14. Juli 1932

Sehr verehrter Herr Doktor! 1

Seit einer Woche bin ich nun in Wien und arbeite im Photogrammarchiv. – In Berlin gab es nicht mehr viel Neues – trotz eifrigstem Telephonieren war eine Zusammenkunft mit Dr Furtwängler nicht mehr möglich, er war nicht allzulange in Berlin und stets mit Probespielen beim Orchester überbeschäftigt. So mußte unsere Zusammenkunft wegen des Brahms-Händel Saul 2 für den September gelassen werden, was mir sehr leid tut, da ich ja gerne die Zeit jetzt im Sommer dazu benützt hätte; ich versuche es aber noch bei der Ges. d. Musikfreunde, da die National-bibl. ohnedies morgen gesperrt wird.

Herr Kromer hat übrigens ein Exemplar {2} von op. 109 abzugeben und ich soll Sie fragen, ob Sie es für sich haben möchten, andernfalls würde er es mir überlassen, da es ja sonst nicht weitergegeben werden darf. Ich war vergangenen Montag neu[er]lich mit Herrn Hoboken in Berlin zusammen, er erzählte mir viel von den Urlinietafeln, 3 auch Dr Salzer gab mir jetzt seine Ausarbeitungen von Haydn und Bach. 4

Nun eine große Sache: ich habe schon im Frühjahr – glaube ich – in einem Brief angedeutet, daß ich mich mit einer „Einführung in die Lehre Sch.’s“ 5 befasse – das ist nun indes greifbarer geworden, die Ferienmonate möchte ich vollends zur letzten Ausarbeitung benützen und habe auch mit meinem Vetter, der einen ziemlich angesehenen Verlag besitzt (Saturn Verlag) darüber gesprochen. (Vielleicht erinnern Sie sich, {3} seinerzeit bei der Zeitschriftenfrage) 6 war er auch dabei). Dr. Ungar meint, daß der Subscriptionsweg für die Herausgabe das sicherste wäre und ich möchte Sie nun fragen, ob Sie irgend ein Adressenmaterial für solche Einladungen hätten und es eventuell zur Verfügung stellen würden. Das Buch soll für die bestimmt sein, denen das Jahrbuch als Anfang zu schwierig ist, die Harmonielehre (die außerdem nicht zu haben ist) aber zu wenig des Eigentlichen bietet – für Lehrer, als erster Weg, dementsprechend nicht zu umfangreich – aber stets betonend, daß es sich hier um die Kunst vor allem handelt, also nicht etwas Nurhandwerkliches (wenn auch soviel Handwerkliches vorausgesetzt ist) und Absoluterlernbares. Wenn es dem Buch nur gelänge, wieder einige zum näheren Befassen mit dem Werke {4} anzuregen, wäre sein Zweck vollkommen erfüllt. 7

Ich hoffe, Sie verbringen recht schön und in voller Gesundheit den Sommer, ebenso wie Ihre werte Frau Gemahlin.

Von Dr Einstein kam heute ein großes Bücherpaket zur Besprechung. Jahrbuch III 8 erscheint im nächsten oder übernächsten Heft; ich möchte dann sofort auch über die [Urlinie-]Tafeln schreiben, wenn Sie erlauben!

Indes verbleibe ich mit der [recte den] ergebensten Grüßen an Sie und Ihre Frau Gemahlin


Ihr stets dankbarer
[signed:] Oswald Jonas

III Untere Weißgärberstr 3F

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2006, 2011


July 14, 1932

Dear Dr. [Schenker], 1

I am now a week back in Vienna and working at the Photogrammarchiv. – In Berlin there was no longer very much happening – despite most assiduous telephoning, a conference with Dr. Furtwängler was no longer possible; he was not too long in Berlin and was constantly overburdened with auditions for the orchestra. Thus our conference concerning Brahms-Handel Saul 2 had to be left for September, which I regret very much, since I would have liked to use the time now in summer for that purpose; but I will try again at the Gesellschaft der Musikfreunde, since the National Library will in any case be closed tomorrow.

