Sehr geehrter Herr Kapellmeister! 1

Ihrer Ansicht, es sei so 2 zu spielen: 3 thumb pflicht ich aus vielen Gründen bei, auch daß es in allen Teilen so zu halten wäre. Aufschluß gibt schon das sf in T. 3 u. in T. 5 (bei der Pauke!): sf ist (entgegen der allgemeinen Übung) ein warmer, seelischer Akzent, im Gegensatz zum trockenen f oder marc. Etwas von diesem sf (im ff!) hängt wie Tau auf allen Kopftönen, freilich nach Maß des Tempos, nach der Besetzung des Orchesters usw!

Trotz dem Druck auf dem Kopfton ist die Figur freilich aber im non legato zu spielen. Der Geiger macht einen längeren Strich abwarts, wie mit einem leichten, dünnen Ruck (pp), die Reflexbewegung aufwarts trägt ihm die beiden a1 ein, das Achtel noch immer in der Richtung des ersten Strichs, das Viertel aber schon aufwärts. Der Ausdruck ist auch im {2} pp dieser: 4 thumb . Aber Alles sehr schmächtig.

Bei der Brechung durch Pauke u. Hörner hinter dem „ritmo di Quattro battute“ kommt die Wirkung schon einem legato der Kopftöne nahe.

Bei dieser Gelegenheit mache ich Sie auf T. 77 ff. (u. die späteren Wiederholungen) aufmerksam, zu denen B. in der Handschrift eigens noch hinzusetzt: „[crescendo mark] am stärksten im 5. Takt, von da ab schwächer.“ 5 Versteht sich, denn der T. 81 hat der Vorhalt ( thumb , dann thumb ), also muß wegen des Vorhaltes in T. 81 [decrescendo mark] 6 einsetzen. Die Partituren sind hierin falsch.

Vielleicht kann ich einmal in meinem Jahrbuch „das Meisterwerk in der Musik,“ dessen erster Band 1925 (etwas verspätet) in den nächsten Wochen ausgegeben wird Drei Masken, München , die Ergebnisse der Handschrift veröffentlichen. Seinerzeit hat die „U. E.“ mir die Mittel zur photogr. Abnahme verweigert; später, als ich mit Dir. Kopfermann in Berlin über einem mäßigen Satz für die Bilder eins war, ist der Krieg ausgebrochen; {3} im Laufe des Krieges hatte ich die Kosten der Bilder zu op. 101, 109, 110, 111 selbst zu tragen, da der Verlag zu knauserig war, u. so kam ich wieder um die Bilder zur IX. Sinf.

Ich spreche davon, weil die Handschrift ganz kostbare Anweisungen enthält, die die P[ar]t.[ituren] falsch wiedergeben.*)

Der “phil. Verlag in Wien” (eigentlich wieder die U. E.) hat mir vor paar Jahren seinen Mitarbeiter, einen Kapellmeister, geschickt, mit dem ich ein paar Sitzungen hielt (für Zwecke der Revision), ich ließ die Sache dann fallen, weil ich mich durch den Verlag abscheulich hintergangen sah, — aber das Ergebnis der ersten Sitzungen bis etwa zur Reprise im ersten Satz wurde schon für die Neuaufl. der „IX“ im Rahmen des „ph. Verl.“ verwertet.

Wie gesagt, ich hoffe auf diese sehr wichtige Angelegenheit zurückkommen zu können.

Für die Äußerung Ihres Vertrauens herzlich dankend zeichne[t]


Ihr ergebener
[signed:] H Schenker .

5. IV. 1926

*)Ich zweifle, ob Ihnen meine Monographie über die V. Sinf. (U. E. 7646) zu Gesicht gekommen ist. Dort sind {4} auf S. 16/17, 43/44, 57/58, 68/69 sehr wesentliche arge Verstöße der Part.[itur] wider die (verkannte) Handschrift genannt.

© Transcription Hellmut Federhofer, 1985[?]



