst, reißen uns immer wieder hin als Denkmäler von Geschlechtern, die ihren Aristokratismus u. die Abgeschlossenheit von der übrigen Welt durch solche Bauten auszudrücken das Glück hatten. Und immer wieder wirkt dabei bestimmend mit, daß sich die Geschlechter auf die Natur beriefen, deren hervorragendste Punkte sie benützten, um ihren eigenen hervorragenden Charakter zu unterstreichen! – Am nachhaltigsten wirkt aber der Eindruck Anblick der Weiler u. Städtchen, besonders Eppan’s: Häuser reihen sich in deutscher Art organisch geschlossen an u. alles strebt an, eine Einheit, nicht eine Vielheit auszudrücken. Das Ueberetscherland würde wohl ein eingehenderes Studium verdienen.

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Wir langen in Bozen um ¾10h an u. machen noch einige Besorgungen. Zu Tisch essen gehen wir um 12h u. lassen uns die vorzügliche Küche Greif’s gut schmecken. — Etwas nach 1h treten wir die Weiterreise an. In diesem Au- {398} genblick macht uns der italienische Kutscher die Mitteilung, daß er unser schweres Gepäck einem anderen Kutscher übergeben habe, der, nach Cortina heimreisend, leer fährt u. ihm gegen Entgelt von wenigen Kronen die schwere Last aus „Collegialität“ abnimmt. Noch ahnen wir nichts mehr u. deuten das Mitgefühl blosß dahin, daß der Kutscher, des Weges nicht ganz sicher, sich einem erfahreneren Collegen anvertraut habe. — Wir brechen nun auf; . bBald aber, nicht weit von Kardaun, zeigen sich die Pferde störrig u. zu schwach. Nun erst begreifen wir den italienischen Unternehmer in seiner völligen Verschmitztheit u. Untüchtigkeit: Der kleine Wagen sollte von den schmächtigen Pferden gezogen werden, die stärkeren Schimmel läßt er sich zuhause, u. selbst dann, als ein großer Wagen aus der Remise geholt werden mußte, beharrt er noch immer bei den kleinen Pferden, die weder dem großen Wagen, noch dem schweren Gepäck entsprechen. In seiner Verschmitztheit sieht er nur den Geld- Gewinn u. vor lauter Freude darüber gibt er sich dem Wahn hin, daß wohl auch der kleine Wagen u. die kleinen Pferde ihn heimbringen können. — Uns bleibt nichts übrig, als auf offener Straße auf den andern Wagen zu übersiedeln, u. Gott zu danken dafür, daß dieses Abenteuer so glimpflich abgelaufen , u. Wir setzen nun die Reise fort. In Welschnofen spüren wir zum erstenmal ausgeprägte Höhenluft u. staunen nicht wenig über die vielen Neubauten, die inzwischen entstanden sind. — Das Karersee-Hotel, an dem wir vorüberfahren, macht auch in seiner neuen Fassung den günstigsten Eindruck u. der Anblick der Rosengartengruppe erfreut uns aufs tiefste u. dankbarste, so daß wir nicht umhin können, diesen Ort der Dolomiten als den landschaftlich am höchst stehenden zu preisen! Je näher wir dem Paß selbst kommen, wird uns immer deutlicher bewußt, daß wir vor 3 Jahren die Natur hier nicht allein deshalb liebgewonnen haben, weil wir sie mit den Augen unserer gegenseitigen Liebe gesehen, sondern aus dem Grunde ihrer herrlichen Vorzüge, die wir heute nicht min- {399} der lebhaft wie damals empfinden. Die Bestätigung der ersten Eindrücke macht uns innerlich beglückt, da wir uns bewußt werden, uns um unsertwillen, die Natur um ihretwillen lieben zu können! Glücklicherweise hat den ganzen Tag über der liebe Jehova die Wolken zerteilt u. uns so die Reise angenehm gestaltet. — Als wir vor dem Hotel anlangen, erleben wir die Freude, daß der Gastwirt u. Frau uns willkommen heißen, so daß uns jede Sorge um etwaige üble Folgen des Prozesses genommen werden! — Seltsamerweise fügt es der Zufall, daß wir im Augenblick, da wir in die Dependance eintreten, einen Herrn Kaufmann samt Familie treffen, einen aus Berlin, den wir im vorigen Jahre in Paneveggio kennen lernten u. der in bemerkenswerter Weise sich auch geistig hochgespannten Interessen hingibt!