Mr. Kromer, incidentally, has provided a copy {2} of Op. 109 and I am to ask you whether you would like to have it for yourself; otherwise he would give it to me, since it is not to be further passed on. Last Monday I was again with Mr. Hoboken in Berlin; he related much to me about the Urlinietafeln ; 3 and Dr. Salzer now gave me his final versions of Haydn and Bach. 4

Now an important matter: already in spring – I believe – I intimated in a letter that I might work on an Introduction to the Theory of Schenker 5 – that has meanwhile become more feasible; I would like to use the vacation months exclusively for the final completion and have also spoken about it with my cousin, who owns a quite reputable press (Saturn Verlag). (Perhaps you recall {3} back then, in the Festschrift matter,) 6 he was also present.) Dr. Ungar thinks that the subscription route would be the safest for the publication, and I would like to ask you whether you have any address material for such invitations and would possibly make it available. The book is intended for those for whom the Yearbook would be too difficult as a beginning, the Harmonielehre (which, besides, is unobtainable) on the other hand offers too little of the real substance – for teachers, as a first path, accordingly not too voluminous – but always emphasizing that here it is art above all that is under consideration, thus not something purely skill-related (even if so much skill is presupposed) and absolutely learnable. If the book succeeded only in motivating a few to closer study of the teaching, {4} its purpose would have been completely served. 7

I hope that you are having a really pleasant summer in full health, and wish the same to your good wife.

A large packet of books for review arrived today from Dr. Einstein. Yearbook 3 8 appears in the next issue or the one after; I would then like to write immediately on the [Urlinie-]Tafeln , if you permit!

Meanwhile I remain, with most sincere greetings to you and your wife,


Your ever grateful
[signed:] Oswald Jonas

[Vienna] III, Untere Weißgärberstraße 3F

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2006, 2011


14. Juli 1932

Sehr verehrter Herr Doktor! 1

Seit einer Woche bin ich nun in Wien und arbeite im Photogrammarchiv. – In Berlin gab es nicht mehr viel Neues – trotz eifrigstem Telephonieren war eine Zusammenkunft mit Dr Furtwängler nicht mehr möglich, er war nicht allzulange in Berlin und stets mit Probespielen beim Orchester überbeschäftigt. So mußte unsere Zusammenkunft wegen des Brahms-Händel Saul 2 für den September gelassen werden, was mir sehr leid tut, da ich ja gerne die Zeit jetzt im Sommer dazu benützt hätte; ich versuche es aber noch bei der Ges. d. Musikfreunde, da die National-bibl. ohnedies morgen gesperrt wird.

Herr Kromer hat übrigens ein Exemplar {2} von op. 109 abzugeben und ich soll Sie fragen, ob Sie es für sich haben möchten, andernfalls würde er es mir überlassen, da es ja sonst nicht weitergegeben werden darf. Ich war vergangenen Montag neu[er]lich mit Herrn Hoboken in Berlin zusammen, er erzählte mir viel von den Urlinietafeln, 3 auch Dr Salzer gab mir jetzt seine Ausarbeitungen von Haydn und Bach. 4

Nun eine große Sache: ich habe schon im Frühjahr – glaube ich – in einem Brief angedeutet, daß ich mich mit einer „Einführung in die Lehre Sch.’s“ 5 befasse – das ist nun indes greifbarer geworden, die Ferienmonate möchte ich vollends zur letzten Ausarbeitung benützen und habe auch mit meinem Vetter, der einen ziemlich angesehenen Verlag besitzt (Saturn Verlag) darüber gesprochen. (Vielleicht erinnern Sie sich, {3} seinerzeit bei der Zeitschriftenfrage) 6 war er auch dabei). Dr. Ungar meint, daß der Subscriptionsweg für die Herausgabe das sicherste wäre und ich möchte Sie nun fragen, ob Sie irgend ein Adressenmaterial für solche Einladungen hätten und es eventuell zur Verfügung stellen würden. Das Buch soll für die bestimmt sein, denen das Jahrbuch als Anfang zu schwierig ist, die Harmonielehre (die außerdem nicht zu haben ist) aber zu wenig des Eigentlichen bietet – für Lehrer, als erster Weg, dementsprechend nicht zu umfangreich – aber stets betonend, daß es sich hier um die Kunst vor allem handelt, also nicht etwas Nurhandwerkliches (wenn auch soviel Handwerkliches vorausgesetzt ist) und Absoluterlernbares. Wenn es dem Buch nur gelänge, wieder einige zum näheren Befassen mit dem Werke {4} anzuregen, wäre sein Zweck vollkommen erfüllt. 7

Ich hoffe, Sie verbringen recht schön und in voller Gesundheit den Sommer, ebenso wie Ihre werte Frau Gemahlin.

Von Dr Einstein kam heute ein großes Bücherpaket zur Besprechung. Jahrbuch III 8 erscheint im nächsten oder übernächsten Heft; ich möchte dann sofort auch über die [Urlinie-]Tafeln schreiben, wenn Sie erlauben!

