15. März 1934.

Lieber, verehrter Meister, 1

es bedrückt mich schon endlos lange, dass ich dieses Jahr von mir überhaupt nichts habe von mir hören lassen und dies umsomehr, als ich, dem äussern Anschein völlig entgegengesetzt, in Gedanken so besonders viel und oft mich mit Ihnen verbunden fühlte. Nicht nur habe ich während der Unruhen und angesichts der politischen und wirtschaftlichen Situation viel an Sie gedacht – nein, meine besten Stunden habe ich, wie immer, Ihnen zu gedanken gehabt, wann immer nur ein tiefer Einblick in das Wesen der Musik gegönnt war bin ich mir Ihres Wertes und Ihrer Bedeutung bewusst gewesen. Dass ich dennoch mich zu keinem Brief aufraffen konnte scheint mir nun selbst fast unerklärlich und eigentlich nur im Zusammenhang mit der tiefen Depression erklärlich, in die ich verstrickt war, als ich vom Land im Herbst nach New York zuruck kam.

Ich hatte mit den 12 Vorträgen über Sie und Ihre Gedanken – und Hörwelt [–] im vergangenen Jahr einen starken Erfolg und erwartete, als ich das neue Studienjahr begann eine Reaktion von seiten neuer Hörerschaft. Die Schule hatte es den Leuten zu erleichten unternommen und angekündigt, dass zu besonders annehmbaren Preisen Kurse veranstaltet werden würden, die die Interessierten tiefer und ausführlicher in Ihre Hörweise einführen sollten. Nicht ein einziger meldete sich hiezu. Dies war meine erste grosse Enttäuschung und ich gestehe[,] dass mir die ersten drei Wintermonate infolgedessen gründlich verdorben wurden. Ich began das Land, meine Umgebung zu hassen und fühlte mich äusserst unglücklich. Was mich allmählich wieder ins Gleichgewicht brachte, war lediglich die Freude über mein eigenes Schaffen und die Genugtuung, die ich empfand als ich meine {2} Variationen und Fuge für zwei Klaviere einstudierte. 2 Dann kamen meine neuen Vorträge und damit eine tüchtiges Stück Arbeit, das zu bewältigen war. Der letzte der 6 Vorträge findet nächsten Montag statt[,] an dem ich über meine Variationen sprechen werde, um sie anscheinend daran zur Aufführung zu bringen. Der Gedanke der mich bewog[,] über ein eigenes Stück zu sprechen, war die immerwieder auftauchende Frage, wie sich die von Ihnen geschaffene Erkenntnis in der Praxis für den Komponisten auswirke. In 5 Vorträgen zeigte ich deshalb wie sich das Semper idem sed non eodem modo 3 für die Einstellung des Komponisten auswirkt und will nun die Schlüsse ziehen, indem ich die gewonnene Erkenntnis zum Credo des schaffenden Musikers erhebe.

Mit der gleichen Post sende ich an Sie ein[e] M Kopie meiner Violinsonate ab, die nach langen Mühen und bei trotz starken Kostenaufwande, den ich leider aus eigener Tasche zu bestreiten hatte, nun endlich in Form eines Privatdruckes fertig gestellt wurde. Auch hier versetzte mir die Indolenz der beteiligten Kreise einen heftigen Hieb. Ich habe an der Schule, die in 250 gedrückten Karten die Publizierung ankündigte, bisher ein einziges(!!) Exemplar verkauft.

Zu alledem hat mich die infolge der allgemeinen wirtschaftlichen Lage mir aufgenötigte Gehaltskürzung an der Mannes Schule in eine Situation gebracht, die ich bisher noch nie erlebte: es war mir nicht möglich[,] das nötige Geld be[i]seite zu legen, um den kommenden Sommer durchzuhalten und mich lediglich meiner Arbeit widmen zu können. Ich sehe mich genötigt[,] an das Gewissen anderen Leute zu appellieren und um Geld zu bitten.

So wenig ich das als eine Erniedrigung empfinde, die es ja doch ist, so ist es genug[,] um einen bitter zu stimmen. Und ich hoffe, Sie verzeihen meine Schreibunlust wenn Sie diese Gründe wissen. –

Soviel ich weiss, haben Sie den Artikel des jungen amerikanischen Kompo- {3} nisten Israel Citkowitz 4 über Sie zu Gesicht bekommen. Er arbeitet nun mit mir. Und ich buche es als den Hauptgewinn dieses Jahres[,] dass Ihre Lehre eine Breche in die Front der radikal-modernen amerikanischen Jungen geschlagen hat. Es ist ein vielversprechender Anfang. Jedesfalls aber glaube ich, dass die Jungen zu gewinnen wichtiger ist, als die Alten, die so sehr verwurzelt in die eigenen Vorurteile einfach nicht begreifen wollen und können.

