7.

Abends nach langer Zeit im Theater. Frau Ida Brünauer als „Hanna Elias“. Wieder ein unseliges Künstler-Drama, d. i. nach modernen Begriffen ein Drama von einem unbeglaubigten Künstler. Doch leider sind in dem Opus Hauptmanns 1 alle anderen Personen ebenso unbeglaubigt. Wer ist Hanna? Welcher Ruf geht ihr voraus ? u. welche hohle Gestalt tritt uns dann entgegen! Womit ist ihre Sinnlichkeit erwiesen, womit ihre geistige Bedeutung? Ist es nicht genug, daß Schilling völlig undefinirbar dasteht u. wie sollte man ihn verstehen, wenn er einer ebensowenig definirten Frau unterliegt? Der schlimmste Fehler ist freilich der, das [sic] Schilling bereits krank auf der Insel erscheint. Krankheit als dramatisches Motiv schaltet von vornherein jede Willensfreiheit aus u. erregt Mitleid blos im physischen, nicht aber künstlerisch dramatischen Sinne. Schließlich hatte Schilling einen Helfer an Mäurer u. hätte mit diesem den Weg nach Griechenland gemacht, nachdem er sowohl Eveline als Hanna losgeworden, wenn er nicht eben bereits derart destruirt gelandet wäre, daß er der ersten Berührung der Hanna neuerdings unterliegt.
Auch Mäurers Zeichnung ist eine falsche. Wollte ihn Hauptmann als einen wirklich großen Künstler erscheinen lassen, so ist sein Interesse für die kleine Russin ein unwahrer Zug. Schlimmstenfalls fühlt sich ein großer Künstler in einem solchen Falle blos dazu veranlaßt, die ihm dargebrachte Huldig- {307} ung, also das Geschenk des Anderen, seinerseits mit einem Gegengeschenk zu beantworten, da am allerwenigsten ein großer Mann, der selbst zu schenken gewohnt ist, sich blos einseitig beschenken läßt. Die ihm innewohnende Klugheit u. der angeborene Takt lassen ihn immer zugleich jene Grenzen erkennen, wo die Quittirung des Geschenkes die Gefahr eines Schadens für den Huldigenden enthalten könnte. Wenn auch die Huldigung die Quittirung eines vom großen Mann ausgehenden Geschenkes ist, so kann es dieser doch nicht immer darauf allein beruhen lassen, da eine Nicht-Quittirung oft genug den Anschein einer Gleichgiltigkeit erwecken könnte, u. nun entspricht es durchaus nicht dem guten Gewissen, die Strafe der Gleichgiltigkeit gleichmäßig auf hHuldigung u. Nicht-Huldigung anzuwenden; freilich gibt es Situationen, in denen das Genie über die Huldigung einfach hinweggeht, andere wieder, in denen es Gebot der Klugheit ist, durch Quittirung den Huldigenden zum rechten Weg aufzumuntern u. ihn nicht abzuschrecken, u. s. w.
Das Leben bleibt im Hauptmann’schen Stück genau so ist im schlechten Sinne rätselhafter, wie als draußen außerhalb der Bühne u. gerade nur das reine sStoffliche rätselvoller angeblicher lebenswahrer LebenseErscheinungen wirkt von der Bühne herab. Aber das Amt des Dichters versieht Hauptmann nicht, den Lebenden das Leben zu deuten! Während das Leben allenfalls einen Zuschauer aufweist, der es mit klugen Augen, mit ahnender Kraft, begreift sind dagegen die Figuren im Hauptmann’schen Stück in ihrer unlösbaren Rätselhaftigkeit für immer eingesargt u. kein noch so kühner Blick, kein noch so dichterisches Auge kann erraten, was in ihnen vorgehen mag. Die Chançen einer nachträglichen Erkenntnis u. Correktur , wie sie das Leben bietet, sind hier in dem ein für allemal abgeschlossenen Kunstwerk nicht gegeben u. doch besteht nur darin allein die Aufgabe des Dichters, der, wenn er das Leben wiedergibt, durch geschickte Auslese u. Syntese auch jene Begleiterscheinung mitzugeben verpflichtet ist, nämlich die Möglichkeit der Lüftung des Rätsels. Man sage also nicht: Hauptmanns Werk sei lebenswahr; nicht einmal das ist es! Lebenswahr wäre es nur dann, wenn es zugleich dichterisch geformt wäre, oder, was das- {308} selbe, wenn Hauptmann Dichter genug wäre, das Leben selbst, die Rätsel sammt ihrer Lösung zu verstehen!

