Galtür, 10. 7. 30

Fl! 1

So karg ist dir u. dem l. Karli der Sommer zugemessen! Mir wäre es lieber, du machtest dir einmal ordentlich Luft [illegible word added, then crossed out] u. sagtest uns, was dir zu tragen auferlegt ist. Tue es doch! Deine Schwester hat uns Einiges erzählt, doch was ist das Alles gehalten gegen dein „ganz fertig“! Nimm die Feder u. schreibe. Das meiste errate ich, ahne ich, u. doch möchte ich es von dir selbst vom Herzen heruntergejammert lesen. Es wird uns Beiden wohltun, auch ohne daß ich die Macht hätte dir zu helfen.

Eigentlich wollte LieLiechen dir schreiben u. vor Allem danken dafür, daß du deinen letzten {2} Brief= OJ 14/45, [85] an sie gerichtet hast. Nimm ihren Dank also aus meiner Hand entgegen, ich erzähle dir – vielleicht heitert es dich auf – Manches vom Tage.

Das Interessanteste: Furtwängler hat sich für Weisse’s Oktett bei Br & H. ausserordentlich umgesetzt; daß trotzdem Br & H. versagt haben, offenbart den Verfall des Verlages u. der Zeit. Ganz aus Eigenem hat er in Brief, Weg u. Wort sich auch für meine „Eroica“ bei Br & H. eingesetzt. Beinahe wäre es gelungen, aber es kommt zu spät, denn die Drucklegung ist schon im Zuge. Du darfst auf das 3. Jahrbuch des „Meisterw. i. d. Musik“ zu Anfang Oktober rechnen. Ausserdem hat F. seinen Besuch in Galtür angekündigt, sogar bestimmt. –

Prof. Oppel kommt Anfangs August. Augenblicklich sind zu Besuch mein Neffe Hans Guttmann {3} mit seiner jungen Frau. Ende Juli trifft auch Lie-Liechens Schwester aus Aussig mit Gatten, Chefretakteur des dortigen Tageblattes, u. Sohn für 4 Wochen ein. Wie du siehst, ist dieser Sommer etwas dick instrumentiert. Dazwischen laufen Korrekturen u. Scherereien mit Mozio (wegen Geldes).

Das Photogramm-Archiv gedenkt eine – – – Gesamt-Ausgabe der Werke Ph. Em. Bach’s herauszubringen. Das Hauptgeld wird v. Hoboken zu leisten haben, ein gewisses Nebengeld auch die Stadt Hamburg! 10 Jahrgänge à 2 Bände sind vorgesehen. Da mir schon als einem Mitglied des Kuratoriums eine Arbeit davon erwächst u., wie du dir denken magst, mehr noch mir als dem Kenner solcher Dinge, wurde ich schon gestern darnach gefragt, was für „Jahresgehalt“ ich in[corr] Anspruch nehmen wollte. Das wäre nun das erste meines Lebens. {4} Nach gewissen Enttäuschungen mit H. v. Hob. muss ich mich aber sehr hüten, mich mit einem geringen fixum zu bescheiden, für das ich dann unverhofft zu viel Arbeit zu leisten hätte. Jedenfalls muss ich sehen, daß mich diese Arbeit nicht um den „Fr. S.“ bringt, der endlich kommen muß: dieses Hauptwort meines Lebens, das bestimmt ist, ein Hauptwort auch der Menschheit zu bleiben, lasse ich mir durch keine Versuchung entwinden. – 2

Daß mich Rom. Rolland in seinem neuesten Beeth. Buch zitiert hat, 3 schrieb ich dir schon, nun erfahre ich hier, daß ich auch im neuesten Meyer-Konvers.-Lexicon stehe.

Schwere „Aber“ stehen allen diesen Erfreulichkeiten entgegen, doch muß ich zuvor deine Klagen hören, ehe ich mit den meinen herausrücke.


Dir u. dem l. Karli unser beider schönste Grüße u. Wünsche!
Dein
[signed:] H

© Transcription William Drabkin, 2013


Galtür, July 10, 1930

Floriz! 1

The summer has been apportioned to you and dear little Karl so stingily! I would have preferred that you finally gave vent to your feelings properly [illegible word added, then crossed out] and told us what is on your mind. Do it, then! Your sister recounted a few things, but what is that when compared to you "completely worn out"! Pick up a pen and write. I am able to guess, to imagine most of it, and yet I should like to read what you yourself say about the troubles lying in your heart. It would be good for the two of us, even though I were not to have the power to help you.

In fact, Lie-Liechen wanted to write to you, above all for everything that you addressed to her in your last letter= OJ 14/45, [85]. {2} Accept her thanks, then from my hand; and I shall recount to you – perhaps it will lift your spirits – some of the latest news.