Meine Vorträge an der Columbia University, in denen ich Ihre Lehre sozusagen einschmüggle, halt ich für sehr wichtig: Ich mache doch jedes Jahr wieder hundert Menschen (alles in allem freilich mit den Vorträgen) aufhorchen und untergrabe ihre falsche Sicherheit – und so unbefriedigend es auch manchmal aussehen mag, ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass die Wirkung doch zu guter Letzt nicht ausbleiben wird. —

Susi hatte diesen Winter die Masern – die Kinder waren den Winter überhaupt nicht recht beisammen, nun aber sind sie wieder wohl.

Mit tiefer Betrübnis musste ich den Entschluss fassen, auch dieses Jahr auf eine Reise nach Europa zu verzichten. Abgesehen von der politischen Unsicherheit lassen es meine Finanzen keinesfalls zu, an eine so kostspielige Reise zu denken.

Ich werde also auch diesen Sommer in Amerika bleiben und, wenn es mir geht, am Meer irgendwo meine Arbeit fortzusetzen trachten. Ich plane die Fertigstellung eines Streichquartetts, das ich zur Hälfte vergangenen Sommer in Partitur ausgeführt habe, die Instrumentation meiner in Skizze fertigen Hölderlin Kammerkantate und ein Werk für Orchester.

Ich komme nun zu dem wichtigsten Punkt meines Briefes und dieser betrifft {4} die abgekürzte Schulfassung Ihrer Harmonielehre.

Ich erhielt kürzlich eine Zuschrift von Associated Music Publishers Inc. einer Zweigstelle der U. E. [,] aus der hervorgeht, dass der U.E[.] an der Herausgabe einer gekürzten Fassung der Harmonielehre für Schulzwecke gelegen sei. 5

Was es damit für eine Bewandtnis hat ist mir nicht recht klar. Und ich würde gerne wissen, wie Sie darüber denken und vor allem, wie Sie Sich eine gekürzte Schulfassung vorstellen. Zudem sehe ich nicht ein, warum zwei Leute zu gleicher Zeit die gleiche Arbeit unternehmen sollen. Besonders da Vrieslander [,] 6 wie die U.E. schreibt[,] mit dieser Arbeit beschäftigt ist.

Wäre es nicht das einfachste[,] Vrieslander besorgte die Arbeit und man liesse sie hier einfach übersetzten? Er hat sich bestimmt diesbezüglich genau mit Ihnen ins Einvernehmen gesetzt und kennt Ihre Intentionen aufs Genaueste.

Es ist mir gänzlich unklar, wie die U.E. annehmen kann, dass ich mich mit einer solchen Arbeit beschäftige oder je die Absicht geäussert hätte, Teile des Kptwerkes in die Harmonielehre aufzunehmen.

Das Missverständnis scheint durch einen gewissen Herrn Cobb entstanden zu sein, der für kurze Zeit mein Schüler war und sich, ohne mir etwas davon zu sagen[,] mit den Associated Music Publishers ins Einvernehmen gesetzt hat, indem er Iihnen vorschlug[,] eine Amerikanisierung der Harmonielehre vorzunehmen. Der Betreffende ist nicht mehr mein Schüler, und das wenige[,] das er mir gezeigt hat, hatte so wenig mit Ihrem Werk zu tun, dass ich ihm die Arbeit zu überlassen niemals zugeben oder anraten würde. Von seiner Beziehung zu dem Verlag wüsste ich überhaupt nichts.

{5} Könnten Sie sich überhaupt denken, dass ich dergleichen Dinge auf eigene Faust unternehmen würde, ohne mich zuvor mit Ihnen persönlich darüber ausgesprochen zu haben? Kalmus hat sich mir gegenüber nie direct ausgesprochen und ich kann nur sprachlos sein über diese Verlegergeschäftigkeit die, wie ich aus dem mir gestern zugeschickten Briefwechsel entnehme, bereits den Kopf zerbricht, was mit den mir zugehörigen Tantiemen geschehen soll, – wo ich niemals auch nur die geringste Äusserung getan habe über eine von mir angestrebte Übersetzung!! – oder irgend einen Auftrag von irgend einer Seite bekommen habe.

