Berlin 14. VI. 34

Sehr geehrter Herr Doktor, 1

Ich hatte immer gehofft, doch noch irgend ein positives Ergebnis meiner Reise mitteilen zu können und deshalb mit diesem Brief von Woche zu Woche zugewartet. Nun weiß ich wenigstens sicher daß augenblicklich (und beinahe fürchte ich) überhaupt für die nächste Spielzeit nicht viele Aussichten mehr bestehen. Ich kam wohl eben schon zu spät hieher, doch war das meiner Prüfung 2 wegen nicht zu ändern. Immerhin habe ich mich hier beim Paritätischen Bühnennachweis 3 praesentiert und mit den verschiedenen Leuten Fühlung genommen, was mir f. nächstes Jahr mindestens zu gute kommt.

Zu meinem größten Bedauern, reiste Furtwängler gerade als ich ankam fort und ich hatte noch keine Gelegenheit Ihren Brief {2} zu überreichen. 4 Heute oder Morgen (Freitag) trifft er zur Elektra wieder hier ein. Da ich aber bereits Samstag abend fahre, muß ich wohl fürchten Dr. Furtwängler nicht mehr sprechen zu können. Ich werde jedenfalls noch alles versuchen.

Mit Dr. Jonas war ich öfters zusammen ‒ gestern mit ihm in Potsdam u. Sanssouci 5 ‒ und mit ihm zu musizieren war mir in meiner hiesigen „musikalischen Einöde“ ein besonderer Genuß. 6 Er zeigte mir auch einiges aus seinem Buch, das ja jeden Augenblick herauskommen soll; 7 es scheint wirklich ausgezeichnet zu sein und man muß wirklich staunen wie geschickt die Beispiele gewählt und ein sehr bedeutendes Material in eine klare, verständl. Form gebracht ist.

Von Dr. Jonas hörte ich auch, daß Sie, sehr geehrter Herr Doktor, bereits Mitte des Monats Wien verlassen wollen; das war mir eine große Enttäuschung: im Stillen hatte ich noch immer gehofft, Sie würden am 23. vielleicht doch noch in {3} Wien sein und die Tragische hören. 8 Nun muß ich wohl für dieses Mal auf Ihr Urteil, an dem mir doch wirklich alles gelegen ist, verzichten und mich mit der Hoffnung trösten, daß ich Ihnen ein anderes Mal etwas vorziehen darf. —

Ich fahre hier Samstag abends weg, bleibe einen Tag in Dresden, das ich mir noch gerne ansehen möchte und komme Montag nachts in Wien an. Dienstag beginnen meine Proben.

Erlauben Sie mir noch Ihnen, Herr Doktor, bei dieser Gelegenheit wieder für all das Schöne zu danken das mir im Seminar zuteil wurde! 9 Daß ich jetzt wein paar Stunden versäumen mußte tut mir wirklich leid. Ob wohl die Mondscheinsonate (die letzten Blätter) in der Ordnung waren? 10

Mit den besten Wünschen f. den Sommer für Sie und Ihre Frau Gemahlin verbleibe ich


in Verehrung Ihr
[signed:] Manfred Willfort

© Transcription Ian Bent and William Drabkin, 2016


Berlin, June 14, 1934

Dear Dr. [Schenker], 1

It was always my hope to be able to communicate some positive result of my travels, and so I held off writing this letter from week to week. Now I at least know for sure that at present (and almost I fear) for the whole of the next season not many further prospects will be forthcoming. I clearly got here too late, but there was nothing I could do about that because of my examination. 2 I have nevertheless presented myself at the Paritätischer Bühnennachweis, 3 and made contact with the various people, and this has at least been of benefit to me for next year.

To my utmost regret, Furtwängler left town just as I arrived, and I had no opportunity to {2} pass your letter on to him. 4 Today or tomorrow (Friday) he comes back here for Elektra ; but since I have to depart no later than Saturday evening, I am very much afraid that I will not be able to speak to Dr. Furtwängler. At any rate, I will try everything possible.

I have spent time frequently with Dr. Jonas ‒ yesterday with him in Potsdam and Sanssouci 5 ‒ and made music with him, which gave me special pleasure in my present "musical solitude." 6 He also showed me something of his book, which is due out any day now. 7 It looked excellent, and it is astonishing how skilfully the examples have been selected, and a very important body of information presented in clear, comprehensible form.

I also heard from Dr. Jonas that you, dear Dr. [Schenker], are hoping to leave Vienna by the middle of the month. That came as a big surprise to me: I was secretly still clinging to the hope that you would still be in {3} Vienna on the 23rd and would hear the "Tragic" Overture. 8 Now I will have, at any rate for this time, to do without your judgment, on which for me everything depends, and comfort myself with the hope that I may produce something for you on another occasion. —

I leave here on Saturday evening, stay one day in Dresden, which I should very much like to see, and arrive in Vienna on Monday. Tuesday I start my rehearsals.

