25. IX.

Hochverehrter Herr Doktor! 1

Ich möchte Ihnen zunächst nur herzlich danken für Ihren lieben Brief, 2 der mich sehr, sehr gefreut hat! Auch für die Mühe, die Sie sich mit der Zusammenstellung der Adressen gemacht haben, innigen Dank! – Was Sie von Herrn Hob. schreiben, ist sehr betrüblich, für mich schon deshalb, weil er zu mir persönlich wirklich ungemein freundlich war; gerade gestern kam wieder ein Brief – eine Antwort wegen der „Einführung.“ Er fragt mich, wieviel schon subscribiert worden ist und wieviel notwendig ist. Ich vermute, daß er eben darüber orientiert sein will – ich schreibe ihm jedenfalls, was mein Vertrag mit dem Verlag enthält, daß 400 Exemplare notwendig sind. Freilich über die Zahl der bisherigen Subscribenten kann ich noch garnichts sagen.

Ich will auch Furtwängler schreiben, der ist aber {2} noch nicht in Berlin. – Neulich war ich bei Breithaupt, 3 der mir alles mögliche versprach, vor allem bei der „Musik“ – was aber nicht verhinderte, daß ich nach zwei Tagen beiliegenden Artikel von der Musik 4 zurückbekam. Seltsam, da es eine Erwiderung auf einen doch erschienenen Aufsatz ist, aber das ist den Herren unbequem, sie sind auch so „mit Material überhäuft“! (Über allen möglichen Quark nämlich!)

Von Dr. Einstein bekam ich eine Unzahl Bücher zur Besprechung (darunter Grabner „Lineare Satz[“] 5 und dgl. – aber auch ein entzückendes Chopin Buch, Dokumente von Binenthal 6 mit sehr hübschen unveröffentlichten Sachen, auch Facsimiles von Autographen!) Vielleicht freute es Sie, noch zu hören daß ich am 30. IX im Rundfunk einen Vortrag habe (Fantasien für Klavier) natürlich sehr populär, und einen [in der] „Deutsche[n] Welle“ am 16. X. über das „Klavierbüchlein 1722“. 7 In {3} Berlin sind solche Dinge doch eher möglich als in Wien. Auch mein Kurs beginnt wieder am 1 Okt. im Konserv. Ein Vortrag im Rundfunk über das „Archiv“ ist so gut wie angenommen. Haben Sie übrigens schon das Heft der „Cäcilia 8 erhalten, das ich Ihnen zukommen ließ? Darin ist ein Aufsatz über das Archiv, den eine Bekannte von mir ins Holländische übersetzt hat.

Meine Schülerin, Frau Sandra Droucker, 9 hält diese Woche in Oslo einen Vortrag über „Schenker“! – Daß Sie so gütig sein wollen, mir sachliche Ratschläge zu erteilen, nehme ich mit tausend Dank an. – Für heute begrüße ich Sie, Ihnen nochmals herzlichst dankend. Empfehlen Sie mich bitte Ihrer Frau Gemahlin!


Ihr ergebenster
[signed:] Oswald Jonas

Auf Vrieslander bin ich sehr gespannt.

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2006, 2011


September 25

Highly revered Dr. [Schenker], 1

I want first of all to thank you most heartily for your gracious letter, 2 which made me very, very happy! Thank you too for your care in compiling the list of addresses! ‒ What you write about Mr. Hoboken is very disappointing, for me merely because he was really uncommonly friendly to me; just yesterday again a letter came ‒ a reply about the Introduction. He asks how many have already subscribed and how many are necessary. I presume that he wants orientation about exactly that. I will write him in any event what my contract with the press stipulates, that 400 copies are necessary. Of course, I can say nothing at all about the number of subscribers to date.

I want also to write Furtwängler, who is however {2} not yet in Berlin. ‒ I was recently with Breithaupt, 3 who promised me everything one can think of, above all at Die Musik – which promise, however, did not avert the return by Die Musik , after two days, of the accompanying article. 4 Strange, because it is a reply to an essay that was published; but that is inconvenient for the gentlemen ‒ they are "inundated with material"! (About all manner of junk, to be exact!)

From Dr. Einstein I received a plethora of books for review (including Grabner, Der lineare Satz 5 and the like ‒ also a captivating Chopin book, documents [edited] by Binental 6 with very beautiful unpublished things, also facsimiles of autographs!). It may please you to hear as well that on September 30 I have a lecture on the radio (Fantasies for Piano), naturally very popular, and on October 16 a lecture on the "Deutsche Welle" about the "Clavierbüchlein 1722"" 7 In {3} Berlin such things are more easily possible than in Vienna. And, my course begins again on October 1 at the Conservatory. A radio lecture about the "Archive" is as good as accepted. Have you, by the way, already received the volume of Cäcilia 8 that I directed him to send you? It contains an essay about the Archive, which an acquaintance of mine translated into Dutch.

