15. XII 32

Sehr verehrter Herr Doktor! 1

Vielen Dank für Ihren lieben Brief. 2 Den „Kunstwart“ 3 habe ich indes gelesen; die wenigen Zeilen in der „Selbstanzeige“ haben mich wirklich erschüttert, weil sie so ganz kraß einem die Lage vor Augen bringen. Freilich – die Wahrheit hat ja jederzeit ein kümmerliches Dasein gefristet und war stets unbeliebt, weil unbequem. Auf breite Wirkung kann sie nicht berechnet sein. Gerade bei dieser Lektüre hatte ich so stark das Bedürfnis, Ihnen meinen innigsten Dank für Ihr Werk auszusprechen und zu sagen, wie ich stets davon erfüllt bin, was Sie mir gegeben haben.

Gestern war ich bei Dr Furtwängler – es war eine sehr schöne und genußreiche Stunde, in der wir uns über alles mögliche unterhielten – auch Kurth u. dgl. Er gab mir den „Saul“ 4 mit, ich habe ihn natürlich erst ganz flüchtig durchgesehen, möchte Sie aber fragen, ob es außerdem eine ausgeschriebene Orgelstimme gibt. – Ich möchte nun gerne darüber etwas schreiben, vielleicht am besten für das Händel Jahrbuch, das Dr Steglich herausgab und wo im letzten Band von den Mendelssohn Bearbeitungen die Rede ist. Dr Einstein muß ja sparsam sein mit Notenbeispielen. Na, schön!

{2} Von Hob. habe ich nichts weiteres gehört, ich warte also nun bis Anfang Jänner, bis er bei Ihnen gewesen ist. Es muß für ihn ja wirklich kein behagliches Gefühl sein, zu merken, daß man immer auf ihn rechnet. – Anbei sende ich Ihnen ein Exemplar der Besprechung 5 – ich habe sie erst heute bekommen. Nun wünsche ich Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin noch recht, recht angenehme Feiertage, volle Gesundheit und bleibe


Ihr stets dankbarer
[signed:] Oswald Jonas

Die Besprechung ist auch im Novemberheft der „Cäcilia“ 6 – holländisch übersetzt.

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2006, 2011


December 15, 1932

Dear Dr. [Schenker], 1

Thank you so much for your kind letter. 2 I have meanwhile read [your article in] Der Kunstwart ; 3 the few lines in the "autobiographical sketch" were truly moving, because they so vividly depict the situation. Certainly ‒ truth has always endured a miserable existence and was always unloved, because inconvenient. It cannot be expected to exert a broad influence. Just in reading this I felt so strongly the need to express my most profound gratitude to you for your work and to say how ever deeply engrossed I am with what you have given me.

Yesterday I spent some time with Dr. Furtwängler ‒ it was a very pleasant and satisfying visit, in which we discussed everything imaginable ‒ including Kurth, etc. He gave me Saul 4 to take along; I naturally looked through it at the outset only in the most cursory manner, but would like to ask you whether there is also a written-out organ part. – I would like to write something about it, perhaps best of all for the Handel Jahrbuch, which Dr. Steglich edited and of which the latest issue includes discussion of the Mendelssohn arrangements. Dr. Einstein has to be frugal with musical examples. Fine!

{2} I have heard nothing further from van Hoboken, thus I'll wait now until the beginning of January, until he has visited you. It must be no comfortable feeling for him that everybody always depends on him. I send you herewith a copy of the review 5 ‒ received only today. Now I wish you and your wife very, very pleasant holidays, best health, and I remain


Ihr stets dankbarer
[signed:] Oswald Jonas

The review is also in the November issue of Cäcilia 6 ‒ translated into Dutch.

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2006, 2011


15. XII 32

Sehr verehrter Herr Doktor! 1

Vielen Dank für Ihren lieben Brief. 2 Den „Kunstwart“ 3 habe ich indes gelesen; die wenigen Zeilen in der „Selbstanzeige“ haben mich wirklich erschüttert, weil sie so ganz kraß einem die Lage vor Augen bringen. Freilich – die Wahrheit hat ja jederzeit ein kümmerliches Dasein gefristet und war stets unbeliebt, weil unbequem. Auf breite Wirkung kann sie nicht berechnet sein. Gerade bei dieser Lektüre hatte ich so stark das Bedürfnis, Ihnen meinen innigsten Dank für Ihr Werk auszusprechen und zu sagen, wie ich stets davon erfüllt bin, was Sie mir gegeben haben.

