5. Aug. 29.

Lieber verehrter Meister, 1

vor allem fühle ich so sehr das Bedürfnis, Ihnen zu sagen mit welchem Genuss mich die letzten Tage hindurch die Durchdenkung Ihres Gedankens und Begriffes „Tonraum“ erfüllt hat. Die Welt ahnt wirklich noch gar nicht[,] welche „Umwertung aller Werte“ Sie vorgenommen haben und welche Umwälzung die Erfassung Ihres grossen Gedankenkreises für alle Musikausübung und allen Musikunterricht erfahren werden müssen zur folge wird haben müssen . Verzeihen Sie, wenn ich Sie mit dieser Äusserung – gleichsam jählings überfalle, aber ich habe im Zu- {2} sammenhang mit diesen Erlebnissen der letzten Zeit den endgültigen Entschluss gefasst[,] meine Gedanken über Sie (nämlich Ihr Werk) schriftlich niederzulegen. Mir schwebt vor, Sie in den Mittelpunkt der zeitgenössischen Theorie zu stellen, zu zeigen, wie Sie einen Begriff nach dem andern zum neuem Leben erweckt haben, während die übrigen Theoretiker auf von den alten, totgeborenen unfrüchtbaren Begriffen ausgehend neue Gedanken Resultate durch Heranziehung aussermusikalisches oder gar unkünstlerichen Gedanken zu erzwingen suchen. In der ersten Zeit hat man Sie totgeschwiegen; nun, da dies schwer möglich ist, gleicht der Durchschnitt Ihre Wirkung aus, indem er Sie den ihm gemässeren Geistern angleicht. (Siehe Halms: „KurthSchenkerJöde“). 2 Ich glaube mich heute dieser Sache gewachsen und ich freue mich auf diese Aufgabe, die ich mir selbst gestellt habe! — 3

Ich habe jetzt 6 Bagatellen für das Klavier {3} geschrieben und hoffe Sie werden Ssie sSich in Wien anhören wollen. Nun instrumentiere ich ein Oktett, und hoffe die Arbeit noch auf dem Lande hier fertig zu stellen um mich in Wien dem Niederschrieben meiner Gedanken ganz widmen zu können. Zur Aufführung will ich im heurigen Winter, das Oktett, die Klavierstücke und ein Klarinettenquintett, das auch bereits in Partitur fertig gestellt ist, bringen lassen. Soviel von mir und verzeihen Sie bitte, dass es soviel geworden ist.

Hoffentlich geht es Ihnen gesundheitlich sehr gut; sie geniessen wie immer die herrliche Luft in Galtür, nach der ich mich sehr oft sehne, und sind sorgenlos in Betreff des „Freien Satzes“.

Haben Sie vielleicht gar wieder viele Besuche, die Sie an der Arbeit hindern? {4} Hat Her[t]zka die Eroica schon? —

Wie sehr wir den Sommer geniessen und was wir für Freude an Susanna haben, brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen. Ich sende Ihnen ein kleines Bildchen, damit Sie Sich eine Vorstellung von Ih ihr machen können. Lassen Sie mich, bitte, wissen, wie es Ihnen geht.


Wir grüssen Sie beide sehr herzlich und wünschen Ihnen alles Gute für den Rest des Sommers!
Ihr dankbarer
[signed:] Hans.

© Transcription William Drabkin, 2013


August 5, 1929

Dear revered Master, 1

Above all else, I feel the need to tell you of the joy that filled me during the past days by thinking through your concept of "tonal space." The world truly does not have any inkling of the "revaluation of all values" you have undertaken, and the revolution in all musical practice and all musical tuition that will come about as a result of the understanding of your great set of ideas. Forgive me if I should suddenly bombard you with this remark but I have, in {2} connection with these recent experiences, come to a firm decision to set down my thoughts about you (that is, about your work) in writing. My idea is to place you at the center of contemporary music theory, to show how you have brought to life one concept after another, whereas the other theorists, who use old, stillborn and unfruitful concepts as their points of departure, seek to impose new results by the application of extra-musical or even inartistic ideas. Initially, you had been silenced; that his is hardly possible [any longer], the world of mediocrity has compensated your effect, in that it has accorded you a place among its intellectuals. (See Halm's "KurthSchenkerJöde".) 2 I believe that today I have fully understand this matter, and I look forward to this project, which I have set myself! 3

