Aus dem Caféhaus

Liebe FrauWally!

Nur noch 2 Zeilen, die ich in einer Pause nachtrage:

War 1 es nicht etwa unsere Pflicht, Frl. Fanny nach vollzogener Annäherung jedesmal zu uns zu bitten? Wir dachten dabei durchaus nicht an eine Pression oder an die Anerkennung Lieliechens 2 oder dgl. Unsinn mehr, wir taten einfach, was wir sollten u. mußten. Was hätte denn Frl. Fanny gesagt, wenn wir sie nicht jedesmal geboten hätten? Wäre sie nicht beleidigt gewesen?

Also, ein Vorwurf kann uns daraus nicht gemacht werden, daß wir unsere eine Pflicht erfüllt haben, deren NichtErfüllung Frl. Fanny sicher beleidigt hätte.

Während wir so unsere Pflicht zur Erfüllung gebracht haben, hatten wir Gele- {2} genheit zu beobachten, was Frl. Fanny eigentlich meine!

Vergessen Sie nicht, daß ich bis zur Stunde nicht weiß, weshalb Frl. Fanny nach 2 Jahren den Brief dennoch schrieb? 3 Wissen Sie es genau?

Ich mußte doch schon, der Höflichkeit halber annehmen, daß sie ihrer Überhebung eine Grenze setzen will in Einsicht eines früher begangenen Fehlers; ich dachte, sie wolle wieder unbefangen herzlich werden, wie sie es ehedem gewesen. Und wir geben uns Mühe, ihr den Weg leicht zu machen!

Wie überrascht bin ich aber, endlich zu sehen, daß sie ihren Brief genug anders gedeutet haben wollte! Gewissermaßen 4 schrieb sie in ihrem Betragen den Brief fort u. nun verstehe ich erst, was sie will, durch die Erklärung in Taten, die sie bietet.

Ich kann mein Entgegenkommen nicht tapferer beweisen, als daß ich sage, Frl. Fanny brauche sich keinerlei Zwang {3} sich [sic], Ihnen, Fl. u. uns aufzuerlegen. Die Verständigung bleibe meinetwegen so oberflächlicher Natur, als sie es zu haben wunscht, u. an unserer Liebenswürdigkeit soll es nicht fehlen, ob wir sie bei Ihnen, oder bei uns zu Hause oder im Caféhaus treffen. Sie hat ihre Briefe zur Genüge in Taten interpretiert. Man kann mir aber keinen Vorwurf darausfmachen, daß ich nicht schon früher den wahren Sinn erraten habe!? (Frl. Fanny nimmt ja übel, wenn man so was nicht direkt heraussagt[.])

Heute weiß ich Alles u. ich tue um des Friedens willen, was ich tun kann. Also keinen Zwang. Sie lasse sich gehen, kommen, oder komme nicht, nur sage sie sich an oder ab, das ist Alles, was wir (nicht nur aus Gründen d. Höflichkeit) erbitten[.]

Hoffentlich wird Fl. nicht wieder versuchen, die Krankheit oder dgl. als Entschuldigung anzuführen. Warum wäre {4} die Krankheit nur so beschaffen, daß sie sich ausgerechnet gegen uns u. sonst Niemanden wendet? Ich kenne diese Krankheit . . Soweit sie partiell ist, will ich ja selbst Frl. Fanny helfen u. sie von der Krankheit befreien.

Sie mag endlich ganz gesund werden, auch wenn auch gegen uns, nur das bischen Form. Wir übenten keine Pression, u. wußten ja bei ihr ( ebensowenig wie am Anfang bei Pollaks, 5 was sie tun wolle. Nur wissen wir es.

Daher mein Vorschlag auf Freiheit, der die Beziehung nicht im Geringsten zu trüben braucht

Nun zu den Zeitungen.