My pupil Frau Sandra Droucker 9 gives a lecture this week in Oslo on "Schenker"! – Many thanks for your gracious willingness to give me professional advice. ‒ For today I greet you with warmest thanks. Do commend me to your wife!


Your most devoted
[signed:] Oswald Jonas

I am very much looking forward to the Vrieslander.

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2006, 2011


25. IX.

Hochverehrter Herr Doktor! 1

Ich möchte Ihnen zunächst nur herzlich danken für Ihren lieben Brief, 2 der mich sehr, sehr gefreut hat! Auch für die Mühe, die Sie sich mit der Zusammenstellung der Adressen gemacht haben, innigen Dank! – Was Sie von Herrn Hob. schreiben, ist sehr betrüblich, für mich schon deshalb, weil er zu mir persönlich wirklich ungemein freundlich war; gerade gestern kam wieder ein Brief – eine Antwort wegen der „Einführung.“ Er fragt mich, wieviel schon subscribiert worden ist und wieviel notwendig ist. Ich vermute, daß er eben darüber orientiert sein will – ich schreibe ihm jedenfalls, was mein Vertrag mit dem Verlag enthält, daß 400 Exemplare notwendig sind. Freilich über die Zahl der bisherigen Subscribenten kann ich noch garnichts sagen.

Ich will auch Furtwängler schreiben, der ist aber {2} noch nicht in Berlin. – Neulich war ich bei Breithaupt, 3 der mir alles mögliche versprach, vor allem bei der „Musik“ – was aber nicht verhinderte, daß ich nach zwei Tagen beiliegenden Artikel von der Musik 4 zurückbekam. Seltsam, da es eine Erwiderung auf einen doch erschienenen Aufsatz ist, aber das ist den Herren unbequem, sie sind auch so „mit Material überhäuft“! (Über allen möglichen Quark nämlich!)

Von Dr. Einstein bekam ich eine Unzahl Bücher zur Besprechung (darunter Grabner „Lineare Satz[“] 5 und dgl. – aber auch ein entzückendes Chopin Buch, Dokumente von Binenthal 6 mit sehr hübschen unveröffentlichten Sachen, auch Facsimiles von Autographen!) Vielleicht freute es Sie, noch zu hören daß ich am 30. IX im Rundfunk einen Vortrag habe (Fantasien für Klavier) natürlich sehr populär, und einen [in der] „Deutsche[n] Welle“ am 16. X. über das „Klavierbüchlein 1722“. 7 In {3} Berlin sind solche Dinge doch eher möglich als in Wien. Auch mein Kurs beginnt wieder am 1 Okt. im Konserv. Ein Vortrag im Rundfunk über das „Archiv“ ist so gut wie angenommen. Haben Sie übrigens schon das Heft der „Cäcilia 8 erhalten, das ich Ihnen zukommen ließ? Darin ist ein Aufsatz über das Archiv, den eine Bekannte von mir ins Holländische übersetzt hat.

Meine Schülerin, Frau Sandra Droucker, 9 hält diese Woche in Oslo einen Vortrag über „Schenker“! – Daß Sie so gütig sein wollen, mir sachliche Ratschläge zu erteilen, nehme ich mit tausend Dank an. – Für heute begrüße ich Sie, Ihnen nochmals herzlichst dankend. Empfehlen Sie mich bitte Ihrer Frau Gemahlin!


Ihr ergebenster
[signed:] Oswald Jonas

Auf Vrieslander bin ich sehr gespannt.

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2006, 2011


September 25

Highly revered Dr. [Schenker], 1

I want first of all to thank you most heartily for your gracious letter, 2 which made me very, very happy! Thank you too for your care in compiling the list of addresses! ‒ What you write about Mr. Hoboken is very disappointing, for me merely because he was really uncommonly friendly to me; just yesterday again a letter came ‒ a reply about the Introduction. He asks how many have already subscribed and how many are necessary. I presume that he wants orientation about exactly that. I will write him in any event what my contract with the press stipulates, that 400 copies are necessary. Of course, I can say nothing at all about the number of subscribers to date.

I want also to write Furtwängler, who is however {2} not yet in Berlin. ‒ I was recently with Breithaupt, 3 who promised me everything one can think of, above all at Die Musik – which promise, however, did not avert the return by Die Musik , after two days, of the accompanying article. 4 Strange, because it is a reply to an essay that was published; but that is inconvenient for the gentlemen ‒ they are "inundated with material"! (About all manner of junk, to be exact!)