Gestern war ich bei Dr Furtwängler – es war eine sehr schöne und genußreiche Stunde, in der wir uns über alles mögliche unterhielten – auch Kurth u. dgl. Er gab mir den „Saul“ 4 mit, ich habe ihn natürlich erst ganz flüchtig durchgesehen, möchte Sie aber fragen, ob es außerdem eine ausgeschriebene Orgelstimme gibt. – Ich möchte nun gerne darüber etwas schreiben, vielleicht am besten für das Händel Jahrbuch, das Dr Steglich herausgab und wo im letzten Band von den Mendelssohn Bearbeitungen die Rede ist. Dr Einstein muß ja sparsam sein mit Notenbeispielen. Na, schön!

{2} Von Hob. habe ich nichts weiteres gehört, ich warte also nun bis Anfang Jänner, bis er bei Ihnen gewesen ist. Es muß für ihn ja wirklich kein behagliches Gefühl sein, zu merken, daß man immer auf ihn rechnet. – Anbei sende ich Ihnen ein Exemplar der Besprechung 5 – ich habe sie erst heute bekommen. Nun wünsche ich Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin noch recht, recht angenehme Feiertage, volle Gesundheit und bleibe


Ihr stets dankbarer
[signed:] Oswald Jonas

Die Besprechung ist auch im Novemberheft der „Cäcilia“ 6 – holländisch übersetzt.

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2006, 2011


December 15, 1932

Dear Dr. [Schenker], 1

Thank you so much for your kind letter. 2 I have meanwhile read [your article in] Der Kunstwart ; 3 the few lines in the "autobiographical sketch" were truly moving, because they so vividly depict the situation. Certainly ‒ truth has always endured a miserable existence and was always unloved, because inconvenient. It cannot be expected to exert a broad influence. Just in reading this I felt so strongly the need to express my most profound gratitude to you for your work and to say how ever deeply engrossed I am with what you have given me.

Yesterday I spent some time with Dr. Furtwängler ‒ it was a very pleasant and satisfying visit, in which we discussed everything imaginable ‒ including Kurth, etc. He gave me Saul 4 to take along; I naturally looked through it at the outset only in the most cursory manner, but would like to ask you whether there is also a written-out organ part. – I would like to write something about it, perhaps best of all for the Handel Jahrbuch, which Dr. Steglich edited and of which the latest issue includes discussion of the Mendelssohn arrangements. Dr. Einstein has to be frugal with musical examples. Fine!

{2} I have heard nothing further from van Hoboken, thus I'll wait now until the beginning of January, until he has visited you. It must be no comfortable feeling for him that everybody always depends on him. I send you herewith a copy of the review 5 ‒ received only today. Now I wish you and your wife very, very pleasant holidays, best health, and I remain


Ihr stets dankbarer
[signed:] Oswald Jonas

The review is also in the November issue of Cäcilia 6 ‒ translated into Dutch.

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2006, 2011

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/6, p. 3798, December 16, 1932: "Von Jonas (Br.): war bei Furtwängler, erhielt den „Saul“ zur Durchsicht; ist erschüttert von der „Selbstanzeige“; fragt nach Brahms’ Orgelstimme." ("From Jonas (letter): he was with Furtwängler, received Saul for examination; is moved by the "Selbstanzeige"; he asks about the organ part in Brahms's [arrangement of Saul].").

2 = OJ 5/18, 17.

3 "Eine Anzeige und eine Selbstanzeige," Der Kunstwart 46 (December 1932), 194‒96.

4 See OJ 12/6, 11, footnote.

5 Jonas's review of Schenker's Das Meisterwerk in der Musik III.

6 Cf. OJ 12/6, [38] and OJ 12/6, [16].

Commentary

Format
2-p letter, holograph message and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Oswald Jonas, published by kind permission
License
Permission to publish granted by the heirs of Oswald Jonas October 20, 1913

Digital version created: 2015-10-14