Dear Kapellmeister, 1

Your opinion that 2 it should be played as follows: 3 thumb is one with which I concur for many reasons; I agree too that this manner should be maintained in all sections. A clue is provided already by the sf in bar 3 and bar 5 (in the kettle drum!): sf is (contrary to the usual practice) a warm, heartfelt accent, in contrast to the dry f or marc. Something of this sf (within ff!) clings like dew to all of the head-tones depending on the tempo, the instrumental forces of the orchestra, etc.

Despite the pressure on the head-tone, however, the figure is certainly to be played non legato. The violinist makes a longer bow-stroke downward, as with a light, thin pull (pp); the reflex-motion upward brings him the two a1s, the eighth still in the direction of the first bow-stroke, but the quarter upward. The expression, even in {2} the pp, is this: 4 thumb . But all of it very subtle.

At the arpeggiation through kettle drums and horns after the “ritmo di Quattro battute” the effect approaches that of a legato of the head-tones.

At this point I call your attention to bars 77ff. (and the later repetitions), to which Beethoven, in the manuscript, expressly adds: “[crescendo mark] at its strongest in the fifth bar, from there on weaker.” 5 Goes without saying, for bar 81 has the suspension ( thumb , then thumb ); therefore, because of the suspension, in bar 81 [decrescendo mark] 6 must begin. The [published] scores are incorrect here.

Perhaps I shall be able finally to publish the gleanings from the manuscript in my Yearbook “Das Meisterwerk in der Musik,” of which the first volume, 1925, will appear (somewhat late) in the coming weeks [by] Drei Masken, Munich . At the time, UE denied me the funds for photographic imaging; later, when I reached an agreement with Director Kopfermann in Berlin on a modest rate for the images, the War broke out; {3} during the War, I had to bear personally the cost of the images for Opp. 101, 109, 110, and 111, since the publisher was too tight-fisted, and so I was once again deprived of the images of the Ninth Symphony.

I speak of this because the manuscript contains absolutely invaluable directions that the scores reproduce incorrectly.*)

The “Philharmonischer Verlag in Wien” (actually again U. E.) a couple of years ago sent me their associate, a conductor, with whom I had a few meetings (for purposes of revision); I then dropped the matter, because I found myself deplorably hoodwinked by the publisher; but the result of the first meetings, [covering] about up to the Reprise in the first movement, was already used for the new edition of the Ninth under the aegis of the “Philharmonischer Verlag.”

As I say, I hope to be able to return to this very important matter.

In warm gratitude for the expression of your confidence, I am


Yours sincerely,
[signed:] H. Schenker

April 5, 1926

*)I doubt that my monograph on the Fifth Symphony (U. E. 7646) has come to your attention. There, {4} on pp. 16/17, 43/44, 57/58, [and] 68/69, very substantially base offenses of the score against the (misinterpreted) manuscript are cited.

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2012



Sehr geehrter Herr Kapellmeister! 1

Ihrer Ansicht, es sei so 2 zu spielen: 3 thumb pflicht ich aus vielen Gründen bei, auch daß es in allen Teilen so zu halten wäre. Aufschluß gibt schon das sf in T. 3 u. in T. 5 (bei der Pauke!): sf ist (entgegen der allgemeinen Übung) ein warmer, seelischer Akzent, im Gegensatz zum trockenen f oder marc. Etwas von diesem sf (im ff!) hängt wie Tau auf allen Kopftönen, freilich nach Maß des Tempos, nach der Besetzung des Orchesters usw!

Trotz dem Druck auf dem Kopfton ist die Figur freilich aber im non legato zu spielen. Der Geiger macht einen längeren Strich abwarts, wie mit einem leichten, dünnen Ruck (pp), die Reflexbewegung aufwarts trägt ihm die beiden a1 ein, das Achtel noch immer in der Richtung des ersten Strichs, das Viertel aber schon aufwärts. Der Ausdruck ist auch im {2} pp dieser: 4 thumb . Aber Alles sehr schmächtig.

