Duisburg/Rhld. Kuhstr. 23–25/I.
22.XI.30.

Sehr verehrter Meister! 1

Wenn ich mir die Sache so überlege, scheint es mir nicht allein günstig, mich in Berlin „sehen“ zu lassen, sondern ich erblicke darin eine ausgezeichnete Gelegenheit, dort mit gewissen maassgeblichen Leuten Verbindung zu bekommen, die mir noch sehr von Nutzen sein können. Wenn ich auch diese Stadt so wenig mag wie Sie, 2 erscheint sie mir doch im Augenblick das erstrebenswerteste Arbeitsfeld in Deutschland. Falls nun tatsächlich die Bildung einer Interessengruppe für Musikarbeit im Sinne Ihres Werkes in Berlin akut würde, würde ich alles in Bewegung setzen, um mit unter den ersten zu sein, die für eine praktische Lehrtätigkeit in Ihrem Sinne für dortige Hochschulen, Seminare und Arbeitsgemeinschaften in Frage kommen. Um so mehr, als ich jetzt immerhin eine mehrjärige Praxis im Klassen- und Gemeinschaftsunterricht mit sichtbaren Erfolgen hinter mir habe, und ausserdem eine Loslösung von meinem derzeitigen Wirkungskreis mir nicht nur leicht, sondern sogar angenehm wäre; auch ist meine Praxis hier noch nicht so viel wert, als dass man mir in Berlin kein annehmbares Angebot machen könnte.

Ich würde Sie also bitten, mich rechtzeitig genau zu informieren, wann, wo, und unter welchen Umständen die Vorlesungen Dr. Weisses stattfinden werden, 3 damit ich {2} disponieren kann. Die Reise ist in der jetzigen katastrophalen Zeit keine Kleinigkeit für mich – (mit einer veritablen „Einladung“ durch die verantaltende Körperschaft wird ja wohl nicht zu rechnen sein?) – aber ich will mir diese Chance unter gar keinen Umständen entgehen lassen; und wenn der einzige positive Erfolg der wäre, dass den stumpfsinnigen Westfälingern hier doch endlich ein kleines Nachtlicht aufgeht!

Ich habe die Absicht, sich einen meiner Schüler an den Dr. Reichert oder Reichardt in Essen 4 schriftlich wenden zu lassen, um genau festzustellen, wie weit er die Dreistigkeit treibt, als Ihr Schüler aufzutreten, um ihm gegebenenfalls den Begriff des unlauteren Wettbewerbs so nachdrücklich ins Gedächtnis zu rufen, dass er es vorzieht seine segensreiche Tätigkeit woandershin zu verlegen. —

Kestenberg 5 ist übrigens selbst Musiker, und soll ein sehr feiner Kerl sein! Ich würde in Berlin mal ganz vernünftig mit ihm reden, auf welche Weise ich meine Hebel am besten ansetze.

Die Duisburger Ortsgruppe hat mich zu sechs Vorlesungen für den Reichsverband verpflichtet. Das ist auch ein „Echo“ aus Berlin. Dass ich dahinterstecke weiss bloss der Vorsitzende Dr. Kreuzhage. 6 Es ist einer meiner ersten Schachzüge. Mein Kompositionsabend steigt in 14 Tagen. Dabei werde ich auch ein paar passende Worte sprechen. Im übrigen sitze ich auf glühende Kohlen. Das „geduldige“ Alter habe ich nachgerade noch nicht erreicht. —


Mit herzlichsten Grüssen Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin bin ich
Ihr
[signed:] Cube.

© Transcription William Drabkin, 2006


Duisburg, Rhineland, Kuhstraße 23–25/I.
November 22, 1930

Most revered master, 1

When I consider the matter in this way, not only does it appear to me useful to "show" myself in Berlin, but also I perceive therein an excellent opportunity to be in contact with certain people of stature, who can actually be very useful to me. Even though I like the city as little as you, 2 it nevertheless seems to me at the moment to be the workplace in Germany most worth striving to get to. Should the establishment of an interest group for musical research, along the lines of your work, actually become a reality, I would do everything in my power to be among the first to be considered for a practical post in teaching your theory at the music colleges, seminaries and working groups there. All the more so, now that I have several years of clearly successful practice in lecturing and small-group instruction behind me. Moreover, to be free of my current sphere of effect would not only be easy but actually agreeable; also my practice here is not worth so much that I could not be made an acceptable offer in Berlin.