Beste Grüße allseits
Dein
[signed:] HSch 28. XI. 1913

© Transcription Ian Bent and William Drabkin, 2010


From the coffee-house

Dear Wally,

Just a couple of lines to follow up [on my earlier letter] during a break:

Was 1 it not perhaps our duty, to invite Miss Fanny to our place every time, in a spirit of conciliation? In so doing, we were not at all thinking of exerting any pressure, or of recognition 2 of Lieliechen or any other such nonesense; we were simply doing what we ought and had to do. After all, what would Miss Fanny have said if we had not invited her every time? Would she not have felt insulted?

So no one can rebuke us for having fulfilled our a duty, non-fulfillment of which would certainly have given offense to Miss Fanny.

While we were fulfilling our duty in this way, we had occasion {2} to observe, what Miss Fanny really means!

Are you not forgetting that up to this moment I did not know why Miss Fanny, after two years, nevertheless wrote the letter? 3 Do you know precisely?

I was, for politeness' sake, bound to assume that she wants to set a limit to her arrogance in recognition of a previously committed error: I thought that she wanted to become unabashedly cordial once again, as it used to be. And we are taking the trouble to make it easy for her!

But how surprised I am finally to see that she wanted her letter to be interpreted in quite another way! To some degree, 4 she wrote out the letter in her own manner, and only now do I understand what she wants through the explanation in deeds that she offers.

I cannot demonstrate my conciliatory feelings more forcefully than to say that Miss Fanny need bring no compulsion whatsoever {3} to bear on herself, on you, or on Floriz. The understanding remains on my part as superficial in nature as she wishes to be, and there shall be no lack of good will on our side, whether we meet her at your place, at our place, or in the coffee-house. She has interpreted her letters quite sufficiently in deeds. No one can, however, reproach me for not having guessed the true meaning earlier. (Miss Fanny really is taking it badly if one is unable to say such things directly.)

Now I know everything, and for peace sake I shall do what I can. So no pressure. Let her go, come or not come; just so long as she lets us know one way or the other – that is all that we ask (not only for reasons of politeness).

I hope that Floriz will not again be tempted to use illness or suchlike as an excuse. Why would {4} illness be so constituted that it can be used solely against us and not against anyone else? I know this illness . . . So long as she is willing, I will help Miss Fanny myself and rid her of her illness.

She may in the end be completely restored to health, even if she is opposed to us; all that is required is a little propriety. We brought no pressure to bear, and knew in her case as little as we did at first in that of the Pollaks 5 what she wanted to do. No we know.

Hence my proposal for freedom, which does need not in the least cloud our relationship.

Now, back to the newspapers.


Warmest greetings to all,
Your
[signed:] HSch November 28, 1913

© Translation Ian Bent and William Drabkin, 2010


Aus dem Caféhaus

Liebe FrauWally!

Nur noch 2 Zeilen, die ich in einer Pause nachtrage:

War 1 es nicht etwa unsere Pflicht, Frl. Fanny nach vollzogener Annäherung jedesmal zu uns zu bitten? Wir dachten dabei durchaus nicht an eine Pression oder an die Anerkennung Lieliechens 2 oder dgl. Unsinn mehr, wir taten einfach, was wir sollten u. mußten. Was hätte denn Frl. Fanny gesagt, wenn wir sie nicht jedesmal geboten hätten? Wäre sie nicht beleidigt gewesen?

Also, ein Vorwurf kann uns daraus nicht gemacht werden, daß wir unsere eine Pflicht erfüllt haben, deren NichtErfüllung Frl. Fanny sicher beleidigt hätte.

Während wir so unsere Pflicht zur Erfüllung gebracht haben, hatten wir Gele- {2} genheit zu beobachten, was Frl. Fanny eigentlich meine!

Vergessen Sie nicht, daß ich bis zur Stunde nicht weiß, weshalb Frl. Fanny nach 2 Jahren den Brief dennoch schrieb? 3 Wissen Sie es genau?

Ich mußte doch schon, der Höflichkeit halber annehmen, daß sie ihrer Überhebung eine Grenze setzen will in Einsicht eines früher begangenen Fehlers; ich dachte, sie wolle wieder unbefangen herzlich werden, wie sie es ehedem gewesen. Und wir geben uns Mühe, ihr den Weg leicht zu machen!

