Fl! 1

Was du so flüchtig hingeworfen u. angedeutet hast, hat mich ganz entsetzt. Ich dachte dich über ein Äußerstes solcher Art hinaus – eigentlich weiß ich nicht, warum ich mir das dachte – u. stand plötzlich vor einem gespenstigen Wort in deiner Karte . . Ich fasse es nicht. Deine Schwester hat uns von den großen Kosten des Konzertes erzählt, die dich so arg hineinrissen, mehr wußte auch sie nicht. Daß ich dir Hilfe anböte, wäre lächerlich in anbetracht der Menschen, die heute meine Umgebunrg bilden, u. dennoch – wenn du dine Erlaubnis gibst – müßte jeder Gedanke zurückgestellt u. der Versuch gemacht werden. Es gibt Überraschungen in der Welt, vielleicht erblühte eine dir?! Sage ein Wort!

Vrieslander u. Hoboken sind mit des Letzteren Auto hierhergekommen u. hielten sich 3 Tage auf, – das Wetter stand sehr im Wege beim Kommen u. Gehen. Erst nach ihrer Abreise gab es ein {2} prächtiges Wetter. Ich weiß nicht, ob ich dir mitgeteilt habe, daß Hoboken zu mir nach Wien kommt. Als Honorar nannte ich die gleichen 5 Doll. per Stunde, wie sie die ungleich ärmere Schüler entrichten. Hoffentlich gibt er mir keine Veranlassung, mich gegen eine Übertriebenheit an gesellschaftlichen Forderungen wehren zu müssen, denn dann wäre ich schlimmer daran, als mit den Anderen. Wir wollen ja sehen. Das Seltsame ists, daß ich auch mit Hob. den Stand von 1923 noch nicht wiedergewinnen kann,(!) was mich nur darum so peinigt, weil (wie ich sehe) aus den Werken nicht einmal mehr ein Sommer herauszuschlagen ist. (Wir sind dem Sommer 1924 gegenüber beträchtlich erhöht worden.)

Was ich mit Dr Baumg. vorhabe, schreibe ich dir demnächst: er hat mir einen sehr großen Schaden verursacht. Wenn er nur eine ers ernste Miene gemacht hätte (zu klagen, meine ich), hätte ich schon längst die Ablöse erreicht. Ich bin aber in ein Demokraten-Nest geraten, alle desto eingebildeter, ja eselhafter, u. so würfeln sie förmlich um mich, sie wollen es auf demokratisch machen u. wissen nicht, {3} daß Hertzka blos ein Gauner, aber kein Demokrat ist. Bis in meine kärglichen Rechnungen, die sich um ein Dreck von Geld drehe, dringt die „demokratische“ Heuchelei u. Betrügerei!

Vielleicht erfreut dich die Mitteilung, daß ich hier als Erstes gleich die Regerschen Bach-Var. für Klavier (op. 81) fertiggemacht habe (für das Jahrb. II), u. gestern auch das „Chaos“ von Haydn. „Ein Gegenbeispiel“ lautet der Titel der Arbeit über Reger. Hätte ich nur schon Jahrb. I in der Hand! Auch da hat sich gleich etwas ereignet, was ich für so ziemlich ausgeschlossen hielt: bei Ablieferung des Mscp. hätte ich sogleich 250 MK erhalten sollen, ich sandte Mitte Juni, das Mscp. ein, aber bis Mitte Juli regte sich gar nichts. Um eine solche Wirtschaft nicht einreißen zu lassen, schrieb ich an Mozio – der Direktor der „Treuga“[?] Sobotka ist der Hauptbesitzer der 3 Masken – u. es kam durch zufälliges Hin u. Her dazu, daß Sobotka den Mozio die 250 Mk für mich anweisen ließ. {4} Gar so lustig fängt es also nicht an. Unsere Mühen waren schier todtlich, – 4 Wochen[corr] brauchte ich hier, um die Augen aufzumachen, ja Dr Halberstam wollte mir Galtür diesmal verbieten – u. lumpige 250 MK werden zurückgehalten entgegen dem Vertrag! Das kommt freilich alles, alles von den – großen Meistern her, von denen sich die Welt abgewandt hat, die nie ja von ihnen wußte! Alles was ich biete, ist folgerichtig schwierig, zu schwierig für die Leute, na[corr] – ich werde es schon machen!

Wir haben uns schon erholt, – hohe Zeit war es –, im Herbst u. Winter gilt es wieder größten Anstrengungen gewachsen sein!

