Neue Adresse: Rom [—] 9. II. 23.
via Sardegna 79


Lieber verehrter Meister! 1

Herzlichen Dank für Ihren gütigen Brief, 2 der mich im grössten Trubel erreichte. Ich habe nach langem Warten und endlosem Bohren endlich Einlass in das Haus der deutschen Gemeinde gefunden. Die italienischen Mieten waren einfach nicht mehr aufzubringen und jetzt drohten neue unerträgliche Erhöhungen. Wir zahlten für 2 kleine schlechte, ungeheizte und zum Arbeiten unbrauchbare Zimmer im Monat 400 Lire und wohnten dabei noch so abseits, dass wir über 100 Lire für die Tram im Monat bezahlen mussten. Das war nicht mehr durchzuhalten; es ging um unsere Existenz. Nun spiele ich seit November in der neuen evangelischen deutschen Kirche sonntags Orgel und auf Grund dieser „Beziehungen“ habe ich für[corr] uns in dem Haus der Gemeinde ein Bodenzimmer mit zufällig vorhandenen Möbelstücken bekommen, das etwa 60 bis 80 Lire im Monat kosten soll. Damit sind wir sozusagen gerettet. Aber es ist heute nichts umsonst: meine Frau fühlte sich in der ganzen letzten Zeit nicht mehr wohl, war aber trotzdem tätig und ihr Zustand verschlimmerte sich so, dass sie eine kleine, ihr schon längst angeratene Operation machen lassen musste. In denselben Tagen zog ich um — wir müssen aber noch provisorisch, ehe wir in unseren olÿmpischen Raum hineinkönnen, in einem Vorsaal logieren. Erst Mitte nächsten Woche sind wir in Ruhe. Meiner Frau geht es sehr viel besser, sie fühlt sich nur ausserordentlich geschwächt. Sehr liebe Menschen sorgen rührend für ihre Aufpäppelung, die Fürstin Bülow namentlich (meine Frau erledigt dem Fürsten die Privatkorrespondenz) und andere Freunde. So sind wir gut versorgt und hoffen nun auf ein gutes Durchhalten unter günstigeren Verhältnissen.

{2} An Herzzka habe ich, Ihrem Rat folgend, einen Prospekt geschickt und es in dem Begleitbrief an entsprechenden Worten nicht fehlen lassen, die ihm den Entschluss erleichtern werden. Aber, lieber Meister, den Gedanken, dass Sie selbst unter Opfern zeichnen wollen möchten , muss ich Ihnen mit innigsten Dank aber ganz energisch ausreden. Ich will Ihnen gleich erklären, dass ich Ihre Zeichnung rundweg ablehnen würde. Das wäre ja noch schöner! So etwas ist nur für Kriegsgewinnler und Revolutionschieber, kurz für „Demokraten“, die sich allerdings, sollte einer von ihnen das Buch wirklich lesen, nicht gerade geschmeichelt fühlen werden. Wenn Sie, zufällig und beiläufig, von jemandem hören, der bereit und fähig ist, zu subskribieren, so wäre dieser Hinweis das einzige, was ich in dieser Angelegenheit von Ihnen mit herzlichem Dank, annehmen würde. — Die Werbung beginnt jetzt erst; ich taste mich Schritt für Schritt von Adresse zu Adresse. Der erste Zeichner war Ibach in Barmen, der ohne Zögern in nobelster Form, wie er schrieb, : „mit Freuden seine Pflicht erfülle“. — Jetzt schwimmen Prospekte nach Amerika etc. — Übrigens: in Amerika ist zurzeit ein Freund von mir, Dr. Penzoldt, 3 der seine Gattin, die Sängerin Sigrid Onegin, 4 dorthin begleitet hat. Er I interessiert sich so sehr für meine Sachen, dass er alle Hebel (soweit es ihm seine Lage als Deutscher und um nicht als „Bettler“ angesehen zu werden ) erlaubt) in Bewegung setzt. Er hat mich mit einem Herrn Sonnek, der Herausgeber einer Vierteljahreszeitschrift für Musik in New York ist, in Verbindung gebracht. Herr Sonnek hat mich zur Mitarbeit aufgefordert und ich werde zunächst einen längeren Aufsatz für seine Zeitschrift zu schreiben versuchen. Darin nun werde ich auch auf Ihr Werk zu sprechen kommen, {3} damit die Amerikaner, die ja in der Hauptsache nur von einer europäischen Dekadenz ohnegleichen hören, auch erfahren, dass inzwischen ganz andere Werk Kräfte am Werk sind, diese Dekadenz als einen hässlichen und entstallenden Schmutzfleck auszulöschen. Es hängt aber meine ganze Mitarbeiterschaft davon ab, ob es mir gelingt, stilistisch so zu schreiben, dass es ohne Mühe u. Schwierigkeit ins Englische übersetzt werden kann. Die „amerikanische Mentalität,“ auf die mich mein Freund wohlmeinend als besonders gefährliche Klippe aufmerksam machte, macht bereitet mir weniger Sorgen. Diese amerikanische Mentalität, die so viel Unrat ahnungslos verschluckt, wird auch ebenso ahnungslos einen reinen und guten Gedanken verdauen. Es sei denn — und das ist mein einziges Bedenken — dass auch drüben an den leitenden Stellen in Verlag u. Redaktion die Geistes- u. Geschäfts-Brüder unserer Verlags- und Redaktions-Heroen sitzen und Zensur üben.

