Hamburg, 23. Juli 30.

Geliebtester H.! 1

Du kannst Dir sicher das meiste denken! Ich zerreibe mein[corr] Leben, im Bestreben Karli auf Lebensbeine zu stellen. Es ist zu kompliziert Dir von seinen in ihm entstehenden Minderwertigkeitsgefühlen zu berichten, von dem trostlosen Abseits jeder Lebendisziplin. Ich musste einen Arzt zu Rate ziehen. Der hatte den besten Eindruck von dem armen Jungen u. gab mir einen Rat, der sicher der richtigste u. Einzigste war, aber der auch 300 M. monatlich kosten würde. Ich bin gezwungen das Zukunftsleben meines Karls seinem Schicksal zu überlassen. Es wäre eine Sünde den [sic] Ärmsten Vorwürfe zu machen oder ihn mißverständlich in den Augen anderer herunterzusetzen.[corr] Alles muss man bei ihm verstehen; die Tatsachen aber dennoch nicht läugnen [sic]. Wie er sein Leben gestalten kann, ist mein größtes Lebensrätsel! Er wurde gestern 17 Jahre!

Kaum [two characters deleted] rapple ich mich aus einer Finanzmisère heraus, haut mir das Schicksal eine neue auf. Momentan ist es sehr arg. Wie ich Vally letzhin schrieb: Auch Maschinen können nur bis zu einer gewissen Grenze leisten. Auch sie kennen Ermüdungserscheinungen! Wie Gott will!!

Nun habe ich Dich doch anständig angejammert? Dazu musste mir die Liebe Deiner Zeilen=OJ 6/7, [49] verführen. In Wirklichkeit war mein Egoismus der verführerischeste! Dieser will Deine „Revanche“ erzwingen! Schrecklicher als alles ist mir das „Aber“ von Deinem Leben, daß Du versprachst mir nicht vorzuenthalten!!! Dein Werk mit zu erleben, ist doch mein einziges Verbindungsfädchen zur Kunst. {2} Die „modernen“ geistesgeschichtlich eingestellten Musikwissenschaftler, produzieren denselben verruchten Blödsinn wie der preußische Kulturminister es tat. Es giebt nur „Exponenten der Masse“, das Genie ist das Resultat seiner Zeit. So gewiß man in Gestein nicht Getreide anpflanzen kann, so gewiß kann es heute keinen Künstler geben. Humus muss vorhanden sein. Da bestimmte das Genie auch das Ideal-Zeitbild. Geschichtlich wird unsere Zeit eben als Zerfallszeit registriert werden. Deshalb halte ich Dein Werk ursächlich im Zusammenhang mit der Zeit stehend. Du fandest den Ausweg aus ihr, ertobst als Erster die Theorie zur Kunst. Das wird Deine Ausnahmsstellung sein, das konntest Du auch nur machen, weil Du in Deiner ersten Entwicklung noch der reichen Vergangenheit angehörtest. Was ich heute von Dir weiß, werden die Menschen warscheinlich in 50 Jahren sagen. Was soll mich da ein Herr Furtwängler interessieren? Die Leute sind alle sachlich von Dir befangen u. scheinen bescheiden. Sich überlassen, sind sie hochfahrend wie alle heutigen Dummköpfe! Ich kann F. nicht schmecken. Ich habe anders ihn zu sehen Gelegenheit, als Du. Morgen kommt Vally u. Evi vom Urlaub!

Ich höre doch bald Dein „Aber“??!!


Seid innigst begrüßt
in Treue
[signed:] Floriz

© Transcription William Drabkin, 2013


Hamburg, July 23, 1930

My dearest Heinrich, 1

You can certainly imagine most of it! I am destroying my life in my effort to keep little Karl alive and on his feet. It is too complied to give an account of the feelings of inferiority that have taken hold of him, of his dismal aloofness from any of life's functions. I had to take advice from a doctor. He had the best impression of the poor boy and gave me a piece of advice which was surely the most correct and only possible one, but one which would also cost 300 marks each month. I am forced to leave the future of my Karl to his fate. It would be a sin to make criticisms of this poorest creature, or to mistakenly undervalue him in the eyes of others. One must be understandable about him in all respects without, however, denying the facts. How he will be able put his life together is the greatest puzzle of my life! Yesterday he turned seventeen!

