Berlin, den 24. März 1932

Hochverehrter Herr Doktor! 1

Meinen herzlichsten Dank für Ihren Brief und die Karte, 2 mit denen Sie mir eine große [Freude] bereitet haben. Auch Dr. Furtwängler hat der Aufsatz gefallen und mir im letzten Konzert nochmalige Unterstützung bei Schwers zugesagt. Im Konzert gab es eine wundervolle Aufführung von Haydn B-dur und Coriolan mit kaum überbietbaren Steigerungen. Nach dem Ravel Klavierkonzert wirkte übrigens „Don Juan“ von Strauß [sic] geradezu erlösend!

Nun habe ich im Konservatorium drei Vorträge gehalten (bei den ersten beiden war auch Herr van Hoboken anwesend), schwach besucht, aber darüber rege ich mich nicht mehr auf. Ich besprach im ersten Bach kleinen Präludium C, in den weiteren Grundriß der c-moll Fuge, Thema und Beantwortung der Es-dur und als Beispiel schlechter Beantwortung Reger d-moll. Sonaten: Haydn D, Mozart F-dur. In einem nächsten kommt dann noch op. 106 und 109 und Brahms A-dur 100. In meinem Kurs ist das kleine Präludium F Nr. 6 3 zur Besprechung.

Einstein hat genau vor einem Jahr die Besprechung des III. Jahrbuches 4 bestellt und angenommen, sie aber bis heute nicht gebracht, allerdings zwei andere kleine Sachen. Vielleicht besinnt er sich doch. Bei einem Vortrag, den ich in einer Privatgesellschaft gehalten habe, hat er sich auf meine Einladung hin wegen Zeitmangel entschuldigt. Seine Kritiken werden übrigens immer unangenehmer (Sie passen sich eben dem Milieu B. Tageblatt 5 an!). Ich bin ja neugierig, wie er sich auf eine baldige Einsendung von mir („Choral und Harmonielehre“) benehmen wird.

Nun habe ich eine Anfrage und Bitte: Ich möchte Dr. Furtwängler für nächstes Jahr vorschlagen, den „Saul“ mit der Bearbeitung Brahms 6 zu bringen und {2} möchte die dazu notwendige Arbeit übernehmen. Glauben Sie, daß ich die Erlaubnis dazu von der Ges. f. [recte d.] Musikfreunde bekommen würde und halten Sie die Absicht überhaupt für durchführbar? Existieren ausser der Orgelstimme auch ergänzende Instrumentalstimmen? Sehr dankbar wäre ich Ihnen da für einen Fingerzeig in dieser Angelegenheit.

Nun möchte ich nur noch Ihnen und Ihrer werten Frau Gemahlin recht angenehme Feiertage wünschen und bin Ihr


dankbarst ergebener
[signed:] Oswald Jonas

© Transcription John Rothgeb, 2006


Berlin, March 24, 1932

Greatly revered Dr. [Schenker], 1

My warmest thanks for your letter and the postcard, 2 with which you have given me great pleasure. Dr. Furtwängler too was pleased with the essay, and at the last concert assured me of full support again with Schwers. At the concert there was a wonderful performance of the Haydn Bę major and Coriolanus with practically unsurpassable intensifications. After the Ravel Piano Concerto, incidentally, Strauss's Don Juan was an absolute relief!

I have given three lectures at the Conservatory (Mr. van Hoboken was also present at the first two), poorly attended, but I no longer get upset about that. In the first I discussed the Bach Small Prelude in C, in the later ones the basic outline of the C-minor fugue, theme and answer in the Eę major, and as example of a poor answer the Reger D-minor. Sonatas: Haydn D major, Mozart F major. In a forthcoming lecture Opp. 106 and 109 and the Brahms A-major Op. 100 will come up. In my course the Short Prelude in F, No. 6, 3 is being discussed.

