12. 6. 34

Mein lieber Herr van Hoboken ! 1

Am Samstag Nchm begab sich die von Ihnen beim Abschied angeregte Fahrt nach Grinzing zu Ihrem Besitz. Das Ehepaar Schmid hat uns abgeholt u. hinausgeführt. Die Lage ist herrlich, Alles düftet nach wirklichem „Land,“ einen Land von heute wie auch noch nach jenem wirklichen Land von anno Beeth-Schubert. Der Blick auf die Donau, auf den Leopolds- u. Kahlenberg ist ähnlich voll Gegen- {2} wart, doch auch von Vergangenheit, kurz: man atmet dort ein Organisches von Heute u. Ehemals so deutlich, als wäre die Zeit stehengeblieben. Empfangen Sie u. Ihre verehrte Gattin bei diesem Anlaß erst recht die besten Wünsche zu diesem, ich möchte sagen, seelenvollen Besitz! Wir waren zu Viert sehr auf Freude ob des Genossenen gestimmt, ja geradezu kindisch ausgelassen, dann führte uns der H. Architekt auf den Kobenzl , 2 wo wir die Jause eingenommen haben, in denkbar bester Stimmung. So schön wirkte sich Ihre Anregung aus, für die wir immer herzlichst danken!

In die teuflische Hitze der vergangenen Wochen fiel gerade die anstrengendste Arbeit, {3} auf zahllosen Blättern den Wegweiser für den Stecher oder Litographer niederzuschreiben, um sie vor überflüssigen Fehlern zu bewahren, zugleich die Korrektur der neuen Auflage meiner großen G. A. der Klavierson. von Beeth . (4 Bände).

Nun aber sind wir wirklich zu Ende mit unserem Körper-Latein u. freuen uns auf den ersten Schluck Hohenluft nach zwei Sommern in der Kerkerluft der Tiefe.

In Holland sind Sie gewiß (wie immer) besser unterrichtet über die Vorgänge in der Welt, auch über die in Deutschland, Österr. u. sw., also darf ich mir Randbemerkungen zu den Vorgängen von heute ersparen. Hitler {4} wird zwar über Österreich zu Mussolini fliegen, aber aus Österr. ist er längst hinausgeflogen. Ob nicht auch in Deutschland seine Wochen gezählt sind?

Sonntag Abend war Furtwängler bei uns, 3 hat offen die Niederlage der „N-Z. 4 u. Deutschl. zugegeben, den Abfall des Volkes u.s.w. Mündlich werde ich das hierhergehörige nachtragen. F. will uns im Sommer besuchen, da er vor hat mit dem Auto, das er selber lenkt, eine Erholungsreise durch Österr. zu machen.

Wir fahren aufs Geradewohl nach Böckstein bei Bad Gastein (im Salzburgischen), wo wir erst Umschau halten wollen. 5 Vom Platz, den wir einnehmen wollen, werde ich Ihnen sofort die Adresse zur Verfügung stellen.

Ihnen und Ihrer verehrten Gattin unser Beider beste Grüße

[written vertically in left margin of p. 1:] Die Adresse habe ich von H. Architekten, gilt noch die Rotterd. Gondsche Singel?


[in bottom margin of p. 1:] Ihr
[signed:] H Schenker

© Transcription John Rothgeb and Heribert Esser, 2017


June 12, 1934

Dear Mr. van Hoboken, 1

On Saturday afternoon the journey took place that you had suggested to Grinzing and your property. Mr. and Mrs. Schmid picked us up and took us out. The place is splendid; everything has the aroma of real "country" – a country of the present, as also still of that actual country from the epoch of Beethoven and Schubert. The view of the Danube, of the Leopoldsberg and Kahlenberg is similarly full of the present, {2} but also of the past; in short: there one breathes an organicism of today and former times so clearly as if time stood still. To you and your esteemed wife on this occasion all the more, the best wishes for this, I would say, soul-rich possession! We were all four in a very happy frame of mind because of what we had enjoyed, indeed downright childishly exuberant; then the architect led us onto the Kobenzl, 2 where we took tea in the best conceivable mood. That is how beautifully your suggestion worked out, for which we always send most heartfelt thanks!

In the hellish heat of the past weeks came the most strenuous work {3} of writing down on innumerable pages the instructions for the engraver or lithographer, to save them unnecessary errors, at the same time marking the proofs for the new impression of my large collected edition of the piano sonatas of Beethoven (4 volumes).

But now we are really at the end with our physical wits, and look forward to the first gulp of mountain air after two summers in the dungeon-air of the depths.

