22. XI. 21
Roma I
Via dell’ Umiltà No 33I
presso Fumagalli


Lieber verehrter Meister!

Obige 1 Adresse bleibt nun für’s erste meine neue Heimat in der Fremde. Hier ist dieselbe Not in Bezug auf Wohnungen wie überall und wir sind froh, zwei einfache möblierte Zimmer im Zentrum der Stadt gefunden zu haben. Gestern habe ich auch für schweres Mietgeld einen Stutzflügel bekommen: die Arbeit kann beginnen.

Wir leben in einer neuen fremden Welt und doch wiederum in einer Umgebung, die, ich möchte sagen, das internationale Gesicht der „modernen“ Welt ist. Das alte Rom, die Andacht vor einer gewaltigen historischen Erinnerung – das nun man suchen und findet es nur in glücklichen, seltenen Stunden. Das scheussliche Gesicht der Zivilisation, das Mechanismus und Materialismus entstellt auch Rom. Die Stadt, von der die Künstler noch um die Jahrhundertwende, garnicht zu reden von den 60er und 70er Jahren schwärmen durften – diese Stadt, die ewige, stille Stadt existiert nicht mehr. Wir Spätgeborenen haben bei allem Schönen und Erhabenen des Nachsehen und wir dürfen uns schon überglücklich schätzen, wenn wir irgendwo noch einen kümmerlichen Rest von Schönheit, etwas, an dem sich unser Drang nach Liebe und Verehrung erfreuen darf, erhaschen. Der Kaufmann hat hier wie überall gesiegt. Während der Papst, als Sÿmbol einer grossen ethischen und künstlerisch-kulturellen Idee, gefangen im Vatican sitzt, beherrscht jeder lumpige Börsenjobber die Welt. Wann endlich wird man noch die letzten Künstler und Denker in Ketten legen?

[one or more pages missing] {2} Spleen von mir hielt und man in den Berliner Musikkritiker Kreisen allgemein mich für vollständig verloren, verblödst in der „Schwärmerei für die Klassiker“ hielt erachtete , — dieser Berliner Journalist also meinte in diesem Jahr: „Ja, ich habe schon verschiedentlich von der Sache gehört und will mich doch auch mal „etwas“ damit befassen, um zu sehen, was eigentlich daran ist“. Ich konnte diesem köstlichen Mann nur Glück, Erfolg und ein dickes Fall wünschen.

Jedenfalls aber schenkert es unheimlich, wenn auch vorläufig noch Schreker und Busoni die Erzieher der neuen Generation zu sein scheinen. Ich kann von hier aus in aller Gemütsruhe eine Bombe nach der anderen hineinfeuern. Zurzeit lese ich die Korrekturen meines neuen Buches, das noch vor Weihnachten erscheinen sollte und Ihnen dann sogleich zugeht. Damit hoffe ich der guten Sache einen kleinen Dienst zu leisten, der durch Ihren Beifall reich belohnt sein würde.

Wenn Sie gelegentlich einmal Zeit finden, so schreiben Sie mir bitte ein paar Worte. Ich freue mich sehr darauf.

Mit den herzlichsten Grüssen, an Sie, lieber Meister, und Ihre verehrte Frau Gemahlin, – auch von meiner Frau, die überaus tapfer durchhält und mitkämpft —


Ihr dankbarer
[signed:] Walter Dahms

© Transcription John Koslovsky, 2011


November 22, 1921
Rome I
Via dell’ Umiltà No 33I
presso Fumagalli


Dear revered Master,

The 1 above address remains for the time being for my new home in a foreign land. Here it is the same shortage of housing as everywhere, and we are happy to have found two simple furnished rooms in the center of the city. Yesterday I obtained a baby grand piano for a heavy rental price: work can now begin.

