Lieber Herr van Hoboken!

Schönsten 1 Dank für Ihre fleißiges liebes Briefchen! 2 Nach Erhalt desselben habe ich sofort an H. Deutsch geschrieben. Bei seinem Besuch bei mir erzählte er auch mir davon, doch ohne jede Absicht auf das Archiv. Wohl aber war er offenbar der Überzeugung, daß Schubert’s Zeilen, wie er sie ohne Satz vor sich hinzuschreiben pflegte, einer besseren Verkäuflichkeit halber irgendeinen Satz von einem Bearbeiter haben müssen, woraus ich schloß, daß er in dieser Sache mit einem Verleger unterhandelt. Umsomehr dürfte ich so denken, als H. Deutsch {2} nun wirklich einen angesehenen Verlag für zum Teil noch ungedruckt gebliebenen Schubertiana gewonnen hat. Doch habe ich für alle Fälle den Grundgedanken wiederholt, daß Ihr Archiv mit Skizzen nichts zu schaffen hat.

Ein Wort zu Ihrer Schwierigkeiten in Paris. Als Sie bei sich in der kleinen Sitzung den Plan äußerten, in Paris den Hebel anzusetzen, um Berlin u. andere Städte Kirre zu machen, überfiel mich sofort eine kleine Besorgnis. Zwar scheint auch Paris erst durch Sie zum erstenmal von dem – jenseits alles Materiellen – liegenden Kunstwert der Meisterhandschriften erfahren zu haben (ähnlich wie z. B. unser lieber guter Furtwängler 3 ebenfalls bei Ihnen zum 1. Mal Erstdrucken u. derlei gesehen), doch hat die neue Erkenntnis Paris sofort vorsichtig gemacht: es möchte solcher Werte sich nicht begeben u. namentlich {3} doch nicht für zugunsten Wiens. (Es ist das ein leiser politischer Einschlag, worüber Sie gelegentlich die Briefe von Mozart als noch besser von Mendelssohn (aus Paris) nachlesen wollen.) Täusche ich mich, umso besser für die Sache, u. ich bin bereit Abbitte zu leisten.

Sollten Sie aber Ihren Wunsch nicht durchsetzen können, wäre es da nicht möglich, anzuregen, daß Paris nur selbst ein solches Archiv anlege, mit dem Sie in ein Tauschverhältnis treten wollen? Oder, was mir noch besser scheint: Sie rücken mit dem 1. Heftchen Ihrer „Mitteilungen“ heraus, worin Sie, ich, od. auch Haas u. Deutsch, sofern Sie Stoff hätten, uns durch Anführung von Fehlern in den Stücken, d. h. durch die Korrekturen als diejenigen legitimieren, die vorläufig die einzigen in der Welt sind, die berufen {4} sind, diese mit den tiefsten Geheimnissen der Komposition zusammenhängenden entscheidenden Fragen zu erörtern. Das Heftchen wollen wir dann an Altmann leiten u. ihn um Fürsprache bei Harnack ersuchen, wenn wir nicht vorziehen, uns unmittelbar an Harnack zu wenden. (Er war schon einmal sehr freundlich zu mir, hoffentlich ist er es wieder.)

Das sind nur Vorschläge. Vielleicht wissen Vriesl., Haas, Deutsch bessere, umso schöner.

Von Prof. Steinhof hörte ich öfter durch Hammer, zu Gesicht bekam ich ihn aber nie.

Lieder von Berg habe ich kürzlich hier gehört. Darüber mündlich. – Auf Santini’s Sammlung bin ich sehr gespannt!!

Viele Wünsche für Ihre weiteren Unternehmungen u. beste Empfehlungen Ihnen u. Ihrer verehrten Gattin von uns Beiden


Ihr
[signed:] HSchenker
26. 3. 28

© Transcription John Rothgeb, 2009



Dear Mr. van Hoboken,

Warmest 1 thanks for your nice diligent note! 2 After receiving it I immediately wrote to Mr. Deutsch. When he visited me, he told me too about the matter, but without any intent concerning the Archive. It was, however, surely his conviction that Schubert's lines, which he used to write out without any setting, would for the sake of better salability have to have some kind of setting by an arranger, from which I concluded that he was dealing in this matter with a publisher. This thought was all the more plausible as Mr. Deutsch {2} now has actually secured a prominent press for Schubertiana that remain unpublished in part. But I in any case repeated the basic thought that your Archive is not concerned with sketches.

