Rom
via Sardegna 79
15. Juni 1923.


Lieber, hochverehrter Meister! 1

Bis heute wollte ich warten, um Ihnen zu Ihren Geburtstage unsere allerherzlichsten Glückwünsche zu übermitteln, Glückwünsche, die alles umfassen, was zur Vollendung Ihres grossen Werkes erforderlich ist. Gestern nun kam Ihr langer Brief, 2 und heute folgte die Karte. 3 Allerherzlichsten Dank für Ihre liebevolle Fürsorge! Es tut mir leid, dass Sie sich auch noch damit belasten; ich bin Ihnen unendlich dankbar dafür und hoffe nur, bald ein Zeichen meiner Dankbarkeit geben zu können.

Ich beglückwünsche Sie zur Vollendung der Sonaten-Arbeit. Den I. Band sandte mir Hertzka bereits, und ich habe mich an das sorgsame Vergleichen mit anderen Ausgaben gemacht. Was für erstaunliche Dinge kommen da zu Tage! Wahrlich ein Kulturwerk, das über jedes Lob erhaben dasteht. Werden Sie noch Mozart s und Haydn’s Sonaten {2} folgen lassen? — Ich habe die Freude, verschiedentlich in Ihre Lehre einführen zu können. Augenblicklich arbeitet die Frau eines Legationssekretärs bei der österr. Gesandtschaft, geborene Wienerin, Schüslorin Schnabels, Ihre Harmonielehre sehr fleissig durch. Sonst ist ja hier ausser einigen sehr flüchtigen Klavierschülerinnen nichts zu wirken. Was in der Deutschen Kolonie Anspruch auf das Prädikat „musikalisch“ macht, ist von römischen Horizontenge begrenzt, eitel, grosssprecherisch und unzugänglich. Ich habe deshalb auch hier, wo sehr wohlhabende Leute sind, gar keinen Erfolg mit meiner Subskription erzielt. Man ist hier gewohnt, dass jeder kleine Pinsler oder Modelleur seine „Bedeutung“ ins rechte Licht setzt, indem er sagt „Michelangelo u. Raffael = haben auch ihre Schwächen gehabt“! Und ich bin ahnungslos gleich von Anfang an „durchgefallen,“ indem ich meine Genie-Gläubigkeit und Genie-Forderung rückhaltlos aussprach. — Wir leben also im Grunde hier sehr einsam, wie überall. Augenblicklich ist die Wärme noch erträglich; es besteht auch Aussicht, dass wir in der heissesten Zeit ein paar Wochen in einer Villa unterkommen können. — Für Galtür wünschen wir Ihnen alles Gute! – Meine Adresse bleibt die obige!


Mit den herzlichsten Grüssen an Sie u. Ihre verehrte Frau Gemahlin
– von uns beiden
Ihr treuergebener
[signed:] Walter Dahms

© Transcription John Koslovsky, 2011


Rome
via Sardegna 79
June 15, 1923


Dear, highly revered Master, 1

I wanted to wait until today to convey to you on your birthday our warmest best wishes, wishes that embrace everything that leads towards the completion of your tremendous work. Your long letter arrived yesterday, 2 and today the postcard 3 followed. Many, many thanks for your aid! I am sorry that you are still burdened with it; I am endlessly thankful for it and only hope soon to be able to show a sign of my thanks.

I wish you the best of luck with the completion of the sonata work. Hertzka already sent me the first volume, and I have made a diligent comparison with other editions. What astounding things come to the surface! Truly a work of culture that stands above all praise. Will you follow up with Mozart 's and Haydn's sonatas? {2} – I have the pleasure on various occasions to be able to introduce your teachings. At the moment the wife of a legation secretary at the Austrian embassy, the Viennese-born Schüslorin Schnabel, is working very diligently through your Theory of Harmony . Otherwise beyond some very flighty female piano students there is nothing to work with here. Whatever use one makes of the title "musical" in the German colony, it is confined to the narrow Roman horizon, vain, magniloquent, and impenetrable. I have therefore achieved even here, where there are some very well-off people, hardly any success with my subscription. One is accustomed here to the notion that every little dauber or designer casts his "meaning" in the right light, in which he says "Michelangelo and Raphael also had their weaknesses!" And I unknowingly "failed" from the very beginning when I wholeheartedly expressed my belief in genius and my call for genius. – We therefore basically live very much alone here, as everywhere. At the moment the heat is still tolerable; there is also the prospect that we may be able to find accommodation for a couple of weeks in a villa for the hottest time. – For Galtür we wish you all the best! – My address remains the above!


With the kindest greetings to you and your revered wife
– from the two of us.
Your truly devoted
[signed:] Walter Dahms

© Translation John Koslovsky, 2011


Rom
via Sardegna 79
15. Juni 1923.


Lieber, hochverehrter Meister! 1

Bis heute wollte ich warten, um Ihnen zu Ihren Geburtstage unsere allerherzlichsten Glückwünsche zu übermitteln, Glückwünsche, die alles umfassen, was zur Vollendung Ihres grossen Werkes erforderlich ist. Gestern nun kam Ihr langer Brief, 2 und heute folgte die Karte. 3 Allerherzlichsten Dank für Ihre liebevolle Fürsorge! Es tut mir leid, dass Sie sich auch noch damit belasten; ich bin Ihnen unendlich dankbar dafür und hoffe nur, bald ein Zeichen meiner Dankbarkeit geben zu können.

