Juni [1912].

Frau Stirling u. Frau Deutsch erklären, im Monat Juni den Unterricht fortzusetzen , u. ändern dann aber plötzlich beide ihre Gesinnung, was im Falle Stirling zu einem Konflikt geführt hat; sie blieb nämlich in Wien u. wollte nur einfach Geld sparen. Dieser Geiz, der sich unerlaubterweise schon so oft hervorgewagt hat, mußte endlich geahndet werden u. so schrieb ich ihr, daß ich auch den Monat Juni auf ihre Rechnung zu setzen wünsche. Dieses führte zu einem Briefwechsel, bei dessen Gelegenheit die genannte Frau ihre schmutzige Denkungsart geradezu leuchten ließ, bis ich ihr endlich die Stunde einfach kündigte. Endlich besann sich die Frau u. bat mich um Wiederaufnahme. – Frau Deutsch zog nach Baden u. versprach von dort zur Stunde zu reisen. Aber da traten plötzlich wieder andere Interessen in den Vordergrund u. sie hatte den Mut, einerseits in Baden ihren andersgearteten Vergnügungen nachzugehen, trotzdem sie anderseits zugleich ihre unaufhörlichen Beteuerungen geglaubt haben möchte, daß die Musik allein u. nur die Musik ihr das hHöchstes sei. An dieser Wandlung war aber eine die plötzliche Wahrnehmung schuld, daß Donnerstag ein Feiertag war; 1 da sie dadurch[??] diese Stunde zu bezahlen gehabt hätte, zog sie vor, überhaupt keine mehr zu nehmen. Erst gegen Ende des Monats bat sie mich in einer Karte um Verschiebung ihrer Stunde (sie hatte aber kein Recht mehr auf meinerseits regelmäßig einzuhalten- {204} de Stunden) u. zwar mit der unsäglichen Schmutz verratenden Begründung, sie müßte dann andernfalls ihr Dinner in der Pension, ohne es gegessen zu haben, begleichen u. außerdem motivierte sie, um zu ihrem Ziel zu gelangen, ihre Bitte trotz besserem Wissen damit, daß ich ja im Monate Juni schon freier wäre. So wagte die Frau zum Schaden auch noch den Spott hinzuzufügen. Ich refüsierte 2 die Bitte u. sie mußte zur gewohnten Stunde erscheinen.

*

Aufnahme eines neuen Schülers, Felix Hupka, der sich zuerst an d’Albert wendete u. erst über dessen Empfehlung zu mir kam (Theorie u. Klavierspiel)[.]

*

Die Situation Florizens in der Akademie wird von Tag zu Tag unhaltbarer; er zieht die einzig mögliche Konsequenz des freiwilligen Austrittes u. beschließt eine Broschüre hinauszuschicken. Wie in allen solchen Fällen mußte wieder ich Hilfe leisten; drei Nächte schlief er bei mir, am Montag stellten wir das Material fest u. von Dienstag bis Donnerstag wurde mit Aufbietung unserer höchsten Anspannung (Lie-Liechen schrieb bis ½4h früh) die Broschüre fertig gestellt. 3 Samstag Nachmittag waren bereits 6 Exemplare in unseren Händen. Ungewöhnlicher Erfolg der Broschüre, die wahrscheinlich eine zweite nach sich ziehen wird.

*

Gegen Ende des Monats hatten wir alle Ursache, so schnell als möglich die Stadt zu verlassen. Da erschien kam eine neue Störung: meine Schwester, die auf der Durchreise nach Kautzen war, bat mich, sie samt ihren Kindern in Wien zu erwarten. Uns kam dies alles umso ungelegener, als wir ja noch keinen Platz in Tirol gewählt hatten. Ich war indessen bereit, bis zum letzten des Monats zu bleiben. Dennoch scheiterte mein Entgegenkommen am Geiz des Schwagers, der die kleine Ermäßigung der Fahrkarten abwarten wollte. Ich fand es unangemessen meinerseits ein Opfer zu bringen, {205} das kein kleines gewesen wäre, wenn die Kinder auch nur zwei Tage in Wien geblieben wären u. bestrafte mit wahrer Herzenslust den Schwager damit, daß ich abreiste.

