[printed letterhead:]
A. VAN HOBOKEN
BERLIN-CHALOTTENBURG 5
KÖNIGSWEG 24
TEL.: WESTEND 1910
5. Dezember 1930


Hochverehrter und lieber Herr Doctor, 1

Vielen Dank für Ihre freundliche Zeilen, die mir leider, noch bevor ich den Artikel von Herrn Deutsch hatte durchlesen können, abhanden gekommen sind. Ich hatte den Brief in meine Mappe getan, wo noch Noten u. dgl. mehr darin enthalten waren[,] und diesen in mein[em] Auto liegen lassen, während ich ein Konzert besuchte. Da ist dann die Mappe daraus gestohlen worden. Wahrscheinlich hatte der Dieb Wertpapiere darin vermutet; es war[en] aber lediglich Klavierétuden darin. Nun soll für einen Dieb Fingerfertigkeit auch von Interesse sein; möge er sich also daran vervollkommnen!

Ich wäre ohnehin in die Vorträge von Dr. Weisse gegangen und habe mich wegen Eintritt in die Hochschule schon an Dr. Einstein und Dr. Furtwängler gewandt. Ich vermute jedoch, dass Weisse mich wohl telefonisch anrufen wird[,] da ich jüngst hier den Dr. Jonas traf, und ihm meine Telefonnummer mitteilte.

Berlin bietet enorm viel, lange nicht immer nur Gutes, aber ich habe mir sehr viel angehört. Die Furtwängler-Konzerte bilden immer ein[en] Höhepunkt des Interesses; sie gehören zu den wenigen Veranstaltungen, die hier Ausverkauft sind. Er hat so sein festes Publikum von Musikbeflissenen 2 älteren Damen 3 während man bei Klemperer ausnahmslos die jüdischen Intel[le]ktuellen 4 trifft. Letzterer gibt sich wirklich viel Mühe, aber es will nicht so recht fliessen bei ihm. Von Kleiber, den ich neulich zum ersten Male hier dirigieren hörte, war ich, offen gesagt, etwas enttäuscht. Ert scheint mir doch der Aufgabe, einen Beethoven zu dirigieren, nicht gewachsen zu sein. Solisten gibt es natürlich in Hülle und Fülle. Heute Abend spielt Rachmaninoff; er wird auch wohl wieder in Wien spielen.

Den Plan, eine Gesamt-Ausgabe von Phil. Em. Bach 5 vom Archiv aus zu finanzieren, habe ich leider aufgeben müssen. Es hat sich 6 herausgestellt, dass es, auch in dem günstigen Falle, zu teuer 7 für mich ist. Es spielen zwar auch noch einigen [sic] andere Gründe mit, über die ich Ihnen lieber einmal mündlich berichte, aber jener ist doch der entscheidendste. Ich habe aber hier etwas Propaganda für eine solche Ausgabe gemacht und hoffe, dass sie auf anderem Wege doch noch zustande kommen wird. Ob und inwiefern sich das Archiv dann daran beteiligen wird, kann ich im Voraus natürlich nicht übersehen.

Meine berliner Zeit ist nun bald wiederum vorbei. Meine Frau und ich wollen über Weihnachten und Neujahr nach Kampen, wie wir das auch im vergangenen Jahre gemacht haben, und von dort komme ich dann Anfang Jänner nach Wien zurück. Ich freue mich bereits auf die Stunden, die ich dann wieder bei Ihnen werde nehmen dürfen.

Mit den besten Grüssen und Empfehlungen an Ihre Frau bin ich,


wie stets,
Ihr sehr ergebener
[signed:] AvHoboken

© Transcription John Rothgeb and Heribert Esser, 2016

[printed letterhead:]
A. VAN HOBOKEN
BERLIN-CHALOTTENBURG 5
KÖNIGSWEG 24
TEL.: WESTEND 1910
December 5, 1930


Dear and highly revered Dr. [Schenker], 1

Many thanks for your kind letter, which, unfortunately, even before I was able to read the article by Mr. Deutsch, has gone missing. I had put the letter into my portfolio that contained music and other things, and had left it in my car while I attended a concert. During that time the portfolio was stolen from the car. Probably the thief assumed that it contained securities; but it held only piano etudes. Now finger-dexterity is supposed to be of interest to a thief too; may he also perfect himself in that area, then!

I would have in any case attended the lectures by Dr. Weisse, and I even approached Dr. Einstein and Dr. Furtwängler concerning entry into the Academy. I assume, however, that Weisse will call me on the telephone, since I just met Dr. Jonas here and gave him my telephone number.