Der „Belcanto“ 5 ist auf zwei Bände disponiert; ein Band soll rein historischer Art sein, die äussere Geschichte der Gesangskunst und des Kunstgesanges, Entwicklung, Verfall, Erscheinungen bis in unsere Tage behandeln, soll auch die Erfahrungen und Beobachtungen der hervorragenden Sänger, gesammelt und auf wesentliche Formeln gebracht, darstellen; der andere Band soll dem Wesen des Vokalen gewidmet sein. Ausgehend vom vokalen Prinzip die Verankerung des Gesanglichen im Kompositorischen u. umgekehrt beschreiben, die Darstellung der eigentlichen „Kunst des Belcanto“ als[corr] eine dem Kontrapunkt in der Komposition entsprechende Parallelerscheinung im Gesang, geben: der Belcanto eine Versuchsbühne zum eigentlichen Kunstgesang. Hierin soll der Extrakt aller sogenannten „Methoden“ verarbeitet werden. Es soll also, wenn irgend möglich, ein Gesamtbild werden und wie ich hoffe, ein neues Bild, neu vor allem insofern, als nicht ein „Sänger“ oder „Gesangspädagoge,“ sondern ein Jünger Heinrich Schenkers am Werk ist, der die Dinge von der anderen Seite, {4} der musikalischen nämlich, anpackt.

Tonwille III habe ich sofort nach Erhalt verschlungen; nur die Haydn-Sonate 6 habe ich mir auf die kommenden ruhigeren Tage verschoben. Alles, jedes Wort ist zu unterschreiben. Auch in „Vermischtes“ ist nicht ein zweideutiger Punkt. Entweder/Oder! Ein Drittes gibt es nicht. Aber hier wird viel Missverstehen einsetzen. Vielleicht, lieber Meister, können Sie in Ihrer klaren, überzeugenden Sprache doch bei nächster Gelegenheit noch einmal klipp u. klar, ausführlich feststellen, dass „demokratisch“ kein politischer sondern ein kultureller Begriff ist. (Ich weiss von mir selber, dass man darüber erst Klarheit gewinnen muss). Sie schlagen damit Gegnern eine nicht gefährliche aber unangenehme und hemmende Waffe aus der Hand. — Ich möchte so viel mit Ihnen besprechen, was sich nicht schreiben lässt. Hoffentlich wendet sich das Schicksal doch einmal zum Besseren. Politisch ist alles so trostlos, weil es eben nur Politik ist und nicht mehr. Jahre werden noch vergehen, furchtbaren Jahre für Deutschland, bis[corr] der verdammste „Bürger“ und „Arbeiter“ verschwindet und der „Deutsche“ ein gefügiges Handwerkszeug für einen grossen Mann u. Führer wird. Wie lange wird die heutige „Entschlossenheit“ dauern? so fragt das ständig genährte, unüberwindliche Misstrauen. Schon setzt sich Herr Wirth wieder den Zÿlinder auf und wartet auf Cunos Sturz. Dann wird wieder verhandelt, verraten, verschachert - - - -


Mit den herzlichsten Grüssen
für Sie und Ihre liebe verehrte Gattin
– auch von meiner Frau
Ihr dankbar ergebener
[signed:] Walter Dahms

