Hamburg, 23. Februar 27.

Liebster H.! 1

Dein liebster Brief= OJ 6/7, [32] hat so viel in mir ausgelöst, daß ich ihn auch gleich beantworten muss. Ich hatte eine sehr schwere Grippe durchgemacht u. lange u. noch unter ihrer Nachwirkung zu leiden. Eine kleine Herzmuskelschwächung, die – angeblich – wieder behebbar ist. Wenn ich Sorgen mir machte, vor allem wegen Karli, der mich braucht. In einer Angelegenheit, die eigentlich Karlis Schicksal ist, wollte ich Dich jedenfalls interpellieren. Vorher aber erst zu einer Mittheilung Deines Briefes. Persönlich ließe sich das besser beschwatzen. Hoffentlich verstehst Du meinen Gedankengang; besser gesagt: verstehe ich ihn auszudrücken. 2

Staat oder Stadt Wien ist ein Begriff: eine Institution. Löblich von ihr, wenn sie ihre Kinder auszeichnen[corr] will. {2} Die Medaille für Kunst u. Wissenschaft, hat seinerzeit nur Brahms u. Dvorak geschmückt. Wird sie jetzt an Hinze u. Schultze verliehen? Der Stadt Wien, oder dem Staate sollst Du sie nicht ablehnen. Ich verstehe dass Du sie ablehnen willst, Da würde ich an die berechtigte Form denken. Die wäre: Ich Heinrich Schenker verkenne nicht die löbliche, schwindelhafte Absicht der Staat. „Ich weiß aber, daß sie nur Exekutor der Vorschläge ist, die ihn in diesem Falle ein Musiker ⍻ machte. Mir ist nicht bewußt daß die Wiener Musiker u. Musikgelehrten offen u. öffentlich mein Künstlerisches Wo[h]lergehen fördern wollen, weshalb ich die Annahme verweigere, um zu verhüten, daß irgend jemand eine billige {3} Gewissensanetlastung sich dadurch leistet, indem[corr] mir durch eine[corr] Hintertürpolitik, durch eine Auszeichnung, eine gnädige Anerkennung bietent wollen.[“]

Es muss verstanden werden, daß Du eine Auszeichnung ablehnst, die Brahms annahm!

Und nun zu meiner Sache!!!! Karli muss vom Hamburger Klima fort. Zu einer Stegreif-Übersiedlung fehlen mir die Kräfte u. alter Wagemut. Ich habe auch keinen finanziellen Hinterhalt. Ich habe mit Artur Schnabel letzthin ausführlich daruber gesprochen. Er hatte 2 Ideen. Eine davon ist für mich nicht ausführbar. Es ist die Berliner Idee, d.h. ich soll nach Berlin übersiedeln u. so lange auf 2 Tage wöchentlich nach Hamburg fahren unterrichten, bis ich meinen Berliner Kreis habe. Die Berliner Hochschule ist voll besetzt.

{4} Dagegen nun ist seine 2te Idee sehr lichtvoll u. kommt meinem Princip näher, nach welchem ich eine Übersiedlung nun dann ausführen kann, wenn ich irgend wo ein Fidum, eine Berufung bekomme. Schnabel vertraute mir an, daß Preußen beabsichtigt Frankfurt a/Mein zu verknotlichen. Er sagte daß da ein großes Werben losgehen wird. Er selbst würde meine Sache im Ministerium unterstützen. Damit ist nicht alles geschehen. Das wichtigste ist, daß eine Frankfurter Persönlichkeit, die er nicht kennt, ein Herr Simon oder Simons gewonnen wird, der allmächtig sein soll. Der Dirigent Klenau in Wien, soll Schwiegersohn dieses Mannes sein. Ich erinner[e] daß Klenau zu Deinen Verehrern zählt?