I would ask you, then, to inform me promptly when, where, and under what circumstances Dr Weisse's lectures will take place, 3 so that I {2} can be available. In today's catastrophic times, the trip would be no trivial matter for me – there is not, I suppose, a possibility of an official "invitation" from the group that is being set up? – but I will not miss this opportunity under any circumstances, even if the only positive result were that a little night-light were finally to shine on the dull-witted Westphalians!

I intend to direct one of my pupils to get in touch by letter with Dr Reichert (or Reichardt?) in Essen, 4 to determine precisely whether he is so bold as to be appearing as your pupil, in order to remind him emphatically of the notion of unfair competition, so that he might choose to move his blessed activity somewhere else.

Kestenberg 5 is, at any rate, a musician himself, and is supposed to be a very fine person! In Berlin, I would speak with him very sensibly, asking him how I should best direct my efforts.

The local Duisburg group of the Society [of German Composers and Music Teachers] has made me responsible for giving six lectures. That, too, is an "echo" from Berlin. That it was I myself who was behind this is known only to the chair, Dr Kreuzhage. 6 It is one of my first strategic moves. The concert of my compositions takes place in a fortnight; on that occasion I shall also make a few appropriate remarks. Otherwise, I am sitting on hot coals. The age of "patience" is something I have certainly not yet reached.


With most affectionate greetings to you and your wife, I am
Your
[signed:] Cube.

© Translation William Drabkin, 2006


Duisburg/Rhld. Kuhstr. 23–25/I.
22.XI.30.

Sehr verehrter Meister! 1

Wenn ich mir die Sache so überlege, scheint es mir nicht allein günstig, mich in Berlin „sehen“ zu lassen, sondern ich erblicke darin eine ausgezeichnete Gelegenheit, dort mit gewissen maassgeblichen Leuten Verbindung zu bekommen, die mir noch sehr von Nutzen sein können. Wenn ich auch diese Stadt so wenig mag wie Sie, 2 erscheint sie mir doch im Augenblick das erstrebenswerteste Arbeitsfeld in Deutschland. Falls nun tatsächlich die Bildung einer Interessengruppe für Musikarbeit im Sinne Ihres Werkes in Berlin akut würde, würde ich alles in Bewegung setzen, um mit unter den ersten zu sein, die für eine praktische Lehrtätigkeit in Ihrem Sinne für dortige Hochschulen, Seminare und Arbeitsgemeinschaften in Frage kommen. Um so mehr, als ich jetzt immerhin eine mehrjärige Praxis im Klassen- und Gemeinschaftsunterricht mit sichtbaren Erfolgen hinter mir habe, und ausserdem eine Loslösung von meinem derzeitigen Wirkungskreis mir nicht nur leicht, sondern sogar angenehm wäre; auch ist meine Praxis hier noch nicht so viel wert, als dass man mir in Berlin kein annehmbares Angebot machen könnte.

Ich würde Sie also bitten, mich rechtzeitig genau zu informieren, wann, wo, und unter welchen Umständen die Vorlesungen Dr. Weisses stattfinden werden, 3 damit ich {2} disponieren kann. Die Reise ist in der jetzigen katastrophalen Zeit keine Kleinigkeit für mich – (mit einer veritablen „Einladung“ durch die verantaltende Körperschaft wird ja wohl nicht zu rechnen sein?) – aber ich will mir diese Chance unter gar keinen Umständen entgehen lassen; und wenn der einzige positive Erfolg der wäre, dass den stumpfsinnigen Westfälingern hier doch endlich ein kleines Nachtlicht aufgeht!

Ich habe die Absicht, sich einen meiner Schüler an den Dr. Reichert oder Reichardt in Essen 4 schriftlich wenden zu lassen, um genau festzustellen, wie weit er die Dreistigkeit treibt, als Ihr Schüler aufzutreten, um ihm gegebenenfalls den Begriff des unlauteren Wettbewerbs so nachdrücklich ins Gedächtnis zu rufen, dass er es vorzieht seine segensreiche Tätigkeit woandershin zu verlegen. —

Kestenberg 5 ist übrigens selbst Musiker, und soll ein sehr feiner Kerl sein! Ich würde in Berlin mal ganz vernünftig mit ihm reden, auf welche Weise ich meine Hebel am besten ansetze.

Die Duisburger Ortsgruppe hat mich zu sechs Vorlesungen für den Reichsverband verpflichtet. Das ist auch ein „Echo“ aus Berlin. Dass ich dahinterstecke weiss bloss der Vorsitzende Dr. Kreuzhage. 6 Es ist einer meiner ersten Schachzüge. Mein Kompositionsabend steigt in 14 Tagen. Dabei werde ich auch ein paar passende Worte sprechen. Im übrigen sitze ich auf glühende Kohlen. Das „geduldige“ Alter habe ich nachgerade noch nicht erreicht. —


Mit herzlichsten Grüssen Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin bin ich
Ihr
[signed:] Cube.