Berlin offers a huge abundance, by far not all of it good, but I have heard a great deal. The Furtwängler concerts are always a main point of interest; they are among the few programs that are sold out here. He has his loyal public of musically enthusiastic older ladies, 3 while with Klemperer one always finds the Jewish intellectuals. 4 The latter really tries very hard, but the result doesn't flow so easily for him. As to Kleiber, whose conducting I recently heard for the first time, I was, to speak openly, somewhat disappointed. He seemed to me not really quite up to the task of conducting a Beethoven. Naturally there are soloists aplenty. This evening Rachmaninov plays; he will probably play again in Vienna too.

The plan to finance a Gesamtausgabe of C.P.E. Bach 5 through the Archive unfortunately had to be abandoned. It turned out, 6 even under the best of circumstances, to be too expensive 7 for me. There are also several additional reasons, which I prefer to tell you about when we speak, but the one just mentioned is the most decisive. I have made some propaganda here for such an edition, though, and hope that it will otherwise come about. Whether and to what extent the Archive will be involved, I naturally cannot estimate in advance.

My Berlin time now soon comes to an end. My wife and I will go to Kampen over Christmas and New Year's as we did last year, and from there I will then return to Vienna at the beginning of January. I am already looking forward to the lessons that I will be able then to resume with you.

With best greetings and wishes to your wife I am,


as ever,
Your very devoted
[signed:] A. v. Hoboken

© Translation John Rothgeb and Heribert Esser, 2016

[printed letterhead:]
A. VAN HOBOKEN
BERLIN-CHALOTTENBURG 5
KÖNIGSWEG 24
TEL.: WESTEND 1910
5. Dezember 1930


Hochverehrter und lieber Herr Doctor, 1

Vielen Dank für Ihre freundliche Zeilen, die mir leider, noch bevor ich den Artikel von Herrn Deutsch hatte durchlesen können, abhanden gekommen sind. Ich hatte den Brief in meine Mappe getan, wo noch Noten u. dgl. mehr darin enthalten waren[,] und diesen in mein[em] Auto liegen lassen, während ich ein Konzert besuchte. Da ist dann die Mappe daraus gestohlen worden. Wahrscheinlich hatte der Dieb Wertpapiere darin vermutet; es war[en] aber lediglich Klavierétuden darin. Nun soll für einen Dieb Fingerfertigkeit auch von Interesse sein; möge er sich also daran vervollkommnen!

Ich wäre ohnehin in die Vorträge von Dr. Weisse gegangen und habe mich wegen Eintritt in die Hochschule schon an Dr. Einstein und Dr. Furtwängler gewandt. Ich vermute jedoch, dass Weisse mich wohl telefonisch anrufen wird[,] da ich jüngst hier den Dr. Jonas traf, und ihm meine Telefonnummer mitteilte.

Berlin bietet enorm viel, lange nicht immer nur Gutes, aber ich habe mir sehr viel angehört. Die Furtwängler-Konzerte bilden immer ein[en] Höhepunkt des Interesses; sie gehören zu den wenigen Veranstaltungen, die hier Ausverkauft sind. Er hat so sein festes Publikum von Musikbeflissenen 2 älteren Damen 3 während man bei Klemperer ausnahmslos die jüdischen Intel[le]ktuellen 4 trifft. Letzterer gibt sich wirklich viel Mühe, aber es will nicht so recht fliessen bei ihm. Von Kleiber, den ich neulich zum ersten Male hier dirigieren hörte, war ich, offen gesagt, etwas enttäuscht. Ert scheint mir doch der Aufgabe, einen Beethoven zu dirigieren, nicht gewachsen zu sein. Solisten gibt es natürlich in Hülle und Fülle. Heute Abend spielt Rachmaninoff; er wird auch wohl wieder in Wien spielen.

Den Plan, eine Gesamt-Ausgabe von Phil. Em. Bach 5 vom Archiv aus zu finanzieren, habe ich leider aufgeben müssen. Es hat sich 6 herausgestellt, dass es, auch in dem günstigen Falle, zu teuer 7 für mich ist. Es spielen zwar auch noch einigen [sic] andere Gründe mit, über die ich Ihnen lieber einmal mündlich berichte, aber jener ist doch der entscheidendste. Ich habe aber hier etwas Propaganda für eine solche Ausgabe gemacht und hoffe, dass sie auf anderem Wege doch noch zustande kommen wird. Ob und inwiefern sich das Archiv dann daran beteiligen wird, kann ich im Voraus natürlich nicht übersehen.

