Fl! 1

Beiliegend 5 Doll. zur Begleichung deiner TW-Auslagen. Tausend Dank. Es ist höchste Zeit, daß die Bestellung gemacht wird u. mir die Bestätigung eingesendet wird. Juli hat H. Rechnung zu legen! Nicht vergessen: 2 das allererste Heft der Tw. überhaupt ist aus dem J. 1921, sonst war alle Mühe vergebens. H. macht eben Miene, das 1. Heft nicht mehr auszuweisen, als ein Stück, nach dem angeblich nicht mehr gefragt wird; was das noch verkauft wird, steckt er eben ein.

Angeblich ist der Stand so, daß H. seinen Vertreter Dr Rob. Scheu mit den Verhandlungen betraut hat. Scheu studiert erst die Papiere. Was kommt, weiß ich also nicht.

Furtwängler war vor einigen Wochen bei uns des Abends. Ich habe Weisse (der, wie er sagt, dir inzwischen geschrieben hat) als „Zeugen“ zugezogen u. es hat gelohnt. Denn es stellte sich das wohl Un- {2} erklärte heraus, daß F. nicht einmal weiß, was ein „Sonatensatz“ ist. Darunter versteht er nämlich auch das Adagio in einer Sonate, Sinfonie! Aber die besondere Form des Sonatensatzes ist ihm fremd gewesen – seit jenem Abend weiß er es freilich schon. Das hindert nicht, daß er in New-York 70 Mill. Kr. für einen Abend erhielt: 3 solcher Abende in der Woche machen 210 Mill. aus, dazu das Erträgnis der anderen Abende der Woche. Begreifst du also, weshalb die deutschen Musiker nach N-York rennen, per Schiff, per Flugzeug usw?

Und da bin ich auch bei der Frage, die ich schon längst stellen wollte, jedesmal aber unterdrückt habe. Du schreibst schon zweimal von Sorgen um die deinen, die dich quälen, wie habe ich das zu verstehen? Hast du einen Schüler-Rückgang? Der ist ja allgemein. Man lernt nicht mehr gern, nicht ordentlich, der Schüler will es kurz haben, heute eintreten u. schon morgen als der „gefeinerteste Pianist“ {3} die gewissen Geld-Lorbeeren ernten! Es ist der allgemeine Zug der geldbegeisterten Zeit von heute. Auch ich nehme jetzt weniger ein, als im Vorjahre. Oder: kannst du nicht weiter erhöhen u. das bring dicht in Rückstand gegenüber der zunehmenden Teuerung, ist es das? Dasselbe ist bei mir. Ich darf über 5 Doll. nicht hinaus, inzwischen ist alles teurer geworden. Galtür kostet jetzt schon 90–100.000 K. per Tag, im Vorjahre zahlten wir 70.000 K. Ich bin machtlos dagegen. Oder sind deine Sorgen noch anderer Natur?

Simrock hat dem Weisse zunächst zugesagt, dann aber doch abgelehnt, frech genug unter dem Titel, daß das Sextett „nichts Neues“ vorstelle! „Neu“, schlecht, gleichviel, wenn nur das gewisse “Geschäft” zu machen ist.

In der zweiten Hälfte des Monats erhielst du die neue Plaquette von mir. Das Schabblatt[corr] von Hammer ist noch nicht fertig.

Augenblicklich trete ich in den {4} letzten Abschnitt meiner „Jahrbuch“-Arbeit ein. Es gibt nich viel, viel Arbeit bis Ende Juni: dann werden wir wohl rasten müssen, ob wir wollen oder nicht. Nach Galtür wollten mitkommen eine Lehrerin aus New-York u. ein ehemaliger Schüler, jetzt Prof. in St. Gallen: ich habe abgelehnt.

Schreibe also Näheres über deine Sorgen, ich bitte darum. . . Nächstens bitten wir deine Schwester zu uns, vielleicht weiß sie etwas.