From Dr. Einstein I received a plethora of books for review (including Grabner, Der lineare Satz 5 and the like ‒ also a captivating Chopin book, documents [edited] by Binental 6 with very beautiful unpublished things, also facsimiles of autographs!). It may please you to hear as well that on September 30 I have a lecture on the radio (Fantasies for Piano), naturally very popular, and on October 16 a lecture on the "Deutsche Welle" about the "Clavierbüchlein 1722"" 7 In {3} Berlin such things are more easily possible than in Vienna. And, my course begins again on October 1 at the Conservatory. A radio lecture about the "Archive" is as good as accepted. Have you, by the way, already received the volume of Cäcilia 8 that I directed him to send you? It contains an essay about the Archive, which an acquaintance of mine translated into Dutch.

My pupil Frau Sandra Droucker 9 gives a lecture this week in Oslo on "Schenker"! – Many thanks for your gracious willingness to give me professional advice. ‒ For today I greet you with warmest thanks. Do commend me to your wife!


Your most devoted
[signed:] Oswald Jonas

I am very much looking forward to the Vrieslander.

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2006, 2011

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/5, p. 3777, September 26, 1932: "Von Jonas (Br.): Bericht über den Stand des Werkes ‒ über v. H.s Stellungnahme, über kommende Vorträge in Berlin; Frau Sandra Drucker spricht in Oslo über Schenker! Beigelegt ein sehr guter Aufsatz gegen Riezler, den die „Musik“ trotz Breithaupts Empfehlung abgelehnt hat! Er, Jonas, empfiehlt mir ein neues Büchlein über Chopin von Bienenthal." ("From Jonas (letter): Report on the state of play with the work ‒ about van Hoboken's attitude, about forthcoming lectures in Berlin; Mrs Sandra Drucker speaks on Schenker in Oslo! A very good essay contra Riezler enclosed, which Die Musik has turned down despite Breithaupt's recommendation! He, Jonas, recommends a new booklet to me about Chopin by Bienenthal.").

2 The letter OJ 5/18, 14 rather than OJ 5/18, 15, written the previous day and probably not yet received.

3 Perhaps Rudolf Maria Breithaupt (1873–1945), pupil of Liszt, piano professor at the Berlin Hochschule für Musik, author of Die natürliche Klavierthechnik. Die freie, rhythmisch-natürliche Bewegung (Automatik) des gesamtes Spielorganismus (Schulter, Arme, Hände, Finger) als Grundlage der "klavieristischen" Technik (Leipzig: Kahnt Nachf., 1905–19).

4 Possibly a response by Jonas to Walter Riezler, "Die Urlinie," in Die Musik XXII/7 (April, 1930); see OJ 5/18, 2 and OJ 12/6, [16].

5 Hermann Grabner, Der lineare Satz; ein Lehrbuch des Kontrapunktes (Stuttgart, 1930).

6 Leopold Binental, Chopin: Dokumente und Erinnerungen aus seiner Heimatstadt (Leipzig: Breitkopf u. Härtel, 1932).

7 The smaller "Clavierbüchlein vor Anna Magdalena Bach". Cf. OJ 12/6, [14].

8 See OJ 12/6 [16] and OJ 12/6, [18].

9 Sandra Droucker is found playing the Beethoven Piano Concerto No.4 with the Berlin Philharmonic in Oslo on March 27, 1913 (http://www.arbiterrecords.com/notes/140notes.html); three Debussy pieces in a concert on January 27, 1914, in Sweden (http://www.hf.uio.no/imv/forskning/forskningsprosjekter/norgesmusikk/bulletin/1/oversikt.html); the Brahms Piano Concerto No.2 with Furtwängler in Hamburg on March 13, 1914 (http://www.furtwangler.net/doc/WF06-22.doc), where she is described as “the piano teacher of Emperor Wilhelm II's daughter”; she recorded the Chopin G major Nocture, Op.37 for Welte Mignon piano rolls (http://www.usc.edu/libraries/archives/arc/findingaids/welte/176WelteRolls.pdf); is described a “piano teacher” in an ÖNB database (http://ezines.onb.ac.at:8080/moravec/pub/schr/1581.htm);and was author of Et blad av Oslos musikkhistorie (1945).

Commentary

Format
3-p letter, oblong format, holograph message and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Oswald Jonas, published by kind permission
License
Permission to publish granted by the heirs of Oswald Jonas October 20, 1913

Digital version created: 2015-08-24