26. II.

Mit Floriz bei Thoma’s „Magdalena“. 1 Wirksam gebaut, dennoch die Hauptabsicht verfehlend. Wollte er die geringe Moral des Bauernstandes, wie sie dem tiefen geistigen Niveau entspricht, vor Augen führen, so hat er diesen Effekt nicht erreicht, weil ja unter den Figuren seines Stückes auch solche würdige vorkommen, wie z. B. die Eltern des Mädchens. Außerdem wurde die Heldin nicht gerade mit der nötigen Willensfreiheit ausgestattet, da sie allzu sehr von Dummheit an besessen ist. Solcher Art fällt es schwer, die Verantwortlichkeit für ihren Fall anzunehmen, die doch die unerläßliche Voraussetzung eines tragisch zu empfindenden Konfliktes ist. Als Opfer der Großstadt vermag sie, nachhause wieder zurückgekehrt, ihre Restitution doch nicht mit der nötigen Einsicht zu betreiben. Auch in dieser Epoche sind es nur dunkle, allzu dunkle Ahnungen besserer Möglichkeiten, die sie anstrebt, nicht aber eine bestimmte Vorstellung des Zieles u. der Mittel, die zum Ziele führen. Will man dagegen einwenden, daß der Autor diese vagen Horizonte schildert, weil man sie nicht anders auf dem Lande findet, so vergißt man, daß es des Dichters Sache unter allen Umständen bleibt, der Darstellung des Lebens soweit nachzuhelfen, daß die Gesetze des Lebens verständlicher werden, als sie selbst dem unmittelbar Betroffenen verständlich werden können. Es ist zu wenig, wenn der Dichter das Leben blos so schildert, wie er es findet; er muß auch das zur Darstellung bringen, warum das Leben so abrollt, so daß dem Zuschauer der Verlauf klarer, als den Figuren auf der Bühne , sich offenbart. Man kann also sagen, daß Thoma für die Katastrophe im Hause des Gütlers die Dummheit des Bauernstandes verantwortlich macht, die überdieß [sic] jeglicher Hilfe seitens einer überragenden Person entbehrt. Unter allen Umständen aber hat der Autor am meisten [illeg]dawider gefehlt, daß er nicht zur Genüge dasjenige herausgearbeitet hat, was der Bauernstand „Moral“ nennt.
{318} Es ist dem Autor selbst nicht bewußt geworden, daß alle Tragik in seinem Stücke nur darauf zurückzuführen ist, daß die Abschaffung des gefallenen Mädchens per Gendarm die Aufrechterhaltung des Scheines für immer unmöglich gemacht hat. So lange der Schein zu wahren möglich ist, hat auch der M moralische Bauer nichts gegen die Unmoral, denn noch mehr als die Wahrheit der Moral, deren Sinn er ja doch nicht versteht, gilt ihm die Möglichkeit des Scheines. Es ist also blos ein Schein zerrissen worden u. dieser Tatsache fällt ein Menschenleben zum Opfer. Daß die Katastrophe so betrachtet etwas anderes u. jedenfalls weniger bedeutet, als vom Standpunkt der Moral des Bauernstandes gesehen, mag ohneweiters einleuchten. Und so ist nur zu bedauern, daß der Autor nicht recht wußte, was er eigentlich schlildern will: die Folgen eines zerrissenen Scheines oder die Moral des Bauernstandes. Dieser Zwiespalt kreist in allen Akten u. Scenen u. macht eine produktive Teilnahme des Zuhörers an den Figuren u. am Autor auf die Dauer unmöglich. Was nicht klar ausgesprochen ist, kann auch nicht mit Bestimmtheit wirken.

*

Nach dem Theater verblieben wir noch lange im Caféhaus, über das Stück eifrig, jedoch an einander aneinander vorüber plaudernd.

*

© Transcription Marko Deisinger.

Feburary 26.

