Igls Tirol
18. 7. 32

Lieber Herr Dr. Jonas ! 1

Lassen Sie mich der Reihe nach antworten, dem Lauf Ihres Schreibens 2 folgen.

Dr. Furtw. verstehe ich nicht: er braucht ja nicht dabei zu sein, wenn Sie die Saul-Part. 3 einsehen u. für Ihre Arbeit nutzen möchten. Am Ende wehrt s er sich dagegen, durch Ihre Arbeit irgendwie im voraus festgenagelt zu werden (in den Ergebnissen u. namentlich vor der Öffentlichkeit!)

{2} Die Bilder zu op. 109 besitze ich schon seit altersher, sie lagen zugrunde meiner „Erläuterungs-Ausgabe“. Wollen Sie das, bitte, H. Kromer sagen, u. ihn bei dieser Gelegenheit von mir grüßen.

Daß eine „Einführung“, 4 wie Sie sie planen, sehr wohl am Platze ist, d. h. daß die Lehre genug Stoff bietet, um auch in Schulen dargeboten zu werden, daran glaube ich. Nicht immer stößt aber die schönste Lehre auch auf schönste Köpfe, daß dann die leeren, nicht zu füllenden Köpfe die Lehre dafür verantwortlich machen, zeigt seit jeher das Verhalten der Menschheit. Hierin {3} liegt die materielle Schwierigkeit der Frage. Einer „Subscription“ (die sonst so naheläge!) auch nur von 2 S. per Stück würde sich ja der flachköpfige Liebhaber u Musiker entziehen, im untrüglichen Unterbewußtsein, daß er die Auslage von 2 S. zu keinerlei „Kapital“ im materiellen oder geistigen Sinne auswerten könnte. Wo fänden Sie also Subscribenten, wenn die Welt meist aus solchen Flachköpfen besteht? Nicht einmal als ein geistiger Genuß-artikel käme Ihre „Einf.“ für sie in frage, – „was habe ich davon, dafür?“ sagen sie u. geben 2 S. wo anders hin.

Meines Erachtens kann der Weg nur über einen Spender gehen, gleichsam {4} à fonds perdu. 5 (Ein Verlag will schon zum Voraus gedeckt sein, sei es, daß er des Verfassers andere erfolgreiche Stücke [illeg]besitzt, an denen er sich schadlos halten kann, u dgl.) Es ist sehr zu bedauern, daß unser v. Hoboken für einen solchen „Mäzen“ nicht in Betracht kommt, was ich übrigens seit Jahren gesagt habe u. immer wiederhole. Heute wird diese Erkenntnis immer allgemeiner. Auch mir selbst wies die Enttäuschung über diesen Mann Wege der Selbsthilfe, oder Wege zu besserwilligen Menschen. Die nahe Zukunft wird Ihnen bestätigen, was ich hier andeute. Ich habe viel über eine Organisation gedacht zur Beschaffung von Mitteln für ähnliche Zwecke, komme aber noch nicht voran. Weit eher bringt man für einen Sportler 4-5000 S. zusammen.


Von mir u. meiner Frau beste Grüße
Ihr
[signed:] H Schenker

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2006, 2011


Igls, Tyrol
July 18, 1932

Dear Dr. Jonas, 1

Let me answer seriatim, and follow the order of your letter. 2

I do not understand Dr. Furtwängler: he need not be present when you examine the Saul 3 score and put it to use for your work. At bottom he is protecting himself from being in any way firmly committed in advance by your work (in the results and especially in public!).

{2} The photostats of Op. 109 have long been in my possession; they were the basis for my Elucidatory Edition. Will you please tell that to Mr. Kromer, and give him my greetings on this occasion.