A word about your difficulties in Paris. As you expressed the plan in the small meeting to use leverage in Paris to bring Berlin and other cities to heel, I immediately felt a small misgiving. Paris does indeed seem to have learned through you for the first time of the enduring artistic value – beyond everything material – of the masters' manuscripts (just as for example our dear good Furtwängler 3 likewise saw original editions and such things for the first time in your company), but the new knowledge immediately made Paris cautious: she doesn't want to waive her rights to such values, and {3} especially not for in favor of Vienna. (That is a slight touch of the political, as you will read about here and there in letters of Mozart and still better of Mendelssohn (from Paris)). If I am mistaken, all the better for the project, and I am prepared to apologize.

Should things not work out as you wish, however, would it not be possible to urge that Paris itself establish such an archive, with which you could enter into an exchange? Or, which seems to me still better: You come out with the first issue of your "News," in which you, I, or also Haas and Deutsch, to the extent that they may have material, legitimize ourselves through citations of errors in the pieces, i. e. through the corrections, as the only ones in the world for now who are qualified {4} to discuss these decisive questions connected to the deepest secrets of the composition. We will then take the booklet to Altmann and ask his advocacy with Harnack, unless we prefer to approach Harnack directly. (He was already very friendly to me once, we can hope he will be again.)

These are only suggestions. Perhaps Vrieslander, Haas, [and] Deutsch will have better ones – all the nicer.

I have heard of Prof. Steinhof often through Hammer, but have never met him.

I recently heard lieder by Berg here. We'll talk about that. – I am very eager to hear about Santini's collection!!

Best wishes for your further endeavors, and kindest regards to you and your good wife from us both.


Yours,
[signed:] H. Schenker
March 26, 1928

© Translation John Rothgeb, 2009



Lieber Herr van Hoboken!

Schönsten 1 Dank für Ihre fleißiges liebes Briefchen! 2 Nach Erhalt desselben habe ich sofort an H. Deutsch geschrieben. Bei seinem Besuch bei mir erzählte er auch mir davon, doch ohne jede Absicht auf das Archiv. Wohl aber war er offenbar der Überzeugung, daß Schubert’s Zeilen, wie er sie ohne Satz vor sich hinzuschreiben pflegte, einer besseren Verkäuflichkeit halber irgendeinen Satz von einem Bearbeiter haben müssen, woraus ich schloß, daß er in dieser Sache mit einem Verleger unterhandelt. Umsomehr dürfte ich so denken, als H. Deutsch {2} nun wirklich einen angesehenen Verlag für zum Teil noch ungedruckt gebliebenen Schubertiana gewonnen hat. Doch habe ich für alle Fälle den Grundgedanken wiederholt, daß Ihr Archiv mit Skizzen nichts zu schaffen hat.

Ein Wort zu Ihrer Schwierigkeiten in Paris. Als Sie bei sich in der kleinen Sitzung den Plan äußerten, in Paris den Hebel anzusetzen, um Berlin u. andere Städte Kirre zu machen, überfiel mich sofort eine kleine Besorgnis. Zwar scheint auch Paris erst durch Sie zum erstenmal von dem – jenseits alles Materiellen – liegenden Kunstwert der Meisterhandschriften erfahren zu haben (ähnlich wie z. B. unser lieber guter Furtwängler 3 ebenfalls bei Ihnen zum 1. Mal Erstdrucken u. derlei gesehen), doch hat die neue Erkenntnis Paris sofort vorsichtig gemacht: es möchte solcher Werte sich nicht begeben u. namentlich {3} doch nicht für zugunsten Wiens. (Es ist das ein leiser politischer Einschlag, worüber Sie gelegentlich die Briefe von Mozart als noch besser von Mendelssohn (aus Paris) nachlesen wollen.) Täusche ich mich, umso besser für die Sache, u. ich bin bereit Abbitte zu leisten.