Hardly have I wriggled out of one financial misery than Fate clobbers me with a new one. At the moment, things are very difficult. As I recently wrote to Vally: even machines can be productive only up to a certain point. They, too, show signs of being tired! As it is God's will!!

Have I now, after all, complained to you properly? My love for your lines=OJ 6/7, [49] are what lead me astray. In reality, my egoism was what most led me astray! This will bring about your "revenge match." More terrible than anything is the "but" in your life, which you promised to not to withhold from me!!! To be a witness to your work is, after all, the only thread that binds me to my art. {2} The "modern" musicologists, bent on intellectual history, produce the same loathsome nonsense that the Prussian Minister of Culture used to. There is now only "Exponents of the Masses," genius is the product of its time. As certain as one cannot plant grain in solid rock, just as certainly there cannot today be any artists. Humus is required. Genius determined also the ideal conception of its time. Historically, our time will be registered precisely as a time of decay. For this reason I regard your work as standing in a causal relationship with our time. You found the way out of it, the first to proclaim a theory for the art [of music]. That will be your exceptional position, that was also something that only you were able to do, since in your first maturity you belonged to the great riches of the past. What I today know from you, people will probably be saying fifty years from now. Why should a Mr. Furtwängler interest me? The people are all objectively occupied by you and only appear to be modest. Left to their own devices, they are as arrogant as all today's blockheads! I cannot abide Furtwängler; I have had occasion to observe him in a different light than you. Tomorrow Vally and little Eva are returning from holiday!

But may I hear about your "But" soon ??!!


With affectionate greetings
in faithfulness
[signed:] Floriz

© Translation William Drabkin, 2013


Hamburg, 23. Juli 30.

Geliebtester H.! 1

Du kannst Dir sicher das meiste denken! Ich zerreibe mein[corr] Leben, im Bestreben Karli auf Lebensbeine zu stellen. Es ist zu kompliziert Dir von seinen in ihm entstehenden Minderwertigkeitsgefühlen zu berichten, von dem trostlosen Abseits jeder Lebendisziplin. Ich musste einen Arzt zu Rate ziehen. Der hatte den besten Eindruck von dem armen Jungen u. gab mir einen Rat, der sicher der richtigste u. Einzigste war, aber der auch 300 M. monatlich kosten würde. Ich bin gezwungen das Zukunftsleben meines Karls seinem Schicksal zu überlassen. Es wäre eine Sünde den [sic] Ärmsten Vorwürfe zu machen oder ihn mißverständlich in den Augen anderer herunterzusetzen.[corr] Alles muss man bei ihm verstehen; die Tatsachen aber dennoch nicht läugnen [sic]. Wie er sein Leben gestalten kann, ist mein größtes Lebensrätsel! Er wurde gestern 17 Jahre!

Kaum [two characters deleted] rapple ich mich aus einer Finanzmisère heraus, haut mir das Schicksal eine neue auf. Momentan ist es sehr arg. Wie ich Vally letzhin schrieb: Auch Maschinen können nur bis zu einer gewissen Grenze leisten. Auch sie kennen Ermüdungserscheinungen! Wie Gott will!!

Nun habe ich Dich doch anständig angejammert? Dazu musste mir die Liebe Deiner Zeilen=OJ 6/7, [49] verführen. In Wirklichkeit war mein Egoismus der verführerischeste! Dieser will Deine „Revanche“ erzwingen! Schrecklicher als alles ist mir das „Aber“ von Deinem Leben, daß Du versprachst mir nicht vorzuenthalten!!! Dein Werk mit zu erleben, ist doch mein einziges Verbindungsfädchen zur Kunst. {2} Die „modernen“ geistesgeschichtlich eingestellten Musikwissenschaftler, produzieren denselben verruchten Blödsinn wie der preußische Kulturminister es tat. Es giebt nur „Exponenten der Masse“, das Genie ist das Resultat seiner Zeit. So gewiß man in Gestein nicht Getreide anpflanzen kann, so gewiß kann es heute keinen Künstler geben. Humus muss vorhanden sein. Da bestimmte das Genie auch das Ideal-Zeitbild. Geschichtlich wird unsere Zeit eben als Zerfallszeit registriert werden. Deshalb halte ich Dein Werk ursächlich im Zusammenhang mit der Zeit stehend. Du fandest den Ausweg aus ihr, ertobst als Erster die Theorie zur Kunst. Das wird Deine Ausnahmsstellung sein, das konntest Du auch nur machen, weil Du in Deiner ersten Entwicklung noch der reichen Vergangenheit angehörtest. Was ich heute von Dir weiß, werden die Menschen warscheinlich in 50 Jahren sagen. Was soll mich da ein Herr Furtwängler interessieren? Die Leute sind alle sachlich von Dir befangen u. scheinen bescheiden. Sich überlassen, sind sie hochfahrend wie alle heutigen Dummköpfe! Ich kann F. nicht schmecken. Ich habe anders ihn zu sehen Gelegenheit, als Du. Morgen kommt Vally u. Evi vom Urlaub!