Meine berliner Zeit ist nun bald wiederum vorbei. Meine Frau und ich wollen über Weihnachten und Neujahr nach Kampen, wie wir das auch im vergangenen Jahre gemacht haben, und von dort komme ich dann Anfang Jänner nach Wien zurück. Ich freue mich bereits auf die Stunden, die ich dann wieder bei Ihnen werde nehmen dürfen.

Mit den besten Grüssen und Empfehlungen an Ihre Frau bin ich,


wie stets,
Ihr sehr ergebener
[signed:] AvHoboken

© Transcription John Rothgeb and Heribert Esser, 2016

[printed letterhead:]
A. VAN HOBOKEN
BERLIN-CHALOTTENBURG 5
KÖNIGSWEG 24
TEL.: WESTEND 1910
December 5, 1930


Dear and highly revered Dr. [Schenker], 1

Many thanks for your kind letter, which, unfortunately, even before I was able to read the article by Mr. Deutsch, has gone missing. I had put the letter into my portfolio that contained music and other things, and had left it in my car while I attended a concert. During that time the portfolio was stolen from the car. Probably the thief assumed that it contained securities; but it held only piano etudes. Now finger-dexterity is supposed to be of interest to a thief too; may he also perfect himself in that area, then!

I would have in any case attended the lectures by Dr. Weisse, and I even approached Dr. Einstein and Dr. Furtwängler concerning entry into the Academy. I assume, however, that Weisse will call me on the telephone, since I just met Dr. Jonas here and gave him my telephone number.

Berlin offers a huge abundance, by far not all of it good, but I have heard a great deal. The Furtwängler concerts are always a main point of interest; they are among the few programs that are sold out here. He has his loyal public of musically enthusiastic older ladies, 3 while with Klemperer one always finds the Jewish intellectuals. 4 The latter really tries very hard, but the result doesn't flow so easily for him. As to Kleiber, whose conducting I recently heard for the first time, I was, to speak openly, somewhat disappointed. He seemed to me not really quite up to the task of conducting a Beethoven. Naturally there are soloists aplenty. This evening Rachmaninov plays; he will probably play again in Vienna too.

The plan to finance a Gesamtausgabe of C.P.E. Bach 5 through the Archive unfortunately had to be abandoned. It turned out, 6 even under the best of circumstances, to be too expensive 7 for me. There are also several additional reasons, which I prefer to tell you about when we speak, but the one just mentioned is the most decisive. I have made some propaganda here for such an edition, though, and hope that it will otherwise come about. Whether and to what extent the Archive will be involved, I naturally cannot estimate in advance.

My Berlin time now soon comes to an end. My wife and I will go to Kampen over Christmas and New Year's as we did last year, and from there I will then return to Vienna at the beginning of January. I am already looking forward to the lessons that I will be able then to resume with you.

With best greetings and wishes to your wife I am,


as ever,
Your very devoted
[signed:] A. v. Hoboken

© Translation John Rothgeb and Heribert Esser, 2016

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 4/4, p. 3554, December 8, 1930: "Von v. Hoboken (Br.): Absage der Gesamtausgabe!! Wie hellsichtig habe ich gestern abends das Thema meiner künftigen Sorgen angeschlagen. Die Nacht war schlaflos, Lie-Liechen mußte Hilfe leisten." ("From Hoboken (letter): withdrawal from the Collected Edition!! How clairvoyantly did I hit upon the theme of my future sorrows yesterday evening. The night was sleepless; Lie-Liechen had to come to my assistance."). — OJ 89/4, [6] is Hoboken's uncorrected, unsigned carbon copy of this letter.

2 The capitalization here is erroneous.

3 "festes ... Damen" ("loyal ... ladies"): underscored in pencil by Schenker, and large X-marks are placed at the end of this and the next line.

4 "jüdischen Intel[le]ktuellen" ("Jewish intellectuals"): underscored in pencil by Schenker.

5 A collected edition of the works of C. P. E. Bach by Hoboken under the auspices of the Photogrammarchiv.

6 "Es hat sich" ("It turned out"): underscored in pencil by Schenker.

7 "zu teuer" ("too expensive"): underscored in pencil by Schenker, and a large cue-mark drawn in pencil at the end of this line.

Commentary

Format
1p letter, printed letterhead, typed message, holograph signature, annotations by Schenker
Provenance
Schenker, Heinrich ([document date]-1935)--Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1945)--Jonas, Oswald (c.1945-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
IPR: Heirs of Anthony van Hoboken, published here with kind permission
License
Permission to publish granted by the heirs of Anthony van Hoboken February 3, 2007. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2016-09-27
Last updated: 2013-02-16