I have just written six bagatelles for piano {3} and hope that you will want to hear them in Vienna. I am now scoring an octet and hope to be able to complete the work here in the country, so that I will be able to devote my thoughts entirely to writing it down when I return to Vienna. This winter I hope that I shall be able to have performed the Octet, the piano pieces, and a clarinet quintet, which I have also just finished writing in score. So much about me, and apologies that it has been so much.

I hope that you are in very good health; that you are enjoying, as ever, Galtür's magnificent air, which I often yearn for; and that you are, without cares, immersed in Der freie Satz .

Do you again have so many visitors, which prevents you from working on it? {4} Has Hertzka already received the "Eroica"?

I certainly do not have to tell you how much we are enjoying the summer, and what a joy Susanna is to us. I am sending you a small picture of her, so that you have an idea of what she looks like. Please let me know how you are.


We send you both our cordial greetings and wish you both the very best for the remainder of the summer.
Gratefully yours,
[signed:] Hans

© Translation William Drabkin, 2013


5. Aug. 29.

Lieber verehrter Meister, 1

vor allem fühle ich so sehr das Bedürfnis, Ihnen zu sagen mit welchem Genuss mich die letzten Tage hindurch die Durchdenkung Ihres Gedankens und Begriffes „Tonraum“ erfüllt hat. Die Welt ahnt wirklich noch gar nicht[,] welche „Umwertung aller Werte“ Sie vorgenommen haben und welche Umwälzung die Erfassung Ihres grossen Gedankenkreises für alle Musikausübung und allen Musikunterricht erfahren werden müssen zur folge wird haben müssen . Verzeihen Sie, wenn ich Sie mit dieser Äusserung – gleichsam jählings überfalle, aber ich habe im Zu- {2} sammenhang mit diesen Erlebnissen der letzten Zeit den endgültigen Entschluss gefasst[,] meine Gedanken über Sie (nämlich Ihr Werk) schriftlich niederzulegen. Mir schwebt vor, Sie in den Mittelpunkt der zeitgenössischen Theorie zu stellen, zu zeigen, wie Sie einen Begriff nach dem andern zum neuem Leben erweckt haben, während die übrigen Theoretiker auf von den alten, totgeborenen unfrüchtbaren Begriffen ausgehend neue Gedanken Resultate durch Heranziehung aussermusikalisches oder gar unkünstlerichen Gedanken zu erzwingen suchen. In der ersten Zeit hat man Sie totgeschwiegen; nun, da dies schwer möglich ist, gleicht der Durchschnitt Ihre Wirkung aus, indem er Sie den ihm gemässeren Geistern angleicht. (Siehe Halms: „KurthSchenkerJöde“). 2 Ich glaube mich heute dieser Sache gewachsen und ich freue mich auf diese Aufgabe, die ich mir selbst gestellt habe! — 3

Ich habe jetzt 6 Bagatellen für das Klavier {3} geschrieben und hoffe Sie werden Ssie sSich in Wien anhören wollen. Nun instrumentiere ich ein Oktett, und hoffe die Arbeit noch auf dem Lande hier fertig zu stellen um mich in Wien dem Niederschrieben meiner Gedanken ganz widmen zu können. Zur Aufführung will ich im heurigen Winter, das Oktett, die Klavierstücke und ein Klarinettenquintett, das auch bereits in Partitur fertig gestellt ist, bringen lassen. Soviel von mir und verzeihen Sie bitte, dass es soviel geworden ist.

Hoffentlich geht es Ihnen gesundheitlich sehr gut; sie geniessen wie immer die herrliche Luft in Galtür, nach der ich mich sehr oft sehne, und sind sorgenlos in Betreff des „Freien Satzes“.