With Floriz to see Thoma’s Magdalena. 1 Effectively constructed, yet failing in its principal intention. If he wished to visualize the scant morals of the peasant class, since they correspond to the lowest intellectual level, then he did not achieve this effect because some of the characters in his play are indeed worthy figures, e.g. the parents of the girl. In addition, the heroine was not even provided with the necessary freedom of will, since she is much too possessed by stupidity. In this way, it is difficult for her to assume accountability for her case, which is, indeed, the indispensable presupposition of a conflict that is to be perceived as tragic. As a victim of the metropolis, upon returning home she is incapable of pursuing her restitution with the necessary insight. Even in this phase it is only gloomy – all too gloomy notions of better prospects, which she pursues without a specific idea of her goal and the means that will lead to the goal. Were one to object on the grounds that the author portrays these vague horizons because things are not otherwise in the country, then one is forgetting that it remains for the poet, under all circumstances, to assist in portraying life in such a way that the laws of life become more comprehensible than they may otherwise be comprehended, even by those immediately affected. It is not enough for the poet to portray life merely as he finds it; he must also show in his portrayal why life unfolds in such a way, so that the course of events presents itself more clearly to the audience than to the characters on the stage. One can therefore say that Thoma makes the stupidity of the peasant class responsible for the catastrophe in the house of the smallholder farmer – [a catastrophe] which also dispenses with any help from a towering figure. But in any event, the author has failed most by not sufficiently developing what the peasant class calls "morality."
{318} The author himself did not realize that all tragedy in his play originates only from the fact that the removal of the fallen girl by the police has made it impossible to keep up the illusion. So long as the illusion of truth is possible, then even the moral peasant has nothing against immorality; for the truth of morality, whose meaning he clearly does not understand, means less to him than the possibility of illusion. It is thus merely an illusion that has been torn to pieces, and from this fact a human life is sacrificed. That the catastrophe, viewed in this way, means something else – and in any event means less than when seen from the standpoint of peasant morality – may be apparent without further ado. And therefore it is only regrettable that the author did not understand what he actually wanted to portray: the consequences of a shattered illusion, or the morality of the peasant class. This conflict is played out in every act, in every scene, and makes a productive sympathy in the audience for the characters and the author impossible in the long run. What is not clearly expressed cannot also work effectively.

*

After the theater we stayed for a long time at the coffee house, chatting in earnest about the play, yet at cross purposes.

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© Translation William Drabkin.

26. II.

Mit Floriz bei Thoma’s „Magdalena“. 1 Wirksam gebaut, dennoch die Hauptabsicht verfehlend. Wollte er die geringe Moral des Bauernstandes, wie sie dem tiefen geistigen Niveau entspricht, vor Augen führen, so hat er diesen Effekt nicht erreicht, weil ja unter den Figuren seines Stückes auch solche würdige vorkommen, wie z. B. die Eltern des Mädchens. Außerdem wurde die Heldin nicht gerade mit der nötigen Willensfreiheit ausgestattet, da sie allzu sehr von Dummheit an besessen ist. Solcher Art fällt es schwer, die Verantwortlichkeit für ihren Fall anzunehmen, die doch die unerläßliche Voraussetzung eines tragisch zu empfindenden Konfliktes ist. Als Opfer der Großstadt vermag sie, nachhause wieder zurückgekehrt, ihre Restitution doch nicht mit der nötigen Einsicht zu betreiben. Auch in dieser Epoche sind es nur dunkle, allzu dunkle Ahnungen besserer Möglichkeiten, die sie anstrebt, nicht aber eine bestimmte Vorstellung des Zieles u. der Mittel, die zum Ziele führen. Will man dagegen einwenden, daß der Autor diese vagen Horizonte schildert, weil man sie nicht anders auf dem Lande findet, so vergißt man, daß es des Dichters Sache unter allen Umständen bleibt, der Darstellung des Lebens soweit nachzuhelfen, daß die Gesetze des Lebens verständlicher werden, als sie selbst dem unmittelbar Betroffenen verständlich werden können. Es ist zu wenig, wenn der Dichter das Leben blos so schildert, wie er es findet; er muß auch das zur Darstellung bringen, warum das Leben so abrollt, so daß dem Zuschauer der Verlauf klarer, als den Figuren auf der Bühne , sich offenbart. Man kann also sagen, daß Thoma für die Katastrophe im Hause des Gütlers die Dummheit des Bauernstandes verantwortlich macht, die überdieß [sic] jeglicher Hilfe seitens einer überragenden Person entbehrt. Unter allen Umständen aber hat der Autor am meisten [illeg]dawider gefehlt, daß er nicht zur Genüge dasjenige herausgearbeitet hat, was der Bauernstand „Moral“ nennt.
{318} Es ist dem Autor selbst nicht bewußt geworden, daß alle Tragik in seinem Stücke nur darauf zurückzuführen ist, daß die Abschaffung des gefallenen Mädchens per Gendarm die Aufrechterhaltung des Scheines für immer unmöglich gemacht hat. So lange der Schein zu wahren möglich ist, hat auch der M moralische Bauer nichts gegen die Unmoral, denn noch mehr als die Wahrheit der Moral, deren Sinn er ja doch nicht versteht, gilt ihm die Möglichkeit des Scheines. Es ist also blos ein Schein zerrissen worden u. dieser Tatsache fällt ein Menschenleben zum Opfer. Daß die Katastrophe so betrachtet etwas anderes u. jedenfalls weniger bedeutet, als vom Standpunkt der Moral des Bauernstandes gesehen, mag ohneweiters einleuchten. Und so ist nur zu bedauern, daß der Autor nicht recht wußte, was er eigentlich schlildern will: die Folgen eines zerrissenen Scheines oder die Moral des Bauernstandes. Dieser Zwiespalt kreist in allen Akten u. Scenen u. macht eine produktive Teilnahme des Zuhörers an den Figuren u. am Autor auf die Dauer unmöglich. Was nicht klar ausgesprochen ist, kann auch nicht mit Bestimmtheit wirken.