Nun sei mit den deinen aufs allerherzlichste wie immer gegrüßt! Machst du dir schon Vorstellungen über den Sommer?


LieLiechen schreibt u. schreibt u. schreibt, feilt u. feilt u. feilt, grüßt u. grüßt u. grüßt, u. mit[corr] auch dein
[signed:] H
4. Mai 1925

© Transcription William Drabkin, 2013



Fl! 1

Enclosed are five dollars, as reimbursement for your outlay for the copies of Der Tonwille . A thousand thanks. It is high time that the order is made and the receipt sent to me. In July Hertzka will have to show his accounts! Do not forget: 2 the very first issue ever of Der Tonwille dates from the year 1921; otherwise all efforts would be in vain. Hertzka is actually giving the impression that he is no longer offering issue no. 1, treating it as a piece of work in which no one seems any longer to be interested; from the copies that are sold, however, he in fact pockets [the profits] himself.

Apparently the situation is such that Hertzka has entrusted his representative Dr. Robert Scheu with the business dealings. Scheu is first studying the papers. What will come then, I do not know.

Furtwängler was with at our place in the evening, a few weeks ago. I made Weisse (who tells me that he has since written to you) come along as a "witness," and it was worth the effort. For it {2} turned out that Furtwängler does not know actually know what a "sonata form movement" is. Specifically, he includes adagio movements in sonatas and symphonies! But the special form of a sonata movement has been unknown to him; since that evening, of course, he know what it is. That does not prevent him from receiving 70 million Kronen for an evening in New York; three such evenings per week add up to 210 million, plus what he receives on the other evenings of the weeks. Can you understand, then, why German musicians are flocking to New York, by ship, by airplane, etc?

And now I come to the question that I have been meaning to ask you for a long time but have always suppressed. You have written already twice about your worries about your affairs, which torment you; how am I to understand these. Have you suffered a lost of pupil numbers? That is indeed generally the case. One no longer cares about learning, not properly. Pupils want to take a short route, to begin today and to earn their laurel wreaths of gold as "the most refined pianist" already by the following day! {3} It is the general characteristic of today's money-driven times. I too am taking fewer [pupils] than I did last year. Or is it that you cannot raise your fees to keep up with the rising cost of living: is that it? I experience the same thing. I dare not ask for more than five dollars; in the meantime, everything has become more expensive. [A holiday in] Galtür now costs as much as 90–100,000 Kronen per day; last year we were paying 70,000. I am powerless against this. Or are your troubles of a different kind?

Simrock initially accepted Weisse, then turned him down after all, with the impudent remark that his Sextet represented "nothing new." "New," bad: it makes no difference; all that matters is a certain amount of business.

In the second half of the month, you will receive the new [Rothberger] medallion of me; Hammer's mezzotint [portrait] is not yet finished.

At the moment I am embarking on the {4} last section of my work on the "Yearbook." There is still a great deal of work to do by the end of June; then we shall probably want to take a break, whether we wish to or not. A teacher from New York and a former pupil of mine who is now a professor in St. Gallen want to accompany me to Galtür; I turned them down.

Write to me in greater detail about your troubles – please do this. We shall soon invite your sister to us; perhaps she knows something.

For now, accept on behalf of your family, our most cordial greetings, as ever! Do you yet have plans for the summer?


Lie-Liechen writes and writes and writes, refines and refines and refines, greets and greets and greets, and with her also your
[signed:] H
May 4, 1925

© Translation William Drabkin, 2013



Fl! 1

Beiliegend 5 Doll. zur Begleichung deiner TW-Auslagen. Tausend Dank. Es ist höchste Zeit, daß die Bestellung gemacht wird u. mir die Bestätigung eingesendet wird. Juli hat H. Rechnung zu legen! Nicht vergessen: 2 das allererste Heft der Tw. überhaupt ist aus dem J. 1921, sonst war alle Mühe vergebens. H. macht eben Miene, das 1. Heft nicht mehr auszuweisen, als ein Stück, nach dem angeblich nicht mehr gefragt wird; was das noch verkauft wird, steckt er eben ein.