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© Transcription Marko Deisinger.

August 11, 1913.

We get up at 3:30 and have tea in Lie-Liechen's room. At 5:15 the coach we ordered arrives but proves too small, being unable to accommodate my basket: so little had the Italian rogue taken notice of my repeated reminder that we were travelling with heavy luggage! And so the coachman had to ride back to Fondo and bring a larger vehicle. Finally, the luggage could be loaded, and we depart at 7 o'clock. I breathe a sigh of relief for having escaped Italian society, which also lethargically misuses the joys of summer, neither taking long walks nor daring even to yield their bodies to the sun's rays, which are still so hot.

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The road from the Mendel Pass to Bolzano gives us infinite pleasure! The many turns in the forest, which now include deciduous trees; the immense but infinitely sweetly rolling vineyards; the many castles on the cliff of the Mendel wall and the Gantkofel, and also on the valley floor itself: these things captivate us time and again as monuments to generations who had the good fortune of expressing their aristocratism and seclusion from the rest of the world by such edifices. And time and again a decisive role is played by these generations appealing to nature, whose most striking features they used in order to underscore their own splendid character! – The most lasting impressions were, however, the sight of the villages and towns, especially Eppan: houses were arranged in the German style, in an organically self-contained manner, and everything strives to express a unity, not a multiplicity. The Upper Etsch region would surely merit a closer study.

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We arrive in Bolzano at 9:45 and do a few errands. We eat go to lunch at 12 o'clock and enjoy the excellent cuisine at the Greif. — A little after 1 o'clock, we continue our journey. At this {398} moment, the Italian coachman informs us that he has transferred our heavy luggage to another coachman who, as he is on his way home to Cortina, is travelling empty and has taken the heavy burden for the payment of a few Kronen out of "collegiality." We suspect nothing more as yet, and merely indicate our sympathy for the coachman who, being not entirely sure of the way, has put his faith in a more experienced colleague. — We now depart. But soon, not far from Kardaun, the horses become stubborn and too weak. It is only now that we understand the Italian entrepreneur in his utter roguishness and incompetency: the small wagon should be drawn by the slender horses, the stronger grays he leaves at home; and even when a larger wagon must be fetched from the coach house, he perseveres with the horses that are too small either for the large wagon or for the heavy luggage. In his roguishness he sees only his financial gain; and with great joy about this he deludes himself into imagining that perhaps even the small wagon and the small horses can bring him home. — We have no choice but to transfer to the other wagon in broad daylight, and to thank God that in this adventure we will get off so lightly. and We now continue our journey. In Welschnofen we sense distinctive mountain air for the first time and are not a little bit astonished by the many new buildings that have been erected in the meantime. — The Karersee Hotel, which we pass by, also makes the most favorable impression in its new configuration; and the sight of the Rosengarten group cheers us most profoundly and gratefully, so that we cannot but extol this place in the Dolomites as the most splendid scenically! The closer we come to the pass itself, the more clearly we become conscious that we did not fall in love three years ago with the natural surroundings here merely because we beheld it in the eyes of our reciprocal love, but on account of its magnificent advantages, which we sense today no less than we did at that time. {399} The confirmation of our first impressions makes us inwardly delighted, as we realize that we can love each other for our own sake, and Nature for its own sake! Happily, the dear Jehovah parted the clouds for the entire day, and made the trip such an agreeable one for us. — As we arrived at the hotel, we experienced the delight of being welcomed by the hotel owner and his wife, so that all concern about possible consequences of the [divorce] proceedings were overcome! — Strangely it turned out that, at the moment we entered the hotel annex, we met a Mr. Kaufmann and his family from Berlin, whose acquaintance we had made the previous year in Paneveggio, and who, in a remarkable way, is himself also devoted to intellectually challenging interests!

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© Translation William Drabkin.