Vielleicht könnte mich ein Wort von Ihnen über all das aufklären. 7

Kalmus erwähnte nur gegenüber nur die für die Akademie geplante, von Vrieslander zu schreibende gekürzte Schulfassung – erwähnte auch gleichzeitig, dass das hiezu erforderliche Geld von der U.E. nicht bestritten werden könne. Dies äusserte er, als er mich hier besuchte und mir fiel blos auf, dass er so positiv wusste, dass er es nicht machen könne, zu einer Zeit, wo ich aus Ihren brieflichen Äusserungen vermuten konnte, dass Sie sicher waren, dass es zur Publizierung der Schulfassung kommen werde.

Wie es um Ihren freien Satz steht ist eine brennende Frage für mich und ich hoffe von Ihnen zu hören, dass wir ihn bald zu Gesicht bekommen werden.

Die Reinschrift meiner Variationen werde ich, angesichts der enormen Kopisten Kosten hier, wohl selbst vornehmen müssen und ich hoffe sie Ihnen nächsten Herbst schicken zu können.

{6} Zum Schluss möchte ich Ihnen noch für die lieben teilnehmenden Worte danken, die Sie mir anlässlich meines Vaters Tod geschickt haben, 8 und die das letzte direkte Lebenszeichen von Ihnen an mich waren.

Hertha und ich senden Ihnen und Ihrer Frau unsre allerbesten und herzlichsten Grüsse und hoffen, das Sie sich beide bester Gesundheit erfreuen.


In alter Anhänglichkeit und Treue
Stets Ihr
[signed:] H .

© Transcription William Drabkin, 2008



March 15, 1934

Dear, revered Master, 1

It pains me endlessly when I consider that you have heard absolutely nothing from me this year, all the more so because, all appearances to the contrary, I have felt myself tied to you in thought so very much, and so often. Not only have I thought much about you during the unrest and in the face of the political and financial situation ‒ no, I have you to thank, as always, for my best hours; whenever I was granted no more than a deeper insight into the essence of music, I was aware of your worth and your significance. That I, nevertheless, was unable to bring myself to write a letter now seems almost incomprehensible to me, and can only be explained in connection with the deep depression that gripped me after returning to New York from the country last autumn.

I had enjoyed a great success the previous year with my twelve lectures about you and your world of ideas and of hearing ‒ and when the new academic year began I expected a response in the form of a new audience. The School had undertaken to make it easier for the people, and announced that courses would be organized, at especially reasonable prices, that would introduce those who were interested in a deeper and more comprehensive study of your way of hearing music. Not a single person subscribed. This was my first great disappointment, and I admit that the first three winter months were thoroughly ruined for me as a result. I began to hate this land and my surroundings, and felt extremely unhappy. That which brought me back, gradually, into equilibrium was simply the joy in my own work, and the satisfaction that I felt as I rehearsed my {2} Variations and Fugue for two pianos. 2 There followed my new lectures, and an efficient piece of work that I had to get through as a result. The last of the six lectures takes place next Monday; I shall speak about my Variations, in the expectation of having them performed there. The idea that motivated me to speak about a piece of my own was the question that constantly arises: How does the knowledge gained from you apply in practice for a composer? In five lectures, I therefore showed how the notion of semper idem sed non eodem modo 3 affects the attitude of a composer, and I now want to draw the conclusions, as I have raised the knowledge gained to the level of a credo for a creative musician.

By the same post, I am sending you a copy of my Violin Sonata, which has finally reached its conclusion in the form of a private publication after a great deal of trouble and with in spite of very high costs, which I had to pay out of my own pocket. Here, too, the indolence of the circle of people who were involved dealt me a hefty blow. I have sold at the School, which announced the publication in 250 printed cards, a single(!!) copy to date.

On top of all this, the reduction in my income from the Mannes School, brought about by the general financial situation, has placed me in circumstances that I had never before experienced: it was not possible to put away a sufficient amount of money to sustain me during the following summer, so that I could dedicate myself to my work. I see myself obliged to appeal to the conscience of other people and to ask for money.

As little as I perceive this as a humiliation, which it in fact is, it is sufficient to put one in a bitter frame of mind. And I hope that you will forgive my reluctance to write, now that you know the reasons.

From what I have heard, you have received the article about you by the young American {3} composer Israel Citkowitz. 4 He is now working with me. And I count it as the major success of this year, that your theory has broken through the front of the radical-modern American youth. It is a beginning that promises much. At any rate, however, I believe that it is more important to win over the youth than to convince the older generations, who are so wrapped up in their own prejudices that they simply are unwilling and unable to understand.

My lectures at Columbia University, into which I "smuggle" your theory, so to speak, are things I regard as very important. Every year I make a hundred people listen (all in all, of course, in the lectures), and I bury their false sense of security. And however unsatisfactory that may often appear to be, I do not give up the hope that the effect will, in the long run, not be lost.