Bist Du in der Lage, mit Deinem ganzen {5} Einfluß auf ihn einzuwirken? Ich würde dann, in diesem Falle zu Ostern nach Wien kommen, um die Sache mit Deiner Hilfe anzubahnen. Du kannst Dir denken, mit welcher Erregung ich an diese Möglichkeit denke!!! Bitte schreibe mir gleich ein Wort darüber! Verzeihe den konfusen Brief. Er ist das Spiegelbild meiner seelischen u. körperlichen Verfassung. Sowie Karli wieder einen kräftigen[?] Tag hat, will er Dir danken[corr] für das Bild. Einstweilen betraute er mich, Dir es zu sagen. Vally recht abgerackert, Mädi, gottlob famos.


Innigstes von Uns an Euch!
Dein getreuester
[signed:] Floriz

© Transcription William Drabkin, 2013


Hamburg, February 23, 1927

Dearest Heinrich, 1

Your most sweet letter= OJ 6/7, [32] released so much inside me that I must also answer it immediately. I had a serious bout of influenza and suffered a long time from its after-effects. A little weakening of a heart muscle which – apparently – is curable. If I get worried, [it is] above all because of little Karl, who needs me. In a matter – which is in fact Karl's fate – I wanted to question you at any rate. First of all, however, a response to your letter. I could speak more persuasively face to face. I hope that you will understand my train of thought; to put it better: [I hope that] I will know how to express it. 2

The state, or the city of Vienna, is a concept, an institution. It is to its credit if it undertakes to single out its children. {2} Some time ago, the medal for art and science graced only Brahms and Dvořak. Is it to be conferred upon every Tom, Dick or Harry? You should not refuse the city of Vienna, or the state. I understand that you wish to refuse; in that case I would think about the correct form [of the refusal]. This would be: I, Heinrich Schenker, am not ignorant of the laudable [but] bogus intention of the city. "I know, however, that it is merely the executor of recommendations, which in this case a musician ⍻ has made. I am not conscious that the Viennese musicians and music scholars openly and officially wish to promote my artistic welfare, on account of which I hesitate to accept, to protect myself from any person succeeding {3} thereby in unburdening his conscience easily, by offering a condescending recognition via a back-door political act."

It must be understood that you are turning down an honor that Brahms accepted!

And now to my matter!!!! Karl must leave the climate of Hamburg. For an impromptu relocation, I lack the strength and my former bravado. Also, I have no financial reserves. I recently spoke at length about this with Artur Schnabel. He had two ideas. One of them is not possible for me to realize. That is the Berlin idea, that is, I should move to Berlin and commute two days a week to Hamburg until I have established a network in Berlin. The music Hochschule in Berlin is completely full.

{4} On the other hand, his second idea is a very bright one, and is in closer agreement with my principle, according to which I would be able to succeed in moving only if I were to get a fixed position, an appointment somewhere. Schnabel confided to me that Prussia is intending to link up with Frankfurt am Main. He said that there would be a great canvassing for it. He would himself support my cause in the Ministry [of Education]. The most important thing is to win over a Frankfurt personage, whom he does not know, a Mr. Simon or Simons, who is supposed to wield great power. The conductor Klenau in Vienna is supposed to be the son-in-law of this man. If I remember correctly, Klenau is among your admirers.

Are you in a position to appeal to him with all your influence? {5} If that were the case, I would come to Vienna at Easter, in order to prepare the matter with your help. You can well imagine the excitement with which I am thinking about this possibility!!! Please send me a line about this immediately! Excuse the confused letter. It is the mirror image of my emotional and physical constitution. As soon as little Karl has another strong day, he will thank you for the picture. In the meantime, he entrusts me to tell you so. Vally is truly worn out from work; my little girl is, thank goodnes, in great shape.


Most affectionate greetings from us to the two of you!
Your most faithful
[signed:] Floriz

© Translation William Drabkin, 2013


Hamburg, 23. Februar 27.