Sollten Sie aber Ihren Wunsch nicht durchsetzen können, wäre es da nicht möglich, anzuregen, daß Paris nur selbst ein solches Archiv anlege, mit dem Sie in ein Tauschverhältnis treten wollen? Oder, was mir noch besser scheint: Sie rücken mit dem 1. Heftchen Ihrer „Mitteilungen“ heraus, worin Sie, ich, od. auch Haas u. Deutsch, sofern Sie Stoff hätten, uns durch Anführung von Fehlern in den Stücken, d. h. durch die Korrekturen als diejenigen legitimieren, die vorläufig die einzigen in der Welt sind, die berufen {4} sind, diese mit den tiefsten Geheimnissen der Komposition zusammenhängenden entscheidenden Fragen zu erörtern. Das Heftchen wollen wir dann an Altmann leiten u. ihn um Fürsprache bei Harnack ersuchen, wenn wir nicht vorziehen, uns unmittelbar an Harnack zu wenden. (Er war schon einmal sehr freundlich zu mir, hoffentlich ist er es wieder.)

Das sind nur Vorschläge. Vielleicht wissen Vriesl., Haas, Deutsch bessere, umso schöner.

Von Prof. Steinhof hörte ich öfter durch Hammer, zu Gesicht bekam ich ihn aber nie.

Lieder von Berg habe ich kürzlich hier gehört. Darüber mündlich. – Auf Santini’s Sammlung bin ich sehr gespannt!!

Viele Wünsche für Ihre weiteren Unternehmungen u. beste Empfehlungen Ihnen u. Ihrer verehrten Gattin von uns Beiden


Ihr
[signed:] HSchenker
26. 3. 28

© Transcription John Rothgeb, 2009



Dear Mr. van Hoboken,

Warmest 1 thanks for your nice diligent note! 2 After receiving it I immediately wrote to Mr. Deutsch. When he visited me, he told me too about the matter, but without any intent concerning the Archive. It was, however, surely his conviction that Schubert's lines, which he used to write out without any setting, would for the sake of better salability have to have some kind of setting by an arranger, from which I concluded that he was dealing in this matter with a publisher. This thought was all the more plausible as Mr. Deutsch {2} now has actually secured a prominent press for Schubertiana that remain unpublished in part. But I in any case repeated the basic thought that your Archive is not concerned with sketches.

A word about your difficulties in Paris. As you expressed the plan in the small meeting to use leverage in Paris to bring Berlin and other cities to heel, I immediately felt a small misgiving. Paris does indeed seem to have learned through you for the first time of the enduring artistic value – beyond everything material – of the masters' manuscripts (just as for example our dear good Furtwängler 3 likewise saw original editions and such things for the first time in your company), but the new knowledge immediately made Paris cautious: she doesn't want to waive her rights to such values, and {3} especially not for in favor of Vienna. (That is a slight touch of the political, as you will read about here and there in letters of Mozart and still better of Mendelssohn (from Paris)). If I am mistaken, all the better for the project, and I am prepared to apologize.

Should things not work out as you wish, however, would it not be possible to urge that Paris itself establish such an archive, with which you could enter into an exchange? Or, which seems to me still better: You come out with the first issue of your "News," in which you, I, or also Haas and Deutsch, to the extent that they may have material, legitimize ourselves through citations of errors in the pieces, i. e. through the corrections, as the only ones in the world for now who are qualified {4} to discuss these decisive questions connected to the deepest secrets of the composition. We will then take the booklet to Altmann and ask his advocacy with Harnack, unless we prefer to approach Harnack directly. (He was already very friendly to me once, we can hope he will be again.)

These are only suggestions. Perhaps Vrieslander, Haas, [and] Deutsch will have better ones – all the nicer.

I have heard of Prof. Steinhof often through Hammer, but have never met him.

I recently heard lieder by Berg here. We'll talk about that. – I am very eager to hear about Santini's collection!!

Best wishes for your further endeavors, and kindest regards to you and your good wife from us both.


Yours,
[signed:] H. Schenker
March 26, 1928

© Translation John Rothgeb, 2009

Footnotes

1 Writing of this letter is not recorded in Schenker's diary, but the related communications between Schenker and Deutsch are recorded at OJ 4/1, pp. 3191-3192.

2 See OJ 11/54, [23], dated March 21, 1928.

3 See OJ 89/1, [4], September 9, 1927.

Commentary

Format
4p letter, oblong format, holograph message and signature
Provenance
Hoboken, Anthony van ([document date]-1983)--Schneider, Hans(19??-2007)--University of California, Riverside (2007--)
Rights Holder
IPR: Heirs of Henrich Schenker, deemed to be in the public domain.
License
All reasonable steps have been taken to locate the heirs of Heinrich Schenker. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2011-04-29
Last updated: 2011-04-29