© Transcription John Koslovsky, 2011


New address: Rome [—] February 9, 1923
via Sardegna 79


Dear revered Master, 1

Many thanks for your kind letter, 2 which reached me at a moment of great turbulence. After a period of long waiting and endless probing I have finally found admittance to the German community home. The Italian rental prices were simply no longer manageable and now new unbearable increases are looming. We paid 400 lire for two small, shoddy, and unheated rooms (unusable for work), and we lived so far away that we had to pay over 100 lire for the tram each month. It was no longer bearable, and had to do with our very livelihood. Since November, I have been playing organ on Sundays in the new evangelical German church, and because of these "connections" I have obtained for us in the community home a furnished attic room, which should cost between 60 and 80 lire per month. For this reason we are saved, so to speak. But today nothing comes free: my wife has not felt well recently, and despite being active her condition worsened such that she had to undergo a small operation, which had already been advised to her for a long time. In those same days I moved – we have to lodge provisionally in an entrance hall before we are able to move into our Olympic room. By the middle of next week we will be at peace. My wife is doing much better, she just feels extraordinarily weak. There are some very nice people who are caring for her recovery, namely Princess Bülow (my wife handles the private correspondence of the Prince) and other friends. So we are well taken care of and hope now for prosperity under advantageous connections.

{2} Following your advice I sent a prospectus to Hertzka, and with the appropriate words in the accompanying letter it was not left out that for him the decision will be made easier. But, dear Master, for the thought that you yourself would like to subscribe at a cost, I have to express to you my deepest thanks most energetically. I want to declare to you right away that I would flatly decline your subscription. That would be even better! Such a thing is only for war profiteers and profiteers of revolution, in short for "democrats," who especially will not feel flattered, should any of them actually read the book. If you casually and incidentally happen to hear from someone who is ready and able to subscribe, your advice in this case would be the only thing that I would accept from you with sincere thanks. – The promotion now begins; I feel my way through step by step and from one address to the next. The first subscriber was Ibach in Barmen, who without hesitation in the most noble form wrote: "with pleasure [I] fulfill his obligation." – Now prospectuses are swimming to America, etc. – By the way: in America there is now a friend of mine, Dr. Penzoldt, 3 who accompanied his wife there, the singer Sigrid Onegin. 4 He is so interested in my affairs that he has set all the wheels in motion to help me (in so far as his position as a German and not as a "beggar" allows him). He has put me in contact with a certain Mr. Sonneck, who is the editor of a Musical Quarterly in New York. Mr. Sonneck has invited me to work with him and I will first try to write a longer essay for his journal. In it I will also come to speak about your work, {3} so that the Americans, who for the most part hear only of European decadence, also experience that in the meantime whole other work powers are at work to wipe out this decadence as a hideous and defacing stain. My entire collaborative work depends on whether I am able to write in a manner that can be translated without pain or difficulty into English. The "American mentality," which my friend pointed out to me well-meaningly as an especially dangerous cliff, makes prepares me for fewer worries. This American mentality, which ignorantly consumes so much filth, will digest just as ignorantly a pure and good idea. It is then – and this is my only concern – that even over there in the leading positions of publisher and editorial staff the spiritual and business brethren of our publishers and editorial heroes sit and practice censorship.

The "Bel canto" 5 is arranged in two volumes; one volume is of a purely historical nature, which deals with the outer history of the art of singing and of art song, its development, decline, and publications up to the present day, it will also represent the experiences and observations of the most prominent singers, collected and presented in essential formulas; the other volume is dedicated to the essence of vocality. Beginning with vocal principles, to describe the anchoring of vocalization in composition and vice versa, to give the representation of the actual "art of bel canto" as one of counterpoint in composition corresponding to its parallel manifestation in song: bel canto as an experimental stage to actual art song. Here the essence of all so-called "methods" will be worked out. It should, therefore, if somehow possible, become a complete picture and as I hope, a new picture, new above all not insofar as a "singer" or a "vocal pedagogue" is concerned, but rather as a disciple of Heinrich Schenker who is at work, and who grapples with things from another point of view, {4} namely the musical one.