*

Nach dem Theater mit Floriz im Café Osswald. Berichtigung seiner Irrtümer betreffs des Werkes. Bekanntmachung des Ehepaares Br. mit Lie-Liechen.

*

© Transcription Marko Deisinger.

7.

In the evening, in the theater for the first time in a long while. Mrs. Ida Brünauer in the role of Hanna Elias. Again, a wretched drama about an artist – that is, in modern terminology a drama about an artist whose character is not substantiated. Yet in Hauptmann’s work 1 all the other characters are likewise unsubstantiated. Who is Hanna? What reputation precedes her, and what a hollow figure then confronts us?! In what way is her sensuousness demonstrated, in what way her spiritual significance? It is not sufficient that Schilling stands there completely undefinable? And how shall one understand him if he succumbs to a woman who is defined equally as little? The worst mistake is, of course, that Schilling already appears to be ill on the island. Illness, as a dramatic motive, excludes from the outset all freedom of will, and arouses sympathy merely in the physical, not, however, in the artistic-dramatic, sense. Eventually Schilling had an aide, Mäurer, and would have made his way to Greece with him, having freed himself not only from Hanna but also from Eveline, had he not already arrived in such a state of destruction that he would succumb again upon his first contact with Hanna.
Even the portrayal of Mäurer is false. If Hauptmann wished that he appeared to be a truly great artist, then his interest in the Russian girl is an implausible trait. In the worst case, a great artist in such a situation would, for his part, merely feel obliged to respond to the tribute paid to him, {307} i.e. a gift from the other, with a complementary present. Least of all would a great man, who is accustomed to giving, be merely one-sidedly on the receiving end. His intrinsic prudence and innate tact enables him at the same time to recognize those boundaries at which the acknowledgment of the gift could contain a danger to the one paying tribute. Even if the tribute is the acknowledgment of a gift made by a great man, he cannot always let the matter rest upon it, since a lack of acknowledgement can often enough give the impression of indifference. And now it by no means befits a good conscience to use the punishment of indifference in equal measure to the payment and non-payment of tribute. Admittedly there are situations in which the genius simply brushes the tribute aside, and others in which it is a requirement of prudence to acknowledge tribute to encourage the one paying it along the right path and not frighten him off it, etc.
Life in Hauptmann’s play is more puzzling, in a negative sense, than in the real world, off the stage; and verily only the purely material qualities of the supposedly true-to-life events emanate from the stage. But Hauptmann does not fulfill the duty of the poet to show the living how to live! Whereas life at any rate features a spectator who understands it with observant eyes, with imaginative power, Hauptmann’s characters are forever shrouded in their intractable mystery, and the keenest glance, the most poetic eye cannot figure out what is going on inside them. The chances of a subsequent recognition and correction, such as is offered in life, are not provided in this utterly sealed-off artwork. And yet it is the poet’s duty alone, when portraying life, to be responsible also for furnishing that accompanying effect through skillful refinement and synthesis, namely the possibility of unraveling the puzzle. One should not, therefore, say that Hauptmann’s work is true to life: in no way is it so! It would be true to life if only it were at the same time poetically constructed, or, what amounts to the same thing, {308} if Hauptmann were poet enough to understand life itself, the puzzles together with their solution!

*

After the theater, with Floriz in the Café Osswald. Correction of his errors regarding the work. Acquaintance of the Brünauer couple made, with Lie-Liechen.

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© Translation William Drabkin.

7.