*

Knapp vor der Abreise erhielt ich eine ehrenvolle Einladung der k. k. Gesellschaft der Musikfreunde, mich an den von ihr geplanten Vorlesungen zu beteiligenOJ 11/22, [2]; die Tendenz der Vorlesungen war leider nicht klar genug angegeben u. eine „Urania“-mäßige Betonung des Skioptikons als Hilfsmittels verdarb mir von vornherein den Geschmack an der Institution. Ich erwiderte aber aus meinem eigenen Bedürfnis heraus u. wieß [sic] zugleich der Gesellschaft den neu zu begehenden Weg einer musikalischen Hochschule, wie sie zur Zeit in Österreich eben noch fehlt. Ich schlug „Harmonielehre“ vor (Oktober bis Juni) u. forderte Kr. 6000 HonorarOJ 5/14, [1]. Der Antwort harre ich noch.

*

Endlich frei geworden, packten wir über Hals u. Kopf; Lie-Liechen besorgte es mit heroischester [sic] Ausdauer bis in die Nacht hinein u. am 29. Juni mittags verließen wir die Stadt. Es gieng nach Bozen, von wo aus wir nach dem Zirnerhof fahren wollten. Erste Rast hielten wir in Innsbruck, 2. in Bozen. Die neue Automobillinie führte uns von Auer nach Fontane fredde. Ein heftiger Regen sperrte den Weg zu allen Reisegenüssen ab. Glücklich fügte es sich aber, daß bei unserer Ankunft in Fontane fredde der Regen sein letztes Wort gesagt u. wir nun den Aufstieg nach Zirnerhof. antreten konnten. Schon auf dem Wege dorthin hatte ich selbst, trotz aller Freude an der Natur u. am Aufstieg, die Empfindung, daß sich der Platz nur wenig für mich eigne u. zw. wegen der Unpraktibilität des Zuganges, die den Gast schließlich ganz in die Hand des Wirtes gibt. {206} Lie-Liechen hatte sich nach Frauenart inzwischen mehr dem Genusse der Natur hingegeben u. hoffte im Stillen das Beste für sich u. mich. Oben angelangt gerieten wir nun beide zunächst in Entzücken: der schöne Rundblick hatte es uns angetan! Wir blieben zu Tisch u. konnten uns im Grunde über Speise u. Trank nicht beklagen. Dennoch preisen wir es beide heute als Glück, daß der Wirt uns keine Zimmer zur Verfügung stellen konnte. Wir gingen kehrten wieder nach Fontane fredde zurück u. fuhren von dort nach Paneveggio. Auch hier hatten wir anfangs alle Mühe uns Platz zu verschaffen; wir wurden von Zimmer zu Zimmer geschleudert, bis wir endlich nach 14-tägigem Aufenthalt zwei definitive Räume erhielten. Der Ort erweist sich unserem Vorhaben als außerordentlich günstig, doch belastet uns vorläufig die Sorge um unseren Korb, der die meisten Arbeitsmaterialien in sich birgt. — Zum 1. mal begegnen wir einem Forst, der in bei solcher Ausdehnung u. von bei Urwaldcharakter, dennoch zugleich die Gepflegtheit eines Parkes aufweist. 4 Der Forst [illeg]gehört dem Aerar, 5 das hier einen Forstmeister, je 2 Assistenten u. Gehilfen samt zahllosen Arbeitskräften beschäftigt! Außerdem sind in der Umgebung mehrere Festungen u. Baracken, die der nahen italienischen Grenze gelten. Ob nun dem Forst oder dem Militär die Sorge gelten mag, kurz wir genießen hier aus der Hand des Staates zahllose Wege u. Stege, deren rätselvolles Ineinanderziehen uns jederzeit von Neuem anregt u. erfreut. — Die Küche des Hauses ist gut , u. vielleicht nur sogar zu üppig. Die mir eigentümliche Gier beim Speisen hat mir schon manches Unbehagen verursacht; nun, am Ende lerne ich es noch ruhig zu essen. Lie-Liechen kennt glücklicherweise solche Beschwerden nicht u. der Himmel möge sie ihr fernerhin ersparen.

*

{207} An der table d’haute [sic] sitzen Menschen, die die verschiedensten Berufe erfüllen, nur nicht den einen Hauptberufs [sic] : Mensch zu sein!