I devoured Tonwille 3 immediately after receiving it; I have only postponed the Haydn sonata 6 for the coming peaceful days. Everything, every word is to be underlined. Even in the "Miscellanea" there is not a single ambiguous point. Either/or! A third one does not exist. But here much misunderstanding will begin. Perhaps, dear Master, you can declare in your clear, convincing voice at the next opportunity once again in no uncertain terms and in detail, that "democratic" is not a political but rather a cultural concept. (I know from myself that one must first attain clarity about such things). You thereby knock from the hand of opponents not a dangerous but an unpleasant and debilitating weapon. – I would like to speak about so many things with you, things that may not be written. Let us hope that destiny will one day take a turn for the better. Politically-speaking everything is so hopeless, because it is all just politics and nothing else. Years will still go by, dreadful years for Germany, until the most damned "citizen" and "worker" vanishes and the "German" becomes a docile tool for a larger man and leader. How long will the current "resolve" last? asks the ever nurtured, unconquerable mistrust. Already Mr. Wirth puts on his top hat again and waits for Cuno's collapse. Then again it will be negotiations, betrayal, bartering away - - - -


With the most cordial greetings
to you and your dear, revered wife,
– also from my wife
Your thankful devotee,
[signed:] Walter Dahms

© Translation John Koslovsky, 2011


Neue Adresse: Rom [—] 9. II. 23.
via Sardegna 79


Lieber verehrter Meister! 1

Herzlichen Dank für Ihren gütigen Brief, 2 der mich im grössten Trubel erreichte. Ich habe nach langem Warten und endlosem Bohren endlich Einlass in das Haus der deutschen Gemeinde gefunden. Die italienischen Mieten waren einfach nicht mehr aufzubringen und jetzt drohten neue unerträgliche Erhöhungen. Wir zahlten für 2 kleine schlechte, ungeheizte und zum Arbeiten unbrauchbare Zimmer im Monat 400 Lire und wohnten dabei noch so abseits, dass wir über 100 Lire für die Tram im Monat bezahlen mussten. Das war nicht mehr durchzuhalten; es ging um unsere Existenz. Nun spiele ich seit November in der neuen evangelischen deutschen Kirche sonntags Orgel und auf Grund dieser „Beziehungen“ habe ich für[corr] uns in dem Haus der Gemeinde ein Bodenzimmer mit zufällig vorhandenen Möbelstücken bekommen, das etwa 60 bis 80 Lire im Monat kosten soll. Damit sind wir sozusagen gerettet. Aber es ist heute nichts umsonst: meine Frau fühlte sich in der ganzen letzten Zeit nicht mehr wohl, war aber trotzdem tätig und ihr Zustand verschlimmerte sich so, dass sie eine kleine, ihr schon längst angeratene Operation machen lassen musste. In denselben Tagen zog ich um — wir müssen aber noch provisorisch, ehe wir in unseren olÿmpischen Raum hineinkönnen, in einem Vorsaal logieren. Erst Mitte nächsten Woche sind wir in Ruhe. Meiner Frau geht es sehr viel besser, sie fühlt sich nur ausserordentlich geschwächt. Sehr liebe Menschen sorgen rührend für ihre Aufpäppelung, die Fürstin Bülow namentlich (meine Frau erledigt dem Fürsten die Privatkorrespondenz) und andere Freunde. So sind wir gut versorgt und hoffen nun auf ein gutes Durchhalten unter günstigeren Verhältnissen.