Susi had the measles this winter. The children were not at all well this winter, but now they are better.

With deep regret, I must acccept the decision once again to abandon a trip to Europe. Apart from the political uncertainty, my finances can on no account permit me to undertake such a costly trip.

I will thus stay in America again this summer and if at all possible strive to continue my work somewhere at the seaside. I plan the completion of a string quartet, of which I wrote the first half in score last summer; the scoring of a chamber cantata on a text by Hölderlin, of which I have completed a draft; and a work for orchestra.

I now come to the most important point of my letter, and this concerns {4} the abbreviated, schools version of your Theory of Harmony .

Recently I received a message from Associated Music Publishers Inc., a branch of Universal-Edition, from which it is clear that UE is disposed towards the publication of your Theory of Harmony , in abbreviated form, for school purposes. 5

The story behind this is not entirely clear to me; and I would gladly know what you make of it and, above all, what you think about an abbreviated schools edition. Moreover, I do not understand why two people should be undertaking the same work at the same time, especially as Vrieslander, 6 as UE reports, is occupied with this work.

Would it not be simplest for Vrieslander to take care of the work and that one has it simply translated here? He has, for certain, placed himself in complete agreement with you about this, and he understands your intentions in the most precise way.

It is entirely unclear to me how UE can assume that I am occupied with such a task or that I have ever expressed the intention of incorporating parts of Counterpoint in the Theory of Harmony .

The misunderstanding seems to have arisen from a certain Mr Cobb, who was briefly a pupil of mine and who has reached an agreement with Associated Music Publishers, without saying anything to me about it, to undertake, as he proposed to them, an americanization of your Theory of Harmony . The person concerned is no longer my pupil, and the little that he showed me had so little to do with your work that I would never have allowed or advised him to undertake this task. About his relationship to the publisher I know absolutely nothing.

{5} Can you even imagine that I would take on this sort of thing on my own, without first having spoken to you personally about it? Kalmus never spoke to me about it directly, and I can only remain speechless about about this publication-house wheeling-and-dealing about which ‒ if I understand the correspondence that was sent to me yesterday — I am at an utter loss to explain how the royalty that accruing to me ever existed, as I have never given this slightest suggestion of a translation on which I was working!! Or, for that matter, on an assignment of any sort.

Can you, perhaps, shed any light on this matter? 7

All that Kalmus mentioned to me was the abbreviated schools version, to be written by Vrieslander, planned for the Academy, and he mentioned at the same time that UE could not provide the necessary funds for such an edition. This he explained when he visited me, and I was merely struck by the fact that he was so certain that he could not undertake this, at a time when I could gather from the comments in your letters that you were sure that a schools edition would come about.

How things stand with Free Composition is a burning question for me, and I hope to hear from that you that we will soon have it before eyes.

On account of the enormous copying costs here, I shall have to make the fair copy of my Variations myself, and I hope that I can send them to you next autumn.

{6} In conclusion, I should like to thank you also for the kind, touching words you sent me on the occasion of the death of my father, 8 which was the last direct sign of life from you to me.

Hertha and I send you and your wife our very best and most cordial greetings and hope that you both enjoy the best of health.


In old devotion and faith,
Ever your
[signed:] H.

© Translation William Drabkin, 2008



15. März 1934.

Lieber, verehrter Meister, 1

es bedrückt mich schon endlos lange, dass ich dieses Jahr von mir überhaupt nichts habe von mir hören lassen und dies umsomehr, als ich, dem äussern Anschein völlig entgegengesetzt, in Gedanken so besonders viel und oft mich mit Ihnen verbunden fühlte. Nicht nur habe ich während der Unruhen und angesichts der politischen und wirtschaftlichen Situation viel an Sie gedacht – nein, meine besten Stunden habe ich, wie immer, Ihnen zu gedanken gehabt, wann immer nur ein tiefer Einblick in das Wesen der Musik gegönnt war bin ich mir Ihres Wertes und Ihrer Bedeutung bewusst gewesen. Dass ich dennoch mich zu keinem Brief aufraffen konnte scheint mir nun selbst fast unerklärlich und eigentlich nur im Zusammenhang mit der tiefen Depression erklärlich, in die ich verstrickt war, als ich vom Land im Herbst nach New York zuruck kam.