*

© Transcription Marko Deisinger.

June [1912].

Mrs. Stirling and Mrs. Deutsch tell me their intention to continue with tuition in the month of June, but then both suddenly change their mind, which has led to a conflict in the case of Mrs. Stirling: she actually stayed in Vienna, and simply wanted to save money. This miserliness, which has already surfaced so unacceptably often, finally had to be avenged; and so I wrote to her to say that I would also like to add the month of June to her account. This led to an exchange of letters, on the occasion of which the said lady really let her dirty way of thinking shine through, until I finally simply gave notice that the lessons would terminate. Finally, the lady thought the matter over and asked me to take her back. – Mrs. Deutsch went to Baden, and promised to travel to her lesson from there. But then other interests suddenly came to the fore again, and she had the temerity on the one hand to pursue her other pleasures in Baden, despite the fact that at the same time, on the other hand, she would have liked to believe her ceaseless assertion that music alone and only music was the highest thing for her. The cause of this change of mind, however, was the sudden realization that Thursday was a holiday; 1 since she would have therefore had to pay for this lesson, she suggested not to take any more at all. Only towards the end of the month did she ask me, in a postcard, to postpone her lessons (though she no longer had a right to the lessons which, from my point of view, were to be taken regularly) – {204} and, indeed, on the grounds – which betrays her unspeakable avarice – that she would otherwise have to pay for her dinner in the guest house without having eaten it. And besides, in order to achieve her goal she bolstered her request – though she knew better – on the supposition that I would actually be freer in the month of June. So the lady not only wished to damage me but even to add ridicule. I refused 2 her request, and she had to appear at the usual time.

*

Acceptance of a new pupil, Felix Hupka>, who first turned to d’Albert, and only came to me (for theory and piano playing) after his recommendation.

*

Floriz’s position at the Academy is becoming more untenable from one day to the next; he is taking the one possible consequence of voluntarily tendering his resignation, and resolves to issue a pamphlet. As in all such cases, I would again have to offer help; he stayed overnight with me for three nights, on Monday we gathered the materials, and from Tuesday to Thursday we put the pamphlet together with the mobilization of our greatest concentration (Lie-Liechen was writing until 3:30 in the morning). 3 On Saturday afternoon, six copies were already in our hands. Exceptional success of the pamphlet, which will probably be followed by a second one.

*

Towards the end of the month we had every reason to depart from the city as quickly as possible. There then appeared came a new disturbance: my sister, who was en route to Kautzen, asked me to wait for her and her children in Vienna. This was all the more inconvenient to us, as we had in fact not yet chosen a place in the Tyrol. I was, however, prepared to stay until the last day of the month. But my willingness to oblige foundered on account of my greedy brother-in-law, who wanted to wait for the small discount for the train tickets. I found it inappropriate, from my point of view, to make a sacrifice, {205} which would not have been a small one, if the children were also staying in Vienna for just two days; and I punished my brother-in-law to my true heart’s content – by departing.

*

Shortly before our departure I received an invitation from the Society of the Friends of Music to take part in their planned lecture seriesOJ 11/22, [2]; the objective of the lectures was, unfortunately, not indicated with sufficient clarity; and a "Urania"-style emphasis on the projection apparatus as a resource tainted the taste of the institution for me from the outset. I replied, however, out of my own needs, at the same time pointing the Society on the path they were newly to embark on, towards a Hochschule for music of the sort that still does not exist in Austria at the present. I suggested "Theory of Harmony" (running from October to June), and asked for an honorarium of 6,000 KronerOJ 5/14, [1]. I still await their reply.

