Fl! 1

Wie sollte ich, förmlich gesäugt mit Sorgen, nicht verstehen, was Sorgen, solche Sorgen dir bedeuten! Familien-, Kinder-, Geld-, Kunstsorgen hämmernd u. hämmernd, ein wahres Hiobs-Leben – aber gerade das Sinnlose u. Wütende deines Schicksals gestattet dir eine Erhebung, du darf[s]t es wirklich richten u. verurteilen, ohne daß du damit auf die Wunderquelle des Gottvertrauens verzichten müsstest. Daß du bei so viel Unaufständigkeit dieses Schicksals doch einen so schönen Platz so schön ausfüllst, hebt dich doch wieder über die Vielen hinaus, die dir den Zug nach Hamburg, die ehrenvolle Behauptung dort, u. eben deine Kraft der Schultern, auf denen du dein Schicksal trägst, auch nicht {2} annähernd würden nachmachen können. Deine angeborene Begabung lustert ohne Zweifel so stark hinaus, daß du Lagen bewältigst, die für Andere nicht bewältigbar sind. Das ist schon, was jeder zugeben muß, eine stolze Erwiderung von deiner Seite an dein Ungemach; dein sehr berechtigtes Selbstgefühl muß dir auch körperlich Gesundheit mehren.

Mein „Aber“ aber ist dasselbe, das du seitjeher bei mir kennst. Mangel an Geld. Noch geht er nicht an das nackte Leben, davor schützt uns noch ein kleiner Ersparnis aus den alleretzten(!) Jahren, aber wehe uns, wenn Mozio die Hälfte des Ersparnisses freiwillig nicht zurückstellt, wenn ich ihn einklagen u. mich blos mit Sicherungen u. dgl. bewegen muß, wenn der Zins erhöht wird u. eine fortschreitende Teuerung veranläßt, die ich mit einer weiteren Steigung der Honorare {3} nicht mehr begegnen könnte, wenn Hoboken nach Berlin abgienge, um seiner Frau nachzuziehen, die sich in Wien langweilt, die in Berlin ihre Familie, ihre Bekannten aus ihrer ersten Theaterzeit hat usw. Geldsorgen bedeuten bei mir aber Lähmung der Arbeit . . Noch ist der „Fr. S.“ nicht ganz druckfertig, habe ich ihn aber druckfertig, welche Mühe harrt denn meiner, ihn unter den heutigen Umständen herauszubringen. Soeben mache ich, über Anraten des Prof. O. E. Deutsch, den ersten Versuch einer Verbilligung der Noten-Beilage: statt des Notenstiches irgend ein anderes Verfahren (mein LieLiechen wüsste es dir zu beschreiben, es ist heute sehr im Schwange, das angeblich viel billiger ist. Beim Stich (wie bisher) waren nicht nur der Stich, sondern noch mehr die Korrekturen sehr, sehr kostspielig für den Verlag, das versuchen wir heute {4} zu umgehen. Im Oktober wirst du urteilen können. Wir finden die Beilagen, an deren Korrektur ich soeben sitze, sehr schön, viel schöner als die früheren Stiche. Das zeigt mir den Weg zu den Notenbeilage des „Fr. S,“ die im Grunde ein Band für sich sein werden, so wie schon im Jb. III die Beilagen für sich geheftet, gleichsam ein Band für sich, erscheinen werden. 2

Schrieb ich dir, das Rom. Rolland mich in seinem nächsten Beeth.=(Mach-)werk sehr ehrenvoll angeführt hat, nun erfahre ich hier, daß auch die nächste Auflage des Meyer-Konvers. Lexicon mich führt (ich werde davon gar nicht verständigt), daß sich die „D. Tonk. Ztg.“ wieder mit mir beschäftigt hat usw. usw. 3


Lasset Euch Allen, nach Tunlichkeit, gut gehen, dir Fl!, deiner l. Frau Wally, Karli u. Mädi herzlichste Grüße von LieLiechen u.
deinem
[signed:] H
31. 7. 30

© Transcription William Drabkin, 2013



Fl! 1

How could I, being verily soaked with troubles, not understand what troubles, such troubles, mean to you! Family, children, money, and art troubles, hammering and hammering, a veritable life of Job. – but precisely the senseless and mad things of your Fate allows you to raise yourself up; you must judge it and condemn it, without having to deny yourself the fountain of miracles that is faith in God. That you, in spite of so much indecency of Fate which you have endured, have nonetheless come to occupy such a beautiful place – and so beautifully – raises you again far above the many, who would not be able to come close to you in making the move to Hamburg, in asserting yourself there, or in having even the strength of the shoulders on which you bear your Fate. {2} Your innate giftedness undoubtedly shines out so brightly that you overcome situations which, for others, are unconquerable. That, as anyone would have to admit, is already a proud reply on your part to your misfortune; your thoroughly justified sense of self must also improves your physical health.