Ich hatte mit den 12 Vorträgen über Sie und Ihre Gedanken – und Hörwelt [–] im vergangenen Jahr einen starken Erfolg und erwartete, als ich das neue Studienjahr begann eine Reaktion von seiten neuer Hörerschaft. Die Schule hatte es den Leuten zu erleichten unternommen und angekündigt, dass zu besonders annehmbaren Preisen Kurse veranstaltet werden würden, die die Interessierten tiefer und ausführlicher in Ihre Hörweise einführen sollten. Nicht ein einziger meldete sich hiezu. Dies war meine erste grosse Enttäuschung und ich gestehe[,] dass mir die ersten drei Wintermonate infolgedessen gründlich verdorben wurden. Ich began das Land, meine Umgebung zu hassen und fühlte mich äusserst unglücklich. Was mich allmählich wieder ins Gleichgewicht brachte, war lediglich die Freude über mein eigenes Schaffen und die Genugtuung, die ich empfand als ich meine {2} Variationen und Fuge für zwei Klaviere einstudierte. 2 Dann kamen meine neuen Vorträge und damit eine tüchtiges Stück Arbeit, das zu bewältigen war. Der letzte der 6 Vorträge findet nächsten Montag statt[,] an dem ich über meine Variationen sprechen werde, um sie anscheinend daran zur Aufführung zu bringen. Der Gedanke der mich bewog[,] über ein eigenes Stück zu sprechen, war die immerwieder auftauchende Frage, wie sich die von Ihnen geschaffene Erkenntnis in der Praxis für den Komponisten auswirke. In 5 Vorträgen zeigte ich deshalb wie sich das Semper idem sed non eodem modo 3 für die Einstellung des Komponisten auswirkt und will nun die Schlüsse ziehen, indem ich die gewonnene Erkenntnis zum Credo des schaffenden Musikers erhebe.

Mit der gleichen Post sende ich an Sie ein[e] M Kopie meiner Violinsonate ab, die nach langen Mühen und bei trotz starken Kostenaufwande, den ich leider aus eigener Tasche zu bestreiten hatte, nun endlich in Form eines Privatdruckes fertig gestellt wurde. Auch hier versetzte mir die Indolenz der beteiligten Kreise einen heftigen Hieb. Ich habe an der Schule, die in 250 gedrückten Karten die Publizierung ankündigte, bisher ein einziges(!!) Exemplar verkauft.

Zu alledem hat mich die infolge der allgemeinen wirtschaftlichen Lage mir aufgenötigte Gehaltskürzung an der Mannes Schule in eine Situation gebracht, die ich bisher noch nie erlebte: es war mir nicht möglich[,] das nötige Geld be[i]seite zu legen, um den kommenden Sommer durchzuhalten und mich lediglich meiner Arbeit widmen zu können. Ich sehe mich genötigt[,] an das Gewissen anderen Leute zu appellieren und um Geld zu bitten.

So wenig ich das als eine Erniedrigung empfinde, die es ja doch ist, so ist es genug[,] um einen bitter zu stimmen. Und ich hoffe, Sie verzeihen meine Schreibunlust wenn Sie diese Gründe wissen. –

Soviel ich weiss, haben Sie den Artikel des jungen amerikanischen Kompo- {3} nisten Israel Citkowitz 4 über Sie zu Gesicht bekommen. Er arbeitet nun mit mir. Und ich buche es als den Hauptgewinn dieses Jahres[,] dass Ihre Lehre eine Breche in die Front der radikal-modernen amerikanischen Jungen geschlagen hat. Es ist ein vielversprechender Anfang. Jedesfalls aber glaube ich, dass die Jungen zu gewinnen wichtiger ist, als die Alten, die so sehr verwurzelt in die eigenen Vorurteile einfach nicht begreifen wollen und können.

Meine Vorträge an der Columbia University, in denen ich Ihre Lehre sozusagen einschmüggle, halt ich für sehr wichtig: Ich mache doch jedes Jahr wieder hundert Menschen (alles in allem freilich mit den Vorträgen) aufhorchen und untergrabe ihre falsche Sicherheit – und so unbefriedigend es auch manchmal aussehen mag, ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass die Wirkung doch zu guter Letzt nicht ausbleiben wird. —

Susi hatte diesen Winter die Masern – die Kinder waren den Winter überhaupt nicht recht beisammen, nun aber sind sie wieder wohl.

Mit tiefer Betrübnis musste ich den Entschluss fassen, auch dieses Jahr auf eine Reise nach Europa zu verzichten. Abgesehen von der politischen Unsicherheit lassen es meine Finanzen keinesfalls zu, an eine so kostspielige Reise zu denken.

