Partenkirchen
bei Dr. Grahl
20 Juli 1933

Lieber und verehrter Herr Dr.! 1

Noch vielen Dank für Ihre freundliche Karte aus Reigersberg. 2 Es freut mich zu erfahren, dass Sie dort Ruhe gefunden haben. Ich glaube aber kaum, dass aus unserem Besuche dort etwas werden wird. Ich meinte noch im Frühling, dass ich während des Monats Juli in Wien zu tun haben würde; Dann [sic] wäre ich bestimmt auch zu Ihnen gekommen. Jedoch hat sich das anders herausgestellt[,] und bleiben wir [recte wir bleiben] , abgesehen von einigen kleineren Abstecher[n], bis Anfang September hier. Heute machen wir gerade einen kleinen Ausflug nach Seefeld [,] und mache ich davon [recte ich mache davon] Gebrauch, Ihnen die beiden Lieder zuzuschicken, die Sie schon einmal gesehen haben. Ich habe einige kleine Unebenheiten daraus entfernt und ein Paar kleinere Aenderunen darin angebracht. Ich möchte Sie nun bitten mir wissen zu lassen, ob die Lieder nun soweit in Ordnung sind, dass ich sie an einigen [recte einige] meiner Bekannten schicken kann.

Auch geht Ihnen ein kleines Bändchen von Gottfried Benn zu. 3 Auf Seite 101 bis 113 werden Sie dort die Rede abgedruckt finden, welche dieser Herr auf Heinrich Mann gehalten hat und die etwas anders klingt als wie der Artikel in der D.A.Z., den Sie mir zu lessen gaben. Es ändern halt heutzutage viele Leute nur allzuleicht ihre Meinung. Sie sind dabei natürlich selber überzeugt davon, dass sich diese Meinung zum Besseren gewandelt hat.

Meine Frau lässt bestens grüssen. Wir leben hier einsam für [recte vor] uns hin, da die meisten unserer Bekannten nicht mehr in Deutschland sind. Sie ist natürlich von den Ereignissen und der Ungewissheit um uns herum stark aufgewühlt was ihre Arbeitslust etwas beeinträchtigt. Ich selber arbeite wenig, lese aber viel Geschichte, wodurch man einen gewissen Ueberblick bekommt auf dem, was heute geschieht, und was vielleicht gar nicht so neu ist, wie die Herren selber meinen. Jedenfalls geht der zielbewusste Kampf gegen Oesterreich schon auf den alten Fritz und auf Bismarck zurück. Wir haben es in Holland auch nicht leicht mehr; man kann nicht wissen, was aus alledem noch hervorblühten wird.

Ihre Karte gibt mir aber die Beruhigung, dass Sie von alledem nicht gestört warden und Ihre Arbeit hierdurch nicht beeinträchtigt wird. Das ist natürlich schon sehr erfreulich; möge es noch lange so bleiben.

Vom Archive bekomme ich gute Nachrichten. Es hat neulich den Besuch von Cortot erhalten, der sich anscheinend für die Sache stark interessiert hat und uns seine Autographen: Brahms: Klavierkonzert Op.15 und Chopin. Berceuse (welches Autograph?) und Polonaise (welche?) zur Aufnahme zur Verfügung stellen wird. Immerhin sehr erfreulich.

Seien Sie und Ihre Gattin recht herzlich von uns beiden gegrüsst.


Ihr sehr ergebener
[unsigned]

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2018


Partenkirchen
c/o Dr. Grahl
July 20, 1933

Dear and revered Dr. [Schenker], 1

Thank you for your cordial postcard from Reigersberg; 2 I am glad to hear that you have found rest there. I scarcely believe, though, that anything will come of our visit there. I still thought in the spring that I would be occupied in Vienna during the month of July; then I would certainly have come to visit you as well. But things worked out differently, and we will stay here, apart from a few smaller side-trips, until the beginning of September. Just today we make a little outing to Seefeld, and I will take the opportunity to send you the two songs that you have already seen before. I have purged them of several imperfections and made a couple of smaller alterations. I would now appreciate your judgment of whether the songs are correct enough for me to send to several of my acquaintances.

