21. Februar 1935.

Teuere, verehrte, liebe Frau Lie-Lie!

Ihre beiden Briefe 1 haben mich tief erschüttert; habe ich doch besonders aus Ihrem letzten entnehmen müssen, dass der geliebte Meister schon die ganzen letzten Jahre hindurch sich physisch nicht mehr ganz wohl gefühlt hat. Wie sehr ist da der Aufwand aller Lebenskräfte zu bewundern, der ihn befähigte sein – wie ich vermute, – grösstes Werk zum Abschluss zu bringen. Er, der das Heldentum der Grossen zu erfassen verstand, wie nie jemand zuvor, war selbst ein Held und Grosser. Schon immer verstand ich, was es für Sie bedeutete mit ihm und durch ihn zu leben – und wie erst ermesse ich was es für Sie heisst nach ihm – ihm nachzuleben. Möge es Ihnen vergönnt sein, die Kraft dazu zu finden und möge Ihnen, sowie uns allen mit Ihnen, noch der Tag herandämmern, an dem er im Bewusstsein derer, zu denen er gesprochen hat, als der wiederzuleben beginnt, der er war.

Es beruhigt mich sehr, dass Sie, in jahrelanger Zusammenarbeit geschult und aufs Beste vertraut mit seinen Intentionen, die Korrektur des freien Satzes und der dazugehörigen Skizzen durchführen wollen und werden. 2 Brauche ich erst zu sagen, dass wann immer Sie meiner {2} Mithilfe bedürfen – Sie ihrer gewiss sein sollen? Das Über- und Zusammenlesen von Text und Beispielen würde ich gar zu gerne übernehmen, wenn Sie vor der weiten Entfernung nicht zurückschrecken und der Post Ihr Vertrauen schenken. Ich bin überzeugt, dass Jonas sein Bestes tun wird und sich als sehr gewissenhaft und verlässlich erweisen wird. Sollte es Sie aber beruhigen, warum sollten wir drei, Sie, Jonas und ich, es nicht gemeinsam unternehmen? Verfügen Sie bitte da nur ganz über mich, falls Sie es für notwendig halten.

Wenn Sie teuerste Frau Lie-Lie bedenken was es für mich bedeutet, innerhalb der zwei letzten Jahre nicht nur beide Eltern sondern auch meinen geistigen Vater verloren zu haben, so werden Sie begreifen, dass mich nichts nach Europa und besonders nach Wien zieht. Dennoch fühle ich mich verpflichtet in diesem Zusammenhang zu betonen, dass ich um Ihretwillen gekommen wäre, wenn es irgendwie ginge. Doch kann ich nicht daran denken, weil – dies freilich ganz unter uns – (ich habe niemandem in Wien darüber geschrieben) die Mannes Schule meine Garantie fürs nächste Jahr um die Hälfte gekürzt hat und ich mich infolgedessen gezwungen sehe eine erweite Wirkungsmöglichkeit fürs nächste Jahr zu suchen. Sollte ich diese nicht finden, so muss ich das Vertrauen derer, die in Betracht kommen, durch neue künstlerische Produktion {3} zu gewinnen suchen. Ich muss also im Sommer ganz meiner eigenen schöpferischen Arbeit leben. Aus zweifachen Gründen ist mir also heuer der Weg nach Europa versperrt – und ich muss darauf verzichten meine bescheidene Mithilfe in der Form persönliche Anwesenheit zu leisten. —

Wenn ich Sie nun bitte mir ein Andenken aus des Meisters Besitz zuzudenken, so werden Sie sich verstehn, was mich dazu bewegt, ohne dass ich es erst des Näheren begründen muss. Am liebsten wäre nur ein bescheidenes Gegenstand, den der so sehr Geliebte und Verehrte benützt hat. Dinge sind freilich an sich nichts – aber die Berührung mit dem Menschen macht sie doch zu so viel mehr, als sie sind.