LieLiechen schreibt soeben das „Chaos“ in ihrer ewig ruhigen, unchaotischen Weise, die zu Haydn’s Kunst im Chaos sehr gut paßt. Gelassen u. ruhig also grüßen wir dich also 2 Beide, dich, deine Frau u. die Kinderchen!


Lasse bald von dir etwas hören!
Dein
[signed:] H
15.VIII.1925

© Transcription William Drabkin, 2013



Fl! 1

What you so hastily threw down and hinted at thoroughly shocked me. I thought you had gotten over such an extreme situation of this sort – actually, I do not know what led me to think so – and I suddenly stood before a ghostly word in your card. I just cannot comprehend it. Your sister told us about the enormous costs of the concert, which affected you so adversely; more she did not know, either. That I were to offer help would be ludicrous when you consider the people who constitute my circle these days. And yet, if you give me your permission, every thought would have to be set aside and an attempt would be made. There are surprises in the world; perhaps one will blossom for you?! Say the word!

Vrieslander and Hoboken came here, in the latter's automobile, and stayed for three days. The weather greatly prevented us from getting out and about. Only after their departure did we have {2} magnificent weather. I do not know whether I told you that Hoboken is coming to study with me in Vienna. As a fee, I asked for the same five dollars per lesson that will take its toll on my incomparably less well-off pupils. I hope that he will give me no occasion to make me defend myself against a flood of social demands; for then I would be worse off than with the others. We shall have to see. The strange thing is that, even with Hoboken, I still cannot retrieve my [financial] position of 1923(!), something that pains me only because, as I see, I cannot pay with the income from my works for a summer holiday. Compared to the summer of 1924, we are paying considerably more.

About my plans with Dr. Baumgarten, I shall write to you soon: he has caused me great loss. If only I had made my intentions serious (about taking legal action, I mean), I would have reached a settlement long ago. I have, however, fallen into nest of democrats, all the more vain, indeed assinine. And so they play games about my situation; they want to do things democratically, not realizing {3} that Hertzka is no more than a scoundrel, and no democrat. The "democratic" hypocricy and deceitfulness penetrates right into my meager accounts, which hinge upon a trifling amount of money!

Perhaps you will be glad to learn that the first thing I did here was to complete [my essay on] Reger's Bach Variations for piano, Op. 81 (for Yearbook 2), and yesterday the "[Representation of] Chaos" [from The Creation ] by Haydn. "A Counter-example" is the title of the piece on Reger. If only I already had Yearbook 1 in my hands! Even here something has just occurred, which I would have thought to be virtually impossible. Upon dispatch of the manuscript, I should have received 250 marks immediately; I sent off the manuscript in the middle of June, but nothing happened until the middle of July. So as not to allow this business practice to become a habit, I wrote to Mozio – the director of the "Treuga[?]," Sobotka, is the principal owner of Drei Masken Verlag, and it came about by chance to-ing and fro-ing that Sobotka arranged for Mozio to be paid the 250 marks for me. {4} Things certainly did not begin so cheerfully. Our efforts were purely fatal – I needed four weeks here in order to open my eyes; in fact Dr. Halberstam wanted to forbid me from going to Galtür this year – and a miserable 250 marks were held back, in contradiction to the contract! All, all of this comes of course from none other than the great masters, on whom the world has turned its back, never having really known about them! Everything that I offer is, consequently, difficult, too difficult for the people; well – I shall prevail in the end!

We have recovered somewhat now – it was high time; in the autumn and winter we shall have to be prepared to confront the greatest pressures!

Lie-Liechen is at this moment writing out "Chaos" in her ever quiet, unchaotic way, which fits in very well with Haydn's art in chaos. Calmly and quietly, then: 2 the two of us send you, your wife and the children our greetings.


Let us hear something from you soon!
Yours,
[signed:] Heinrich
August 15, 1925

© Translation William Drabkin, 2013



Fl! 1

Was du so flüchtig hingeworfen u. angedeutet hast, hat mich ganz entsetzt. Ich dachte dich über ein Äußerstes solcher Art hinaus – eigentlich weiß ich nicht, warum ich mir das dachte – u. stand plötzlich vor einem gespenstigen Wort in deiner Karte . . Ich fasse es nicht. Deine Schwester hat uns von den großen Kosten des Konzertes erzählt, die dich so arg hineinrissen, mehr wußte auch sie nicht. Daß ich dir Hilfe anböte, wäre lächerlich in anbetracht der Menschen, die heute meine Umgebunrg bilden, u. dennoch – wenn du dine Erlaubnis gibst – müßte jeder Gedanke zurückgestellt u. der Versuch gemacht werden. Es gibt Überraschungen in der Welt, vielleicht erblühte eine dir?! Sage ein Wort!