{2} An Herzzka habe ich, Ihrem Rat folgend, einen Prospekt geschickt und es in dem Begleitbrief an entsprechenden Worten nicht fehlen lassen, die ihm den Entschluss erleichtern werden. Aber, lieber Meister, den Gedanken, dass Sie selbst unter Opfern zeichnen wollen möchten , muss ich Ihnen mit innigsten Dank aber ganz energisch ausreden. Ich will Ihnen gleich erklären, dass ich Ihre Zeichnung rundweg ablehnen würde. Das wäre ja noch schöner! So etwas ist nur für Kriegsgewinnler und Revolutionschieber, kurz für „Demokraten“, die sich allerdings, sollte einer von ihnen das Buch wirklich lesen, nicht gerade geschmeichelt fühlen werden. Wenn Sie, zufällig und beiläufig, von jemandem hören, der bereit und fähig ist, zu subskribieren, so wäre dieser Hinweis das einzige, was ich in dieser Angelegenheit von Ihnen mit herzlichem Dank, annehmen würde. — Die Werbung beginnt jetzt erst; ich taste mich Schritt für Schritt von Adresse zu Adresse. Der erste Zeichner war Ibach in Barmen, der ohne Zögern in nobelster Form, wie er schrieb, : „mit Freuden seine Pflicht erfülle“. — Jetzt schwimmen Prospekte nach Amerika etc. — Übrigens: in Amerika ist zurzeit ein Freund von mir, Dr. Penzoldt, 3 der seine Gattin, die Sängerin Sigrid Onegin, 4 dorthin begleitet hat. Er I interessiert sich so sehr für meine Sachen, dass er alle Hebel (soweit es ihm seine Lage als Deutscher und um nicht als „Bettler“ angesehen zu werden ) erlaubt) in Bewegung setzt. Er hat mich mit einem Herrn Sonnek, der Herausgeber einer Vierteljahreszeitschrift für Musik in New York ist, in Verbindung gebracht. Herr Sonnek hat mich zur Mitarbeit aufgefordert und ich werde zunächst einen längeren Aufsatz für seine Zeitschrift zu schreiben versuchen. Darin nun werde ich auch auf Ihr Werk zu sprechen kommen, {3} damit die Amerikaner, die ja in der Hauptsache nur von einer europäischen Dekadenz ohnegleichen hören, auch erfahren, dass inzwischen ganz andere Werk Kräfte am Werk sind, diese Dekadenz als einen hässlichen und entstallenden Schmutzfleck auszulöschen. Es hängt aber meine ganze Mitarbeiterschaft davon ab, ob es mir gelingt, stilistisch so zu schreiben, dass es ohne Mühe u. Schwierigkeit ins Englische übersetzt werden kann. Die „amerikanische Mentalität,“ auf die mich mein Freund wohlmeinend als besonders gefährliche Klippe aufmerksam machte, macht bereitet mir weniger Sorgen. Diese amerikanische Mentalität, die so viel Unrat ahnungslos verschluckt, wird auch ebenso ahnungslos einen reinen und guten Gedanken verdauen. Es sei denn — und das ist mein einziges Bedenken — dass auch drüben an den leitenden Stellen in Verlag u. Redaktion die Geistes- u. Geschäfts-Brüder unserer Verlags- und Redaktions-Heroen sitzen und Zensur üben.

Der „Belcanto“ 5 ist auf zwei Bände disponiert; ein Band soll rein historischer Art sein, die äussere Geschichte der Gesangskunst und des Kunstgesanges, Entwicklung, Verfall, Erscheinungen bis in unsere Tage behandeln, soll auch die Erfahrungen und Beobachtungen der hervorragenden Sänger, gesammelt und auf wesentliche Formeln gebracht, darstellen; der andere Band soll dem Wesen des Vokalen gewidmet sein. Ausgehend vom vokalen Prinzip die Verankerung des Gesanglichen im Kompositorischen u. umgekehrt beschreiben, die Darstellung der eigentlichen „Kunst des Belcanto“ als[corr] eine dem Kontrapunkt in der Komposition entsprechende Parallelerscheinung im Gesang, geben: der Belcanto eine Versuchsbühne zum eigentlichen Kunstgesang. Hierin soll der Extrakt aller sogenannten „Methoden“ verarbeitet werden. Es soll also, wenn irgend möglich, ein Gesamtbild werden und wie ich hoffe, ein neues Bild, neu vor allem insofern, als nicht ein „Sänger“ oder „Gesangspädagoge,“ sondern ein Jünger Heinrich Schenkers am Werk ist, der die Dinge von der anderen Seite, {4} der musikalischen nämlich, anpackt.