Wie überrascht bin ich aber, endlich zu sehen, daß sie ihren Brief genug anders gedeutet haben wollte! Gewissermaßen 4 schrieb sie in ihrem Betragen den Brief fort u. nun verstehe ich erst, was sie will, durch die Erklärung in Taten, die sie bietet.

Ich kann mein Entgegenkommen nicht tapferer beweisen, als daß ich sage, Frl. Fanny brauche sich keinerlei Zwang {3} sich [sic], Ihnen, Fl. u. uns aufzuerlegen. Die Verständigung bleibe meinetwegen so oberflächlicher Natur, als sie es zu haben wunscht, u. an unserer Liebenswürdigkeit soll es nicht fehlen, ob wir sie bei Ihnen, oder bei uns zu Hause oder im Caféhaus treffen. Sie hat ihre Briefe zur Genüge in Taten interpretiert. Man kann mir aber keinen Vorwurf darausfmachen, daß ich nicht schon früher den wahren Sinn erraten habe!? (Frl. Fanny nimmt ja übel, wenn man so was nicht direkt heraussagt[.])

Heute weiß ich Alles u. ich tue um des Friedens willen, was ich tun kann. Also keinen Zwang. Sie lasse sich gehen, kommen, oder komme nicht, nur sage sie sich an oder ab, das ist Alles, was wir (nicht nur aus Gründen d. Höflichkeit) erbitten[.]

Hoffentlich wird Fl. nicht wieder versuchen, die Krankheit oder dgl. als Entschuldigung anzuführen. Warum wäre {4} die Krankheit nur so beschaffen, daß sie sich ausgerechnet gegen uns u. sonst Niemanden wendet? Ich kenne diese Krankheit . . Soweit sie partiell ist, will ich ja selbst Frl. Fanny helfen u. sie von der Krankheit befreien.

Sie mag endlich ganz gesund werden, auch wenn auch gegen uns, nur das bischen Form. Wir übenten keine Pression, u. wußten ja bei ihr ( ebensowenig wie am Anfang bei Pollaks, 5 was sie tun wolle. Nur wissen wir es.

Daher mein Vorschlag auf Freiheit, der die Beziehung nicht im Geringsten zu trüben braucht

Nun zu den Zeitungen.


Beste Grüße allseits
Dein
[signed:] HSch 28. XI. 1913

© Transcription Ian Bent and William Drabkin, 2010


From the coffee-house

Dear Wally,

Just a couple of lines to follow up [on my earlier letter] during a break:

Was 1 it not perhaps our duty, to invite Miss Fanny to our place every time, in a spirit of conciliation? In so doing, we were not at all thinking of exerting any pressure, or of recognition 2 of Lieliechen or any other such nonesense; we were simply doing what we ought and had to do. After all, what would Miss Fanny have said if we had not invited her every time? Would she not have felt insulted?

So no one can rebuke us for having fulfilled our a duty, non-fulfillment of which would certainly have given offense to Miss Fanny.

While we were fulfilling our duty in this way, we had occasion {2} to observe, what Miss Fanny really means!

Are you not forgetting that up to this moment I did not know why Miss Fanny, after two years, nevertheless wrote the letter? 3 Do you know precisely?

I was, for politeness' sake, bound to assume that she wants to set a limit to her arrogance in recognition of a previously committed error: I thought that she wanted to become unabashedly cordial once again, as it used to be. And we are taking the trouble to make it easy for her!

But how surprised I am finally to see that she wanted her letter to be interpreted in quite another way! To some degree, 4 she wrote out the letter in her own manner, and only now do I understand what she wants through the explanation in deeds that she offers.

I cannot demonstrate my conciliatory feelings more forcefully than to say that Miss Fanny need bring no compulsion whatsoever {3} to bear on herself, on you, or on Floriz. The understanding remains on my part as superficial in nature as she wishes to be, and there shall be no lack of good will on our side, whether we meet her at your place, at our place, or in the coffee-house. She has interpreted her letters quite sufficiently in deeds. No one can, however, reproach me for not having guessed the true meaning earlier. (Miss Fanny really is taking it badly if one is unable to say such things directly.)