Vrieslander u. Hoboken sind mit des Letzteren Auto hierhergekommen u. hielten sich 3 Tage auf, – das Wetter stand sehr im Wege beim Kommen u. Gehen. Erst nach ihrer Abreise gab es ein {2} prächtiges Wetter. Ich weiß nicht, ob ich dir mitgeteilt habe, daß Hoboken zu mir nach Wien kommt. Als Honorar nannte ich die gleichen 5 Doll. per Stunde, wie sie die ungleich ärmere Schüler entrichten. Hoffentlich gibt er mir keine Veranlassung, mich gegen eine Übertriebenheit an gesellschaftlichen Forderungen wehren zu müssen, denn dann wäre ich schlimmer daran, als mit den Anderen. Wir wollen ja sehen. Das Seltsame ists, daß ich auch mit Hob. den Stand von 1923 noch nicht wiedergewinnen kann,(!) was mich nur darum so peinigt, weil (wie ich sehe) aus den Werken nicht einmal mehr ein Sommer herauszuschlagen ist. (Wir sind dem Sommer 1924 gegenüber beträchtlich erhöht worden.)

Was ich mit Dr Baumg. vorhabe, schreibe ich dir demnächst: er hat mir einen sehr großen Schaden verursacht. Wenn er nur eine ers ernste Miene gemacht hätte (zu klagen, meine ich), hätte ich schon längst die Ablöse erreicht. Ich bin aber in ein Demokraten-Nest geraten, alle desto eingebildeter, ja eselhafter, u. so würfeln sie förmlich um mich, sie wollen es auf demokratisch machen u. wissen nicht, {3} daß Hertzka blos ein Gauner, aber kein Demokrat ist. Bis in meine kärglichen Rechnungen, die sich um ein Dreck von Geld drehe, dringt die „demokratische“ Heuchelei u. Betrügerei!

Vielleicht erfreut dich die Mitteilung, daß ich hier als Erstes gleich die Regerschen Bach-Var. für Klavier (op. 81) fertiggemacht habe (für das Jahrb. II), u. gestern auch das „Chaos“ von Haydn. „Ein Gegenbeispiel“ lautet der Titel der Arbeit über Reger. Hätte ich nur schon Jahrb. I in der Hand! Auch da hat sich gleich etwas ereignet, was ich für so ziemlich ausgeschlossen hielt: bei Ablieferung des Mscp. hätte ich sogleich 250 MK erhalten sollen, ich sandte Mitte Juni, das Mscp. ein, aber bis Mitte Juli regte sich gar nichts. Um eine solche Wirtschaft nicht einreißen zu lassen, schrieb ich an Mozio – der Direktor der „Treuga“[?] Sobotka ist der Hauptbesitzer der 3 Masken – u. es kam durch zufälliges Hin u. Her dazu, daß Sobotka den Mozio die 250 Mk für mich anweisen ließ. {4} Gar so lustig fängt es also nicht an. Unsere Mühen waren schier todtlich, – 4 Wochen[corr] brauchte ich hier, um die Augen aufzumachen, ja Dr Halberstam wollte mir Galtür diesmal verbieten – u. lumpige 250 MK werden zurückgehalten entgegen dem Vertrag! Das kommt freilich alles, alles von den – großen Meistern her, von denen sich die Welt abgewandt hat, die nie ja von ihnen wußte! Alles was ich biete, ist folgerichtig schwierig, zu schwierig für die Leute, na[corr] – ich werde es schon machen!

Wir haben uns schon erholt, – hohe Zeit war es –, im Herbst u. Winter gilt es wieder größten Anstrengungen gewachsen sein!

LieLiechen schreibt soeben das „Chaos“ in ihrer ewig ruhigen, unchaotischen Weise, die zu Haydn’s Kunst im Chaos sehr gut paßt. Gelassen u. ruhig also grüßen wir dich also 2 Beide, dich, deine Frau u. die Kinderchen!