That an "Introduction" 4 like the one you plan is very well in order ‒ that is, that the approach offers enough material to be presented in schools as well ‒ I do believe to be true. But the most perfect approach does not always find the most perfect brains; that the empty and unfillable brains then hold the teaching responsible for that is shown by the demeanor of mankind through the ages. Here {3} lies the material difficulty of the question. A "subscription" (which would otherwise be so feasible!), even at the cost of only 2 shillings each, would be abjured by the flat-headed amateur and musician with the unerring subconscious conviction that he would never be able to realize any capital in the material or spiritual sense from the expenditure of 2 shillings. Where would you find subscribers, when the world consists mostly of such flat-heads? For them your "Intro." would not even come into question as a mental luxury ‒ "what do I get out of that, get for it?" they would say, and spend the 2 shillings somewhere else.

In my view the only way this can be done is by a benefactor, as though {4} à fonds perdu. 5 (A publisher wants to be covered in advance, perhaps in that his list includes other successful works by the author that can compensate for losses, etc.) It is most regrettable that our van Hoboken cannot be regarded as such a "patron," as I have said, incidentally, for years and always repeat. Today this insight becomes ever more general. I too was shown the path to self-help or paths to more forthcoming people by disappointment with this man. The near future will confirm for you what I suggest here. I have given much thought to an organization dedicated to providing means for similar purposes, but have not yet made much headway. People are much more ready to raise 4,000–5,000 shillings for an athlete.


Best greetings from my wife and me,
Your
[signed:] H Schenker

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2006, 2011


Igls Tirol
18. 7. 32

Lieber Herr Dr. Jonas ! 1

Lassen Sie mich der Reihe nach antworten, dem Lauf Ihres Schreibens 2 folgen.

Dr. Furtw. verstehe ich nicht: er braucht ja nicht dabei zu sein, wenn Sie die Saul-Part. 3 einsehen u. für Ihre Arbeit nutzen möchten. Am Ende wehrt s er sich dagegen, durch Ihre Arbeit irgendwie im voraus festgenagelt zu werden (in den Ergebnissen u. namentlich vor der Öffentlichkeit!)

{2} Die Bilder zu op. 109 besitze ich schon seit altersher, sie lagen zugrunde meiner „Erläuterungs-Ausgabe“. Wollen Sie das, bitte, H. Kromer sagen, u. ihn bei dieser Gelegenheit von mir grüßen.

Daß eine „Einführung“, 4 wie Sie sie planen, sehr wohl am Platze ist, d. h. daß die Lehre genug Stoff bietet, um auch in Schulen dargeboten zu werden, daran glaube ich. Nicht immer stößt aber die schönste Lehre auch auf schönste Köpfe, daß dann die leeren, nicht zu füllenden Köpfe die Lehre dafür verantwortlich machen, zeigt seit jeher das Verhalten der Menschheit. Hierin {3} liegt die materielle Schwierigkeit der Frage. Einer „Subscription“ (die sonst so naheläge!) auch nur von 2 S. per Stück würde sich ja der flachköpfige Liebhaber u Musiker entziehen, im untrüglichen Unterbewußtsein, daß er die Auslage von 2 S. zu keinerlei „Kapital“ im materiellen oder geistigen Sinne auswerten könnte. Wo fänden Sie also Subscribenten, wenn die Welt meist aus solchen Flachköpfen besteht? Nicht einmal als ein geistiger Genuß-artikel käme Ihre „Einf.“ für sie in frage, – „was habe ich davon, dafür?“ sagen sie u. geben 2 S. wo anders hin.

Meines Erachtens kann der Weg nur über einen Spender gehen, gleichsam {4} à fonds perdu. 5 (Ein Verlag will schon zum Voraus gedeckt sein, sei es, daß er des Verfassers andere erfolgreiche Stücke [illeg]besitzt, an denen er sich schadlos halten kann, u dgl.) Es ist sehr zu bedauern, daß unser v. Hoboken für einen solchen „Mäzen“ nicht in Betracht kommt, was ich übrigens seit Jahren gesagt habe u. immer wiederhole. Heute wird diese Erkenntnis immer allgemeiner. Auch mir selbst wies die Enttäuschung über diesen Mann Wege der Selbsthilfe, oder Wege zu besserwilligen Menschen. Die nahe Zukunft wird Ihnen bestätigen, was ich hier andeute. Ich habe viel über eine Organisation gedacht zur Beschaffung von Mitteln für ähnliche Zwecke, komme aber noch nicht voran. Weit eher bringt man für einen Sportler 4-5000 S. zusammen.