I forward to you as well a small booklet by Gottfried Benn. 3 On pages 101‒13 you will find printed the speech that this gentleman gave on Heinrich Mann, which has a somewhat different tone than the article in the Deutsche Allgemeine Zeitung that you gave me to read. Many people today simply change their opinion far too easily. They themselves are of course convinced that they have changed this opinion for the better.

My wife sends best greetings. We live an isolated life here, since most of our acquaintances are no longer in Germany. She is naturally quite upset by the events and the uncertainty that surround us, and this tempers somewhat her enjoyment of work. I myself work little, but read much history, through which one gets a certain perspective on what is happening today, which perhaps is by no means so new as the gentlemen themselves think. In any case the resolute battle against Austria goes all the way back to Frederick the Great and to Bismarck. It is no longer easy for us in Holland either; one cannot know what will grow out of all of this.

But your postcard reassures me that you are not aggravated by all that is happening and that your work is not impeded by it. That itself is of course very gratifying; may it long remain so.

On the Archive I receive good reports. It was recently visited by Cortot, who seems to be avidly interested in the project, and who will permit us to photograph his autographs: Brahms, Piano Concerto, Op. 15 and Chopin, Berceuse (which autograph?) and Polonaise (which one?). Very nice, anyway.

Warmest greetings from both of us to you and your wife.


Your very devoted
[unsigned]

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2018


Partenkirchen
bei Dr. Grahl
20 Juli 1933

Lieber und verehrter Herr Dr.! 1

Noch vielen Dank für Ihre freundliche Karte aus Reigersberg. 2 Es freut mich zu erfahren, dass Sie dort Ruhe gefunden haben. Ich glaube aber kaum, dass aus unserem Besuche dort etwas werden wird. Ich meinte noch im Frühling, dass ich während des Monats Juli in Wien zu tun haben würde; Dann [sic] wäre ich bestimmt auch zu Ihnen gekommen. Jedoch hat sich das anders herausgestellt[,] und bleiben wir [recte wir bleiben] , abgesehen von einigen kleineren Abstecher[n], bis Anfang September hier. Heute machen wir gerade einen kleinen Ausflug nach Seefeld [,] und mache ich davon [recte ich mache davon] Gebrauch, Ihnen die beiden Lieder zuzuschicken, die Sie schon einmal gesehen haben. Ich habe einige kleine Unebenheiten daraus entfernt und ein Paar kleinere Aenderunen darin angebracht. Ich möchte Sie nun bitten mir wissen zu lassen, ob die Lieder nun soweit in Ordnung sind, dass ich sie an einigen [recte einige] meiner Bekannten schicken kann.

Auch geht Ihnen ein kleines Bändchen von Gottfried Benn zu. 3 Auf Seite 101 bis 113 werden Sie dort die Rede abgedruckt finden, welche dieser Herr auf Heinrich Mann gehalten hat und die etwas anders klingt als wie der Artikel in der D.A.Z., den Sie mir zu lessen gaben. Es ändern halt heutzutage viele Leute nur allzuleicht ihre Meinung. Sie sind dabei natürlich selber überzeugt davon, dass sich diese Meinung zum Besseren gewandelt hat.

Meine Frau lässt bestens grüssen. Wir leben hier einsam für [recte vor] uns hin, da die meisten unserer Bekannten nicht mehr in Deutschland sind. Sie ist natürlich von den Ereignissen und der Ungewissheit um uns herum stark aufgewühlt was ihre Arbeitslust etwas beeinträchtigt. Ich selber arbeite wenig, lese aber viel Geschichte, wodurch man einen gewissen Ueberblick bekommt auf dem, was heute geschieht, und was vielleicht gar nicht so neu ist, wie die Herren selber meinen. Jedenfalls geht der zielbewusste Kampf gegen Oesterreich schon auf den alten Fritz und auf Bismarck zurück. Wir haben es in Holland auch nicht leicht mehr; man kann nicht wissen, was aus alledem noch hervorblühten wird.