Einstein commissioned and accepted the review of the third Yearbook 4 just a year ago, but still hasn't published it, although he has published two other small pieces. Perhaps he will come around. Regarding a lecture that I held in a private gathering he made excuses in declining my invitation, citing lack of time. His critiques are, incidentally, ever more unpleasant (they fit perfectly the milieu of the Berliner Tageblatt ! 5 ). I am really curious how he will react to a forthcoming submission from me ("Chorale and Harmonic Theory").

Now I have a query and a request: I {2} would like to suggest to Dr. Furtwängler for next year to perform Saul with Brahms's arrangement, 6 and would like to undertake the work necessary to that purpose. Do you think that I would get the necessary permission from the Gesellschaft der Musikfreunde, and do you consider the project at all feasible? Are there also supplementary instrumental parts other than the organ part? I would be most grateful for a clue in this matter.

Now I would like to wish you and your good wife very pleasant holidays, and remain


Most gratefully devoted
[signed:] Oswald Jonas

© Translation John Rothgeb, 2006, 2011


Berlin, den 24. März 1932

Hochverehrter Herr Doktor! 1

Meinen herzlichsten Dank für Ihren Brief und die Karte, 2 mit denen Sie mir eine große [Freude] bereitet haben. Auch Dr. Furtwängler hat der Aufsatz gefallen und mir im letzten Konzert nochmalige Unterstützung bei Schwers zugesagt. Im Konzert gab es eine wundervolle Aufführung von Haydn B-dur und Coriolan mit kaum überbietbaren Steigerungen. Nach dem Ravel Klavierkonzert wirkte übrigens „Don Juan“ von Strauß [sic] geradezu erlösend!

Nun habe ich im Konservatorium drei Vorträge gehalten (bei den ersten beiden war auch Herr van Hoboken anwesend), schwach besucht, aber darüber rege ich mich nicht mehr auf. Ich besprach im ersten Bach kleinen Präludium C, in den weiteren Grundriß der c-moll Fuge, Thema und Beantwortung der Es-dur und als Beispiel schlechter Beantwortung Reger d-moll. Sonaten: Haydn D, Mozart F-dur. In einem nächsten kommt dann noch op. 106 und 109 und Brahms A-dur 100. In meinem Kurs ist das kleine Präludium F Nr. 6 3 zur Besprechung.

Einstein hat genau vor einem Jahr die Besprechung des III. Jahrbuches 4 bestellt und angenommen, sie aber bis heute nicht gebracht, allerdings zwei andere kleine Sachen. Vielleicht besinnt er sich doch. Bei einem Vortrag, den ich in einer Privatgesellschaft gehalten habe, hat er sich auf meine Einladung hin wegen Zeitmangel entschuldigt. Seine Kritiken werden übrigens immer unangenehmer (Sie passen sich eben dem Milieu B. Tageblatt 5 an!). Ich bin ja neugierig, wie er sich auf eine baldige Einsendung von mir („Choral und Harmonielehre“) benehmen wird.

Nun habe ich eine Anfrage und Bitte: Ich möchte Dr. Furtwängler für nächstes Jahr vorschlagen, den „Saul“ mit der Bearbeitung Brahms 6 zu bringen und {2} möchte die dazu notwendige Arbeit übernehmen. Glauben Sie, daß ich die Erlaubnis dazu von der Ges. f. [recte d.] Musikfreunde bekommen würde und halten Sie die Absicht überhaupt für durchführbar? Existieren ausser der Orgelstimme auch ergänzende Instrumentalstimmen? Sehr dankbar wäre ich Ihnen da für einen Fingerzeig in dieser Angelegenheit.

Nun möchte ich nur noch Ihnen und Ihrer werten Frau Gemahlin recht angenehme Feiertage wünschen und bin Ihr


dankbarst ergebener
[signed:] Oswald Jonas

© Transcription John Rothgeb, 2006


Berlin, March 24, 1932

Greatly revered Dr. [Schenker], 1

My warmest thanks for your letter and the postcard, 2 with which you have given me great pleasure. Dr. Furtwängler too was pleased with the essay, and at the last concert assured me of full support again with Schwers. At the concert there was a wonderful performance of the Haydn Bę major and Coriolanus with practically unsurpassable intensifications. After the Ravel Piano Concerto, incidentally, Strauss's Don Juan was an absolute relief!

