Lieber, verehter Meister!

Wenn 1 ich heute zur Feder greife, um von Ihnen, als meinem persönlichen Lehrer Abschied zu nehmen, so weiß ich im Vorhinein, daß es insoferne ein vergebliches Unternehmen darstellt, als der Fassungsraum der Sprache meiner unbegrenzten Empfindung der Dankbarkeit nicht zu genügen vermag. Aber doch drängt mich alles dazu, diesem entscheidenden Einschnitt in meinem persönlichen und künstlerischen Leben, einen wenn auch noch {2} so bescheidenen Ausdruck zu verleihen. Sind Sie es doch, verehrter Meister, gewesen, der in mir den Menschen sowohl, [sic] als den Künstler geweckt und somit die Bausteine zu einer Lebensform gelegt hat, deren Früchtbarkeit und Segen ich von Tag zu Tag gesteigerter in mir wirksam fühle.

Mit der Erfassung Ihrer Lehre bin ich erst Mensch geworden; im täglichen Umgange mit Ihnen, Ihrer so hinreissenden, zielsicheren und konsequenten Individualität habe ich erst die Möglichkeit gewonnen, Ihr Werk in mich aufzunehmen und Ihre auf künstlerischem Gebiete noch nicht {3} dagewesene Leistung bis ins Letzte zu erfassen würdigen . Von Natur aus dem Brand'schen Motto: „Alles oder Nichts" 2 zugeneigt habe ich durch Sie den Boden gefunden, einem solchen Prinzipe getreu leben zu können. Denn Vorsätze bleiben immer unfruchtbar im Leben, so lange die Materie des Lebens d ihnen nicht adäquat ist; deshalb schätze ich den Tag, der mich Ihnen als Schüler zuführte, als den bestimmendsten und beglückendsten meiner Entwicklung.

Führer- und Meisterschaft ist immer geistige Vaterschaft und so sind Sie mir ein Vater ge- {4} worden, dessen Person ich mit uneigennützigster, tiefster Liebe im Herz geschlossen habe und dessen Wirken, Wissen und Denken ich die unbegrenzteste demütigste Verehrung entgegenbringe. Wollten Sie nun, wo ich den unmittelbaren Verkehr mit Ihnen als Schüler einbüsse, auch weiterhin an meiner geistigen und künstlerischen Entwicklung teilnehmen, so würde ich mit Stolz darin ein Zeugnis erblicken dafür, daß Sie mich dessen nicht unwert halten.

Was mich selbst anbelangt, so kenne ich nur das eine Ziel, mich uneingeschränkt und gleich {5} Ihnen mit Hintansetzung jedes persönlichen Interesses, in den Dienst jener großen Aufgabe zu stellen, die durch Sie Eingang in die Welt gefunden hat. Auf meinen bescheidenen Wissen und Können hoffe ich dafür beizutragen, in Ihrem Sinne Wahrheit zu verbreiten - und seien Sie versichert, daß ich an jedem Erfolge, der mir beschieden sein sollte, mit vollstem Bewußtsein erkennen werde, wie sehr ich ihn nur Ihnen zu verdanken habe.

Außerdem bitte ich Sie noch, verehrter Meister, {6} bei jeder Arbeit, die ich Ihnen irgendwie abnehmen könnte, völlig über mich zu verfügen. Ich umarme Sie mit jener Treue, Hingebung und Verehrung, die der Mensch nur dem Höchsten und Größten entgegenbzubringen vermag!


Ihr
[signed:] Hans.
Wien, Ende Juni 20.

© Transcription William Drabkin, 2008



Dear, revered Master!

Today, 1 as I reach for my pen in order to take my leave of you as my personal teacher, I know from the outset that it will be a vain undertaking, insofar as the range of my linguistic expression will not suffice to enable me to convey my boundless sense of gratitude. And yet everything compels me to lend expression, {2} however modestly, to this decisive chapter in my personal and artistic life. You, rerevered Master, are the one who has awakened both the man and the artist in me, and thereby laid the building blocks for a way of life whose fruitfulness and blessing I feel to be increasing in effectiveness daily within me.

It was only on grasping the import of your teaching that I found my identity as a man; and in my daily dealings with you and your captivating, unerring and consistent individuality, that I gained the possibility of absorbing your work and of {3} grasping appreciating to the full what your artistry would effect within me. Since I lean by nature towards Brand's motto, "all or nothing", 2 it was through you that I found the basis needed to remain true to such a principle. For intentions always remain unfulfilled in life, as long as the conditions of one's life cannot meet them; I therefore value the day which led me to you as your pupil as the most defining and gladdening of my development.

