Wien, 9. April 1932

Sehr geehrter Herr Dr. Jonas ! 1

Gestern war Dr. Furtwängler bei mir u. ich übergab ihm die Kopie der Brahms ’schen Saul-Einrichtung, 2 versteht sich, die einzige Kopie, zum Geschenk, zur Erinnerung und Anregung. Dr. F. wird reiches Material darin finden u. ich habe die Genugtuung, das Werk zu retten! Frl. Elias hat 3 Monate lang unter meiner strengstern Kontrolle die Kopie „diplomatisch getreu“ besorgt, das will aber in meinem Falle {2} sagen, daß ich für die Lesart (der oft sehr schwierigen Schreibe mit Bleistift) in aller Form gutstehe. Alles ist sogar topographisch genau nachgebildet.

Vieles habe ich Dr. F. zeigen können, die Schönheiten der Artikulation, Dynamisierung, des continuo, usw. Nun sprach ich von Ihrer Absicht u. bat ihn, Ihnen den Einblick in die Part. zu gewähren.

Die Stimmen konnte ich nicht einsehen, denn schon zu viel schien es mir, wenn ich das Original – hinter dem Rücken Dr. Mandyczewsky ’s der es mir aus Neid verweigert hatte – 3 Monate zu Haus behielt! Die Stimmen liegen {3} zutiefst, in den Kellern. Auch dürfte Dr. F. Recht damit haben, daß die Stimmen längst nicht mehr im Zustand de dato Brahms sind, da andere Dirigenten (wie üblich) gewiß ihre Eintragungen haben machen lassen, zumal sie [illeg]für [illeg]die Stimmen des Meisters kein Verständnis aufbrachten, wie mir gegenüber Löwe u. Schalk es ausdrücklich erklärt haben. Es erforderte vielleicht ein Viertel Leben, all diesen Dingen nachzugehen. Wo Generationen sündigen in Unverstand u. Zerstörung ist ein schweres Versäumnis oft nicht mehr einzuholen gutzumachen !

Wohl aber wäre es möglich, daß dSie die Arbeit von Br.’s nach Einsicht- {4} nahme der Part. (u. nun auch mit Einwilligung H Dr. F.) in einem, zwei Aufsätzen würdigen u. des Meisters Mühen u. Sorgen, seinerzeit an ein Dummvolk vergeudet, zum 1. Male würdigen u. dem Lohn zuführen. Doch suchen Sie sich erst der Zeitung zu vergewissern, bevor Sie die Arbeit in Angriff nehmen! Das rate ich Ihnen gut! Denn das kleinste Notizchen aus Posemuckel 3 steht dem Herzen der Schriftleiter näher als das ganze Lebenswerk eines Br., dieses als Kunst wahrhaft künstlerisch betrachtet. So z.B. wird Dr. Einst. 4 lieber Aufsätze über altbyzantinische Trotteleien annehmen als einen über die Einrichtung des Saul von Br.


Beste Grüße von mir u. meiner Frau
Ihr
[signed:] H Schenker

© Transcription John Rothgeb and Heribert Esser, 2006, 2011


Vienna, April 9, 1932

Dear Dr. Jonas, 1

Yesterday Dr. Furtwängler was with me and I gave him the copy of Brahms's arrangement of Saul , 2 the only copy, of course, as a present, in recognition and as an incentive. Dr. Furtwängler will find abundant material in it, and I have the satisfaction of rescuing the work! Miss Elias has toiled for three months under my strictest control to produce a "diplomatically accurate" copy, which however in my case {2} means that I will vouch for the reading (of the often very difficult script with pencil) in every way. Everything is reproduced even with topographical accuracy.

I was able to show Dr. F. many things, the beauties of the articulation, dynamicization, the continuo, etc. Then I spoke of your plan and asked him to grant you access to the score.

I could not examine the parts, because it already seemed too much to me that I kept the original ‒ behind the back of Dr. Mandyczewsky, who had, out of envy, refused ‒ at home for three months! The parts are {3} at the very bottom, in the cellars. And Dr. Furtwängler may be right that the parts have long since not been in the condition that they were in Brahms's time, given that other conductors (as usual) have certainly had their markings inserted, especially as they lacked understanding of the master's parts, as Löwe and Schalk expressly told me. It would take perhaps a quarter of a lifetime to follow up all these things. Where generations sin in incomprehension and distortion, a severe negligence often can no longer be recovered remedied !

But it may be possible for you, upon examining {4} the score (and now with the consent of Dr. Furtwängler), to appreciate and reward for the first time, in one or two essays, the effort and care of Brahms, squandered in its time on the obtuse. But try first of all to be certain of the newspaper before you undertake the work! That I advise you strongly! Because the smallest news item from Posemuckel 3 is dearer to the heart of the editors than the whole life-work of a Brahms, that work treated as art in a truly artist-like manner. Thus, for example, Dr. Einstein 4 would rather accept essays on old Byzantine inanities than one on the arrangement by Brahms of Saul .


Best greetings from my wife and me
Your
[signed:] H. Schenker

© Translation John Rothgeb and Heribert Esser, 2006, 2011


Wien, 9. April 1932

Sehr geehrter Herr Dr. Jonas ! 1

Gestern war Dr. Furtwängler bei mir u. ich übergab ihm die Kopie der Brahms ’schen Saul-Einrichtung, 2 versteht sich, die einzige Kopie, zum Geschenk, zur Erinnerung und Anregung. Dr. F. wird reiches Material darin finden u. ich habe die Genugtuung, das Werk zu retten! Frl. Elias hat 3 Monate lang unter meiner strengstern Kontrolle die Kopie „diplomatisch getreu“ besorgt, das will aber in meinem Falle {2} sagen, daß ich für die Lesart (der oft sehr schwierigen Schreibe mit Bleistift) in aller Form gutstehe. Alles ist sogar topographisch genau nachgebildet.