We live in a foreign world and then again in an environment where, I must say, the face of the "modern" world is. The old Rome, the devotion to a powerful historical awareness – this one searches for and finds only in happy, scarce hours. The hideous face of civilization, the mechanism of materialism scars even Rome. The city, about which the artists around the turn of the century (not even to speak of the 60s and 70s) could still go into raptures – this city, the eternal, tranquil city, exists no more. Those of us born too late have all the beauty and sublimity of retrospect, and we should consider ourselves overjoyed when we catch the tiniest residue of beauty, something to which our impulse for love and reverence may gladden us. The businessman has triumphed here, as everywhere. While the Pope, as the symbol of a large ethical and artistic-cultural idea, sits trapped in the Vatican, every measly stock market worker controls the world. When will they finally capture the last artist and thinker?

[one or more pages missing] {2} the crazy thing seems to me, and someone in the Berlin music-critic circle considers me generally as completely forgotten, stultified in "enthusiasm for the classics"—this Berlin journalist said this year: "Yes, I have already heard on various occasions about the case and also want to do 'something' about it, in order to see what is actually there." I could wish this delectable man only happiness, success and a heavy fall.

In any case it presents itself as weird, if even temporarily, to see Schreker and Busoni as the educators of the new generation. I'd like coolly to fire off a bomb from here at the others. At present I am reading the proofs of my new book, which should appear before Christmas and that I will send to you immediately. In this way I hope to make a small contribution to the good cause, which through your approval would give me rich reward.

When you have a little time, please write a few words me. I look forward to it keenly.

With the most cordial greetings to you, dear master, and to your revered wife – also from my wife, who bravely holds steady and joins the battle —


Your thankful
[signed:] Walter Dahms

© Translation John Koslovsky, 2011


22. XI. 21
Roma I
Via dell’ Umiltà No 33I
presso Fumagalli


Lieber verehrter Meister!

Obige 1 Adresse bleibt nun für’s erste meine neue Heimat in der Fremde. Hier ist dieselbe Not in Bezug auf Wohnungen wie überall und wir sind froh, zwei einfache möblierte Zimmer im Zentrum der Stadt gefunden zu haben. Gestern habe ich auch für schweres Mietgeld einen Stutzflügel bekommen: die Arbeit kann beginnen.

Wir leben in einer neuen fremden Welt und doch wiederum in einer Umgebung, die, ich möchte sagen, das internationale Gesicht der „modernen“ Welt ist. Das alte Rom, die Andacht vor einer gewaltigen historischen Erinnerung – das nun man suchen und findet es nur in glücklichen, seltenen Stunden. Das scheussliche Gesicht der Zivilisation, das Mechanismus und Materialismus entstellt auch Rom. Die Stadt, von der die Künstler noch um die Jahrhundertwende, garnicht zu reden von den 60er und 70er Jahren schwärmen durften – diese Stadt, die ewige, stille Stadt existiert nicht mehr. Wir Spätgeborenen haben bei allem Schönen und Erhabenen des Nachsehen und wir dürfen uns schon überglücklich schätzen, wenn wir irgendwo noch einen kümmerlichen Rest von Schönheit, etwas, an dem sich unser Drang nach Liebe und Verehrung erfreuen darf, erhaschen. Der Kaufmann hat hier wie überall gesiegt. Während der Papst, als Sÿmbol einer grossen ethischen und künstlerisch-kulturellen Idee, gefangen im Vatican sitzt, beherrscht jeder lumpige Börsenjobber die Welt. Wann endlich wird man noch die letzten Künstler und Denker in Ketten legen?

[one or more pages missing] {2} Spleen von mir hielt und man in den Berliner Musikkritiker Kreisen allgemein mich für vollständig verloren, verblödst in der „Schwärmerei für die Klassiker“ hielt erachtete , — dieser Berliner Journalist also meinte in diesem Jahr: „Ja, ich habe schon verschiedentlich von der Sache gehört und will mich doch auch mal „etwas“ damit befassen, um zu sehen, was eigentlich daran ist“. Ich konnte diesem köstlichen Mann nur Glück, Erfolg und ein dickes Fall wünschen.

Jedenfalls aber schenkert es unheimlich, wenn auch vorläufig noch Schreker und Busoni die Erzieher der neuen Generation zu sein scheinen. Ich kann von hier aus in aller Gemütsruhe eine Bombe nach der anderen hineinfeuern. Zurzeit lese ich die Korrekturen meines neuen Buches, das noch vor Weihnachten erscheinen sollte und Ihnen dann sogleich zugeht. Damit hoffe ich der guten Sache einen kleinen Dienst zu leisten, der durch Ihren Beifall reich belohnt sein würde.