Liebster H.! 1

Dein liebster Brief= OJ 6/7, [32] hat so viel in mir ausgelöst, daß ich ihn auch gleich beantworten muss. Ich hatte eine sehr schwere Grippe durchgemacht u. lange u. noch unter ihrer Nachwirkung zu leiden. Eine kleine Herzmuskelschwächung, die – angeblich – wieder behebbar ist. Wenn ich Sorgen mir machte, vor allem wegen Karli, der mich braucht. In einer Angelegenheit, die eigentlich Karlis Schicksal ist, wollte ich Dich jedenfalls interpellieren. Vorher aber erst zu einer Mittheilung Deines Briefes. Persönlich ließe sich das besser beschwatzen. Hoffentlich verstehst Du meinen Gedankengang; besser gesagt: verstehe ich ihn auszudrücken. 2

Staat oder Stadt Wien ist ein Begriff: eine Institution. Löblich von ihr, wenn sie ihre Kinder auszeichnen[corr] will. {2} Die Medaille für Kunst u. Wissenschaft, hat seinerzeit nur Brahms u. Dvorak geschmückt. Wird sie jetzt an Hinze u. Schultze verliehen? Der Stadt Wien, oder dem Staate sollst Du sie nicht ablehnen. Ich verstehe dass Du sie ablehnen willst, Da würde ich an die berechtigte Form denken. Die wäre: Ich Heinrich Schenker verkenne nicht die löbliche, schwindelhafte Absicht der Staat. „Ich weiß aber, daß sie nur Exekutor der Vorschläge ist, die ihn in diesem Falle ein Musiker ⍻ machte. Mir ist nicht bewußt daß die Wiener Musiker u. Musikgelehrten offen u. öffentlich mein Künstlerisches Wo[h]lergehen fördern wollen, weshalb ich die Annahme verweigere, um zu verhüten, daß irgend jemand eine billige {3} Gewissensanetlastung sich dadurch leistet, indem[corr] mir durch eine[corr] Hintertürpolitik, durch eine Auszeichnung, eine gnädige Anerkennung bietent wollen.[“]

Es muss verstanden werden, daß Du eine Auszeichnung ablehnst, die Brahms annahm!

Und nun zu meiner Sache!!!! Karli muss vom Hamburger Klima fort. Zu einer Stegreif-Übersiedlung fehlen mir die Kräfte u. alter Wagemut. Ich habe auch keinen finanziellen Hinterhalt. Ich habe mit Artur Schnabel letzthin ausführlich daruber gesprochen. Er hatte 2 Ideen. Eine davon ist für mich nicht ausführbar. Es ist die Berliner Idee, d.h. ich soll nach Berlin übersiedeln u. so lange auf 2 Tage wöchentlich nach Hamburg fahren unterrichten, bis ich meinen Berliner Kreis habe. Die Berliner Hochschule ist voll besetzt.

{4} Dagegen nun ist seine 2te Idee sehr lichtvoll u. kommt meinem Princip näher, nach welchem ich eine Übersiedlung nun dann ausführen kann, wenn ich irgend wo ein Fidum, eine Berufung bekomme. Schnabel vertraute mir an, daß Preußen beabsichtigt Frankfurt a/Mein zu verknotlichen. Er sagte daß da ein großes Werben losgehen wird. Er selbst würde meine Sache im Ministerium unterstützen. Damit ist nicht alles geschehen. Das wichtigste ist, daß eine Frankfurter Persönlichkeit, die er nicht kennt, ein Herr Simon oder Simons gewonnen wird, der allmächtig sein soll. Der Dirigent Klenau in Wien, soll Schwiegersohn dieses Mannes sein. Ich erinner[e] daß Klenau zu Deinen Verehrern zählt?

Bist Du in der Lage, mit Deinem ganzen {5} Einfluß auf ihn einzuwirken? Ich würde dann, in diesem Falle zu Ostern nach Wien kommen, um die Sache mit Deiner Hilfe anzubahnen. Du kannst Dir denken, mit welcher Erregung ich an diese Möglichkeit denke!!! Bitte schreibe mir gleich ein Wort darüber! Verzeihe den konfusen Brief. Er ist das Spiegelbild meiner seelischen u. körperlichen Verfassung. Sowie Karli wieder einen kräftigen[?] Tag hat, will er Dir danken[corr] für das Bild. Einstweilen betraute er mich, Dir es zu sagen. Vally recht abgerackert, Mädi, gottlob famos.