Lasse bald von dir etwas hören!
Dein
[signed:] H
15.VIII.1925

© Transcription William Drabkin, 2013



Fl! 1

What you so hastily threw down and hinted at thoroughly shocked me. I thought you had gotten over such an extreme situation of this sort – actually, I do not know what led me to think so – and I suddenly stood before a ghostly word in your card. I just cannot comprehend it. Your sister told us about the enormous costs of the concert, which affected you so adversely; more she did not know, either. That I were to offer help would be ludicrous when you consider the people who constitute my circle these days. And yet, if you give me your permission, every thought would have to be set aside and an attempt would be made. There are surprises in the world; perhaps one will blossom for you?! Say the word!

Vrieslander and Hoboken came here, in the latter's automobile, and stayed for three days. The weather greatly prevented us from getting out and about. Only after their departure did we have {2} magnificent weather. I do not know whether I told you that Hoboken is coming to study with me in Vienna. As a fee, I asked for the same five dollars per lesson that will take its toll on my incomparably less well-off pupils. I hope that he will give me no occasion to make me defend myself against a flood of social demands; for then I would be worse off than with the others. We shall have to see. The strange thing is that, even with Hoboken, I still cannot retrieve my [financial] position of 1923(!), something that pains me only because, as I see, I cannot pay with the income from my works for a summer holiday. Compared to the summer of 1924, we are paying considerably more.

About my plans with Dr. Baumgarten, I shall write to you soon: he has caused me great loss. If only I had made my intentions serious (about taking legal action, I mean), I would have reached a settlement long ago. I have, however, fallen into nest of democrats, all the more vain, indeed assinine. And so they play games about my situation; they want to do things democratically, not realizing {3} that Hertzka is no more than a scoundrel, and no democrat. The "democratic" hypocricy and deceitfulness penetrates right into my meager accounts, which hinge upon a trifling amount of money!

Perhaps you will be glad to learn that the first thing I did here was to complete [my essay on] Reger's Bach Variations for piano, Op. 81 (for Yearbook 2), and yesterday the "[Representation of] Chaos" [from The Creation ] by Haydn. "A Counter-example" is the title of the piece on Reger. If only I already had Yearbook 1 in my hands! Even here something has just occurred, which I would have thought to be virtually impossible. Upon dispatch of the manuscript, I should have received 250 marks immediately; I sent off the manuscript in the middle of June, but nothing happened until the middle of July. So as not to allow this business practice to become a habit, I wrote to Mozio – the director of the "Treuga[?]," Sobotka, is the principal owner of Drei Masken Verlag, and it came about by chance to-ing and fro-ing that Sobotka arranged for Mozio to be paid the 250 marks for me. {4} Things certainly did not begin so cheerfully. Our efforts were purely fatal – I needed four weeks here in order to open my eyes; in fact Dr. Halberstam wanted to forbid me from going to Galtür this year – and a miserable 250 marks were held back, in contradiction to the contract! All, all of this comes of course from none other than the great masters, on whom the world has turned its back, never having really known about them! Everything that I offer is, consequently, difficult, too difficult for the people; well – I shall prevail in the end!

We have recovered somewhat now – it was high time; in the autumn and winter we shall have to be prepared to confront the greatest pressures!

Lie-Liechen is at this moment writing out "Chaos" in her ever quiet, unchaotic way, which fits in very well with Haydn's art in chaos. Calmly and quietly, then: 2 the two of us send you, your wife and the children our greetings.


Let us hear something from you soon!
Yours,
[signed:] Heinrich
August 15, 1925

© Translation William Drabkin, 2013

Footnotes

1 Writing of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 3/7, p. 2853, August 15, 1925: "An Fl. (Br.): Bestürzung über seine mißliche Lage, Hilfeanbot; über den Besuch der beiden Herren, den durch Baumgarten mir verursachten Schaden, die Zurückhaltung der 250 Mark, über die Reger- u. Chaos-Arbeit." ("To Floriz (letter): dismay over his unfortunate situation, offer of help; about the visit of the two men, the damage caused by Baumgarten, the withholding of the 250 marks, about the Reger and Chaos work.")

2 "also," not "dich," crossed out by mistake.

Commentary

Format
4p letter, Bogen format, holograph message and signature
Rights Holder
Heirs of Heinrich Schenker, deemed to be in the public domain
License
All reasonable steps have been taken to locate the heirs of Heinrich Schenker. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Documents Online, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk

Digital version created: 2013-06-09
Last updated: 2013-06-09