Permit me, Dr. [Schenker], to take this opportunity to thank you for all the beautiful things that were bestowed upon me in the seminar. 9 It saddens me that I now had to miss a couple of lessons. [I wonder] whether the "Moonlight" Sonata (the final pages) were in order? 10

With best wishes for the summer, for you and for your wife, I remain


in reverence, your
[signed:] Manfred Willfort

© Translation Ian Bent and William Drabkin, 2016


Berlin 14. VI. 34

Sehr geehrter Herr Doktor, 1

Ich hatte immer gehofft, doch noch irgend ein positives Ergebnis meiner Reise mitteilen zu können und deshalb mit diesem Brief von Woche zu Woche zugewartet. Nun weiß ich wenigstens sicher daß augenblicklich (und beinahe fürchte ich) überhaupt für die nächste Spielzeit nicht viele Aussichten mehr bestehen. Ich kam wohl eben schon zu spät hieher, doch war das meiner Prüfung 2 wegen nicht zu ändern. Immerhin habe ich mich hier beim Paritätischen Bühnennachweis 3 praesentiert und mit den verschiedenen Leuten Fühlung genommen, was mir f. nächstes Jahr mindestens zu gute kommt.

Zu meinem größten Bedauern, reiste Furtwängler gerade als ich ankam fort und ich hatte noch keine Gelegenheit Ihren Brief {2} zu überreichen. 4 Heute oder Morgen (Freitag) trifft er zur Elektra wieder hier ein. Da ich aber bereits Samstag abend fahre, muß ich wohl fürchten Dr. Furtwängler nicht mehr sprechen zu können. Ich werde jedenfalls noch alles versuchen.

Mit Dr. Jonas war ich öfters zusammen ‒ gestern mit ihm in Potsdam u. Sanssouci 5 ‒ und mit ihm zu musizieren war mir in meiner hiesigen „musikalischen Einöde“ ein besonderer Genuß. 6 Er zeigte mir auch einiges aus seinem Buch, das ja jeden Augenblick herauskommen soll; 7 es scheint wirklich ausgezeichnet zu sein und man muß wirklich staunen wie geschickt die Beispiele gewählt und ein sehr bedeutendes Material in eine klare, verständl. Form gebracht ist.

Von Dr. Jonas hörte ich auch, daß Sie, sehr geehrter Herr Doktor, bereits Mitte des Monats Wien verlassen wollen; das war mir eine große Enttäuschung: im Stillen hatte ich noch immer gehofft, Sie würden am 23. vielleicht doch noch in {3} Wien sein und die Tragische hören. 8 Nun muß ich wohl für dieses Mal auf Ihr Urteil, an dem mir doch wirklich alles gelegen ist, verzichten und mich mit der Hoffnung trösten, daß ich Ihnen ein anderes Mal etwas vorziehen darf. —

Ich fahre hier Samstag abends weg, bleibe einen Tag in Dresden, das ich mir noch gerne ansehen möchte und komme Montag nachts in Wien an. Dienstag beginnen meine Proben.

Erlauben Sie mir noch Ihnen, Herr Doktor, bei dieser Gelegenheit wieder für all das Schöne zu danken das mir im Seminar zuteil wurde! 9 Daß ich jetzt wein paar Stunden versäumen mußte tut mir wirklich leid. Ob wohl die Mondscheinsonate (die letzten Blätter) in der Ordnung waren? 10

Mit den besten Wünschen f. den Sommer für Sie und Ihre Frau Gemahlin verbleibe ich


in Verehrung Ihr
[signed:] Manfred Willfort

© Transcription Ian Bent and William Drabkin, 2016


Berlin, June 14, 1934

Dear Dr. [Schenker], 1

It was always my hope to be able to communicate some positive result of my travels, and so I held off writing this letter from week to week. Now I at least know for sure that at present (and almost I fear) for the whole of the next season not many further prospects will be forthcoming. I clearly got here too late, but there was nothing I could do about that because of my examination. 2 I have nevertheless presented myself at the Paritätischer Bühnennachweis, 3 and made contact with the various people, and this has at least been of benefit to me for next year.

To my utmost regret, Furtwängler left town just as I arrived, and I had no opportunity to {2} pass your letter on to him. 4 Today or tomorrow (Friday) he comes back here for Elektra ; but since I have to depart no later than Saturday evening, I am very much afraid that I will not be able to speak to Dr. Furtwängler. At any rate, I will try everything possible.

I have spent time frequently with Dr. Jonas ‒ yesterday with him in Potsdam and Sanssouci 5 ‒ and made music with him, which gave me special pleasure in my present "musical solitude." 6 He also showed me something of his book, which is due out any day now. 7 It looked excellent, and it is astonishing how skilfully the examples have been selected, and a very important body of information presented in clear, comprehensible form.