Innigstes von Uns an Euch!
Dein getreuester
[signed:] Floriz

© Transcription William Drabkin, 2013


Hamburg, February 23, 1927

Dearest Heinrich, 1

Your most sweet letter= OJ 6/7, [32] released so much inside me that I must also answer it immediately. I had a serious bout of influenza and suffered a long time from its after-effects. A little weakening of a heart muscle which – apparently – is curable. If I get worried, [it is] above all because of little Karl, who needs me. In a matter – which is in fact Karl's fate – I wanted to question you at any rate. First of all, however, a response to your letter. I could speak more persuasively face to face. I hope that you will understand my train of thought; to put it better: [I hope that] I will know how to express it. 2

The state, or the city of Vienna, is a concept, an institution. It is to its credit if it undertakes to single out its children. {2} Some time ago, the medal for art and science graced only Brahms and Dvořak. Is it to be conferred upon every Tom, Dick or Harry? You should not refuse the city of Vienna, or the state. I understand that you wish to refuse; in that case I would think about the correct form [of the refusal]. This would be: I, Heinrich Schenker, am not ignorant of the laudable [but] bogus intention of the city. "I know, however, that it is merely the executor of recommendations, which in this case a musician ⍻ has made. I am not conscious that the Viennese musicians and music scholars openly and officially wish to promote my artistic welfare, on account of which I hesitate to accept, to protect myself from any person succeeding {3} thereby in unburdening his conscience easily, by offering a condescending recognition via a back-door political act."

It must be understood that you are turning down an honor that Brahms accepted!

And now to my matter!!!! Karl must leave the climate of Hamburg. For an impromptu relocation, I lack the strength and my former bravado. Also, I have no financial reserves. I recently spoke at length about this with Artur Schnabel. He had two ideas. One of them is not possible for me to realize. That is the Berlin idea, that is, I should move to Berlin and commute two days a week to Hamburg until I have established a network in Berlin. The music Hochschule in Berlin is completely full.

{4} On the other hand, his second idea is a very bright one, and is in closer agreement with my principle, according to which I would be able to succeed in moving only if I were to get a fixed position, an appointment somewhere. Schnabel confided to me that Prussia is intending to link up with Frankfurt am Main. He said that there would be a great canvassing for it. He would himself support my cause in the Ministry [of Education]. The most important thing is to win over a Frankfurt personage, whom he does not know, a Mr. Simon or Simons, who is supposed to wield great power. The conductor Klenau in Vienna is supposed to be the son-in-law of this man. If I remember correctly, Klenau is among your admirers.

Are you in a position to appeal to him with all your influence? {5} If that were the case, I would come to Vienna at Easter, in order to prepare the matter with your help. You can well imagine the excitement with which I am thinking about this possibility!!! Please send me a line about this immediately! Excuse the confused letter. It is the mirror image of my emotional and physical constitution. As soon as little Karl has another strong day, he will thank you for the picture. In the meantime, he entrusts me to tell you so. Vally is truly worn out from work; my little girl is, thank goodnes, in great shape.


Most affectionate greetings from us to the two of you!
Your most faithful
[signed:] Floriz

© Translation William Drabkin, 2013

Footnotes

1 Receipt of this letter is mentioned in Schenker's diary at OJ 3/9, p. 3041 (February 26, 1927): "Von Fl. (Br.): begreift, daß ich das Ehrenzeichen ablehne u. deutet einen Gedankengang an, den ich zur Begründung der Ablehnung vorschieben solle. Bittet um Klenaus Vermittlung bei dessen Schwiegervater wegen einer zu errichtenden fixen Stelle in Frankfurt." ("From Floriz (letter): he understands that I am turning down the Order of Merit and indicates a way of thinking that I should advance in order to justify turning it down. He asks for Klenau's intervention, through his father-in-law, regarding a fixed post that is to be established in Frankfurt.")

2 No paragraph-break in source.

Commentary

Format
5p letter, Bogen format, holograph message and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1945)--Jonas, Oswald (c.1945-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Moriz Violin, reproduced here by kind permission
License
Permission to publish granted by the heirs of Moriz Violin, June 25, 2006. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk

Digital version created: 2013-07-12
Last updated: 2013-07-12