My "but" is the same that you have known about me for a long time: lack of money. It has not yet come to survival on the bare essentials of life; we are protected from this by a small savings during the very last few years; but woe to us if Mozio does not voluntarily pay back the savings, if I should have to take legal measures, or take action by putting safeguards and such-like in place; if interest rates rise, creating a continuous inflation which I would no longer be able to counter with further increase in my lesson fee; {3} if Hoboken were to depart for Berlin to follow his wife, who is bored in Vienna and who has her family and friends in Berlin from her earliest years in the theatre, etc. Problems with money mean, for me, a paralysis of work. Der freie Satz is not yet entirely ready for publication; but when it is ready to be printed, what trouble will await me to publish it under today's circumstances. I have just made, on the advice of Professor O. E. Deutsch, the first attempt at reducing the price of the appendix of music illustrations: instead of engraving the notes, some other process (my Lie-Liechen would be able to describe it to you; it is much in vogue here), which is apparently much cheaper. With the engraving process (as up to now), not only would the engraving but even more so the proof-corrections would be very expensive for the publishing house, something that we are trying to avoid today. {4} We find the [music] appendices, on the proofs of which I am currently sitting, very attractive, much more attractive than the earlier engravings. This points the way to the music appendix of Der freie Satz , which should basically be a volume in itself, as the appendix in the third Yearbook will appear: bound separately, in effect a book in its own right. 2

Did I write to you that Romain Rolland referred to me very respectfully in the most recent volume of his (mammoth) Beethoven study? I have learned here that the next printing of Meyers Konversations-Lexicon also includes me (I was not informed about this at all), that the Deutsche Tonkünstler-Zeitung is again involved with me, etc. 3


I hope that all of you are as well as can be hoped, most affectionate greetings to you, Floriz!, to your dear wife Vally, and to your little Karl and little girl, from Lie-Liechen and
your
[signed:] Heinrich
July 31, 1930

© Translation William Drabkin, 2013



Fl! 1

Wie sollte ich, förmlich gesäugt mit Sorgen, nicht verstehen, was Sorgen, solche Sorgen dir bedeuten! Familien-, Kinder-, Geld-, Kunstsorgen hämmernd u. hämmernd, ein wahres Hiobs-Leben – aber gerade das Sinnlose u. Wütende deines Schicksals gestattet dir eine Erhebung, du darf[s]t es wirklich richten u. verurteilen, ohne daß du damit auf die Wunderquelle des Gottvertrauens verzichten müsstest. Daß du bei so viel Unaufständigkeit dieses Schicksals doch einen so schönen Platz so schön ausfüllst, hebt dich doch wieder über die Vielen hinaus, die dir den Zug nach Hamburg, die ehrenvolle Behauptung dort, u. eben deine Kraft der Schultern, auf denen du dein Schicksal trägst, auch nicht {2} annähernd würden nachmachen können. Deine angeborene Begabung lustert ohne Zweifel so stark hinaus, daß du Lagen bewältigst, die für Andere nicht bewältigbar sind. Das ist schon, was jeder zugeben muß, eine stolze Erwiderung von deiner Seite an dein Ungemach; dein sehr berechtigtes Selbstgefühl muß dir auch körperlich Gesundheit mehren.

Mein „Aber“ aber ist dasselbe, das du seitjeher bei mir kennst. Mangel an Geld. Noch geht er nicht an das nackte Leben, davor schützt uns noch ein kleiner Ersparnis aus den alleretzten(!) Jahren, aber wehe uns, wenn Mozio die Hälfte des Ersparnisses freiwillig nicht zurückstellt, wenn ich ihn einklagen u. mich blos mit Sicherungen u. dgl. bewegen muß, wenn der Zins erhöht wird u. eine fortschreitende Teuerung veranläßt, die ich mit einer weiteren Steigung der Honorare {3} nicht mehr begegnen könnte, wenn Hoboken nach Berlin abgienge, um seiner Frau nachzuziehen, die sich in Wien langweilt, die in Berlin ihre Familie, ihre Bekannten aus ihrer ersten Theaterzeit hat usw. Geldsorgen bedeuten bei mir aber Lähmung der Arbeit . . Noch ist der „Fr. S.“ nicht ganz druckfertig, habe ich ihn aber druckfertig, welche Mühe harrt denn meiner, ihn unter den heutigen Umständen herauszubringen. Soeben mache ich, über Anraten des Prof. O. E. Deutsch, den ersten Versuch einer Verbilligung der Noten-Beilage: statt des Notenstiches irgend ein anderes Verfahren (mein LieLiechen wüsste es dir zu beschreiben, es ist heute sehr im Schwange, das angeblich viel billiger ist. Beim Stich (wie bisher) waren nicht nur der Stich, sondern noch mehr die Korrekturen sehr, sehr kostspielig für den Verlag, das versuchen wir heute {4} zu umgehen. Im Oktober wirst du urteilen können. Wir finden die Beilagen, an deren Korrektur ich soeben sitze, sehr schön, viel schöner als die früheren Stiche. Das zeigt mir den Weg zu den Notenbeilage des „Fr. S,“ die im Grunde ein Band für sich sein werden, so wie schon im Jb. III die Beilagen für sich geheftet, gleichsam ein Band für sich, erscheinen werden. 2