Ich beglückwünsche Sie zur Vollendung der Sonaten-Arbeit. Den I. Band sandte mir Hertzka bereits, und ich habe mich an das sorgsame Vergleichen mit anderen Ausgaben gemacht. Was für erstaunliche Dinge kommen da zu Tage! Wahrlich ein Kulturwerk, das über jedes Lob erhaben dasteht. Werden Sie noch Mozart s und Haydn’s Sonaten {2} folgen lassen? — Ich habe die Freude, verschiedentlich in Ihre Lehre einführen zu können. Augenblicklich arbeitet die Frau eines Legationssekretärs bei der österr. Gesandtschaft, geborene Wienerin, Schüslorin Schnabels, Ihre Harmonielehre sehr fleissig durch. Sonst ist ja hier ausser einigen sehr flüchtigen Klavierschülerinnen nichts zu wirken. Was in der Deutschen Kolonie Anspruch auf das Prädikat „musikalisch“ macht, ist von römischen Horizontenge begrenzt, eitel, grosssprecherisch und unzugänglich. Ich habe deshalb auch hier, wo sehr wohlhabende Leute sind, gar keinen Erfolg mit meiner Subskription erzielt. Man ist hier gewohnt, dass jeder kleine Pinsler oder Modelleur seine „Bedeutung“ ins rechte Licht setzt, indem er sagt „Michelangelo u. Raffael = haben auch ihre Schwächen gehabt“! Und ich bin ahnungslos gleich von Anfang an „durchgefallen,“ indem ich meine Genie-Gläubigkeit und Genie-Forderung rückhaltlos aussprach. — Wir leben also im Grunde hier sehr einsam, wie überall. Augenblicklich ist die Wärme noch erträglich; es besteht auch Aussicht, dass wir in der heissesten Zeit ein paar Wochen in einer Villa unterkommen können. — Für Galtür wünschen wir Ihnen alles Gute! – Meine Adresse bleibt die obige!


Mit den herzlichsten Grüssen an Sie u. Ihre verehrte Frau Gemahlin
– von uns beiden
Ihr treuergebener
[signed:] Walter Dahms

© Transcription John Koslovsky, 2011


Rome
via Sardegna 79
June 15, 1923


Dear, highly revered Master, 1

I wanted to wait until today to convey to you on your birthday our warmest best wishes, wishes that embrace everything that leads towards the completion of your tremendous work. Your long letter arrived yesterday, 2 and today the postcard 3 followed. Many, many thanks for your aid! I am sorry that you are still burdened with it; I am endlessly thankful for it and only hope soon to be able to show a sign of my thanks.

I wish you the best of luck with the completion of the sonata work. Hertzka already sent me the first volume, and I have made a diligent comparison with other editions. What astounding things come to the surface! Truly a work of culture that stands above all praise. Will you follow up with Mozart 's and Haydn's sonatas? {2} – I have the pleasure on various occasions to be able to introduce your teachings. At the moment the wife of a legation secretary at the Austrian embassy, the Viennese-born Schüslorin Schnabel, is working very diligently through your Theory of Harmony . Otherwise beyond some very flighty female piano students there is nothing to work with here. Whatever use one makes of the title "musical" in the German colony, it is confined to the narrow Roman horizon, vain, magniloquent, and impenetrable. I have therefore achieved even here, where there are some very well-off people, hardly any success with my subscription. One is accustomed here to the notion that every little dauber or designer casts his "meaning" in the right light, in which he says "Michelangelo and Raphael also had their weaknesses!" And I unknowingly "failed" from the very beginning when I wholeheartedly expressed my belief in genius and my call for genius. – We therefore basically live very much alone here, as everywhere. At the moment the heat is still tolerable; there is also the prospect that we may be able to find accommodation for a couple of weeks in a villa for the hottest time. – For Galtür we wish you all the best! – My address remains the above!


With the kindest greetings to you and your revered wife
– from the two of us.
Your truly devoted
[signed:] Walter Dahms

© Translation John Koslovsky, 2011

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 3/4, p. 2523, June 21, 1923: "Von Dahms (Br.): gratuliert zum Geburtstag u. dankt für „Fürsorge“." ("From Dahms (letter): congratulates me on my birthday and thanks me for 'caring'.").

2 The writing of this letter, which is not known to survive, is recorded in Schenker's diary at OJ 3/4, p. 2519, June 10, 1923: "An Dahms (Br.): über die Stellen in op. 81a; Deutschlands Untergang infolge der Halbbildung u. auch darüber, daß in den Bezirken des Geistes so wenig Raum für Alle ist, wie an Nahrung für die Menschen genügend Vorrat ist." ("To Dahms (letter): about the passages in Op. 81a; Germany's decline as a result of semi-education and also that there is as little room for everyone in the chambers of the intellect as there are stocks of food for the people.").

3 The writing of this postcard, which is not known to survive, is not recorded in Schenker's diary.

Commentary

Format
2p letter, holograph message and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)-- Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Walter Dahms, published here with kind permission.
License
Permission to publish granted by principal heir, Dahms's grand daughter, Cristina Texeio Coelho, August 12, 2009. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2011-12-18
Last updated: 2011-12-18