I have given three lectures at the Conservatory (Mr. van Hoboken was also present at the first two), poorly attended, but I no longer get upset about that. In the first I discussed the Bach Small Prelude in C, in the later ones the basic outline of the C-minor fugue, theme and answer in the Eę major, and as example of a poor answer the Reger D-minor. Sonatas: Haydn D major, Mozart F major. In a forthcoming lecture Opp. 106 and 109 and the Brahms A-major Op. 100 will come up. In my course the Short Prelude in F, No. 6, 3 is being discussed.

Einstein commissioned and accepted the review of the third Yearbook 4 just a year ago, but still hasn't published it, although he has published two other small pieces. Perhaps he will come around. Regarding a lecture that I held in a private gathering he made excuses in declining my invitation, citing lack of time. His critiques are, incidentally, ever more unpleasant (they fit perfectly the milieu of the Berliner Tageblatt ! 5 ). I am really curious how he will react to a forthcoming submission from me ("Chorale and Harmonic Theory").

Now I have a query and a request: I {2} would like to suggest to Dr. Furtwängler for next year to perform Saul with Brahms's arrangement, 6 and would like to undertake the work necessary to that purpose. Do you think that I would get the necessary permission from the Gesellschaft der Musikfreunde, and do you consider the project at all feasible? Are there also supplementary instrumental parts other than the organ part? I would be most grateful for a clue in this matter.

Now I would like to wish you and your good wife very pleasant holidays, and remain


Most gratefully devoted
[signed:] Oswald Jonas

© Translation John Rothgeb, 2006, 2011

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/5, p. 3715, March 26, 1932: "Von Dr. Jonas (Br.): Furtwängler lobt den Aufsatz! Ueber Einsteins Haltung, ‒ ob Saul-Brahms zugänglich sei?" (From Dr. Jonas (letter): Furtwängler praises the essay! Where things stand with Einstein ‒ whether Brahms's Saul is accessible?").

2 Neither item is known to survive. Schenker's diary records at OJ 4/5, p. 3711, March 8, 1932: "An Jonas (Br., Aufsatz zurück): billige den Aufsatz, taste ihn nicht an; er gehörte eigentlich zu Einstein, hoffentlich nimmt ihn Schwers. Furtwängler hat alle Ursache die Geschicklichkeit zu loben. Etwas über die Seminaristen." ("To Jonas (letter, essay returned): I approve of the essay, I don't make any changes to it; it really belongs to Einstein; let us hope Schwers accepts it. Furtwängler has every reason to praise its skilfulness. A few words about the seminar members."); and ibid, p. 3714, March 24, 1932: "An Jonas (Br.): bitte um den Aufsatz falls er gedruckt erscheint." ("To Jonas (letter): I ask for the essay in the event of its being published.").

3 Probably BWV 927. Jonas included a discussion of this piece with voice-leading graphs in an appendix of his edition of Schenker's Harmony (Chicago; Chicago University Press, 1954), pp. 349‒52.

4 The only review of this by Jonas that survives as a clipping in Schenker's scrapbook (OC 2/p.88) is "Schenker, Heinrich. Das Meisterwerk in der Musik. Ein Jahrbuch. Band III," Zeitschrift für Neue Musik (November 1932).

5 Of which Einstein was music critic from 1927 to 1933.

6 Brahms's arrangement for performance of Handel's Saul is among the autograph materials in the Gesellschaft der Musikfreunde in Vienna. Schenker had transcribed and edited this document, which he subsequently gave to Furtwängler (see OJ 5/18, 9), who in turn made it available to Jonas (see OJ 5/18, 21) for study and the writing of a commentary. See also OJ 12/6 [18] and [20], and OJ 5/18, 11, 19, 22, and 24.

Commentary

Format
2-p typed letter, holograph signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Oswald Jonas, published by kind permission
License
Permission to publish granted by the heirs of Oswald Jonas October 20, 1913

Digital version created: 2015-08-06