*

Free at last, we went head over heels packing; Lie-Liechen took care of this with the most heroic fortitude, until late into the night, and on June 29 at midday we left the city. We went to Bozen, from which we wanted to drive to the Zirnerhof. We made our first stop in Innsbruck, the second in Bozen. The new automobile line took us from Auer to Fontane fredde. Heavy rain blocked the path to all pleasures of traveling. Fortunately, however, it worked out that when we arrived in Fontane fredde the rain had spoken its last word, and we were able to embark on the climb to the Zirnerhof. Already on the way there I had the feeling, in spite of all joy in nature and in the ascent, that the place was little suited to me, and indeed on account of the impracticability of the access, which ultimately puts the guest entirely at the mercy of his host. {206} Lie-Liechen, in her feminine way, had more or less given up her enjoyment of nature and quietly hoped for the best for herself and for me. Arriving at the top, we were both now enchanted: the lovely panorama had done it! We stayed for lunch and could not complain at all about the food and drink. Nonetheless, the two of us now regard it as a blessing that the host was unable to offer us any rooms. We returned to Fontane fredde, and drove from there to Paneveggio. Here, too, we initially had a lot of trouble obtaining a place to stay; we were hurtled from one room to another until finally, after a two-week stop, we were given two suitable rooms. The place proved extremely favorable for our purposes; and yet we are for the moment burdened by the concern for our basket, which contains most of our working materials. — For the first time we encounter a forest, which, in spite of being so extensive and having the character of a primeval forest, nonetheless simultaneously exhibits the groomed character of a park. 4 The forest belongs to the state, 5 which employs a head forester and two assistants, each with a helper, together with an uncountable workforce! In addition, there are several fortifications and barracks in the neighborhood, which in effect mark the nearby Italian border. Whether the care [of the forest] is entrusted to the forester or the military, we can simply enjoy, thanks to the state, countless paths and bridges, whose mysterious crisscrossing always stimulates and delights us with something new. — The hotel cuisine is good, perhaps only even too sumptuous. My characteristically voracious appetite has already caused me much discomfort; now I finally learn to how to eat slowly. Lie-Liechen, fortunately, knows no such discomforts; may Heaven spare her these in the future.

*

{207} At the dinner table sit human beings from every walk of life, just not the one main profession: that of being a human being!

*

© Translation William Drabkin.

Juni [1912].

Frau Stirling u. Frau Deutsch erklären, im Monat Juni den Unterricht fortzusetzen , u. ändern dann aber plötzlich beide ihre Gesinnung, was im Falle Stirling zu einem Konflikt geführt hat; sie blieb nämlich in Wien u. wollte nur einfach Geld sparen. Dieser Geiz, der sich unerlaubterweise schon so oft hervorgewagt hat, mußte endlich geahndet werden u. so schrieb ich ihr, daß ich auch den Monat Juni auf ihre Rechnung zu setzen wünsche. Dieses führte zu einem Briefwechsel, bei dessen Gelegenheit die genannte Frau ihre schmutzige Denkungsart geradezu leuchten ließ, bis ich ihr endlich die Stunde einfach kündigte. Endlich besann sich die Frau u. bat mich um Wiederaufnahme. – Frau Deutsch zog nach Baden u. versprach von dort zur Stunde zu reisen. Aber da traten plötzlich wieder andere Interessen in den Vordergrund u. sie hatte den Mut, einerseits in Baden ihren andersgearteten Vergnügungen nachzugehen, trotzdem sie anderseits zugleich ihre unaufhörlichen Beteuerungen geglaubt haben möchte, daß die Musik allein u. nur die Musik ihr das hHöchstes sei. An dieser Wandlung war aber eine die plötzliche Wahrnehmung schuld, daß Donnerstag ein Feiertag war; 1 da sie dadurch[??] diese Stunde zu bezahlen gehabt hätte, zog sie vor, überhaupt keine mehr zu nehmen. Erst gegen Ende des Monats bat sie mich in einer Karte um Verschiebung ihrer Stunde (sie hatte aber kein Recht mehr auf meinerseits regelmäßig einzuhalten- {204} de Stunden) u. zwar mit der unsäglichen Schmutz verratenden Begründung, sie müßte dann andernfalls ihr Dinner in der Pension, ohne es gegessen zu haben, begleichen u. außerdem motivierte sie, um zu ihrem Ziel zu gelangen, ihre Bitte trotz besserem Wissen damit, daß ich ja im Monate Juni schon freier wäre. So wagte die Frau zum Schaden auch noch den Spott hinzuzufügen. Ich refüsierte 2 die Bitte u. sie mußte zur gewohnten Stunde erscheinen.

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Aufnahme eines neuen Schülers, Felix Hupka, der sich zuerst an d’Albert wendete u. erst über dessen Empfehlung zu mir kam (Theorie u. Klavierspiel)[.]