Ihre Karte gibt mir aber die Beruhigung, dass Sie von alledem nicht gestört warden und Ihre Arbeit hierdurch nicht beeinträchtigt wird. Das ist natürlich schon sehr erfreulich; möge es noch lange so bleiben.

Vom Archive bekomme ich gute Nachrichten. Es hat neulich den Besuch von Cortot erhalten, der sich anscheinend für die Sache stark interessiert hat und uns seine Autographen: Brahms: Klavierkonzert Op.15 und Chopin. Berceuse (welches Autograph?) und Polonaise (welche?) zur Aufnahme zur Verfügung stellen wird. Immerhin sehr erfreulich.

Seien Sie und Ihre Gattin recht herzlich von uns beiden gegrüsst.


Ihr sehr ergebener
[unsigned]

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2018


Partenkirchen
c/o Dr. Grahl
July 20, 1933

Dear and revered Dr. [Schenker], 1

Thank you for your cordial postcard from Reigersberg; 2 I am glad to hear that you have found rest there. I scarcely believe, though, that anything will come of our visit there. I still thought in the spring that I would be occupied in Vienna during the month of July; then I would certainly have come to visit you as well. But things worked out differently, and we will stay here, apart from a few smaller side-trips, until the beginning of September. Just today we make a little outing to Seefeld, and I will take the opportunity to send you the two songs that you have already seen before. I have purged them of several imperfections and made a couple of smaller alterations. I would now appreciate your judgment of whether the songs are correct enough for me to send to several of my acquaintances.

I forward to you as well a small booklet by Gottfried Benn. 3 On pages 101‒13 you will find printed the speech that this gentleman gave on Heinrich Mann, which has a somewhat different tone than the article in the Deutsche Allgemeine Zeitung that you gave me to read. Many people today simply change their opinion far too easily. They themselves are of course convinced that they have changed this opinion for the better.

My wife sends best greetings. We live an isolated life here, since most of our acquaintances are no longer in Germany. She is naturally quite upset by the events and the uncertainty that surround us, and this tempers somewhat her enjoyment of work. I myself work little, but read much history, through which one gets a certain perspective on what is happening today, which perhaps is by no means so new as the gentlemen themselves think. In any case the resolute battle against Austria goes all the way back to Frederick the Great and to Bismarck. It is no longer easy for us in Holland either; one cannot know what will grow out of all of this.

But your postcard reassures me that you are not aggravated by all that is happening and that your work is not impeded by it. That itself is of course very gratifying; may it long remain so.

On the Archive I receive good reports. It was recently visited by Cortot, who seems to be avidly interested in the project, and who will permit us to photograph his autographs: Brahms, Piano Concerto, Op. 15 and Chopin, Berceuse (which autograph?) and Polonaise (which one?). Very nice, anyway.

Warmest greetings from both of us to you and your wife.


Your very devoted
[unsigned]

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2018

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/6, p. 3851, July 21, 1933: "Von v. Hoboken (Br.): wird nicht kommen, keine Absage; gleichzeitig die Reinschrift der beiden Lieder u. ein Buch (Benn)." ("From Hoboken (letter): he is not coming, [gives] no reason why; at the same time, the fair copy of the two songs, and a book (Benn)").

2 = OJ 89/6, [7].

3 German poet, essayist, and physician (1886‒1956).

Commentary

Rights Holder
Heirs of Anthony van Hoboken, published here by kind permission
License
Permission to publish granted by the heirs of Anthony van Hoboken February 3, 2007. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.
Format
1p letter, carbon copy, typewritten salutation, message, and valediction (no signature)
Provenance
Hoboken, Anthony van ([document date]-1983)--Schneider, Hans (19??-2007)--University of California, Riverside (2007--)

Digital version created: 2018-02-01
Last updated: 2012-11-19