Haben Sie vielleicht gar wieder viele Besuche, die Sie an der Arbeit hindern? {4} Hat Her[t]zka die Eroica schon? —

Wie sehr wir den Sommer geniessen und was wir für Freude an Susanna haben, brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen. Ich sende Ihnen ein kleines Bildchen, damit Sie Sich eine Vorstellung von Ih ihr machen können. Lassen Sie mich, bitte, wissen, wie es Ihnen geht.


Wir grüssen Sie beide sehr herzlich und wünschen Ihnen alles Gute für den Rest des Sommers!
Ihr dankbarer
[signed:] Hans.

© Transcription William Drabkin, 2013


August 5, 1929

Dear revered Master, 1

Above all else, I feel the need to tell you of the joy that filled me during the past days by thinking through your concept of "tonal space." The world truly does not have any inkling of the "revaluation of all values" you have undertaken, and the revolution in all musical practice and all musical tuition that will come about as a result of the understanding of your great set of ideas. Forgive me if I should suddenly bombard you with this remark but I have, in {2} connection with these recent experiences, come to a firm decision to set down my thoughts about you (that is, about your work) in writing. My idea is to place you at the center of contemporary music theory, to show how you have brought to life one concept after another, whereas the other theorists, who use old, stillborn and unfruitful concepts as their points of departure, seek to impose new results by the application of extra-musical or even inartistic ideas. Initially, you had been silenced; that his is hardly possible [any longer], the world of mediocrity has compensated your effect, in that it has accorded you a place among its intellectuals. (See Halm's "KurthSchenkerJöde".) 2 I believe that today I have fully understand this matter, and I look forward to this project, which I have set myself! 3

I have just written six bagatelles for piano {3} and hope that you will want to hear them in Vienna. I am now scoring an octet and hope to be able to complete the work here in the country, so that I will be able to devote my thoughts entirely to writing it down when I return to Vienna. This winter I hope that I shall be able to have performed the Octet, the piano pieces, and a clarinet quintet, which I have also just finished writing in score. So much about me, and apologies that it has been so much.

I hope that you are in very good health; that you are enjoying, as ever, Galtür's magnificent air, which I often yearn for; and that you are, without cares, immersed in Der freie Satz .

Do you again have so many visitors, which prevents you from working on it? {4} Has Hertzka already received the "Eroica"?

I certainly do not have to tell you how much we are enjoying the summer, and what a joy Susanna is to us. I am sending you a small picture of her, so that you have an idea of what she looks like. Please let me know how you are.


We send you both our cordial greetings and wish you both the very best for the remainder of the summer.
Gratefully yours,
[signed:] Hans

© Translation William Drabkin, 2013

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/2, p. 3361 (August 7, 1929): "Von Weisse (Br.): Bild der Susi! Gesteht, erst jetzt hinter das Geheimnis des Tonraum-Begriffs gekommen zu sein! Habe vor, über mein Lebenswerk zu schreiben. Entwickelt allerlei Kompositionspläne." ("From Weisse (letter): picture of Susi! He admits only now to have got his head round the secret of the concept of tonal space! He plans to write about my life's work. He is developing all sorts of plans for composing.")

2 In his Einführung in die Musik (Berlin: Deutsche Buchgemeinschaft, 1926), p. 73, Halm mentions Ernst Kurth's Grundlagen des linearen Kontrapunkts alongside Schenker's Der Tonwille and the first volume of Fritz Jöde's Die Kunst Bachs dargestellt an seinen Inventionen (1926) in connection with the idea, developed by all three authors, of an analytically derived stepwise melody underlying the melodic surface. (My thanks to Lee Rothfarb for this identification.)

3 No paragraph-break in source.

Commentary

Format
4p letter, landscape orientation, holograph message and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1945)--Jonas, Oswald (c.1945-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Hans Weisse, reproduced with kind permission
License
Permission to publish granted on March 10, 2008 by the heirs of Hans Weisse. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Documents Online, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence[at]mus(dot)cam(dot)ac(dot)uk

Digital version created: 2013-09-30
Last updated: 2013-09-30