Vieles habe ich Dr. F. zeigen können, die Schönheiten der Artikulation, Dynamisierung, des continuo, usw. Nun sprach ich von Ihrer Absicht u. bat ihn, Ihnen den Einblick in die Part. zu gewähren.

Die Stimmen konnte ich nicht einsehen, denn schon zu viel schien es mir, wenn ich das Original – hinter dem Rücken Dr. Mandyczewsky ’s der es mir aus Neid verweigert hatte – 3 Monate zu Haus behielt! Die Stimmen liegen {3} zutiefst, in den Kellern. Auch dürfte Dr. F. Recht damit haben, daß die Stimmen längst nicht mehr im Zustand de dato Brahms sind, da andere Dirigenten (wie üblich) gewiß ihre Eintragungen haben machen lassen, zumal sie [illeg]für [illeg]die Stimmen des Meisters kein Verständnis aufbrachten, wie mir gegenüber Löwe u. Schalk es ausdrücklich erklärt haben. Es erforderte vielleicht ein Viertel Leben, all diesen Dingen nachzugehen. Wo Generationen sündigen in Unverstand u. Zerstörung ist ein schweres Versäumnis oft nicht mehr einzuholen gutzumachen !

Wohl aber wäre es möglich, daß dSie die Arbeit von Br.’s nach Einsicht- {4} nahme der Part. (u. nun auch mit Einwilligung H Dr. F.) in einem, zwei Aufsätzen würdigen u. des Meisters Mühen u. Sorgen, seinerzeit an ein Dummvolk vergeudet, zum 1. Male würdigen u. dem Lohn zuführen. Doch suchen Sie sich erst der Zeitung zu vergewissern, bevor Sie die Arbeit in Angriff nehmen! Das rate ich Ihnen gut! Denn das kleinste Notizchen aus Posemuckel 3 steht dem Herzen der Schriftleiter näher als das ganze Lebenswerk eines Br., dieses als Kunst wahrhaft künstlerisch betrachtet. So z.B. wird Dr. Einst. 4 lieber Aufsätze über altbyzantinische Trotteleien annehmen als einen über die Einrichtung des Saul von Br.


Beste Grüße von mir u. meiner Frau
Ihr
[signed:] H Schenker

© Transcription John Rothgeb and Heribert Esser, 2006, 2011


Vienna, April 9, 1932

Dear Dr. Jonas, 1

Yesterday Dr. Furtwängler was with me and I gave him the copy of Brahms's arrangement of Saul , 2 the only copy, of course, as a present, in recognition and as an incentive. Dr. Furtwängler will find abundant material in it, and I have the satisfaction of rescuing the work! Miss Elias has toiled for three months under my strictest control to produce a "diplomatically accurate" copy, which however in my case {2} means that I will vouch for the reading (of the often very difficult script with pencil) in every way. Everything is reproduced even with topographical accuracy.

I was able to show Dr. F. many things, the beauties of the articulation, dynamicization, the continuo, etc. Then I spoke of your plan and asked him to grant you access to the score.

I could not examine the parts, because it already seemed too much to me that I kept the original ‒ behind the back of Dr. Mandyczewsky, who had, out of envy, refused ‒ at home for three months! The parts are {3} at the very bottom, in the cellars. And Dr. Furtwängler may be right that the parts have long since not been in the condition that they were in Brahms's time, given that other conductors (as usual) have certainly had their markings inserted, especially as they lacked understanding of the master's parts, as Löwe and Schalk expressly told me. It would take perhaps a quarter of a lifetime to follow up all these things. Where generations sin in incomprehension and distortion, a severe negligence often can no longer be recovered remedied !

But it may be possible for you, upon examining {4} the score (and now with the consent of Dr. Furtwängler), to appreciate and reward for the first time, in one or two essays, the effort and care of Brahms, squandered in its time on the obtuse. But try first of all to be certain of the newspaper before you undertake the work! That I advise you strongly! Because the smallest news item from Posemuckel 3 is dearer to the heart of the editors than the whole life-work of a Brahms, that work treated as art in a truly artist-like manner. Thus, for example, Dr. Einstein 4 would rather accept essays on old Byzantine inanities than one on the arrangement by Brahms of Saul .


Best greetings from my wife and me
Your
[signed:] H. Schenker

© Translation John Rothgeb and Heribert Esser, 2006, 2011

Footnotes

1 Writing of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/5, pp. 3719‒3720, April 9, 1932: "An Jonas (Br.): „Saul“ ist in Furtwänglers Besitz übergegangen, dort sei er einzusehen; am besten wäre es, einen Aufsatz darüber zu veröffentlichen." ("To Jonas (letter): Saul has passed into the hands of Furtwängler; he should consult it there; best would be to publish an article about it.").

2 See OJ 12/6, [11].

3 (Am.) from out in the sticks; (Eng.) from the back of beyond.

4 Editor of the Zeitschrift für Musikwissenschaft 1918‒33.

Commentary

Format
4-p letter, Bogen format, holograph message and signature
Provenance
Oswald Jonas (document date-1978)—Special Collections, University of California, Riverside (1978-)
Rights Holder
In the public domain
License
This document is deemed to be in the public domain as of January 1, 2006. All reasonable efforts have been made to identify heirs of Heinrich Schenker. Any claim to intellectual rights should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2015-08-06
Last updated: 2011-02-10