7. XI. 1

Brief an Hertzka wegen Weisse WSLB 141. Anspielung auf den bevorstehenden Krach der Moderne: Fall Schönberg.

*

Von Weisse die „Vorsokratiker“ 2 erhalten.

*

Von der Beschaffenheit der menschlichen Tagesgespräche.
Die völlige Unvertrautheit der Durchschnittsmenschen mit den Dingen u. Begriffen von denen sie sprechen bringt es naturgemäß mit sich, daß das Gespräch die Gegenstände unaufhörlich wechselt. Es darf darin ein kausaler logischer Nexus durchaus nicht bestritten werden; dennoch ergibt sich, wenn das Geplauder als Summe genommen wird[,] eine abschreckende Zusammenhanglosigkeit zwischen dem ersten Gegenstand u. dem letzten des Gespräches. Dieses ist so zu verstehen: Man denke sich zwei Personen, die z. B. von einem Möbelstück sprechen; sie kommen bei dieser Gelegenheit auf die Farbe des Stückes u. bei diesem Punkt angelangt fangen sie plötzlich an, von Farben anderer Stücke u. von Farben überhaupt zu sprechen. Die geringe Kontinuität ihres Geistes fordert von ihnen nicht, dem zuerst in Angriff genommenen Gegenstand seine volles Gerechtigkeit wiederfahren [sic] zu lassen. Diese eine geistige Betastung in 2, 3 Sätzen hat ihnen vollständig genügt, sich mit dem Möbelstück abzufinden. Nun sind sie wie gesagt bei jener Eigenschaft, die freilich auch im Möbelstück enthalten ist, bei der Farbe. Man denke nun weiter: Das Gespräch, um Farbe sich drehend, führt auf die künstlerische Verwertung derselben durch die Malerei. Diese Gelegenheit wieder {270} wird von den Sprechenden zu einer geistigen Uebersiedlung auf das Thema Malerei u. Kunst benützt. Sicher hat Malerei mit Farbe zu schaffen, aber noch ehe der Stoff „Farbe“ im nötigen Ausmaß durchgeführt wurde , wird er verlassen u. eine Association eines anderen Begriffes als Brücke benützt. Von Malern schweift das Gespräch auf Kunst überhaupt, von dort eventuell auf Wirtschaftspolitik u. s. f., bis endlich der erste Gesprächsstoff, das Möbelstück, aus dem Bewußtsein geschwunden ist. Man könnte diesen Prozess, wenn man die einzelnen Gesprächsstoffe mit a, b, c, u. s. f. bezeichnen wollte, etwa so darstellen:

  • a + b
  • b + c
  • c + d
  • d + e
u. so in infinitum. Am Ende ist, wie gesagt ist a völlig aus dem Gesichtskreis entschwunden.
Das Bild paßt übrigens auch auf die modernen Kompositionen u. im selben Maße, als die ewigen Abschweifungen im Gespräch den Mangel an Respekt vor den Sachen verraten, beweisen die ewigen Klangwechsel in der Musik, daß die Komponisten mit dem Wesen des Klanges nicht vertraut sind.

*{271}

© Transcription Marko Deisinger.

November 7. 1

Letter to Hertzka concerning Weisse WSLB 141. Reference to the imminent crash of the moderns: the case of Schoenberg.

*

From Weisse, the Presocratics 2 received.

*

On the character of daily human discourse.
The utter unfamiliarity of ordinary people with the things and concepts about which they speak brings about the natural result that the conversation constantly changes the objects under consideration. One should by no means dispute the existence therein of a causal, logical nexus; nonetheless, when it comes to taking the chit-chat as a whole, the result is a frightening lack of connection between the first and last object of conversation. This may be understood in the following way: consider, for instance, two persons who are talking about a piece of furniture. On this occasion they arrive at the color of the piece and, having reached this point, they suddenly talk about the color of other pieces of furniture, and about color in general. The limited continuity of their intellect does not to require them to see to it that full justice is done to the first object under consideration. This single intellectual examination, in two or three sentences, was altogether sufficient for them to come to terms with the piece of furniture. Now, as I have said, we have arrived at that quality which of course is contained in the piece of furniture, i.e. its color. Consider further: the conversation, turning upon color, leads to its artistic assessment as found in painting. This occasion is again used {270} by our conversationalists to relocate the discussion to the theme of paining and art. To be sure, painting has something to do with color; but before the subject of "color" has been developed sufficiently it is abandoned, and an association of another concept is used as a bridge. From painters, the conversation digresses into art in general, and from there perhaps to economic policy, and so forth, until finally the first subject of conversation – the piece of furniture – has disappeared from consciousness. Designating the individual subjects of the conversation with the letters a, b, c, and so forth, one could represent the process as follows:

  • a + b
  • b + c
  • c + d
  • d + e
and so on ad infinitum. In the end, as explained, "a" has completely disappeared from view.
The picture, moreover, applies also to modern compositions; and in the same way that the constant digressions in the conversation betray a lack of respect for the matters under discussion, so the constant changes of harmony in music demonstrate that the composers are not familiar with the essence of harmony.

*{271}

© Translation William Drabkin.

7. XI. 1

Brief an Hertzka wegen Weisse WSLB 141. Anspielung auf den bevorstehenden Krach der Moderne: Fall Schönberg.