Bei der Brechung durch Pauke u. Hörner hinter dem „ritmo di Quattro battute“ kommt die Wirkung schon einem legato der Kopftöne nahe.

Bei dieser Gelegenheit mache ich Sie auf T. 77 ff. (u. die späteren Wiederholungen) aufmerksam, zu denen B. in der Handschrift eigens noch hinzusetzt: „[crescendo mark] am stärksten im 5. Takt, von da ab schwächer.“ 5 Versteht sich, denn der T. 81 hat der Vorhalt ( thumb , dann thumb ), also muß wegen des Vorhaltes in T. 81 [decrescendo mark] 6 einsetzen. Die Partituren sind hierin falsch.

Vielleicht kann ich einmal in meinem Jahrbuch „das Meisterwerk in der Musik,“ dessen erster Band 1925 (etwas verspätet) in den nächsten Wochen ausgegeben wird Drei Masken, München , die Ergebnisse der Handschrift veröffentlichen. Seinerzeit hat die „U. E.“ mir die Mittel zur photogr. Abnahme verweigert; später, als ich mit Dir. Kopfermann in Berlin über einem mäßigen Satz für die Bilder eins war, ist der Krieg ausgebrochen; {3} im Laufe des Krieges hatte ich die Kosten der Bilder zu op. 101, 109, 110, 111 selbst zu tragen, da der Verlag zu knauserig war, u. so kam ich wieder um die Bilder zur IX. Sinf.

Ich spreche davon, weil die Handschrift ganz kostbare Anweisungen enthält, die die P[ar]t.[ituren] falsch wiedergeben.*)

Der “phil. Verlag in Wien” (eigentlich wieder die U. E.) hat mir vor paar Jahren seinen Mitarbeiter, einen Kapellmeister, geschickt, mit dem ich ein paar Sitzungen hielt (für Zwecke der Revision), ich ließ die Sache dann fallen, weil ich mich durch den Verlag abscheulich hintergangen sah, — aber das Ergebnis der ersten Sitzungen bis etwa zur Reprise im ersten Satz wurde schon für die Neuaufl. der „IX“ im Rahmen des „ph. Verl.“ verwertet.

Wie gesagt, ich hoffe auf diese sehr wichtige Angelegenheit zurückkommen zu können.

Für die Äußerung Ihres Vertrauens herzlich dankend zeichne[t]


Ihr ergebener
[signed:] H Schenker .

5. IV. 1926

*)Ich zweifle, ob Ihnen meine Monographie über die V. Sinf. (U. E. 7646) zu Gesicht gekommen ist. Dort sind {4} auf S. 16/17, 43/44, 57/58, 68/69 sehr wesentliche arge Verstöße der Part.[itur] wider die (verkannte) Handschrift genannt.

© Transcription Hellmut Federhofer, 1985[?]



Dear Kapellmeister, 1

Your opinion that 2 it should be played as follows: 3 thumb is one with which I concur for many reasons; I agree too that this manner should be maintained in all sections. A clue is provided already by the sf in bar 3 and bar 5 (in the kettle drum!): sf is (contrary to the usual practice) a warm, heartfelt accent, in contrast to the dry f or marc. Something of this sf (within ff!) clings like dew to all of the head-tones depending on the tempo, the instrumental forces of the orchestra, etc.

Despite the pressure on the head-tone, however, the figure is certainly to be played non legato. The violinist makes a longer bow-stroke downward, as with a light, thin pull (pp); the reflex-motion upward brings him the two a1s, the eighth still in the direction of the first bow-stroke, but the quarter upward. The expression, even in {2} the pp, is this: 4 thumb . But all of it very subtle.

At the arpeggiation through kettle drums and horns after the “ritmo di Quattro battute” the effect approaches that of a legato of the head-tones.