The most interesting: Furtwängler made an extraordinary plea for Weisse's Octet with Breitkopf & Härtel; that, in spite of this, Breitkopf & Härtel turned it down is a sign of the collapse of the publishing house and the times. Completely on his own initiative – in a letter, in a visit, and in words – he campaigned with Breitkopf & Härtel also for my "Eroica." It nearly succeeded, but came to late, as the printing was already in progress. You can count on receiving the third Yearbook of Das Meisterwerk in der Musik by the beginning of October. In addition, Furtwängler has announced that he will visit Galtür, quite definitely.

Professor Oppel is coming at the beginning of August. At the moment, my nephew Hans Guttmann is visiting us {3} with his young wife. At the end of July, Lie-Liechen's sister, from Aussig is arriving with her husband, the editor-in-chief of the local newspaper, and their son, for four weeks. As you see, this summer is thickly scored. In between there will be proofs to read and troubles with Mozio (on account of money).

The Photogram Archive is planning to publish a – – – Collected Edition of the Works of C. P. E. Bach . Most of the money will have to come from Hoboken; a certain contribution [must come] also from the city of Hamburg ! Ten years, at two volumes per year, are planned. Since an amount of work will arise for me already as a member of the Board of Trustees and, as you can imagine, even more will fall to me as an expert in such things, I was asked yesterday what sort of "annual stipend" I should be claiming. That would be the first in my life. {4} After certain disappointments with Mr. van Hoboken, however, I must be very careful to agree on a small fee, for which I could not be expected to accomplish too much work. At any rate, I must see to it that this work does not cut me off from Der freie Satz , which must finally come: this central pillar of my life, which is destined to remain a central pillar also for humanity, is something that I cannot abandon as a result of any temptation. 2

That Romain Rolland cited me in his most recent Beethoven book 3 is something I have already written to you about; now I learn here that I am also included in the most recent edition of Meyers Konversations-Lexicon.

A lot of serious "but"s stand opposed to all these joys; but I must first hear about your sorrows before I come out with mine.


To you and dear little Karl, from the two of us, best greetings and wishes!
Your
[signed:] Heinrich

© Translation William Drabkin, 2013


Galtür, 10. 7. 30

Fl! 1

So karg ist dir u. dem l. Karli der Sommer zugemessen! Mir wäre es lieber, du machtest dir einmal ordentlich Luft [illegible word added, then crossed out] u. sagtest uns, was dir zu tragen auferlegt ist. Tue es doch! Deine Schwester hat uns Einiges erzählt, doch was ist das Alles gehalten gegen dein „ganz fertig“! Nimm die Feder u. schreibe. Das meiste errate ich, ahne ich, u. doch möchte ich es von dir selbst vom Herzen heruntergejammert lesen. Es wird uns Beiden wohltun, auch ohne daß ich die Macht hätte dir zu helfen.

Eigentlich wollte LieLiechen dir schreiben u. vor Allem danken dafür, daß du deinen letzten {2} Brief= OJ 14/45, [85] an sie gerichtet hast. Nimm ihren Dank also aus meiner Hand entgegen, ich erzähle dir – vielleicht heitert es dich auf – Manches vom Tage.

Das Interessanteste: Furtwängler hat sich für Weisse’s Oktett bei Br & H. ausserordentlich umgesetzt; daß trotzdem Br & H. versagt haben, offenbart den Verfall des Verlages u. der Zeit. Ganz aus Eigenem hat er in Brief, Weg u. Wort sich auch für meine „Eroica“ bei Br & H. eingesetzt. Beinahe wäre es gelungen, aber es kommt zu spät, denn die Drucklegung ist schon im Zuge. Du darfst auf das 3. Jahrbuch des „Meisterw. i. d. Musik“ zu Anfang Oktober rechnen. Ausserdem hat F. seinen Besuch in Galtür angekündigt, sogar bestimmt. –

Prof. Oppel kommt Anfangs August. Augenblicklich sind zu Besuch mein Neffe Hans Guttmann {3} mit seiner jungen Frau. Ende Juli trifft auch Lie-Liechens Schwester aus Aussig mit Gatten, Chefretakteur des dortigen Tageblattes, u. Sohn für 4 Wochen ein. Wie du siehst, ist dieser Sommer etwas dick instrumentiert. Dazwischen laufen Korrekturen u. Scherereien mit Mozio (wegen Geldes).

Das Photogramm-Archiv gedenkt eine – – – Gesamt-Ausgabe der Werke Ph. Em. Bach’s herauszubringen. Das Hauptgeld wird v. Hoboken zu leisten haben, ein gewisses Nebengeld auch die Stadt Hamburg! 10 Jahrgänge à 2 Bände sind vorgesehen. Da mir schon als einem Mitglied des Kuratoriums eine Arbeit davon erwächst u., wie du dir denken magst, mehr noch mir als dem Kenner solcher Dinge, wurde ich schon gestern darnach gefragt, was für „Jahresgehalt“ ich in[corr] Anspruch nehmen wollte. Das wäre nun das erste meines Lebens. {4} Nach gewissen Enttäuschungen mit H. v. Hob. muss ich mich aber sehr hüten, mich mit einem geringen fixum zu bescheiden, für das ich dann unverhofft zu viel Arbeit zu leisten hätte. Jedenfalls muss ich sehen, daß mich diese Arbeit nicht um den „Fr. S.“ bringt, der endlich kommen muß: dieses Hauptwort meines Lebens, das bestimmt ist, ein Hauptwort auch der Menschheit zu bleiben, lasse ich mir durch keine Versuchung entwinden. – 2

Daß mich Rom. Rolland in seinem neuesten Beeth. Buch zitiert hat, 3 schrieb ich dir schon, nun erfahre ich hier, daß ich auch im neuesten Meyer-Konvers.-Lexicon stehe.