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Von Weisse die „Vorsokratiker“ 2 erhalten.

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Von der Beschaffenheit der menschlichen Tagesgespräche.
Die völlige Unvertrautheit der Durchschnittsmenschen mit den Dingen u. Begriffen von denen sie sprechen bringt es naturgemäß mit sich, daß das Gespräch die Gegenstände unaufhörlich wechselt. Es darf darin ein kausaler logischer Nexus durchaus nicht bestritten werden; dennoch ergibt sich, wenn das Geplauder als Summe genommen wird[,] eine abschreckende Zusammenhanglosigkeit zwischen dem ersten Gegenstand u. dem letzten des Gespräches. Dieses ist so zu verstehen: Man denke sich zwei Personen, die z. B. von einem Möbelstück sprechen; sie kommen bei dieser Gelegenheit auf die Farbe des Stückes u. bei diesem Punkt angelangt fangen sie plötzlich an, von Farben anderer Stücke u. von Farben überhaupt zu sprechen. Die geringe Kontinuität ihres Geistes fordert von ihnen nicht, dem zuerst in Angriff genommenen Gegenstand seine volles Gerechtigkeit wiederfahren [sic] zu lassen. Diese eine geistige Betastung in 2, 3 Sätzen hat ihnen vollständig genügt, sich mit dem Möbelstück abzufinden. Nun sind sie wie gesagt bei jener Eigenschaft, die freilich auch im Möbelstück enthalten ist, bei der Farbe. Man denke nun weiter: Das Gespräch, um Farbe sich drehend, führt auf die künstlerische Verwertung derselben durch die Malerei. Diese Gelegenheit wieder {270} wird von den Sprechenden zu einer geistigen Uebersiedlung auf das Thema Malerei u. Kunst benützt. Sicher hat Malerei mit Farbe zu schaffen, aber noch ehe der Stoff „Farbe“ im nötigen Ausmaß durchgeführt wurde , wird er verlassen u. eine Association eines anderen Begriffes als Brücke benützt. Von Malern schweift das Gespräch auf Kunst überhaupt, von dort eventuell auf Wirtschaftspolitik u. s. f., bis endlich der erste Gesprächsstoff, das Möbelstück, aus dem Bewußtsein geschwunden ist. Man könnte diesen Prozess, wenn man die einzelnen Gesprächsstoffe mit a, b, c, u. s. f. bezeichnen wollte, etwa so darstellen:

  • a + b
  • b + c
  • c + d
  • d + e
u. so in infinitum. Am Ende ist, wie gesagt ist a völlig aus dem Gesichtskreis entschwunden.
Das Bild paßt übrigens auch auf die modernen Kompositionen u. im selben Maße, als die ewigen Abschweifungen im Gespräch den Mangel an Respekt vor den Sachen verraten, beweisen die ewigen Klangwechsel in der Musik, daß die Komponisten mit dem Wesen des Klanges nicht vertraut sind.

*{271}

© Transcription Marko Deisinger.

November 7. 1

Letter to Hertzka concerning Weisse WSLB 141. Reference to the imminent crash of the moderns: the case of Schoenberg.

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From Weisse, the Presocratics 2 received.

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On the character of daily human discourse.
The utter unfamiliarity of ordinary people with the things and concepts about which they speak brings about the natural result that the conversation constantly changes the objects under consideration. One should by no means dispute the existence therein of a causal, logical nexus; nonetheless, when it comes to taking the chit-chat as a whole, the result is a frightening lack of connection between the first and last object of conversation. This may be understood in the following way: consider, for instance, two persons who are talking about a piece of furniture. On this occasion they arrive at the color of the piece and, having reached this point, they suddenly talk about the color of other pieces of furniture, and about color in general. The limited continuity of their intellect does not to require them to see to it that full justice is done to the first object under consideration. This single intellectual examination, in two or three sentences, was altogether sufficient for them to come to terms with the piece of furniture. Now, as I have said, we have arrived at that quality which of course is contained in the piece of furniture, i.e. its color. Consider further: the conversation, turning upon color, leads to its artistic assessment as found in painting. This occasion is again used {270} by our conversationalists to relocate the discussion to the theme of paining and art. To be sure, painting has something to do with color; but before the subject of "color" has been developed sufficiently it is abandoned, and an association of another concept is used as a bridge. From painters, the conversation digresses into art in general, and from there perhaps to economic policy, and so forth, until finally the first subject of conversation – the piece of furniture – has disappeared from consciousness. Designating the individual subjects of the conversation with the letters a, b, c, and so forth, one could represent the process as follows:

  • a + b
  • b + c
  • c + d
  • d + e
and so on ad infinitum. In the end, as explained, "a" has completely disappeared from view.
The picture, moreover, applies also to modern compositions; and in the same way that the constant digressions in the conversation betray a lack of respect for the matters under discussion, so the constant changes of harmony in music demonstrate that the composers are not familiar with the essence of harmony.

*{271}

© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 This entry for November 7 is found on pp. 269–70 of the diary, among the entries for November 6.

2 Possibly Die Vorsokratiker. In Auswahl, ed. and trans. Wilhelm Nestle (Jena: Diederichs, 1908); or Die Fragmente der Vorsokratiker: Griechisch und Deutsch, ed. and trans. Hermann Diels, 3rd edition (Berlin: Weidmann, 1912).