At this point I call your attention to bars 77ff. (and the later repetitions), to which Beethoven, in the manuscript, expressly adds: “[crescendo mark] at its strongest in the fifth bar, from there on weaker.” 5 Goes without saying, for bar 81 has the suspension ( thumb , then thumb ); therefore, because of the suspension, in bar 81 [decrescendo mark] 6 must begin. The [published] scores are incorrect here.

Perhaps I shall be able finally to publish the gleanings from the manuscript in my Yearbook “Das Meisterwerk in der Musik,” of which the first volume, 1925, will appear (somewhat late) in the coming weeks [by] Drei Masken, Munich . At the time, UE denied me the funds for photographic imaging; later, when I reached an agreement with Director Kopfermann in Berlin on a modest rate for the images, the War broke out; {3} during the War, I had to bear personally the cost of the images for Opp. 101, 109, 110, and 111, since the publisher was too tight-fisted, and so I was once again deprived of the images of the Ninth Symphony.

I speak of this because the manuscript contains absolutely invaluable directions that the scores reproduce incorrectly.*)

The “Philharmonischer Verlag in Wien” (actually again U. E.) a couple of years ago sent me their associate, a conductor, with whom I had a few meetings (for purposes of revision); I then dropped the matter, because I found myself deplorably hoodwinked by the publisher; but the result of the first meetings, [covering] about up to the Reprise in the first movement, was already used for the new edition of the Ninth under the aegis of the “Philharmonischer Verlag.”

As I say, I hope to be able to return to this very important matter.

In warm gratitude for the expression of your confidence, I am


Yours sincerely,
[signed:] H. Schenker

April 5, 1926

*)I doubt that my monograph on the Fifth Symphony (U. E. 7646) has come to your attention. There, {4} on pp. 16/17, 43/44, 57/58, [and] 68/69, very substantially base offenses of the score against the (misinterpreted) manuscript are cited.

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2012

Footnotes

1 Writing of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 3/8, p. 2932, April 5, 1926: " An Dr Dohrn (Br., kopiert in der Mappe „IX.“)" ("to Dr. Dohrn (letter, copied into the folder on the "Ninth")."). The copy, in Jeanette Schenker's hand, is preserved at OC 82/29-31; the variants in the latter are footnoted here. At the head of the copy, Jeanette has written "An Dr Georg Schenker 5. April 1926 (Ostermontag)."

This letter has been transcribed and discussed in Hellmut Federhofer, "Ein Lehrbrief Heinrich Schenkers," in Ingrid Fuchs, ed., Festschrift Otto Biba zum 60. Geburtstag (Tutzing: Hans Schneider, 2006). Federhofer, however, lacking both the original envelope and access to the letter that had elicited this response from Schenker, had no way to establish the identity of the recipient. The latter was Georg Dohrn, conductor of the Breslau Orchestra Society: see OC 82/27-28.

2 OC 82/29: "(im Scherzo)" inserted in Heinrich's hand.

3 OC 82/29: notated as a rhythmic pattern with barlines (no clef or staff).

4 OC 82/29: example notated merely as 𝆓 (no clef, staff, or notes).

5 Schenker paraphrases here; Beethoven’s exact comment is "nb das 𝆒𝆓 ist auf dem 5ten Takt am stärksten u. nimmt von da wieder ab" ("nb the 𝆒𝆓 is strongest at the 5th bar and decreases in strength from there on").

6 This decresdendo mark is longer that the previous mark.

Commentary

Provenance
Georg Dohrn (1926-19??) -- Hellmut Federhofer (19??-2011) -- John Rothgeb (2011-2016) -- Oswald Jonas Memorial Collection (2016-)
Rights Holder
Heirs of Heinrich Schenker, deemed to be in the public domain.
License
This letter is deemed to be in the public domain. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Documents Online, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk
Format
OJ 5/9a, [1]: 4p letter, Bogen format, holograph message and signature; OC 82/29-31: 3p copy letter in Jeanette Schenker's hand

Digital version created: 2013-01-13
Last updated: 2013-01-13