Ich höre doch bald Dein „Aber“??!!


Seid innigst begrüßt
in Treue
[signed:] Floriz

© Transcription William Drabkin, 2013


Hamburg, July 23, 1930

My dearest Heinrich, 1

You can certainly imagine most of it! I am destroying my life in my effort to keep little Karl alive and on his feet. It is too complied to give an account of the feelings of inferiority that have taken hold of him, of his dismal aloofness from any of life's functions. I had to take advice from a doctor. He had the best impression of the poor boy and gave me a piece of advice which was surely the most correct and only possible one, but one which would also cost 300 marks each month. I am forced to leave the future of my Karl to his fate. It would be a sin to make criticisms of this poorest creature, or to mistakenly undervalue him in the eyes of others. One must be understandable about him in all respects without, however, denying the facts. How he will be able put his life together is the greatest puzzle of my life! Yesterday he turned seventeen!

Hardly have I wriggled out of one financial misery than Fate clobbers me with a new one. At the moment, things are very difficult. As I recently wrote to Vally: even machines can be productive only up to a certain point. They, too, show signs of being tired! As it is God's will!!

Have I now, after all, complained to you properly? My love for your lines=OJ 6/7, [49] are what lead me astray. In reality, my egoism was what most led me astray! This will bring about your "revenge match." More terrible than anything is the "but" in your life, which you promised to not to withhold from me!!! To be a witness to your work is, after all, the only thread that binds me to my art. {2} The "modern" musicologists, bent on intellectual history, produce the same loathsome nonsense that the Prussian Minister of Culture used to. There is now only "Exponents of the Masses," genius is the product of its time. As certain as one cannot plant grain in solid rock, just as certainly there cannot today be any artists. Humus is required. Genius determined also the ideal conception of its time. Historically, our time will be registered precisely as a time of decay. For this reason I regard your work as standing in a causal relationship with our time. You found the way out of it, the first to proclaim a theory for the art [of music]. That will be your exceptional position, that was also something that only you were able to do, since in your first maturity you belonged to the great riches of the past. What I today know from you, people will probably be saying fifty years from now. Why should a Mr. Furtwängler interest me? The people are all objectively occupied by you and only appear to be modest. Left to their own devices, they are as arrogant as all today's blockheads! I cannot abide Furtwängler; I have had occasion to observe him in a different light than you. Tomorrow Vally and little Eva are returning from holiday!

But may I hear about your "But" soon ??!!


With affectionate greetings
in faithfulness
[signed:] Floriz

© Translation William Drabkin, 2013

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/3, p. 3497 (July 25, 1930): "Von Floriz (Br.): Bericht über den hoffnungslosen Stand Karlis, den er seinem Schicksal überlassen müsse, er selbst sei sehr übermüdet. Er erkundigt sich nach meinem „aber“." ("From Floriz (letter): report about poor Karl's hopeless situation, which he must leave to its fate; he himself is over-tired. He enquires about my 'but.'")

Commentary

Format
2p letter, holograph message and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1945)--Jonas, Oswald (c.1945-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Moriz Violin, reproduced here by kind permission
License
Permission to publish granted by the heirs of Moriz Violin, June 25, 2006. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk

Digital version created: 2013-07-19
Last updated: 2013-07-19