Now I know everything, and for peace sake I shall do what I can. So no pressure. Let her go, come or not come; just so long as she lets us know one way or the other – that is all that we ask (not only for reasons of politeness).

I hope that Floriz will not again be tempted to use illness or suchlike as an excuse. Why would {4} illness be so constituted that it can be used solely against us and not against anyone else? I know this illness . . . So long as she is willing, I will help Miss Fanny myself and rid her of her illness.

She may in the end be completely restored to health, even if she is opposed to us; all that is required is a little propriety. We brought no pressure to bear, and knew in her case as little as we did at first in that of the Pollaks 5 what she wanted to do. No we know.

Hence my proposal for freedom, which does need not in the least cloud our relationship.

Now, back to the newspapers.


Warmest greetings to all,
Your
[signed:] HSch November 28, 1913

© Translation Ian Bent and William Drabkin, 2010

Footnotes

1 Writing of this letter and the previous one is recorded in Schenker's diary at OJ 1/13, pp. 476–477, 28 September 1913: "Vormittags einen 8 Seiten langen Brief an Frau Violin wegen Ungezogenheit des Frl. Fanny geschrieben; hernach Diktat fortgesetzt. Aus dem Caféhaus nachmittags einen 2. Brief an dieselbe Adresse nachgeschickt! Erklärung, daß wir uns die Unartigkeit verbieten, im übrigen aber keinerlei Pression auf Frl. Fanny zu üben gedenken, ebensowenig wie wir es bis dahin getan. Einige bereits kräftiger ausgesprochene Anklagen wider Floriz wegen seiner Teilnahme an den Injurien der Schwester. Hinweis auf die Heuchelei des Frl. Fanny, die auf allen Beteiligten spielt, die schönsten Beteuerungen in den Mund nimmt, nur um desto sicherer ihren Egoismus, der auf Reduktion der Besuche geht, anzuheitzen [sic] zu können." ("In the morning, an eight-page letter written to Mrs. Violin concerning the incivility of Miss Fanny; later on, dictation continued. In the afternoon, a second letter sent to the same address, dispatched from the coffee-house. I explain that any mischief on our part is out of the question and that, moreover, we have no intention of exerting pressure of any sort on Miss Fanny, just as little as we have done so until now. Some complaints against Floriz, here voiced more forcibly, on account of his participation in his sister's slanders. I refer to Miss Fanny's hypocrisy, which affects all those involved, [and] which gives voice to the nicest assurances, merely for the purpose of rekindling all the more surely her egotism, which is a factor in the reduced number the visits.").

2 "Anerkennung" ("recognition", "acknowledgment"): Heinrich Schenker and Jeanette Kornfeld were together in Vienna for nine years – from September 30, 1910 to November 10, 1919 – before her annulment came through and the couple were able to marry on the latter date – which had happened only two and a half weeks before this letter was penned. Some people in Schenker's circle accepted Jeanette socially during that time, others showed disapproval. The incident between Fanny Violin, Heinrich and Jeanette evidently concerned the issue of acceptance.

3 This letter is not known to survive: seven letters and postcards do survive from Fanny, two of them addressed to Heinrich (1924, 1929), and five addressed to Jeanette (1922, 1935, 1938, and undated).

4 "zu sehen … Gewissermaßen" ("To some degree"): these two lines are double-sidelined by Schenker in the left margin.

5 It is not clear to whom this refers.

Commentary

Format
4p letter, oblong format, holograph message and signature
Provenance
Violin, Moriz (document date-1956)--Heirs of Moriz Violin (1956-195?)--University of California, Riverside (195?--)
Rights Holder
Heirs of Heinrich Schenker, deemed to be in the public domain
License
All reasonable steps have been taken to locate the heirs of Heinrich Schenker. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to Schenker Documents Online, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk

Digital version created: 2010-07-08
Last updated: 2010-07-08