Ich werde also auch diesen Sommer in Amerika bleiben und, wenn es mir geht, am Meer irgendwo meine Arbeit fortzusetzen trachten. Ich plane die Fertigstellung eines Streichquartetts, das ich zur Hälfte vergangenen Sommer in Partitur ausgeführt habe, die Instrumentation meiner in Skizze fertigen Hölderlin Kammerkantate und ein Werk für Orchester.

Ich komme nun zu dem wichtigsten Punkt meines Briefes und dieser betrifft {4} die abgekürzte Schulfassung Ihrer Harmonielehre.

Ich erhielt kürzlich eine Zuschrift von Associated Music Publishers Inc. einer Zweigstelle der U. E. [,] aus der hervorgeht, dass der U.E[.] an der Herausgabe einer gekürzten Fassung der Harmonielehre für Schulzwecke gelegen sei. 5

Was es damit für eine Bewandtnis hat ist mir nicht recht klar. Und ich würde gerne wissen, wie Sie darüber denken und vor allem, wie Sie Sich eine gekürzte Schulfassung vorstellen. Zudem sehe ich nicht ein, warum zwei Leute zu gleicher Zeit die gleiche Arbeit unternehmen sollen. Besonders da Vrieslander [,] 6 wie die U.E. schreibt[,] mit dieser Arbeit beschäftigt ist.

Wäre es nicht das einfachste[,] Vrieslander besorgte die Arbeit und man liesse sie hier einfach übersetzten? Er hat sich bestimmt diesbezüglich genau mit Ihnen ins Einvernehmen gesetzt und kennt Ihre Intentionen aufs Genaueste.

Es ist mir gänzlich unklar, wie die U.E. annehmen kann, dass ich mich mit einer solchen Arbeit beschäftige oder je die Absicht geäussert hätte, Teile des Kptwerkes in die Harmonielehre aufzunehmen.

Das Missverständnis scheint durch einen gewissen Herrn Cobb entstanden zu sein, der für kurze Zeit mein Schüler war und sich, ohne mir etwas davon zu sagen[,] mit den Associated Music Publishers ins Einvernehmen gesetzt hat, indem er Iihnen vorschlug[,] eine Amerikanisierung der Harmonielehre vorzunehmen. Der Betreffende ist nicht mehr mein Schüler, und das wenige[,] das er mir gezeigt hat, hatte so wenig mit Ihrem Werk zu tun, dass ich ihm die Arbeit zu überlassen niemals zugeben oder anraten würde. Von seiner Beziehung zu dem Verlag wüsste ich überhaupt nichts.

{5} Könnten Sie sich überhaupt denken, dass ich dergleichen Dinge auf eigene Faust unternehmen würde, ohne mich zuvor mit Ihnen persönlich darüber ausgesprochen zu haben? Kalmus hat sich mir gegenüber nie direct ausgesprochen und ich kann nur sprachlos sein über diese Verlegergeschäftigkeit die, wie ich aus dem mir gestern zugeschickten Briefwechsel entnehme, bereits den Kopf zerbricht, was mit den mir zugehörigen Tantiemen geschehen soll, – wo ich niemals auch nur die geringste Äusserung getan habe über eine von mir angestrebte Übersetzung!! – oder irgend einen Auftrag von irgend einer Seite bekommen habe.

Vielleicht könnte mich ein Wort von Ihnen über all das aufklären. 7

Kalmus erwähnte nur gegenüber nur die für die Akademie geplante, von Vrieslander zu schreibende gekürzte Schulfassung – erwähnte auch gleichzeitig, dass das hiezu erforderliche Geld von der U.E. nicht bestritten werden könne. Dies äusserte er, als er mich hier besuchte und mir fiel blos auf, dass er so positiv wusste, dass er es nicht machen könne, zu einer Zeit, wo ich aus Ihren brieflichen Äusserungen vermuten konnte, dass Sie sicher waren, dass es zur Publizierung der Schulfassung kommen werde.

Wie es um Ihren freien Satz steht ist eine brennende Frage für mich und ich hoffe von Ihnen zu hören, dass wir ihn bald zu Gesicht bekommen werden.

Die Reinschrift meiner Variationen werde ich, angesichts der enormen Kopisten Kosten hier, wohl selbst vornehmen müssen und ich hoffe sie Ihnen nächsten Herbst schicken zu können.

{6} Zum Schluss möchte ich Ihnen noch für die lieben teilnehmenden Worte danken, die Sie mir anlässlich meines Vaters Tod geschickt haben, 8 und die das letzte direkte Lebenszeichen von Ihnen an mich waren.