Wenn Sie gelegentlich einmal Zeit finden, so schreiben Sie mir bitte ein paar Worte. Ich freue mich sehr darauf.

Mit den herzlichsten Grüssen, an Sie, lieber Meister, und Ihre verehrte Frau Gemahlin, – auch von meiner Frau, die überaus tapfer durchhält und mitkämpft —


Ihr dankbarer
[signed:] Walter Dahms

© Transcription John Koslovsky, 2011


November 22, 1921
Rome I
Via dell’ Umiltà No 33I
presso Fumagalli


Dear revered Master,

The 1 above address remains for the time being for my new home in a foreign land. Here it is the same shortage of housing as everywhere, and we are happy to have found two simple furnished rooms in the center of the city. Yesterday I obtained a baby grand piano for a heavy rental price: work can now begin.

We live in a foreign world and then again in an environment where, I must say, the face of the "modern" world is. The old Rome, the devotion to a powerful historical awareness – this one searches for and finds only in happy, scarce hours. The hideous face of civilization, the mechanism of materialism scars even Rome. The city, about which the artists around the turn of the century (not even to speak of the 60s and 70s) could still go into raptures – this city, the eternal, tranquil city, exists no more. Those of us born too late have all the beauty and sublimity of retrospect, and we should consider ourselves overjoyed when we catch the tiniest residue of beauty, something to which our impulse for love and reverence may gladden us. The businessman has triumphed here, as everywhere. While the Pope, as the symbol of a large ethical and artistic-cultural idea, sits trapped in the Vatican, every measly stock market worker controls the world. When will they finally capture the last artist and thinker?

[one or more pages missing] {2} the crazy thing seems to me, and someone in the Berlin music-critic circle considers me generally as completely forgotten, stultified in "enthusiasm for the classics"—this Berlin journalist said this year: "Yes, I have already heard on various occasions about the case and also want to do 'something' about it, in order to see what is actually there." I could wish this delectable man only happiness, success and a heavy fall.

In any case it presents itself as weird, if even temporarily, to see Schreker and Busoni as the educators of the new generation. I'd like coolly to fire off a bomb from here at the others. At present I am reading the proofs of my new book, which should appear before Christmas and that I will send to you immediately. In this way I hope to make a small contribution to the good cause, which through your approval would give me rich reward.

When you have a little time, please write a few words me. I look forward to it keenly.

With the most cordial greetings to you, dear master, and to your revered wife – also from my wife, who bravely holds steady and joins the battle —


Your thankful
[signed:] Walter Dahms

© Translation John Koslovsky, 2011

Footnotes

1 Receipt of this letter is recorded in Schenker's diary at OJ 3/3, p. 2403, November 23, 1921: " Von Dahms (Br.): über Rom, Berlin; Leipziger Musikzeitung gibt ihm den Aufsatz über den Tonwillen zurück." ("From Dahms (letter): about Rome, Berlin; the Leipziger Musikzeitung returns his article about Der Tonwille."). This entry proves that the middle section of the letter is missing and indicates some of the latter's contents.

Commentary

Format
letter of unknown length, 2 central pages surviving, holograph salutation, message, and signature
Provenance
Schenker, Heinrich (document date-1935)-- Schenker, Jeanette (1935-c.1942)--Ratz, Erwin (c.1942-c.1955)--Jonas, Oswald (c.1955-1978)--University of California, Riverside (1978--)
Rights Holder
Heirs of Walter Dahms, published here with kind permission.
License
Permission to publish granted by principal heir, Dahms's grand daughter, Cristina Texeio Coelho, August 12, 2009. Any claim to intellectual rights on this document should be addressed to the Schenker Correspondence Project, Faculty of Music, University of Cambridge, at schenkercorrespondence [at] mus (dot) cam (dot) ac (dot) uk.

Digital version created: 2011-05-23
Last updated: 2011-05-23