Abends nach langer Zeit im Theater. Frau Ida Brünauer als „Hanna Elias“. Wieder ein unseliges Künstler-Drama, d. i. nach modernen Begriffen ein Drama von einem unbeglaubigten Künstler. Doch leider sind in dem Opus Hauptmanns 1 alle anderen Personen ebenso unbeglaubigt. Wer ist Hanna? Welcher Ruf geht ihr voraus ? u. welche hohle Gestalt tritt uns dann entgegen! Womit ist ihre Sinnlichkeit erwiesen, womit ihre geistige Bedeutung? Ist es nicht genug, daß Schilling völlig undefinirbar dasteht u. wie sollte man ihn verstehen, wenn er einer ebensowenig definirten Frau unterliegt? Der schlimmste Fehler ist freilich der, das [sic] Schilling bereits krank auf der Insel erscheint. Krankheit als dramatisches Motiv schaltet von vornherein jede Willensfreiheit aus u. erregt Mitleid blos im physischen, nicht aber künstlerisch dramatischen Sinne. Schließlich hatte Schilling einen Helfer an Mäurer u. hätte mit diesem den Weg nach Griechenland gemacht, nachdem er sowohl Eveline als Hanna losgeworden, wenn er nicht eben bereits derart destruirt gelandet wäre, daß er der ersten Berührung der Hanna neuerdings unterliegt.
Auch Mäurers Zeichnung ist eine falsche. Wollte ihn Hauptmann als einen wirklich großen Künstler erscheinen lassen, so ist sein Interesse für die kleine Russin ein unwahrer Zug. Schlimmstenfalls fühlt sich ein großer Künstler in einem solchen Falle blos dazu veranlaßt, die ihm dargebrachte Huldig- {307} ung, also das Geschenk des Anderen, seinerseits mit einem Gegengeschenk zu beantworten, da am allerwenigsten ein großer Mann, der selbst zu schenken gewohnt ist, sich blos einseitig beschenken läßt. Die ihm innewohnende Klugheit u. der angeborene Takt lassen ihn immer zugleich jene Grenzen erkennen, wo die Quittirung des Geschenkes die Gefahr eines Schadens für den Huldigenden enthalten könnte. Wenn auch die Huldigung die Quittirung eines vom großen Mann ausgehenden Geschenkes ist, so kann es dieser doch nicht immer darauf allein beruhen lassen, da eine Nicht-Quittirung oft genug den Anschein einer Gleichgiltigkeit erwecken könnte, u. nun entspricht es durchaus nicht dem guten Gewissen, die Strafe der Gleichgiltigkeit gleichmäßig auf hHuldigung u. Nicht-Huldigung anzuwenden; freilich gibt es Situationen, in denen das Genie über die Huldigung einfach hinweggeht, andere wieder, in denen es Gebot der Klugheit ist, durch Quittirung den Huldigenden zum rechten Weg aufzumuntern u. ihn nicht abzuschrecken, u. s. w.
Das Leben bleibt im Hauptmann’schen Stück genau so ist im schlechten Sinne rätselhafter, wie als draußen außerhalb der Bühne u. gerade nur das reine sStoffliche rätselvoller angeblicher lebenswahrer LebenseErscheinungen wirkt von der Bühne herab. Aber das Amt des Dichters versieht Hauptmann nicht, den Lebenden das Leben zu deuten! Während das Leben allenfalls einen Zuschauer aufweist, der es mit klugen Augen, mit ahnender Kraft, begreift sind dagegen die Figuren im Hauptmann’schen Stück in ihrer unlösbaren Rätselhaftigkeit für immer eingesargt u. kein noch so kühner Blick, kein noch so dichterisches Auge kann erraten, was in ihnen vorgehen mag. Die Chançen einer nachträglichen Erkenntnis u. Correktur , wie sie das Leben bietet, sind hier in dem ein für allemal abgeschlossenen Kunstwerk nicht gegeben u. doch besteht nur darin allein die Aufgabe des Dichters, der, wenn er das Leben wiedergibt, durch geschickte Auslese u. Syntese auch jene Begleiterscheinung mitzugeben verpflichtet ist, nämlich die Möglichkeit der Lüftung des Rätsels. Man sage also nicht: Hauptmanns Werk sei lebenswahr; nicht einmal das ist es! Lebenswahr wäre es nur dann, wenn es zugleich dichterisch geformt wäre, oder, was das- {308} selbe, wenn Hauptmann Dichter genug wäre, das Leben selbst, die Rätsel sammt ihrer Lösung zu verstehen!