Tonwille III habe ich sofort nach Erhalt verschlungen; nur die Haydn-Sonate 6 habe ich mir auf die kommenden ruhigeren Tage verschoben. Alles, jedes Wort ist zu unterschreiben. Auch in „Vermischtes“ ist nicht ein zweideutiger Punkt. Entweder/Oder! Ein Drittes gibt es nicht. Aber hier wird viel Missverstehen einsetzen. Vielleicht, lieber Meister, können Sie in Ihrer klaren, überzeugenden Sprache doch bei nächster Gelegenheit noch einmal klipp u. klar, ausführlich feststellen, dass „demokratisch“ kein politischer sondern ein kultureller Begriff ist. (Ich weiss von mir selber, dass man darüber erst Klarheit gewinnen muss). Sie schlagen damit Gegnern eine nicht gefährliche aber unangenehme und hemmende Waffe aus der Hand. — Ich möchte so viel mit Ihnen besprechen, was sich nicht schreiben lässt. Hoffentlich wendet sich das Schicksal doch einmal zum Besseren. Politisch ist alles so trostlos, weil es eben nur Politik ist und nicht mehr. Jahre werden noch vergehen, furchtbaren Jahre für Deutschland, bis[corr] der verdammste „Bürger“ und „Arbeiter“ verschwindet und der „Deutsche“ ein gefügiges Handwerkszeug für einen grossen Mann u. Führer wird. Wie lange wird die heutige „Entschlossenheit“ dauern? so fragt das ständig genährte, unüberwindliche Misstrauen. Schon setzt sich Herr Wirth wieder den Zÿlinder auf und wartet auf Cunos Sturz. Dann wird wieder verhandelt, verraten, verschachert - - - -


Mit den herzlichsten Grüssen
für Sie und Ihre liebe verehrte Gattin
– auch von meiner Frau
Ihr dankbar ergebener
[signed:] Walter Dahms

© Transcription John Koslovsky, 2011


New address: Rome [—] February 9, 1923
via Sardegna 79


Dear revered Master, 1

Many thanks for your kind letter, 2 which reached me at a moment of great turbulence. After a period of long waiting and endless probing I have finally found admittance to the German community home. The Italian rental prices were simply no longer manageable and now new unbearable increases are looming. We paid 400 lire for two small, shoddy, and unheated rooms (unusable for work), and we lived so far away that we had to pay over 100 lire for the tram each month. It was no longer bearable, and had to do with our very livelihood. Since November, I have been playing organ on Sundays in the new evangelical German church, and because of these "connections" I have obtained for us in the community home a furnished attic room, which should cost between 60 and 80 lire per month. For this reason we are saved, so to speak. But today nothing comes free: my wife has not felt well recently, and despite being active her condition worsened such that she had to undergo a small operation, which had already been advised to her for a long time. In those same days I moved – we have to lodge provisionally in an entrance hall before we are able to move into our Olympic room. By the middle of next week we will be at peace. My wife is doing much better, she just feels extraordinarily weak. There are some very nice people who are caring for her recovery, namely Princess Bülow (my wife handles the private correspondence of the Prince) and other friends. So we are well taken care of and hope now for prosperity under advantageous connections.

{2} Following your advice I sent a prospectus to Hertzka, and with the appropriate words in the accompanying letter it was not left out that for him the decision will be made easier. But, dear Master, for the thought that you yourself would like to subscribe at a cost, I have to express to you my deepest thanks most energetically. I want to declare to you right away that I would flatly decline your subscription. That would be even better! Such a thing is only for war profiteers and profiteers of revolution, in short for "democrats," who especially will not feel flattered, should any of them actually read the book. If you casually and incidentally happen to hear from someone who is ready and able to subscribe, your advice in this case would be the only thing that I would accept from you with sincere thanks. – The promotion now begins; I feel my way through step by step and from one address to the next. The first subscriber was Ibach in Barmen, who without hesitation in the most noble form wrote: "with pleasure [I] fulfill his obligation." – Now prospectuses are swimming to America, etc. – By the way: in America there is now a friend of mine, Dr. Penzoldt, 3 who accompanied his wife there, the singer Sigrid Onegin. 4 He is so interested in my affairs that he has set all the wheels in motion to help me (in so far as his position as a German and not as a "beggar" allows him). He has put me in contact with a certain Mr. Sonneck, who is the editor of a Musical Quarterly in New York. Mr. Sonneck has invited me to work with him and I will first try to write a longer essay for his journal. In it I will also come to speak about your work, {3} so that the Americans, who for the most part hear only of European decadence, also experience that in the meantime whole other work powers are at work to wipe out this decadence as a hideous and defacing stain. My entire collaborative work depends on whether I am able to write in a manner that can be translated without pain or difficulty into English. The "American mentality," which my friend pointed out to me well-meaningly as an especially dangerous cliff, makes prepares me for fewer worries. This American mentality, which ignorantly consumes so much filth, will digest just as ignorantly a pure and good idea. It is then – and this is my only concern – that even over there in the leading positions of publisher and editorial staff the spiritual and business brethren of our publishers and editorial heroes sit and practice censorship.