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Nach dem Theater verblieben wir noch lange im Caféhaus, über das Stück eifrig, jedoch an einander aneinander vorüber plaudernd.

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© Transcription Marko Deisinger.

Feburary 26.

With Floriz to see Thoma’s Magdalena. 1 Effectively constructed, yet failing in its principal intention. If he wished to visualize the scant morals of the peasant class, since they correspond to the lowest intellectual level, then he did not achieve this effect because some of the characters in his play are indeed worthy figures, e.g. the parents of the girl. In addition, the heroine was not even provided with the necessary freedom of will, since she is much too possessed by stupidity. In this way, it is difficult for her to assume accountability for her case, which is, indeed, the indispensable presupposition of a conflict that is to be perceived as tragic. As a victim of the metropolis, upon returning home she is incapable of pursuing her restitution with the necessary insight. Even in this phase it is only gloomy – all too gloomy notions of better prospects, which she pursues without a specific idea of her goal and the means that will lead to the goal. Were one to object on the grounds that the author portrays these vague horizons because things are not otherwise in the country, then one is forgetting that it remains for the poet, under all circumstances, to assist in portraying life in such a way that the laws of life become more comprehensible than they may otherwise be comprehended, even by those immediately affected. It is not enough for the poet to portray life merely as he finds it; he must also show in his portrayal why life unfolds in such a way, so that the course of events presents itself more clearly to the audience than to the characters on the stage. One can therefore say that Thoma makes the stupidity of the peasant class responsible for the catastrophe in the house of the smallholder farmer – [a catastrophe] which also dispenses with any help from a towering figure. But in any event, the author has failed most by not sufficiently developing what the peasant class calls "morality."
{318} The author himself did not realize that all tragedy in his play originates only from the fact that the removal of the fallen girl by the police has made it impossible to keep up the illusion. So long as the illusion of truth is possible, then even the moral peasant has nothing against immorality; for the truth of morality, whose meaning he clearly does not understand, means less to him than the possibility of illusion. It is thus merely an illusion that has been torn to pieces, and from this fact a human life is sacrificed. That the catastrophe, viewed in this way, means something else – and in any event means less than when seen from the standpoint of peasant morality – may be apparent without further ado. And therefore it is only regrettable that the author did not understand what he actually wanted to portray: the consequences of a shattered illusion, or the morality of the peasant class. This conflict is played out in every act, in every scene, and makes a productive sympathy in the audience for the characters and the author impossible in the long run. What is not clearly expressed cannot also work effectively.

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After the theater we stayed for a long time at the coffee house, chatting in earnest about the play, yet at cross purposes.

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 Ludwig Thoma's three act peasant tragedy Magdalena (1912). According to the listings in the Neue freie Presse, the play was performed at the People’s Theater (Volksbühne), today the Renaissance Theater in der Neubaugasse 36 in the seventh district of Vienna (Neubau).