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Nach dem Theater mit Floriz im Café Osswald. Berichtigung seiner Irrtümer betreffs des Werkes. Bekanntmachung des Ehepaares Br. mit Lie-Liechen.

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© Transcription Marko Deisinger.

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In the evening, in the theater for the first time in a long while. Mrs. Ida Brünauer in the role of Hanna Elias. Again, a wretched drama about an artist – that is, in modern terminology a drama about an artist whose character is not substantiated. Yet in Hauptmann’s work 1 all the other characters are likewise unsubstantiated. Who is Hanna? What reputation precedes her, and what a hollow figure then confronts us?! In what way is her sensuousness demonstrated, in what way her spiritual significance? It is not sufficient that Schilling stands there completely undefinable? And how shall one understand him if he succumbs to a woman who is defined equally as little? The worst mistake is, of course, that Schilling already appears to be ill on the island. Illness, as a dramatic motive, excludes from the outset all freedom of will, and arouses sympathy merely in the physical, not, however, in the artistic-dramatic, sense. Eventually Schilling had an aide, Mäurer, and would have made his way to Greece with him, having freed himself not only from Hanna but also from Eveline, had he not already arrived in such a state of destruction that he would succumb again upon his first contact with Hanna.
Even the portrayal of Mäurer is false. If Hauptmann wished that he appeared to be a truly great artist, then his interest in the Russian girl is an implausible trait. In the worst case, a great artist in such a situation would, for his part, merely feel obliged to respond to the tribute paid to him, {307} i.e. a gift from the other, with a complementary present. Least of all would a great man, who is accustomed to giving, be merely one-sidedly on the receiving end. His intrinsic prudence and innate tact enables him at the same time to recognize those boundaries at which the acknowledgment of the gift could contain a danger to the one paying tribute. Even if the tribute is the acknowledgment of a gift made by a great man, he cannot always let the matter rest upon it, since a lack of acknowledgement can often enough give the impression of indifference. And now it by no means befits a good conscience to use the punishment of indifference in equal measure to the payment and non-payment of tribute. Admittedly there are situations in which the genius simply brushes the tribute aside, and others in which it is a requirement of prudence to acknowledge tribute to encourage the one paying it along the right path and not frighten him off it, etc.
Life in Hauptmann’s play is more puzzling, in a negative sense, than in the real world, off the stage; and verily only the purely material qualities of the supposedly true-to-life events emanate from the stage. But Hauptmann does not fulfill the duty of the poet to show the living how to live! Whereas life at any rate features a spectator who understands it with observant eyes, with imaginative power, Hauptmann’s characters are forever shrouded in their intractable mystery, and the keenest glance, the most poetic eye cannot figure out what is going on inside them. The chances of a subsequent recognition and correction, such as is offered in life, are not provided in this utterly sealed-off artwork. And yet it is the poet’s duty alone, when portraying life, to be responsible also for furnishing that accompanying effect through skillful refinement and synthesis, namely the possibility of unraveling the puzzle. One should not, therefore, say that Hauptmann’s work is true to life: in no way is it so! It would be true to life if only it were at the same time poetically constructed, or, what amounts to the same thing, {308} if Hauptmann were poet enough to understand life itself, the puzzles together with their solution!

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After the theater, with Floriz in the Café Osswald. Correction of his errors regarding the work. Acquaintance of the Brünauer couple made, with Lie-Liechen.

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 According to the theater listings in the Neue freie Presse, the performance of Hauptmann’s play Gabriel Schilling's Flight took place on February 6, 1913 in the People’s Theater (Volksbühne), known at present as the Renaissance Theater, on Neubaugasse in the Vienna VII (Neubau).