Von mir u. meiner Frau beste Grüße
Ihr
[signed:] H Schenker

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2006, 2011


Igls, Tyrol
July 18, 1932

Dear Dr. Jonas, 1

Let me answer seriatim, and follow the order of your letter. 2

I do not understand Dr. Furtwängler: he need not be present when you examine the Saul 3 score and put it to use for your work. At bottom he is protecting himself from being in any way firmly committed in advance by your work (in the results and especially in public!).

{2} The photostats of Op. 109 have long been in my possession; they were the basis for my Elucidatory Edition. Will you please tell that to Mr. Kromer, and give him my greetings on this occasion.

That an "Introduction" 4 like the one you plan is very well in order ‒ that is, that the approach offers enough material to be presented in schools as well ‒ I do believe to be true. But the most perfect approach does not always find the most perfect brains; that the empty and unfillable brains then hold the teaching responsible for that is shown by the demeanor of mankind through the ages. Here {3} lies the material difficulty of the question. A "subscription" (which would otherwise be so feasible!), even at the cost of only 2 shillings each, would be abjured by the flat-headed amateur and musician with the unerring subconscious conviction that he would never be able to realize any capital in the material or spiritual sense from the expenditure of 2 shillings. Where would you find subscribers, when the world consists mostly of such flat-heads? For them your "Intro." would not even come into question as a mental luxury ‒ "what do I get out of that, get for it?" they would say, and spend the 2 shillings somewhere else.

In my view the only way this can be done is by a benefactor, as though {4} à fonds perdu. 5 (A publisher wants to be covered in advance, perhaps in that his list includes other successful works by the author that can compensate for losses, etc.) It is most regrettable that our van Hoboken cannot be regarded as such a "patron," as I have said, incidentally, for years and always repeat. Today this insight becomes ever more general. I too was shown the path to self-help or paths to more forthcoming people by disappointment with this man. The near future will confirm for you what I suggest here. I have given much thought to an organization dedicated to providing means for similar purposes, but have not yet made much headway. People are much more ready to raise 4,000–5,000 shillings for an athlete.


Best greetings from my wife and me,
Your
[signed:] H Schenker

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2006, 2011

Footnotes

1 Writing of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/5, p. 3750, July 18, 1932: "An Jonas (Br.): zu Furtwängler-Saul; op. 109 besitze ich; zur Herausgabe einer „Einführung“ taugt nur ein Mäzen (freilich nicht Hoboken)." ("To Jonas (letter): about Furtwängler-Saul; I [already] possess Op. 109; only a patron is required for publishing an 'Introduction' (certainly not Hoboken).").

2 i.e. OJ 12/6, [13].

3 Brahms's arrangement for performance of Handel's Saul is among the autograph materials in the Gesellschaft der Musikfreunde in Vienna. Schenker had transcribed and edited this document, which he subsequently gave to Furtwängler (see OJ 5/18, 9) who in turn made it available to Jonas (see OJ 5/18, 21) for study and the writing of a commentary.

4 i.e. an introduction to Schenker's theory: see OJ 12/6, [13].

5 à fonds perdu: with no hope of a return [on investment].

Commentary

Format
4-p letter, Bogen format, holograph message and signature
Provenance
Oswald Jonas (document date-1978)—Special Collections, University of California, Riverside (1978-)
Rights Holder
In the public domain
License
This document is deemed to be in the public domain as of January 1, 2006. All reasonable efforts have been made to identify heirs of Heinrich Schenker. Any claim to intellectual rights should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2015-08-07
Last updated: 2011-02-10