Indes verbleibe ich mit der [recte den] ergebensten Grüßen an Sie und Ihre Frau Gemahlin


Ihr stets dankbarer
[signed:] Oswald Jonas

III Untere Weißgärberstr 3F

© Transcription John Rothgeb & Heribert Esser, 2006, 2011


July 14, 1932

Dear Dr. [Schenker], 1

I am now a week back in Vienna and working at the Photogrammarchiv. – In Berlin there was no longer very much happening – despite most assiduous telephoning, a conference with Dr. Furtwängler was no longer possible; he was not too long in Berlin and was constantly overburdened with auditions for the orchestra. Thus our conference concerning Brahms-Handel Saul 2 had to be left for September, which I regret very much, since I would have liked to use the time now in summer for that purpose; but I will try again at the Gesellschaft der Musikfreunde, since the National Library will in any case be closed tomorrow.

Mr. Kromer, incidentally, has provided a copy {2} of Op. 109 and I am to ask you whether you would like to have it for yourself; otherwise he would give it to me, since it is not to be further passed on. Last Monday I was again with Mr. Hoboken in Berlin; he related much to me about the Urlinietafeln ; 3 and Dr. Salzer now gave me his final versions of Haydn and Bach. 4

Now an important matter: already in spring – I believe – I intimated in a letter that I might work on an Introduction to the Theory of Schenker 5 – that has meanwhile become more feasible; I would like to use the vacation months exclusively for the final completion and have also spoken about it with my cousin, who owns a quite reputable press (Saturn Verlag). (Perhaps you recall {3} back then, in the Festschrift matter,) 6 he was also present.) Dr. Ungar thinks that the subscription route would be the safest for the publication, and I would like to ask you whether you have any address material for such invitations and would possibly make it available. The book is intended for those for whom the Yearbook would be too difficult as a beginning, the Harmonielehre (which, besides, is unobtainable) on the other hand offers too little of the real substance – for teachers, as a first path, accordingly not too voluminous – but always emphasizing that here it is art above all that is under consideration, thus not something purely skill-related (even if so much skill is presupposed) and absolutely learnable. If the book succeeded only in motivating a few to closer study of the teaching, {4} its purpose would have been completely served. 7

I hope that you are having a really pleasant summer in full health, and wish the same to your good wife.

A large packet of books for review arrived today from Dr. Einstein. Yearbook 3 8 appears in the next issue or the one after; I would then like to write immediately on the [Urlinie-]Tafeln , if you permit!

Meanwhile I remain, with most sincere greetings to you and your wife,


Your ever grateful
[signed:] Oswald Jonas

[Vienna] III, Untere Weißgärberstraße 3F

© Translation John Rothgeb & Heribert Esser, 2006, 2011

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/5, p. 3749, July 15, 1932: "Von Jonas (Br.): über eine „Einführung in Schenkers Werk“ ‒ auf Subscription ?!? Hat bei Einstein etwas untergebracht." ("From Jonas (letter): about an Introduction to Schenker's Work ‒ on subscription ?!? He has been offered work by Einstein.").

2 Brahms's arrangement for performance of Handel's Saul is among the autograph materials in the Gesellschaft der Musikfreunde in Vienna. Schenker had transcribed and edited this document, which he subsequently gave to Furtwängler (see OJ 5/18, 9) who in turn made it available to Jonas (see OJ 5/18, 21) for study and the writing of a commentary.

3 Urlinietafeln: i.e. the Fünf Urlinie-Tafeln (New York: David Mannes School; Vienna: Universal Edition, 1932).

4 At this point, Schenker writes continuously, without paragraph-break. Haydn, Sonata in Eę major, Hob. 49, development; the Bach work could have been either the first Prelude from Well-Tempered Clavier Book I or the chorale "Ich bin's, ich sollte büssen" from the St. Matthew Passion (probably the latter); these analyses, prepared under Schenker's guidance, were published with others in Fünf Urlinie-Tafeln (New York: David Mannes School; Vienna: Universal Edition, 1932).

5 Jonas's book Das Wesen des musikalischen Kunstwerkes: Einführung in die Lehre Heinrich Schenkers (Vienna: Saturn Verlag, 1934).

6 This end-parenthesis, although not canceled, was premature; the parenthetical remark closes at the end of the sentence.

7 Jonas inserts an emdash at this point and writes without paragraph-break.

8 i.e. a review by Jonas of Schenker's Das Meisterwerk in der Musik, vol.III, possibly in the Zeitschrift für Musikwissenschaft.

Commentary

Format
4-p letter, Bogen format, holograph message and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Oswald Jonas, published by kind permission
License
Permission to publish granted by the heirs of Oswald Jonas October 20, 1913

Digital version created: 2015-08-07