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Die Situation Florizens in der Akademie wird von Tag zu Tag unhaltbarer; er zieht die einzig mögliche Konsequenz des freiwilligen Austrittes u. beschließt eine Broschüre hinauszuschicken. Wie in allen solchen Fällen mußte wieder ich Hilfe leisten; drei Nächte schlief er bei mir, am Montag stellten wir das Material fest u. von Dienstag bis Donnerstag wurde mit Aufbietung unserer höchsten Anspannung (Lie-Liechen schrieb bis ½4h früh) die Broschüre fertig gestellt. 3 Samstag Nachmittag waren bereits 6 Exemplare in unseren Händen. Ungewöhnlicher Erfolg der Broschüre, die wahrscheinlich eine zweite nach sich ziehen wird.

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Gegen Ende des Monats hatten wir alle Ursache, so schnell als möglich die Stadt zu verlassen. Da erschien kam eine neue Störung: meine Schwester, die auf der Durchreise nach Kautzen war, bat mich, sie samt ihren Kindern in Wien zu erwarten. Uns kam dies alles umso ungelegener, als wir ja noch keinen Platz in Tirol gewählt hatten. Ich war indessen bereit, bis zum letzten des Monats zu bleiben. Dennoch scheiterte mein Entgegenkommen am Geiz des Schwagers, der die kleine Ermäßigung der Fahrkarten abwarten wollte. Ich fand es unangemessen meinerseits ein Opfer zu bringen, {205} das kein kleines gewesen wäre, wenn die Kinder auch nur zwei Tage in Wien geblieben wären u. bestrafte mit wahrer Herzenslust den Schwager damit, daß ich abreiste.

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Knapp vor der Abreise erhielt ich eine ehrenvolle Einladung der k. k. Gesellschaft der Musikfreunde, mich an den von ihr geplanten Vorlesungen zu beteiligenOJ 11/22, [2]; die Tendenz der Vorlesungen war leider nicht klar genug angegeben u. eine „Urania“-mäßige Betonung des Skioptikons als Hilfsmittels verdarb mir von vornherein den Geschmack an der Institution. Ich erwiderte aber aus meinem eigenen Bedürfnis heraus u. wieß [sic] zugleich der Gesellschaft den neu zu begehenden Weg einer musikalischen Hochschule, wie sie zur Zeit in Österreich eben noch fehlt. Ich schlug „Harmonielehre“ vor (Oktober bis Juni) u. forderte Kr. 6000 HonorarOJ 5/14, [1]. Der Antwort harre ich noch.

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Endlich frei geworden, packten wir über Hals u. Kopf; Lie-Liechen besorgte es mit heroischester [sic] Ausdauer bis in die Nacht hinein u. am 29. Juni mittags verließen wir die Stadt. Es gieng nach Bozen, von wo aus wir nach dem Zirnerhof fahren wollten. Erste Rast hielten wir in Innsbruck, 2. in Bozen. Die neue Automobillinie führte uns von Auer nach Fontane fredde. Ein heftiger Regen sperrte den Weg zu allen Reisegenüssen ab. Glücklich fügte es sich aber, daß bei unserer Ankunft in Fontane fredde der Regen sein letztes Wort gesagt u. wir nun den Aufstieg nach Zirnerhof. antreten konnten. Schon auf dem Wege dorthin hatte ich selbst, trotz aller Freude an der Natur u. am Aufstieg, die Empfindung, daß sich der Platz nur wenig für mich eigne u. zw. wegen der Unpraktibilität des Zuganges, die den Gast schließlich ganz in die Hand des Wirtes gibt. {206} Lie-Liechen hatte sich nach Frauenart inzwischen mehr dem Genusse der Natur hingegeben u. hoffte im Stillen das Beste für sich u. mich. Oben angelangt gerieten wir nun beide zunächst in Entzücken: der schöne Rundblick hatte es uns angetan! Wir blieben zu Tisch u. konnten uns im Grunde über Speise u. Trank nicht beklagen. Dennoch preisen wir es beide heute als Glück, daß der Wirt uns keine Zimmer zur Verfügung stellen konnte. Wir gingen kehrten wieder nach Fontane fredde zurück u. fuhren von dort nach Paneveggio. Auch hier hatten wir anfangs alle Mühe uns Platz zu verschaffen; wir wurden von Zimmer zu Zimmer geschleudert, bis wir endlich nach 14-tägigem Aufenthalt zwei definitive Räume erhielten. Der Ort erweist sich unserem Vorhaben als außerordentlich günstig, doch belastet uns vorläufig die Sorge um unseren Korb, der die meisten Arbeitsmaterialien in sich birgt. — Zum 1. mal begegnen wir einem Forst, der in bei solcher Ausdehnung u. von bei Urwaldcharakter, dennoch zugleich die Gepflegtheit eines Parkes aufweist. 4 Der Forst [illeg]gehört dem Aerar, 5 das hier einen Forstmeister, je 2 Assistenten u. Gehilfen samt zahllosen Arbeitskräften beschäftigt! Außerdem sind in der Umgebung mehrere Festungen u. Baracken, die der nahen italienischen Grenze gelten. Ob nun dem Forst oder dem Militär die Sorge gelten mag, kurz wir genießen hier aus der Hand des Staates zahllose Wege u. Stege, deren rätselvolles Ineinanderziehen uns jederzeit von Neuem anregt u. erfreut. — Die Küche des Hauses ist gut , u. vielleicht nur sogar zu üppig. Die mir eigentümliche Gier beim Speisen hat mir schon manches Unbehagen verursacht; nun, am Ende lerne ich es noch ruhig zu essen. Lie-Liechen kennt glücklicherweise solche Beschwerden nicht u. der Himmel möge sie ihr fernerhin ersparen.