Hertha und ich senden Ihnen und Ihrer Frau unsre allerbesten und herzlichsten Grüsse und hoffen, das Sie sich beide bester Gesundheit erfreuen.


In alter Anhänglichkeit und Treue
Stets Ihr
[signed:] H .

© Transcription William Drabkin, 2008



March 15, 1934

Dear, revered Master, 1

It pains me endlessly when I consider that you have heard absolutely nothing from me this year, all the more so because, all appearances to the contrary, I have felt myself tied to you in thought so very much, and so often. Not only have I thought much about you during the unrest and in the face of the political and financial situation ‒ no, I have you to thank, as always, for my best hours; whenever I was granted no more than a deeper insight into the essence of music, I was aware of your worth and your significance. That I, nevertheless, was unable to bring myself to write a letter now seems almost incomprehensible to me, and can only be explained in connection with the deep depression that gripped me after returning to New York from the country last autumn.

I had enjoyed a great success the previous year with my twelve lectures about you and your world of ideas and of hearing ‒ and when the new academic year began I expected a response in the form of a new audience. The School had undertaken to make it easier for the people, and announced that courses would be organized, at especially reasonable prices, that would introduce those who were interested in a deeper and more comprehensive study of your way of hearing music. Not a single person subscribed. This was my first great disappointment, and I admit that the first three winter months were thoroughly ruined for me as a result. I began to hate this land and my surroundings, and felt extremely unhappy. That which brought me back, gradually, into equilibrium was simply the joy in my own work, and the satisfaction that I felt as I rehearsed my {2} Variations and Fugue for two pianos. 2 There followed my new lectures, and an efficient piece of work that I had to get through as a result. The last of the six lectures takes place next Monday; I shall speak about my Variations, in the expectation of having them performed there. The idea that motivated me to speak about a piece of my own was the question that constantly arises: How does the knowledge gained from you apply in practice for a composer? In five lectures, I therefore showed how the notion of semper idem sed non eodem modo 3 affects the attitude of a composer, and I now want to draw the conclusions, as I have raised the knowledge gained to the level of a credo for a creative musician.

By the same post, I am sending you a copy of my Violin Sonata, which has finally reached its conclusion in the form of a private publication after a great deal of trouble and with in spite of very high costs, which I had to pay out of my own pocket. Here, too, the indolence of the circle of people who were involved dealt me a hefty blow. I have sold at the School, which announced the publication in 250 printed cards, a single(!!) copy to date.

On top of all this, the reduction in my income from the Mannes School, brought about by the general financial situation, has placed me in circumstances that I had never before experienced: it was not possible to put away a sufficient amount of money to sustain me during the following summer, so that I could dedicate myself to my work. I see myself obliged to appeal to the conscience of other people and to ask for money.

As little as I perceive this as a humiliation, which it in fact is, it is sufficient to put one in a bitter frame of mind. And I hope that you will forgive my reluctance to write, now that you know the reasons.

From what I have heard, you have received the article about you by the young American {3} composer Israel Citkowitz. 4 He is now working with me. And I count it as the major success of this year, that your theory has broken through the front of the radical-modern American youth. It is a beginning that promises much. At any rate, however, I believe that it is more important to win over the youth than to convince the older generations, who are so wrapped up in their own prejudices that they simply are unwilling and unable to understand.

My lectures at Columbia University, into which I "smuggle" your theory, so to speak, are things I regard as very important. Every year I make a hundred people listen (all in all, of course, in the lectures), and I bury their false sense of security. And however unsatisfactory that may often appear to be, I do not give up the hope that the effect will, in the long run, not be lost.

Susi had the measles this winter. The children were not at all well this winter, but now they are better.

With deep regret, I must acccept the decision once again to abandon a trip to Europe. Apart from the political uncertainty, my finances can on no account permit me to undertake such a costly trip.

I will thus stay in America again this summer and if at all possible strive to continue my work somewhere at the seaside. I plan the completion of a string quartet, of which I wrote the first half in score last summer; the scoring of a chamber cantata on a text by Hölderlin, of which I have completed a draft; and a work for orchestra.

I now come to the most important point of my letter, and this concerns {4} the abbreviated, schools version of your Theory of Harmony .

Recently I received a message from Associated Music Publishers Inc., a branch of Universal-Edition, from which it is clear that UE is disposed towards the publication of your Theory of Harmony , in abbreviated form, for school purposes. 5

The story behind this is not entirely clear to me; and I would gladly know what you make of it and, above all, what you think about an abbreviated schools edition. Moreover, I do not understand why two people should be undertaking the same work at the same time, especially as Vrieslander, 6 as UE reports, is occupied with this work.