In Holland you are certainly (as always) better informed about happenings in the world, also about those in Germany, Austria, etc., therefore I can skip marginal notes on the events. Hitler {4} will certainly fly over Austria to Mussolini, but as to out of Austria: he was long ago thrown out. Could his weeks be numbered even in Germany?

Sunday evening Furtwängler stopped by, 3 openly conceded the defeat of the „N Z“ 4 and Germany, the defection of the people etc. I will recount these matters orally. Furtwängler wants to visit us in the summer, since he plans to make a vacation trip through Austria by car, which he himself drives.

We are leaving immediately for Böckstein near Bad Gastein (in the Salzburg province), where we will first survey the situation. 5 I will immediately send you the address of the quarters we choose to occupy.

Best greetings from us both to you and your esteemed wife.

[written vertically in left margin of p. 1:] The address I have from the architect; is it still Gondsche Singel in Rotterdam?


[in bottom margin of p. 1:] Your
[signed:] H. Schenker

© Translation John Rothgeb and Heribert Esser, 2017


12. 6. 34

Mein lieber Herr van Hoboken ! 1

Am Samstag Nchm begab sich die von Ihnen beim Abschied angeregte Fahrt nach Grinzing zu Ihrem Besitz. Das Ehepaar Schmid hat uns abgeholt u. hinausgeführt. Die Lage ist herrlich, Alles düftet nach wirklichem „Land,“ einen Land von heute wie auch noch nach jenem wirklichen Land von anno Beeth-Schubert. Der Blick auf die Donau, auf den Leopolds- u. Kahlenberg ist ähnlich voll Gegen- {2} wart, doch auch von Vergangenheit, kurz: man atmet dort ein Organisches von Heute u. Ehemals so deutlich, als wäre die Zeit stehengeblieben. Empfangen Sie u. Ihre verehrte Gattin bei diesem Anlaß erst recht die besten Wünsche zu diesem, ich möchte sagen, seelenvollen Besitz! Wir waren zu Viert sehr auf Freude ob des Genossenen gestimmt, ja geradezu kindisch ausgelassen, dann führte uns der H. Architekt auf den Kobenzl , 2 wo wir die Jause eingenommen haben, in denkbar bester Stimmung. So schön wirkte sich Ihre Anregung aus, für die wir immer herzlichst danken!

In die teuflische Hitze der vergangenen Wochen fiel gerade die anstrengendste Arbeit, {3} auf zahllosen Blättern den Wegweiser für den Stecher oder Litographer niederzuschreiben, um sie vor überflüssigen Fehlern zu bewahren, zugleich die Korrektur der neuen Auflage meiner großen G. A. der Klavierson. von Beeth . (4 Bände).

Nun aber sind wir wirklich zu Ende mit unserem Körper-Latein u. freuen uns auf den ersten Schluck Hohenluft nach zwei Sommern in der Kerkerluft der Tiefe.

In Holland sind Sie gewiß (wie immer) besser unterrichtet über die Vorgänge in der Welt, auch über die in Deutschland, Österr. u. sw., also darf ich mir Randbemerkungen zu den Vorgängen von heute ersparen. Hitler {4} wird zwar über Österreich zu Mussolini fliegen, aber aus Österr. ist er längst hinausgeflogen. Ob nicht auch in Deutschland seine Wochen gezählt sind?

Sonntag Abend war Furtwängler bei uns, 3 hat offen die Niederlage der „N-Z. 4 u. Deutschl. zugegeben, den Abfall des Volkes u.s.w. Mündlich werde ich das hierhergehörige nachtragen. F. will uns im Sommer besuchen, da er vor hat mit dem Auto, das er selber lenkt, eine Erholungsreise durch Österr. zu machen.

Wir fahren aufs Geradewohl nach Böckstein bei Bad Gastein (im Salzburgischen), wo wir erst Umschau halten wollen. 5 Vom Platz, den wir einnehmen wollen, werde ich Ihnen sofort die Adresse zur Verfügung stellen.

Ihnen und Ihrer verehrten Gattin unser Beider beste Grüße

[written vertically in left margin of p. 1:] Die Adresse habe ich von H. Architekten, gilt noch die Rotterd. Gondsche Singel?