Ich würde es ganz besonders zu schätzen wissen, wenn Sie mich, sobald Sie selbst klarer sehen, davon verständigen wollten, was aus des Meisters Skizzen, Sie zur Veröffentlichung bestimmen; es wird gewiss sehr Vieles vorhanden sein, was uns allen, die wir in des Meisters Gedankenwelt leben, nicht vorenthalten werden sollete.

Ich muss es wohl Ihrem eigenen Urteil überlassen, wie weit Sie Sich in dergleichen Dingen auf mich verlassen können.

Ich gedenke Ihrer oft und oft in herzlicher und inniger Freundschaft.


Ihr aufrichtiger und getreuer
[signed:] Hans W.

© Transcription William Drabkin, 2008


February 21, 1935

Worthy, revered, dear Mrs. Lie-Lie,

Your two letters 1 distressed me greatly; from the second of these, in particular, I gathered that the beloved master cannot have been in good health for some years. I can only marvel at the expenditure of all his life's strength, which thus enabled him to bring to a conclusion what, I suppose, is his greatest work. He, who was able to grasp the heroism of the great [composers] as no one before him, was himself a hero, a great man. I had always understood what it meant for you to live with him and through him. And only now can I gauge what it means for you to live after him, to survive him. May it be granted to you to find the strength to do so, and may the day dawn for you, and for all of us with you, on which he begins to live again in the consciousness of those to whom he spoke.

It comforts me greatly that you, having been trained in collaboration over a period of many years, and being the person most trustworthy to carry out his intentions, wish and will undertake the correction of Der freie Satz and the music illustrations that belong to it. 2 Do I even need to say that, whenever you need my {2} help, you may be sure to have it? The proofreading of the text, and the reading of the examples against the text, are things that I would be only too glad to take on, if you are not deterred by the great distance between us and can put your faith in the postal service. I am convinced that Jonas will do his best and prove to be very conscientious and trustworthy. But if it would give you greater peace of mind, why should not the three of us ‒ you, Jonas, and I ‒ undertake this together? You can deal with me alone, if you feel that this is necessary.

When you, dearest Mrs. Lie-Lie, consider what it means to me to have lost in the past two years not only both parents but also my spiritual father, you will then understand that nothing that draws me back to Europe, specifically to Vienna. Nevertheless, I feel obliged to stress that I would have come for your sake if it were in any way possible. But I cannot contemplate it because ‒ this must of course be kept entirely between ourselves (I have written to nobody in Vienna about it) ‒ the Mannes School has halved my guaranteed employment, in consequence of which I am compelled to seek further employment for next year elsewhere. If I am unable to find any, then I must seek to win the trust of those concerned by new artistic production. {3} I must, therefore, devote the summer entirely to my own creative work. For two reasons, then, the way to Europe is blocked for me, and I am unable to offer my modest assistance in the form of personal attendance.

If I ask you now for something from the master's possession as a memento, then you will understand what moves me to do so, without my having to justify it at length. What I would most like would be simply a modest object, used by the most beloved and revered man. Things are of course nothing in themselves, but the emotions they arouse in us make them so much more than what they are.

I would most particularly like to know, if after you are able see things clearer for yourself, which of the master's [unpublished analytical] sketches you intend to have published. There will certainly be a great deal of this available, which should not be withheld from all of us who live in the master's world of ideas.

I must of course leave it to your own judgement as to how much you wish to entrust me with things of this sort.

I think of you often, very often, in affectionate and intimate friendship.


Your faithful and true
[signed:] Hans W.

© Translation William Drabkin, 2008


21. Februar 1935.

Teuere, verehrte, liebe Frau Lie-Lie!