Angeblich ist der Stand so, daß H. seinen Vertreter Dr Rob. Scheu mit den Verhandlungen betraut hat. Scheu studiert erst die Papiere. Was kommt, weiß ich also nicht.

Furtwängler war vor einigen Wochen bei uns des Abends. Ich habe Weisse (der, wie er sagt, dir inzwischen geschrieben hat) als „Zeugen“ zugezogen u. es hat gelohnt. Denn es stellte sich das wohl Un- {2} erklärte heraus, daß F. nicht einmal weiß, was ein „Sonatensatz“ ist. Darunter versteht er nämlich auch das Adagio in einer Sonate, Sinfonie! Aber die besondere Form des Sonatensatzes ist ihm fremd gewesen – seit jenem Abend weiß er es freilich schon. Das hindert nicht, daß er in New-York 70 Mill. Kr. für einen Abend erhielt: 3 solcher Abende in der Woche machen 210 Mill. aus, dazu das Erträgnis der anderen Abende der Woche. Begreifst du also, weshalb die deutschen Musiker nach N-York rennen, per Schiff, per Flugzeug usw?

Und da bin ich auch bei der Frage, die ich schon längst stellen wollte, jedesmal aber unterdrückt habe. Du schreibst schon zweimal von Sorgen um die deinen, die dich quälen, wie habe ich das zu verstehen? Hast du einen Schüler-Rückgang? Der ist ja allgemein. Man lernt nicht mehr gern, nicht ordentlich, der Schüler will es kurz haben, heute eintreten u. schon morgen als der „gefeinerteste Pianist“ {3} die gewissen Geld-Lorbeeren ernten! Es ist der allgemeine Zug der geldbegeisterten Zeit von heute. Auch ich nehme jetzt weniger ein, als im Vorjahre. Oder: kannst du nicht weiter erhöhen u. das bring dicht in Rückstand gegenüber der zunehmenden Teuerung, ist es das? Dasselbe ist bei mir. Ich darf über 5 Doll. nicht hinaus, inzwischen ist alles teurer geworden. Galtür kostet jetzt schon 90–100.000 K. per Tag, im Vorjahre zahlten wir 70.000 K. Ich bin machtlos dagegen. Oder sind deine Sorgen noch anderer Natur?

Simrock hat dem Weisse zunächst zugesagt, dann aber doch abgelehnt, frech genug unter dem Titel, daß das Sextett „nichts Neues“ vorstelle! „Neu“, schlecht, gleichviel, wenn nur das gewisse “Geschäft” zu machen ist.

In der zweiten Hälfte des Monats erhielst du die neue Plaquette von mir. Das Schabblatt[corr] von Hammer ist noch nicht fertig.

Augenblicklich trete ich in den {4} letzten Abschnitt meiner „Jahrbuch“-Arbeit ein. Es gibt nich viel, viel Arbeit bis Ende Juni: dann werden wir wohl rasten müssen, ob wir wollen oder nicht. Nach Galtür wollten mitkommen eine Lehrerin aus New-York u. ein ehemaliger Schüler, jetzt Prof. in St. Gallen: ich habe abgelehnt.

Schreibe also Näheres über deine Sorgen, ich bitte darum. . . Nächstens bitten wir deine Schwester zu uns, vielleicht weiß sie etwas.

Nun sei mit den deinen aufs allerherzlichste wie immer gegrüßt! Machst du dir schon Vorstellungen über den Sommer?