[in bottom margin of p. 1:] Ihr
[signed:] H Schenker

© Transcription John Rothgeb and Heribert Esser, 2017


June 12, 1934

Dear Mr. van Hoboken, 1

On Saturday afternoon the journey took place that you had suggested to Grinzing and your property. Mr. and Mrs. Schmid picked us up and took us out. The place is splendid; everything has the aroma of real "country" – a country of the present, as also still of that actual country from the epoch of Beethoven and Schubert. The view of the Danube, of the Leopoldsberg and Kahlenberg is similarly full of the present, {2} but also of the past; in short: there one breathes an organicism of today and former times so clearly as if time stood still. To you and your esteemed wife on this occasion all the more, the best wishes for this, I would say, soul-rich possession! We were all four in a very happy frame of mind because of what we had enjoyed, indeed downright childishly exuberant; then the architect led us onto the Kobenzl, 2 where we took tea in the best conceivable mood. That is how beautifully your suggestion worked out, for which we always send most heartfelt thanks!

In the hellish heat of the past weeks came the most strenuous work {3} of writing down on innumerable pages the instructions for the engraver or lithographer, to save them unnecessary errors, at the same time marking the proofs for the new impression of my large collected edition of the piano sonatas of Beethoven (4 volumes).

But now we are really at the end with our physical wits, and look forward to the first gulp of mountain air after two summers in the dungeon-air of the depths.

In Holland you are certainly (as always) better informed about happenings in the world, also about those in Germany, Austria, etc., therefore I can skip marginal notes on the events. Hitler {4} will certainly fly over Austria to Mussolini, but as to out of Austria: he was long ago thrown out. Could his weeks be numbered even in Germany?

Sunday evening Furtwängler stopped by, 3 openly conceded the defeat of the „N Z“ 4 and Germany, the defection of the people etc. I will recount these matters orally. Furtwängler wants to visit us in the summer, since he plans to make a vacation trip through Austria by car, which he himself drives.

We are leaving immediately for Böckstein near Bad Gastein (in the Salzburg province), where we will first survey the situation. 5 I will immediately send you the address of the quarters we choose to occupy.

Best greetings from us both to you and your esteemed wife.

[written vertically in left margin of p. 1:] The address I have from the architect; is it still Gondsche Singel in Rotterdam?


[in bottom margin of p. 1:] Your
[signed:] H. Schenker

© Translation John Rothgeb and Heribert Esser, 2017

Footnotes

1 Writing of this letter is not recorded in Schenker's diary. Communication with Otto Erich Deutsch is recorded as follows: "Von Deutsch (K.): habe einen unangenehmen Brief von v. H. erhalten, möchte mich sprechen. — An Deutsch (Br.): nichts von „böse“ – gegenseitige Schonung Ausdruck unserer gesunkenen Zustände – bitte um schriftliche Mitteilung." ("From Deutsch (postcard): he received an unpleasant letter from Hoboken; wishes to speak with me. — To Deutsch (letter): nothing "hostile" – mutual clemency an expression of our sunken condition – I ask for a reply in writing."). Deutsch's letter is OJ 10/3, [211], the reply appears not to survive. For Hoboken's side of this situation, see OJ 89/7, [12], paragraph 3.

2 Kobenzl: hill (Berg) to the northwest of Grinzing in the Vienna Woods, rising to 437 meters and commanding views of the City of Vienna, with a castle and country park, and a café-restaurant with panoramic window. Grinzing was a municipality northwest of Vienna on the edge of the Vienna Woods. It was incorporated into the City of Vienna in 1892, now part of the 19th District (Döbling), and is famous for its vineyards and Heurigen. Hoboken had at the time been having a house built there.

3 Schenker's diary for June 10, 1934, records: "Um ¼12 von Furtwängler (Br. durch Boten): kommt nach dem Abendessen, nach 9h. [...] Furtwängler kommt um ½10h, bleibt bis 11h; Gespräch über Wagner, Strauß, über seine Stellung, Politisches; er lobt Jonas von allen Schülern am meisten, will über mich „Allgemeines“ schreiben, im Sommer mich besuchen u. Kompositionen zeigen." ("At 11:15, from Furtwängler (letter via messenger): he will come after supper, after 9 o’clock. [...] Furtwängler comes at 9:30, stays until 11 o’clock; conversation about Wagner, Strauss, about his position, politics; he praises Jonas above all [my] other pupils, would like to write 'something general' about me, to visit me in the summer and show me his compositions.").

4 "N-Z.": unclear what this abbreviation could refer to.

5 The Schenkers departed on June 15, arriving Böckstein the same day, returning to Vienna on September 6.

Commentary

Rights Holder
Heirs of Henrich Schenker, deemed to be in the public domain.
License
All reasonable steps have been taken to locate the heirs of Heinrich Schenker. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.
Format
4p letter, Bogen format, holograph salutation, message, valediction, and signature
Provenance
Hoboken, Anthony van ([document date]-1983)--Schneider, Hans (19??-2007)--University of California, Riverside (2007--)

Digital version created: 2017-05-30
Last updated: 2012-10-08