Ihre beiden Briefe 1 haben mich tief erschüttert; habe ich doch besonders aus Ihrem letzten entnehmen müssen, dass der geliebte Meister schon die ganzen letzten Jahre hindurch sich physisch nicht mehr ganz wohl gefühlt hat. Wie sehr ist da der Aufwand aller Lebenskräfte zu bewundern, der ihn befähigte sein – wie ich vermute, – grösstes Werk zum Abschluss zu bringen. Er, der das Heldentum der Grossen zu erfassen verstand, wie nie jemand zuvor, war selbst ein Held und Grosser. Schon immer verstand ich, was es für Sie bedeutete mit ihm und durch ihn zu leben – und wie erst ermesse ich was es für Sie heisst nach ihm – ihm nachzuleben. Möge es Ihnen vergönnt sein, die Kraft dazu zu finden und möge Ihnen, sowie uns allen mit Ihnen, noch der Tag herandämmern, an dem er im Bewusstsein derer, zu denen er gesprochen hat, als der wiederzuleben beginnt, der er war.

Es beruhigt mich sehr, dass Sie, in jahrelanger Zusammenarbeit geschult und aufs Beste vertraut mit seinen Intentionen, die Korrektur des freien Satzes und der dazugehörigen Skizzen durchführen wollen und werden. 2 Brauche ich erst zu sagen, dass wann immer Sie meiner {2} Mithilfe bedürfen – Sie ihrer gewiss sein sollen? Das Über- und Zusammenlesen von Text und Beispielen würde ich gar zu gerne übernehmen, wenn Sie vor der weiten Entfernung nicht zurückschrecken und der Post Ihr Vertrauen schenken. Ich bin überzeugt, dass Jonas sein Bestes tun wird und sich als sehr gewissenhaft und verlässlich erweisen wird. Sollte es Sie aber beruhigen, warum sollten wir drei, Sie, Jonas und ich, es nicht gemeinsam unternehmen? Verfügen Sie bitte da nur ganz über mich, falls Sie es für notwendig halten.

Wenn Sie teuerste Frau Lie-Lie bedenken was es für mich bedeutet, innerhalb der zwei letzten Jahre nicht nur beide Eltern sondern auch meinen geistigen Vater verloren zu haben, so werden Sie begreifen, dass mich nichts nach Europa und besonders nach Wien zieht. Dennoch fühle ich mich verpflichtet in diesem Zusammenhang zu betonen, dass ich um Ihretwillen gekommen wäre, wenn es irgendwie ginge. Doch kann ich nicht daran denken, weil – dies freilich ganz unter uns – (ich habe niemandem in Wien darüber geschrieben) die Mannes Schule meine Garantie fürs nächste Jahr um die Hälfte gekürzt hat und ich mich infolgedessen gezwungen sehe eine erweite Wirkungsmöglichkeit fürs nächste Jahr zu suchen. Sollte ich diese nicht finden, so muss ich das Vertrauen derer, die in Betracht kommen, durch neue künstlerische Produktion {3} zu gewinnen suchen. Ich muss also im Sommer ganz meiner eigenen schöpferischen Arbeit leben. Aus zweifachen Gründen ist mir also heuer der Weg nach Europa versperrt – und ich muss darauf verzichten meine bescheidene Mithilfe in der Form persönliche Anwesenheit zu leisten. —

Wenn ich Sie nun bitte mir ein Andenken aus des Meisters Besitz zuzudenken, so werden Sie sich verstehn, was mich dazu bewegt, ohne dass ich es erst des Näheren begründen muss. Am liebsten wäre nur ein bescheidenes Gegenstand, den der so sehr Geliebte und Verehrte benützt hat. Dinge sind freilich an sich nichts – aber die Berührung mit dem Menschen macht sie doch zu so viel mehr, als sie sind.

Ich würde es ganz besonders zu schätzen wissen, wenn Sie mich, sobald Sie selbst klarer sehen, davon verständigen wollten, was aus des Meisters Skizzen, Sie zur Veröffentlichung bestimmen; es wird gewiss sehr Vieles vorhanden sein, was uns allen, die wir in des Meisters Gedankenwelt leben, nicht vorenthalten werden sollete.