Spiritual fatherhood always comes from mastery and leadership, and it was thus that you became a father to me, {4} one whom I took to my heart with the deepest and most selfless love and one whose influence, knowledge and thinking I approach with utmost boundless and humble admiration. Should you wish to continue to contribute towards my spiritual and artistic development, now that I am forfeiting the immediate contact with you as a pupil, I would proudly take that as a sign that you would not consider me unworthy of this.

As for me, I am aware of only one goal, to place myself, unfettered {5} and, like you, with disregard for all things personal, in the service of that one great task which has found its way into the world through you. With my modest knowledge and ability I hope to be able to contribute towards spreading the truth as you have revealed it--and you may be certain that with every bit of success that may be granted to me, I shall be fully aware how very much I owe it to you and only you.

Otherwise please accept, honored Master, {6} that I am fully at your disposal for any task of which I could possibly relieve you. I embrace you with that loyalty, devotion and admiration which a man can only show the greatest and best!


Your
[signed:] Hans.
Vienna, End of June [19]20

© Translation Alison Hiley, 2008



Lieber, verehter Meister!

Wenn 1 ich heute zur Feder greife, um von Ihnen, als meinem persönlichen Lehrer Abschied zu nehmen, so weiß ich im Vorhinein, daß es insoferne ein vergebliches Unternehmen darstellt, als der Fassungsraum der Sprache meiner unbegrenzten Empfindung der Dankbarkeit nicht zu genügen vermag. Aber doch drängt mich alles dazu, diesem entscheidenden Einschnitt in meinem persönlichen und künstlerischen Leben, einen wenn auch noch {2} so bescheidenen Ausdruck zu verleihen. Sind Sie es doch, verehrter Meister, gewesen, der in mir den Menschen sowohl, [sic] als den Künstler geweckt und somit die Bausteine zu einer Lebensform gelegt hat, deren Früchtbarkeit und Segen ich von Tag zu Tag gesteigerter in mir wirksam fühle.

Mit der Erfassung Ihrer Lehre bin ich erst Mensch geworden; im täglichen Umgange mit Ihnen, Ihrer so hinreissenden, zielsicheren und konsequenten Individualität habe ich erst die Möglichkeit gewonnen, Ihr Werk in mich aufzunehmen und Ihre auf künstlerischem Gebiete noch nicht {3} dagewesene Leistung bis ins Letzte zu erfassen würdigen . Von Natur aus dem Brand'schen Motto: „Alles oder Nichts" 2 zugeneigt habe ich durch Sie den Boden gefunden, einem solchen Prinzipe getreu leben zu können. Denn Vorsätze bleiben immer unfruchtbar im Leben, so lange die Materie des Lebens d ihnen nicht adäquat ist; deshalb schätze ich den Tag, der mich Ihnen als Schüler zuführte, als den bestimmendsten und beglückendsten meiner Entwicklung.

Führer- und Meisterschaft ist immer geistige Vaterschaft und so sind Sie mir ein Vater ge- {4} worden, dessen Person ich mit uneigennützigster, tiefster Liebe im Herz geschlossen habe und dessen Wirken, Wissen und Denken ich die unbegrenzteste demütigste Verehrung entgegenbringe. Wollten Sie nun, wo ich den unmittelbaren Verkehr mit Ihnen als Schüler einbüsse, auch weiterhin an meiner geistigen und künstlerischen Entwicklung teilnehmen, so würde ich mit Stolz darin ein Zeugnis erblicken dafür, daß Sie mich dessen nicht unwert halten.

Was mich selbst anbelangt, so kenne ich nur das eine Ziel, mich uneingeschränkt und gleich {5} Ihnen mit Hintansetzung jedes persönlichen Interesses, in den Dienst jener großen Aufgabe zu stellen, die durch Sie Eingang in die Welt gefunden hat. Auf meinen bescheidenen Wissen und Können hoffe ich dafür beizutragen, in Ihrem Sinne Wahrheit zu verbreiten - und seien Sie versichert, daß ich an jedem Erfolge, der mir beschieden sein sollte, mit vollstem Bewußtsein erkennen werde, wie sehr ich ihn nur Ihnen zu verdanken habe.