I also heard from Dr. Jonas that you, dear Dr. [Schenker], are hoping to leave Vienna by the middle of the month. That came as a big surprise to me: I was secretly still clinging to the hope that you would still be in {3} Vienna on the 23rd and would hear the "Tragic" Overture. 8 Now I will have, at any rate for this time, to do without your judgment, on which for me everything depends, and comfort myself with the hope that I may produce something for you on another occasion. —

I leave here on Saturday evening, stay one day in Dresden, which I should very much like to see, and arrive in Vienna on Monday. Tuesday I start my rehearsals.

Permit me, Dr. [Schenker], to take this opportunity to thank you for all the beautiful things that were bestowed upon me in the seminar. 9 It saddens me that I now had to miss a couple of lessons. [I wonder] whether the "Moonlight" Sonata (the final pages) were in order? 10

With best wishes for the summer, for you and for your wife, I remain


in reverence, your
[signed:] Manfred Willfort

© Translation Ian Bent and William Drabkin, 2016

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/7, p. 3918, June 21, 1934: "Von Willfort (Br. aus Berlin): schamlos in Form u. Inhalt ‒ der geborene Dirigenten-Trottel, der seinen Taktstock für den Mittelpunkt der Welt hält." ("From Willfort (letter from Berlin): shameless in form and content – the born jackass of a conductor, who thinks his baton is the center of the world.").

2 "examination": it is unclear to what this refers.

3 Paritätischer Stellennachweis der deutschen Bühnen, a non-aligned placement agency for German stages, in operation 1930‒37.

4 i. e. Schenker's letter of recommendation for Willfort. The letter is not known to survive, though there is a diary trail: OJ 4/7, p. 3911, May 18, 1934: "Wilfort kommt etwas früher: bittet um eine Empfehlung an Furtwängler ..." ("Wilfort comes somewhat earlier: he asks for a recommendation to Furtwängler ...") — May 21: "Um 10h holt Wilfort das Empfehlungsschreiben an Furtwängler u. bringt endlich den letzten Satz von op. 27II, – nach zwei Jahren!" ("At 10 o'clock, Wilfort collects the letter of recommendation to Furtwängler, and finally brings the last movement of Op. 27, No. 2 – after two years!").

5 Sanssouci: rococo-style summer palace of Frederick the Great, King of Prussia, in Potsdam.

6 Cf. letter from Oswald Jonas of June 11, 1934 (OJ 12/6, [32]): "Willfort ist hier, wie Sie wissen ‒ wir sind oft beisammen und musizieren fleißig." ("Willfort is here, as you know ‒ we are aften together and diligently make music together.").

7 Oswald Jonas, Das Wesen des musikalischen Kunstwerks: Einführung in die Lehre Heinrich Schenkers (Vienna: Saturn Verlag, 1934).

8 Willfort was due to conduct Brahms's "Tragic" Overture on June 23 at an Academy concert (cf. OJ 15/22, [8]).

9 Schenker's diary at OJ 4/7, p. 3194, June 6, 1934, records: "An Dr Salzer (Br.): löse die Verbindung mit Wilfort u. Kraus ..." ("To Dr. Salzer (letter): I am severing my connection with Willfort and Kraus ..."). In the letter to Salzer, FS 40/1, [22], Schenker wrote: "Mit H. Wilfort u. Frl. Kraus habe ich Erfahrungen gemacht, die so – ich meine durchaus nicht ihre Honorierunfähigkeit, sondern viele andere Dinge – ich zum ersten Male gemacht habe, aber fortzusetzen keine Lust, keine Absicht habe." ("With Mr. Willfort and Miss Kraus I have had experiences ‒ by this I definitely do not mean their inability to pay, but many other things ‒ which I have experienced for the first time, however I have no desire, no intention, to continue."). Writing to Oswald Jonas on August 2, 1934 (OJ 5/18, 49), Schenker expressed his dissatisfaction with Willfort and Kraus: "Ich hatte viel Verdruß mit ihnen (nicht mit Dr Salzer)." ("I had much aggravation with them (not with Dr. Salzer).")

10 OJ 33/5 includes eight sheets of paper "in conjugate sections, marked 'Exposition,' 'Durchführung,' 'Reprise u. Coda,' in ink, in a student hand, signed and dated 'M. Willfort Mai 34,' with annotations and corrections in pencil in Schenker's hand."

Commentary

Format
3p letter, holograph message and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1945)--Jonas, Oswald (c.1945-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Manfred Willfort
License
The heirs of Manfred Willfort are being sought. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Documents Online project, at schenkercorrespondence (at) mus [dot] cam (dot) uk

Digital version created: 2016-02-08
Last updated: 2011-09-05