The "Bel canto" 5 is arranged in two volumes; one volume is of a purely historical nature, which deals with the outer history of the art of singing and of art song, its development, decline, and publications up to the present day, it will also represent the experiences and observations of the most prominent singers, collected and presented in essential formulas; the other volume is dedicated to the essence of vocality. Beginning with vocal principles, to describe the anchoring of vocalization in composition and vice versa, to give the representation of the actual "art of bel canto" as one of counterpoint in composition corresponding to its parallel manifestation in song: bel canto as an experimental stage to actual art song. Here the essence of all so-called "methods" will be worked out. It should, therefore, if somehow possible, become a complete picture and as I hope, a new picture, new above all not insofar as a "singer" or a "vocal pedagogue" is concerned, but rather as a disciple of Heinrich Schenker who is at work, and who grapples with things from another point of view, {4} namely the musical one.

I devoured Tonwille 3 immediately after receiving it; I have only postponed the Haydn sonata 6 for the coming peaceful days. Everything, every word is to be underlined. Even in the "Miscellanea" there is not a single ambiguous point. Either/or! A third one does not exist. But here much misunderstanding will begin. Perhaps, dear Master, you can declare in your clear, convincing voice at the next opportunity once again in no uncertain terms and in detail, that "democratic" is not a political but rather a cultural concept. (I know from myself that one must first attain clarity about such things). You thereby knock from the hand of opponents not a dangerous but an unpleasant and debilitating weapon. – I would like to speak about so many things with you, things that may not be written. Let us hope that destiny will one day take a turn for the better. Politically-speaking everything is so hopeless, because it is all just politics and nothing else. Years will still go by, dreadful years for Germany, until the most damned "citizen" and "worker" vanishes and the "German" becomes a docile tool for a larger man and leader. How long will the current "resolve" last? asks the ever nurtured, unconquerable mistrust. Already Mr. Wirth puts on his top hat again and waits for Cuno's collapse. Then again it will be negotiations, betrayal, bartering away - - - -


With the most cordial greetings
to you and your dear, revered wife,
– also from my wife
Your thankful devotee,
[signed:] Walter Dahms

© Translation John Koslovsky, 2011

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 3/4, pp. 2494-2495, February 12, 1923: "Von Dahms (Br.): meldet Uebersiedlung, habe einen Prospekt an die U.-E. geschickt; billigt das Vermischte u. begreift endlich, daß ich den Kampf gegen die Demokratie weniger im politischen als im künstlerischen Sinne meine." ("From Dahms (letter): reports move, has sent a prospectus to UE; approves of the "Miscellanea" and finally understands that I mean the fight against democracy less in a political than in an artistic sense.").

2 This letter is not known to survive, but its writing is recorded in Schenker's diary at OJ 3/4, p. 2493, February 2, 1923: "An Dahms (Br.): über seine Luxusausgabe u. die üble Lage, in der ich mich befinde; hoffe doch, etwas auszurichten." ("To Dahms (letter): about his luxury edition and the bad situation in which I find myself; certainly hope to change something."). Reference is to the de luxe edition of his book, Musik des Südens (Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1923), of which only 100 copies were made.

3 Fritz Penzoldt (1888‒1959) was the husband of Sigrid Onégin and the author of numerous books, including the biography Sigrid Onégin (Magdeburg, K.J. Sander, 1939), which was later republished as Alt-Rhapsodie: Sigrid Onégin, Leben und Werk (Neustadt an der Aisch: Degener, 1953).

4 Sigrid Onégin (1889‒1943, née Lilly Hoffmann) was a renowned German contralto active between 1911 and 1938. Between 1922 and 1924 Onégin was on the roster at the New York Metropolitan Opera (Baker's/1994).

5 Dahms intended to write a book on bel canto following the publication of Musik des Südens, but the book never came to fruition and no manuscript is known to exist.

6 Schenker, "Haydn: Sonate Es-Dur," Tonwille 3, 3‒21; Eng. transl., pp. 99‒117.

Commentary

Format
4p letter, two sheets recto-verso, holograph message and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)-- Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Walter Dahms, published here with kind permission.
License
Permission to publish granted by principal heir, Dahms's grand daughter, Cristina Texeio Coelho, August 12, 2009. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2011-12-15
Last updated: 2011-12-15