Schwere „Aber“ stehen allen diesen Erfreulichkeiten entgegen, doch muß ich zuvor deine Klagen hören, ehe ich mit den meinen herausrücke.


Dir u. dem l. Karli unser beider schönste Grüße u. Wünsche!
Dein
[signed:] H

© Transcription William Drabkin, 2013


Galtür, July 10, 1930

Floriz! 1

The summer has been apportioned to you and dear little Karl so stingily! I would have preferred that you finally gave vent to your feelings properly [illegible word added, then crossed out] and told us what is on your mind. Do it, then! Your sister recounted a few things, but what is that when compared to you "completely worn out"! Pick up a pen and write. I am able to guess, to imagine most of it, and yet I should like to read what you yourself say about the troubles lying in your heart. It would be good for the two of us, even though I were not to have the power to help you.

In fact, Lie-Liechen wanted to write to you, above all for everything that you addressed to her in your last letter= OJ 14/45, [85]. {2} Accept her thanks, then from my hand; and I shall recount to you – perhaps it will lift your spirits – some of the latest news.

The most interesting: Furtwängler made an extraordinary plea for Weisse's Octet with Breitkopf & Härtel; that, in spite of this, Breitkopf & Härtel turned it down is a sign of the collapse of the publishing house and the times. Completely on his own initiative – in a letter, in a visit, and in words – he campaigned with Breitkopf & Härtel also for my "Eroica." It nearly succeeded, but came to late, as the printing was already in progress. You can count on receiving the third Yearbook of Das Meisterwerk in der Musik by the beginning of October. In addition, Furtwängler has announced that he will visit Galtür, quite definitely.

Professor Oppel is coming at the beginning of August. At the moment, my nephew Hans Guttmann is visiting us {3} with his young wife. At the end of July, Lie-Liechen's sister, from Aussig is arriving with her husband, the editor-in-chief of the local newspaper, and their son, for four weeks. As you see, this summer is thickly scored. In between there will be proofs to read and troubles with Mozio (on account of money).

The Photogram Archive is planning to publish a – – – Collected Edition of the Works of C. P. E. Bach . Most of the money will have to come from Hoboken; a certain contribution [must come] also from the city of Hamburg ! Ten years, at two volumes per year, are planned. Since an amount of work will arise for me already as a member of the Board of Trustees and, as you can imagine, even more will fall to me as an expert in such things, I was asked yesterday what sort of "annual stipend" I should be claiming. That would be the first in my life. {4} After certain disappointments with Mr. van Hoboken, however, I must be very careful to agree on a small fee, for which I could not be expected to accomplish too much work. At any rate, I must see to it that this work does not cut me off from Der freie Satz , which must finally come: this central pillar of my life, which is destined to remain a central pillar also for humanity, is something that I cannot abandon as a result of any temptation. 2

That Romain Rolland cited me in his most recent Beethoven book 3 is something I have already written to you about; now I learn here that I am also included in the most recent edition of Meyers Konversations-Lexicon.

A lot of serious "but"s stand opposed to all these joys; but I must first hear about your sorrows before I come out with mine.


To you and dear little Karl, from the two of us, best greetings and wishes!
Your
[signed:] Heinrich

© Translation William Drabkin, 2013

Footnotes

1 Writing of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/3, p. 3493 (July 9, 1930): "An Fl. (Br.): danke für die Karte, bitte dringend auszusprechen, was der Wendung „ganz fertig“ zugrunde liegt; schon das Aussprechen kann Linderung bringen." ("To Floriz (letter): I thank him for his postcard, ask him urgently to explain what lies behind the expression "completely finished"; merely speaking about it can bring alleviation.")

2 No paragraph-break in source.

3 In Le chant de la Résurrection, the fifth volume of his six-volume cycle Beethoven: les grandes époques créatrices, Rolland praises Schenker for his discovery of the "Urlinie" as presented in the Erläuterungsausgabe of Op. 101.

Commentary

Format
4p letter, Bogen format, holograph message and signature
Rights Holder
Heirs of Heinrich Schenker, deemed to be in the public domain
License
All reasonable steps have been taken to locate the heirs of Heinrich Schenker. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Documents Online, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk

Digital version created: 2013-06-30
Last updated: 2013-06-30