*

{207} An der table d’haute [sic] sitzen Menschen, die die verschiedensten Berufe erfüllen, nur nicht den einen Hauptberufs [sic] : Mensch zu sein!

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© Transcription Marko Deisinger.

June [1912].

Mrs. Stirling and Mrs. Deutsch tell me their intention to continue with tuition in the month of June, but then both suddenly change their mind, which has led to a conflict in the case of Mrs. Stirling: she actually stayed in Vienna, and simply wanted to save money. This miserliness, which has already surfaced so unacceptably often, finally had to be avenged; and so I wrote to her to say that I would also like to add the month of June to her account. This led to an exchange of letters, on the occasion of which the said lady really let her dirty way of thinking shine through, until I finally simply gave notice that the lessons would terminate. Finally, the lady thought the matter over and asked me to take her back. – Mrs. Deutsch went to Baden, and promised to travel to her lesson from there. But then other interests suddenly came to the fore again, and she had the temerity on the one hand to pursue her other pleasures in Baden, despite the fact that at the same time, on the other hand, she would have liked to believe her ceaseless assertion that music alone and only music was the highest thing for her. The cause of this change of mind, however, was the sudden realization that Thursday was a holiday; 1 since she would have therefore had to pay for this lesson, she suggested not to take any more at all. Only towards the end of the month did she ask me, in a postcard, to postpone her lessons (though she no longer had a right to the lessons which, from my point of view, were to be taken regularly) – {204} and, indeed, on the grounds – which betrays her unspeakable avarice – that she would otherwise have to pay for her dinner in the guest house without having eaten it. And besides, in order to achieve her goal she bolstered her request – though she knew better – on the supposition that I would actually be freer in the month of June. So the lady not only wished to damage me but even to add ridicule. I refused 2 her request, and she had to appear at the usual time.

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Acceptance of a new pupil, Felix Hupka>, who first turned to d’Albert, and only came to me (for theory and piano playing) after his recommendation.

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Floriz’s position at the Academy is becoming more untenable from one day to the next; he is taking the one possible consequence of voluntarily tendering his resignation, and resolves to issue a pamphlet. As in all such cases, I would again have to offer help; he stayed overnight with me for three nights, on Monday we gathered the materials, and from Tuesday to Thursday we put the pamphlet together with the mobilization of our greatest concentration (Lie-Liechen was writing until 3:30 in the morning). 3 On Saturday afternoon, six copies were already in our hands. Exceptional success of the pamphlet, which will probably be followed by a second one.