Ich muss es wohl Ihrem eigenen Urteil überlassen, wie weit Sie Sich in dergleichen Dingen auf mich verlassen können.

Ich gedenke Ihrer oft und oft in herzlicher und inniger Freundschaft.


Ihr aufrichtiger und getreuer
[signed:] Hans W.

© Transcription William Drabkin, 2008


February 21, 1935

Worthy, revered, dear Mrs. Lie-Lie,

Your two letters 1 distressed me greatly; from the second of these, in particular, I gathered that the beloved master cannot have been in good health for some years. I can only marvel at the expenditure of all his life's strength, which thus enabled him to bring to a conclusion what, I suppose, is his greatest work. He, who was able to grasp the heroism of the great [composers] as no one before him, was himself a hero, a great man. I had always understood what it meant for you to live with him and through him. And only now can I gauge what it means for you to live after him, to survive him. May it be granted to you to find the strength to do so, and may the day dawn for you, and for all of us with you, on which he begins to live again in the consciousness of those to whom he spoke.

It comforts me greatly that you, having been trained in collaboration over a period of many years, and being the person most trustworthy to carry out his intentions, wish and will undertake the correction of Der freie Satz and the music illustrations that belong to it. 2 Do I even need to say that, whenever you need my {2} help, you may be sure to have it? The proofreading of the text, and the reading of the examples against the text, are things that I would be only too glad to take on, if you are not deterred by the great distance between us and can put your faith in the postal service. I am convinced that Jonas will do his best and prove to be very conscientious and trustworthy. But if it would give you greater peace of mind, why should not the three of us ‒ you, Jonas, and I ‒ undertake this together? You can deal with me alone, if you feel that this is necessary.

When you, dearest Mrs. Lie-Lie, consider what it means to me to have lost in the past two years not only both parents but also my spiritual father, you will then understand that nothing that draws me back to Europe, specifically to Vienna. Nevertheless, I feel obliged to stress that I would have come for your sake if it were in any way possible. But I cannot contemplate it because ‒ this must of course be kept entirely between ourselves (I have written to nobody in Vienna about it) ‒ the Mannes School has halved my guaranteed employment, in consequence of which I am compelled to seek further employment for next year elsewhere. If I am unable to find any, then I must seek to win the trust of those concerned by new artistic production. {3} I must, therefore, devote the summer entirely to my own creative work. For two reasons, then, the way to Europe is blocked for me, and I am unable to offer my modest assistance in the form of personal attendance.

If I ask you now for something from the master's possession as a memento, then you will understand what moves me to do so, without my having to justify it at length. What I would most like would be simply a modest object, used by the most beloved and revered man. Things are of course nothing in themselves, but the emotions they arouse in us make them so much more than what they are.

I would most particularly like to know, if after you are able see things clearer for yourself, which of the master's [unpublished analytical] sketches you intend to have published. There will certainly be a great deal of this available, which should not be withheld from all of us who live in the master's world of ideas.

I must of course leave it to your own judgement as to how much you wish to entrust me with things of this sort.

I think of you often, very often, in affectionate and intimate friendship.


Your faithful and true
[signed:] Hans W.

© Translation William Drabkin, 2008

Footnotes

1 Neither letter is known to survive.

2 Der freie Satz, Schenker's last, posthumous publication, went to press with Universal Edition on April 30, 1935, and the first 505 copies were produced on May 25, and a second print-run of 1,005 was produced on June 10. (Of these, 181 and 185 copies respectively were still in stock on March 26, 1940 when the Gestapo impounded them.)

Commentary

Format
3p letter, holograph (Hans Weisse) salutation, message, valediction, and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1945)--Jonas, Oswald (c.1945-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Hans Weisse, reproduced with kind permission
License
Permission to publish granted on March 10, 2008 by the heirs of Hans Weisse. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Documents Online, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence[at]mus(dot)cam(dot)ac(dot)uk

Digital version created: 2019-01-04
Last updated: 2013-10-01