Schrieb ich dir, das Rom. Rolland mich in seinem nächsten Beeth.=(Mach-)werk sehr ehrenvoll angeführt hat, nun erfahre ich hier, daß auch die nächste Auflage des Meyer-Konvers. Lexicon mich führt (ich werde davon gar nicht verständigt), daß sich die „D. Tonk. Ztg.“ wieder mit mir beschäftigt hat usw. usw. 3


Lasset Euch Allen, nach Tunlichkeit, gut gehen, dir Fl!, deiner l. Frau Wally, Karli u. Mädi herzlichste Grüße von LieLiechen u.
deinem
[signed:] H
31. 7. 30

© Transcription William Drabkin, 2013



Fl! 1

How could I, being verily soaked with troubles, not understand what troubles, such troubles, mean to you! Family, children, money, and art troubles, hammering and hammering, a veritable life of Job. – but precisely the senseless and mad things of your Fate allows you to raise yourself up; you must judge it and condemn it, without having to deny yourself the fountain of miracles that is faith in God. That you, in spite of so much indecency of Fate which you have endured, have nonetheless come to occupy such a beautiful place – and so beautifully – raises you again far above the many, who would not be able to come close to you in making the move to Hamburg, in asserting yourself there, or in having even the strength of the shoulders on which you bear your Fate. {2} Your innate giftedness undoubtedly shines out so brightly that you overcome situations which, for others, are unconquerable. That, as anyone would have to admit, is already a proud reply on your part to your misfortune; your thoroughly justified sense of self must also improves your physical health.

My "but" is the same that you have known about me for a long time: lack of money. It has not yet come to survival on the bare essentials of life; we are protected from this by a small savings during the very last few years; but woe to us if Mozio does not voluntarily pay back the savings, if I should have to take legal measures, or take action by putting safeguards and such-like in place; if interest rates rise, creating a continuous inflation which I would no longer be able to counter with further increase in my lesson fee; {3} if Hoboken were to depart for Berlin to follow his wife, who is bored in Vienna and who has her family and friends in Berlin from her earliest years in the theatre, etc. Problems with money mean, for me, a paralysis of work. Der freie Satz is not yet entirely ready for publication; but when it is ready to be printed, what trouble will await me to publish it under today's circumstances. I have just made, on the advice of Professor O. E. Deutsch, the first attempt at reducing the price of the appendix of music illustrations: instead of engraving the notes, some other process (my Lie-Liechen would be able to describe it to you; it is much in vogue here), which is apparently much cheaper. With the engraving process (as up to now), not only would the engraving but even more so the proof-corrections would be very expensive for the publishing house, something that we are trying to avoid today. {4} We find the [music] appendices, on the proofs of which I am currently sitting, very attractive, much more attractive than the earlier engravings. This points the way to the music appendix of Der freie Satz , which should basically be a volume in itself, as the appendix in the third Yearbook will appear: bound separately, in effect a book in its own right. 2

Did I write to you that Romain Rolland referred to me very respectfully in the most recent volume of his (mammoth) Beethoven study? I have learned here that the next printing of Meyers Konversations-Lexicon also includes me (I was not informed about this at all), that the Deutsche Tonkünstler-Zeitung is again involved with me, etc. 3


I hope that all of you are as well as can be hoped, most affectionate greetings to you, Floriz!, to your dear wife Vally, and to your little Karl and little girl, from Lie-Liechen and
your
[signed:] Heinrich
July 31, 1930

© Translation William Drabkin, 2013

Footnotes

1 Writing of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/3, p. 3499 (July 31, 1930): "An Floriz (Br.): bringe allerhand Tröstliches vor; mein eigenes „aber“ immer das selbe: Geldmangel!" ("To Floriz (letter): I offer him all sorts of comfort; my own "but" always the same: shortage of money!")

2 No paragraph-break in source.

3 No paragraph-break in source.
The Rolland citation and the entry in Meyer's Konversationslexicon are both mentioned in Schenker's previous letter to Violin, July 10 (OJ 6/7, [49]). Schenker is, in addition, probably referring to a letter to the Deutsche Tonkünstler-Zeitung from his former pupil Felix-Eberhard von Cube; this is cited in the Schenker Scrapbook (OC 2), on page 80.

Commentary

Format
4p letter, Bogen format, holograph message and signature
Rights Holder
Heirs of Heinrich Schenker, deemed to be in the public domain
License
All reasonable steps have been taken to locate the heirs of Heinrich Schenker. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Documents Online, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk

Digital version created: 2013-07-01
Last updated: 2013-07-01