Außerdem bitte ich Sie noch, verehrter Meister, {6} bei jeder Arbeit, die ich Ihnen irgendwie abnehmen könnte, völlig über mich zu verfügen. Ich umarme Sie mit jener Treue, Hingebung und Verehrung, die der Mensch nur dem Höchsten und Größten entgegenbzubringen vermag!


Ihr
[signed:] Hans.
Wien, Ende Juni 20.

© Transcription William Drabkin, 2008



Dear, revered Master!

Today, 1 as I reach for my pen in order to take my leave of you as my personal teacher, I know from the outset that it will be a vain undertaking, insofar as the range of my linguistic expression will not suffice to enable me to convey my boundless sense of gratitude. And yet everything compels me to lend expression, {2} however modestly, to this decisive chapter in my personal and artistic life. You, rerevered Master, are the one who has awakened both the man and the artist in me, and thereby laid the building blocks for a way of life whose fruitfulness and blessing I feel to be increasing in effectiveness daily within me.

It was only on grasping the import of your teaching that I found my identity as a man; and in my daily dealings with you and your captivating, unerring and consistent individuality, that I gained the possibility of absorbing your work and of {3} grasping appreciating to the full what your artistry would effect within me. Since I lean by nature towards Brand's motto, "all or nothing", 2 it was through you that I found the basis needed to remain true to such a principle. For intentions always remain unfulfilled in life, as long as the conditions of one's life cannot meet them; I therefore value the day which led me to you as your pupil as the most defining and gladdening of my development.

Spiritual fatherhood always comes from mastery and leadership, and it was thus that you became a father to me, {4} one whom I took to my heart with the deepest and most selfless love and one whose influence, knowledge and thinking I approach with utmost boundless and humble admiration. Should you wish to continue to contribute towards my spiritual and artistic development, now that I am forfeiting the immediate contact with you as a pupil, I would proudly take that as a sign that you would not consider me unworthy of this.

As for me, I am aware of only one goal, to place myself, unfettered {5} and, like you, with disregard for all things personal, in the service of that one great task which has found its way into the world through you. With my modest knowledge and ability I hope to be able to contribute towards spreading the truth as you have revealed it--and you may be certain that with every bit of success that may be granted to me, I shall be fully aware how very much I owe it to you and only you.

Otherwise please accept, honored Master, {6} that I am fully at your disposal for any task of which I could possibly relieve you. I embrace you with that loyalty, devotion and admiration which a man can only show the greatest and best!


Your
[signed:] Hans.
Vienna, End of June [19]20

© Translation Alison Hiley, 2008

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 3/1, p. 2246, June 25, 1920 [thus the letter can provisionally be dated June 24]: "Dr. Weisse bringt ein Facsimile von „Messias", darin Abschiedsbrief; vertraut mir an, daß er zu einem Mädchen eine ernste Beziehung unterhalte, hierbei leider auf Schwierigkeiten in seinem Elternhause stoße; will meinen Rat hören, sich zugleich auf mein Vorbild berufen." ("Dr. Weisse brings a facsimile of Messiah; in it a farewell letter; confides to me that he is maintaining a serious relationship with a girl, in this connection is unfortunately meeting with difficulties with his parents; wants to hear my advice, drawn as he always is to me as a model."). Then on June 28 (ibid, p. 2247) is recorded: "Weisse nimmt Abschied u. kündigt Pläne an, so Vorlesungen in der Urania über Einführung in die Schenker-Theorie, Veröffentlichung von Schriften: gegen Busoni, über Brahms op. 8 u. Volkslieder." ("Weisse takes his farewell and talks about plans to give lectures at the Urania on introduction to the Schenker theory, [and] publication of writings: against Busoni, about Brahms Op. 8 and folksongs."). Thereafter, they lunch together on July 1 (ibid, 2249).

2 Brand: reference is to the missionary zeal of the eponymous hero in Ibsen's verse drama – the obsessive priest who is prepared to sacrifice his own life and those of his wife and child for the sake of his perceived mission.

Commentary

Format
6p letter, 3 sheets recto-verso, holograph message and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1945)--Jonas, Oswald (c.1945-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Hans Weisse, reproduced with kind permission
License
Permission to publish granted on March 10, 2008 by the heirs of Hans Weisse. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Documents Online, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence[at]mus(dot)cam(dot)ac(dot)uk

Digital version created: 2009-03-13
Last updated: 2010-12-02