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Towards the end of the month we had every reason to depart from the city as quickly as possible. There then appeared came a new disturbance: my sister, who was en route to Kautzen, asked me to wait for her and her children in Vienna. This was all the more inconvenient to us, as we had in fact not yet chosen a place in the Tyrol. I was, however, prepared to stay until the last day of the month. But my willingness to oblige foundered on account of my greedy brother-in-law, who wanted to wait for the small discount for the train tickets. I found it inappropriate, from my point of view, to make a sacrifice, {205} which would not have been a small one, if the children were also staying in Vienna for just two days; and I punished my brother-in-law to my true heart’s content – by departing.

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Shortly before our departure I received an invitation from the Society of the Friends of Music to take part in their planned lecture seriesOJ 11/22, [2]; the objective of the lectures was, unfortunately, not indicated with sufficient clarity; and a "Urania"-style emphasis on the projection apparatus as a resource tainted the taste of the institution for me from the outset. I replied, however, out of my own needs, at the same time pointing the Society on the path they were newly to embark on, towards a Hochschule for music of the sort that still does not exist in Austria at the present. I suggested "Theory of Harmony" (running from October to June), and asked for an honorarium of 6,000 KronerOJ 5/14, [1]. I still await their reply.

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Free at last, we went head over heels packing; Lie-Liechen took care of this with the most heroic fortitude, until late into the night, and on June 29 at midday we left the city. We went to Bozen, from which we wanted to drive to the Zirnerhof. We made our first stop in Innsbruck, the second in Bozen. The new automobile line took us from Auer to Fontane fredde. Heavy rain blocked the path to all pleasures of traveling. Fortunately, however, it worked out that when we arrived in Fontane fredde the rain had spoken its last word, and we were able to embark on the climb to the Zirnerhof. Already on the way there I had the feeling, in spite of all joy in nature and in the ascent, that the place was little suited to me, and indeed on account of the impracticability of the access, which ultimately puts the guest entirely at the mercy of his host. {206} Lie-Liechen, in her feminine way, had more or less given up her enjoyment of nature and quietly hoped for the best for herself and for me. Arriving at the top, we were both now enchanted: the lovely panorama had done it! We stayed for lunch and could not complain at all about the food and drink. Nonetheless, the two of us now regard it as a blessing that the host was unable to offer us any rooms. We returned to Fontane fredde, and drove from there to Paneveggio. Here, too, we initially had a lot of trouble obtaining a place to stay; we were hurtled from one room to another until finally, after a two-week stop, we were given two suitable rooms. The place proved extremely favorable for our purposes; and yet we are for the moment burdened by the concern for our basket, which contains most of our working materials. — For the first time we encounter a forest, which, in spite of being so extensive and having the character of a primeval forest, nonetheless simultaneously exhibits the groomed character of a park. 4 The forest belongs to the state, 5 which employs a head forester and two assistants, each with a helper, together with an uncountable workforce! In addition, there are several fortifications and barracks in the neighborhood, which in effect mark the nearby Italian border. Whether the care [of the forest] is entrusted to the forester or the military, we can simply enjoy, thanks to the state, countless paths and bridges, whose mysterious crisscrossing always stimulates and delights us with something new. — The hotel cuisine is good, perhaps only even too sumptuous. My characteristically voracious appetite has already caused me much discomfort; now I finally learn to how to eat slowly. Lie-Liechen, fortunately, knows no such discomforts; may Heaven spare her these in the future.

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{207} At the dinner table sit human beings from every walk of life, just not the one main profession: that of being a human being!

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© Translation William Drabkin.

Footnotes

1 The entry is undated within June; probably the first Thursday of the month is being referred to: in 1912 the feast of Corpus Christi fell on June 7. Schenker’s lesson fees were calculated on the basis of a four-week month, they would lose lessons that happened to fall on public holidays, but would receive "additional" lessons that fell on the 29th, 30th or 31st day of the month.

2 refüsieren: an archaic term, "to turn down."

3 Moriz Violin, Die Zustände an der k. k. Akademie für Musik und darstellende Kunst: Ein offenes Wort über die Leiter der Anstalt Herren v. Wiener und Bopp (Vienna: self-published, 1912), a copy of which is preserved as OJ 70/49a.

4 Paneveggio Forest in the northern section of the Parco Naturale Paneveggio-Pale di San Martino, situated in the eastern section of the Province of Trento, Italy.

5 Ärar: archaic Austrian German used to denote the collective assets of the state, including forested territory and real estate.