LieLiechen schreibt u. schreibt u. schreibt, feilt u. feilt u. feilt, grüßt u. grüßt u. grüßt, u. mit[corr] auch dein
[signed:] H
4. Mai 1925

© Transcription William Drabkin, 2013



Fl! 1

Enclosed are five dollars, as reimbursement for your outlay for the copies of Der Tonwille . A thousand thanks. It is high time that the order is made and the receipt sent to me. In July Hertzka will have to show his accounts! Do not forget: 2 the very first issue ever of Der Tonwille dates from the year 1921; otherwise all efforts would be in vain. Hertzka is actually giving the impression that he is no longer offering issue no. 1, treating it as a piece of work in which no one seems any longer to be interested; from the copies that are sold, however, he in fact pockets [the profits] himself.

Apparently the situation is such that Hertzka has entrusted his representative Dr. Robert Scheu with the business dealings. Scheu is first studying the papers. What will come then, I do not know.

Furtwängler was with at our place in the evening, a few weeks ago. I made Weisse (who tells me that he has since written to you) come along as a "witness," and it was worth the effort. For it {2} turned out that Furtwängler does not know actually know what a "sonata form movement" is. Specifically, he includes adagio movements in sonatas and symphonies! But the special form of a sonata movement has been unknown to him; since that evening, of course, he know what it is. That does not prevent him from receiving 70 million Kronen for an evening in New York; three such evenings per week add up to 210 million, plus what he receives on the other evenings of the weeks. Can you understand, then, why German musicians are flocking to New York, by ship, by airplane, etc?

And now I come to the question that I have been meaning to ask you for a long time but have always suppressed. You have written already twice about your worries about your affairs, which torment you; how am I to understand these. Have you suffered a lost of pupil numbers? That is indeed generally the case. One no longer cares about learning, not properly. Pupils want to take a short route, to begin today and to earn their laurel wreaths of gold as "the most refined pianist" already by the following day! {3} It is the general characteristic of today's money-driven times. I too am taking fewer [pupils] than I did last year. Or is it that you cannot raise your fees to keep up with the rising cost of living: is that it? I experience the same thing. I dare not ask for more than five dollars; in the meantime, everything has become more expensive. [A holiday in] Galtür now costs as much as 90–100,000 Kronen per day; last year we were paying 70,000. I am powerless against this. Or are your troubles of a different kind?

Simrock initially accepted Weisse, then turned him down after all, with the impudent remark that his Sextet represented "nothing new." "New," bad: it makes no difference; all that matters is a certain amount of business.

In the second half of the month, you will receive the new [Rothberger] medallion of me; Hammer's mezzotint [portrait] is not yet finished.

At the moment I am embarking on the {4} last section of my work on the "Yearbook." There is still a great deal of work to do by the end of June; then we shall probably want to take a break, whether we wish to or not. A teacher from New York and a former pupil of mine who is now a professor in St. Gallen want to accompany me to Galtür; I turned them down.

Write to me in greater detail about your troubles – please do this. We shall soon invite your sister to us; perhaps she knows something.

For now, accept on behalf of your family, our most cordial greetings, as ever! Do you yet have plans for the summer?


Lie-Liechen writes and writes and writes, refines and refines and refines, greets and greets and greets, and with her also your
[signed:] H
May 4, 1925

© Translation William Drabkin, 2013

Footnotes

1 Writing of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 3/7, p. 2815, May 4, 1925: "An Fl. (Br.): 5 Dollar recomm.; Bericht über den Stand der U.-E.-Angelegenheit u. das Eingreifen Dr. Scheus; Ablehnung des Sextetts durch Simrock; über die Plaquette; frage nach seinen Sorgen." ("To Floriz (letter): 5 dollars registered; report on the status of the UE matter and Dr. Scheu's involvement; refusal of [Weisse's] Sextet by Simrock; about the medallion; I ask about his concerns.")

2 Violin has underlined the words "Nicht vergessen."

Commentary

Format
4p letter, Bogen format, holograph message and signature
Rights Holder
Heirs of Heinrich Schenker, deemed to be in the public domain
License
All reasonable steps have been taken to locate the heirs of Heinrich Schenker. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Documents Online, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk

Digital version created: 2013-06-08
Last updated: 2013-06-08