© Transcription William Drabkin, 2006


Duisburg, Rhineland, Kuhstraße 23–25/I.
November 22, 1930

Most revered master, 1

When I consider the matter in this way, not only does it appear to me useful to "show" myself in Berlin, but also I perceive therein an excellent opportunity to be in contact with certain people of stature, who can actually be very useful to me. Even though I like the city as little as you, 2 it nevertheless seems to me at the moment to be the workplace in Germany most worth striving to get to. Should the establishment of an interest group for musical research, along the lines of your work, actually become a reality, I would do everything in my power to be among the first to be considered for a practical post in teaching your theory at the music colleges, seminaries and working groups there. All the more so, now that I have several years of clearly successful practice in lecturing and small-group instruction behind me. Moreover, to be free of my current sphere of effect would not only be easy but actually agreeable; also my practice here is not worth so much that I could not be made an acceptable offer in Berlin.

I would ask you, then, to inform me promptly when, where, and under what circumstances Dr Weisse's lectures will take place, 3 so that I {2} can be available. In today's catastrophic times, the trip would be no trivial matter for me – there is not, I suppose, a possibility of an official "invitation" from the group that is being set up? – but I will not miss this opportunity under any circumstances, even if the only positive result were that a little night-light were finally to shine on the dull-witted Westphalians!

I intend to direct one of my pupils to get in touch by letter with Dr Reichert (or Reichardt?) in Essen, 4 to determine precisely whether he is so bold as to be appearing as your pupil, in order to remind him emphatically of the notion of unfair competition, so that he might choose to move his blessed activity somewhere else.

Kestenberg 5 is, at any rate, a musician himself, and is supposed to be a very fine person! In Berlin, I would speak with him very sensibly, asking him how I should best direct my efforts.

The local Duisburg group of the Society [of German Composers and Music Teachers] has made me responsible for giving six lectures. That, too, is an "echo" from Berlin. That it was I myself who was behind this is known only to the chair, Dr Kreuzhage. 6 It is one of my first strategic moves. The concert of my compositions takes place in a fortnight; on that occasion I shall also make a few appropriate remarks. Otherwise, I am sitting on hot coals. The age of "patience" is something I have certainly not yet reached.


With most affectionate greetings to you and your wife, I am
Your
[signed:] Cube.

© Translation William Drabkin, 2006

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/4, p. 3581, December 5, 1930: "von Cube (Br.): werde zu Weisses Vortrag reisen, um die Konjunktur nicht zu versäumen; bittet um die Adresse des Instituts u. die Daten der Vorträge." ("From Cube (letter): will travel to [attend] Weisse's lecture, so as not to neglect the contact. Asks for the address of the institute and the dates of the lectures.").

2 In OJ 5/7a, [30], July 10, 1930, Schenker had remarked: "Berlin would be better [than Vienna, for Cube], in spite of the fact that I don't like this city."

3 In his letter OJ 5/7a, [31], November 1, 1930, Schenker told Cube that Hans Weisse had been invited by the Prussian Minister for Education, Dr. Leo Kestenberg, to give a series of lectures on Schenkerian theory to music teachers in Berlin in December 1930.

4 A music teacher by the name of Reichert (or Reichardt?), who professed to be a disciple of Schenker's. (Schenker denied all knowledge of the man in his postcard OJ 5/7a, [32], November 7, 1930.)

5 Leo Kestenberg (1882–1962), who taught at both the Stern Conservatory and the Klindworth-Scharwenka Conservatory in Berlin, and was appointed to the Ministry of Science, Art, and Education in 1918, rising to a high position in the division of Art. His name frequently comes up in the correspondence as someone favorably disposed toward the dissemination of Schenker's ideas by German educators.

6 Dr. Eduard Kreuzhage was one of Cube's senior colleagues in Duisburg. Cube had made a pencil sketch of him in his letter OJ 9/34, [16], March 26, 1929.

Commentary

Format
2-p letter, holograph message and signature.
Provenance
Schenker, Heinrich ([document date]-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
IPR: The heirs of Felix-Eberhard von Cube -- except for enclosed printed materials
License
Permission to publish granted by the heirs of Felix-Eberhard von Cube, March 2006. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2006-11-04
Last updated: 2011-08-18