Would it not be simplest for Vrieslander to take care of the work and that one has it simply translated here? He has, for certain, placed himself in complete agreement with you about this, and he understands your intentions in the most precise way.

It is entirely unclear to me how UE can assume that I am occupied with such a task or that I have ever expressed the intention of incorporating parts of Counterpoint in the Theory of Harmony .

The misunderstanding seems to have arisen from a certain Mr Cobb, who was briefly a pupil of mine and who has reached an agreement with Associated Music Publishers, without saying anything to me about it, to undertake, as he proposed to them, an americanization of your Theory of Harmony . The person concerned is no longer my pupil, and the little that he showed me had so little to do with your work that I would never have allowed or advised him to undertake this task. About his relationship to the publisher I know absolutely nothing.

{5} Can you even imagine that I would take on this sort of thing on my own, without first having spoken to you personally about it? Kalmus never spoke to me about it directly, and I can only remain speechless about about this publication-house wheeling-and-dealing about which ‒ if I understand the correspondence that was sent to me yesterday — I am at an utter loss to explain how the royalty that accruing to me ever existed, as I have never given this slightest suggestion of a translation on which I was working!! Or, for that matter, on an assignment of any sort.

Can you, perhaps, shed any light on this matter? 7

All that Kalmus mentioned to me was the abbreviated schools version, to be written by Vrieslander, planned for the Academy, and he mentioned at the same time that UE could not provide the necessary funds for such an edition. This he explained when he visited me, and I was merely struck by the fact that he was so certain that he could not undertake this, at a time when I could gather from the comments in your letters that you were sure that a schools edition would come about.

How things stand with Free Composition is a burning question for me, and I hope to hear from that you that we will soon have it before eyes.

On account of the enormous copying costs here, I shall have to make the fair copy of my Variations myself, and I hope that I can send them to you next autumn.

{6} In conclusion, I should like to thank you also for the kind, touching words you sent me on the occasion of the death of my father, 8 which was the last direct sign of life from you to me.

Hertha and I send you and your wife our very best and most cordial greetings and hope that you both enjoy the best of health.


In old devotion and faith,
Ever your
[signed:] H.

© Translation William Drabkin, 2008

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/7, p. 3900, March 24, 1934: "Von Weisse (Br.): lang; Aufschluß über die englische [Harmonielehre]-Ausgabe, die ein „Dreh“ von Kalmus war; über Unangenehmes mit Schülern, versagen gegenüber seinen Kompositionen – schickt mir Kopien." ("From Weisse (letter – a long one): information about the English edition [of Theory of Harmony], which Kalmus was pushing for; concerning unpleasant things with pupils, who show no interest in his compositions – he is sending me copies.").

2 The Variations on a Popular American Song were completed in Lake Placid, N.Y., in the summer of 1933 (see OJ 15/16, [93], Weisse's letter of July 27, 1933).

3 "Always the same, but not in the same way": Schenker's artistic motto, which was placed at the head of most of his publications from the 1920s onward.

4 Schenker received a copy of the article by Israel Citkowitz, "The Role of Heinrich Schenker," Modern Music 11/1 (1933), pp. 18–23 from Manfred Wilfort on December 9, 1933 (diary, p. 3882). Wilfort also provided Schenker with a typescript German translation of the article.

5 The remainder of Weisse's letter makes sense only if one understands that Universal Edition has asked Weisse to prepare or collaborate on an American (i.e. English-language) edition of the Harmonielehre.

6 In spite of their recent falling-out, Weisse appears content, or at least reconciled, with Vrieslander's editing of Harmonielehre.

7 On May 7, 1934 (OJ 4/7, p. 3909), Schenker recorded: "An Weisse (Br. 8 Seiten!): alle Fragen beantwortet." ("To Weisse (letter, eight pages!): all questions answered."). This letter is not known to survive.

8 Schenker had written to Weisse on August 4, 1933 (OJ 4/6, p. 3855): "An Hans Weisse (Br.): Beileid; charakterisiere die Lage in Deutschland; bedaure Furtwänglers Rückschritt." ("To Hans Weisse (letter): condolences; I portray the situation in Germany, regret Furtwängler’s step backwards."). The letter is not known to survive.

Commentary

Format
6p letter, holograph salutation, message, valediction, and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1945)--Jonas, Oswald (c.1945-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Hans Weisse, reproduced with kind permission
License
Permission to publish granted on March 10, 2008 by the heirs of Hans Weisse. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Documents Online, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence[at]mus(dot)cam(dot)ac(dot)uk

Digital version created: 2018-11-02
Last updated: 2013-10-01